das Mädchen zwei dampfende, ländliche Abendessen aus Braten und Klötzen, ich zündete die Lichter am Baum an und als sie hell und strahlend brannten, knipste ich das Licht aus. Ich lieh Fräulein o. Wild sagen, sie möchte gerade noch auf einen Augenblick herüber kommen und meinen Glühwein versuchen

Als sie ins Zimmer trat, stand sie einen Augenblick völlig verwundert und in den Anblick des strahlenden Christbaums versunken.

Darf ich Ihnen nun wünschen, daß Ihnen dieser vertauschte Weih­nachtsabend hier gefallen wird?" sagte ich

Sie dankte etwas mühsam und zaghaft, ich bat sie, am Tisch Platz zu nehmen und dann verzehrten wir gemeinsam das ländliche Mahl. Ich füllte öfter die Gläser, und Fräulein v. Wild sagte einmal lachend, so hungrig sei sie selten gewesen und auch nicht so durstig Dann ver­suchten wir den Lebkuchen und schauten den brennenden Lichtern am Baum zu, und plötzlich erklang unter uns vielstimmig und fröhlich das Weihnachtslied. Ich sah, wie ihr Gesicht jetzt froh und still und der ange­spannte Ausdruck darin sanft und erfüllt wurde.

Draußen tobte und rüttelte der Wind ums Haus, wir schwiegen, weil wir noch fremd waren und ich füllte wieder die Gläser, wir tranken den heißen, würzigen Trank und dann erloschen die ersten Kerzen am Baum, ich nannte die junge Frau an meinem Tisch in Gedanken ntit lieben und schönen Namen, wir sahen schweigend zu, wie ein Licht nach dem anderen erlosch, wir fühlten, wie unser Schweigen beschwingter wurde, und plötzlich war das letzte Licht am Baum erloschen und im Zimmer Dunkel und Stille.

Wir mußten uns gleichzeitig erhoben haben, denn wir trafen im Dunkeln einander, und nun wußten wir in der Tiefe des dunklen, weih­nachtlichen Raumes keinen Namen mehr und kein Gesicht, wir standen voreinander und sahen uns nicht und waren doch im Licht jener stem- den, verwirrenden Helle, die uns in Dual und Süßigkeit bannte, in trunkene Nähe und zauberische Stille.

Parademarsch im Feldspital.

Eine weihnachtliche Geschichte von Heinrich Zillich.

An jedem Morgen öffnete der Wärter die Holzladen vor den Schei­ben des Feldepidemiespitals in Bielgereuth. Das Licht fiel aus dem Dezembertag blendend auf die Bettreihen, aus denen oft des Nachts ein Leichnam gehoben wurde beim Schein der Kerzen. Durch die Flure hämmerten dann hallend die Stiefel der Träger.

Lutz sah die Fieberkurve über dem Bett täglich um einige Zacken steigen oder sinken. Abends, wenn der heiße Tee hereingetragen wurde, pfiff ein Tiroler ein Lied. Mit taumelnden Lauten fielen die Kranken ein. Wild schwemmte Gesang von Stube zu Stube, erstarb jäh, weil die Schwestern zischten'»und die Schwächsten ausstöhnten. Heimlich rauchten die Genesenden nach dem Essen eine Zigarette unter der Decke.

Lutz nahm Block und Bleistift und bat gehorsamst Oberleutnant Lit- schel, der im Borkvlnpaß lag, ihm einen Regimentsbefehl zu erwirken, der ihn nach Steyr beordere. Er sei genesen. Dabei atmete er wild. Die Fieberkurve war nicht abgesunken.

Zwei Tage vor Weihnachten sagte der Arzt:Ein Meldereiter von den Vierer Jägern ist mit einem Befehl für dich eingetroffen."

Wo ist er?" schrie Lutz.

Der Arzt winkte mit dem Hörrohr ab:Wir sollen dich in die Offi­ziersschule schicken, wenn du gesund bist. Na, daran ist nicht zu denken."

Lutz fiel zurück. Seinetwegen ein Meldereiter aus dem Borkolapaß! Er lachte hinter dem Arzt her, erhob sich und versuchte zu gehen, tappte durch alle Stuben, und in der letzten hörte er Hammerschläge vom Flur. Da sargten sie einen Toten ein.

Er ging bis ins Zimmer der Schwester Rombach. Schwäche kroch ihm über den Rücken durch den Hals in die Augen hinauf. Ganz dumm wurde er vor Hilflosigkeit.Meine Uniform!" bat er. Die Gräfin um­faßte ihn und setzte ihn auf das Betb Dann brachte sie die Uniform. Er zog das graue Zeug an. Es war zerknittert vorn Entlaufungsdarnpf. Ratten hatten es irn Speicher angefreffen. Steif falteten sich die Schuhe. Ohne die Frau zu , beachten, legte er sich auf ihr Bett und träumte. Ihn quälte ein Bild unsinnig und unerfüllbar; einen Chriftbaum wollte er sehen wie im Vorjahr zu Hause.

Gegen Abend kam der Arzt in die Krankenstube. Lutz stand steif am Bett und meldete sich gesund. Der Arzt lachte nicht. In seinem Blick zuckte ein Fünkchen des Verstehens und verebbte wieder.Wenn du mir einen richtigen Parademarsch vorzeigst, kannst du meinetwegen zu Weihnachen in Steyr sein." Da marschierte Lutz los, zwischen den sech­zehn Betten, schlug die Füße auf den Boden und taumelte. Er zog die Zehen nach dem verfluchten österreichischenMarsch eins zwei* über den geölten Boden, hob den Fuß und schlug ihn wie eine Keule auf. Es krachte nicht. Es dröhnte nicht. Die Kranken sahen zu. Er mar­schierte und machte Kehrt, Tränen im Auge, marschierte aufs Fenster los, durch das der beschneite Monte dornet leuchtete.

Der Arzt schickte ihn zu Bett und setzte stockend mit gesenktem Gesicht hinzu, morgen müße der Marsch besser ausfallen, dann wolle er sich die Sache überlegen. Nachts erhob sich Lutz und probte. Es war finster in der Stube. Seine nackten Sohlen klatschten auf den Boden. Die Türe öffnete sich. Eine Hand faßte ihn an der Schulter und führte ihn hinaus Über den Flur in ein dunkles Zimmer. Arm« lagen um feinen Nacken. Er sank, er lag im Bette einer Frau, zum erstenmal.

Der Arzt war nicht zufrieden, am Morgen nicht, am Abend nicht. Lutz schwieg. Der Parademarsch mußte gelingen! Oh, er hatte eine Nacht hinter sich, die wie ein Schleier seinen Sinn noch immer umfing. Durch alle Adern schienen heiße Perlen zu fließen, winzige Schiffe voll Kraft. Mein (Bott, wie ist eine Frau merkwürdig und unheimlichl Was hatte

khm die fange Fron zugestüsterN Daß sie Heimweh habe, daß er sie fest umfassen solle, damit sie in Siebenbürgen sei in seinen Armen. Er hatte das Licht anzünden wollen, sie war rascher gewesen:Nein, kein Licht!" Dann hatten sie still gelegen und das ferne Grummeln der Geschütze vernommen.

In der Frühe des Ehristtags stand Lutz wieder an seinem Bett, sogar den Mantel hatte er angezogen. Die Sonne war eben im Aufgehen. Die Kranken und Verwundeten sprachen miteinander. Der Arzt ging diesmal nicht von Bett zu Bett. Er trat gleich zu Lutz:Da ist dein Befehl!" Lutz faßte ein Papier. Der Arzt setzte fort:Es ist Weihnachten!" Seine Stimme war so einfach, als käme sie nicht aus einer Kehle, um die ein Kragen mit Sternen lag. Vielleicht hatte er noch etwas Angst um den Einjährigen, denn er sagte:Du mußt mit einem Auto nach Ealiano fahren. Erkundige dich bet den Lastfahrern!"

Lutz reichte den Kranken die Hand. Den Sack mit seinen Habselig­keiten, Briefen und Wäsche, unter dem Arm trat er auf den Flur, wo die Gräfin stand, leise lachte und weinte. Eine Tür knallte. Er schritt in die Wintersttaße, deren starke Luft ihn fast umblies. Noch einmal sah er zurück und las über dem Eingang des Hauses:Feldspital Viel­gereuth . Dann erblickte er in der Tiefe das Etschtal. Dort unten mußte er noch heute sein, am Bahnhof Ealiano. Er fragte bei den Lastfahrern an, ob einer zu Tal fahre.Heute ist Rasttag!" antwortete ein Feldwebel. Lutz ging wieder am Feldspital vorbei und blickte in die Fenster nicht hinein.

Er wanderte die Straße bergab. Hoch im späten Vormittag kehrten Flieger von der Front zurück. Ein italienischer Eindecker zog bald darauf nach Süden. Von den Hängen warfen ihm Abwehrgeschütze ihre Schnee­bälle nach, die im Blau jerflatterten. Schnell, wie das Schießen begon­nen hatte, war es vorbei. Lutz schritt von Kehre zu Kehre auf dem fest- gefahrenen Schnee und staunte, daß der Himmel so tief war. Nichts hörte er als das Schleifen der Drahtseilbahn, die Kisten zur Front trug. An Abstürzen schritt er entlang, sah drunten einmal die Etfch. Der Sack wurde schwer. Lutz setzte sich auf einen Prellbock. Seine Füße begannen zu tanzen. Er hielt sie mit der Hand fest

Als er sich erhob, glitt ein schwarzes Buch vor seinen Augen nieder. Er wartete, bis der Schwindel wich. Die Sonne sank. Es wurde kalt und blaudämmernd auf dem Schnee. Langsamer ging ef und fühlte sich immer mehr ermatten. Keine Trauer faßte ihn. Still war die Welt, in ihrer Stille unendlich bewegt. Von Schritt zu Schritt schien sie sich zu ändern. Der Himmel wurde lastend und sackte bis zu ihm nieder. Milchig verhüllte sich die Sicht. Weit unten blitzten Lichter auf. Das war Ealiano. Er setzte sich auf einen Stein und fühlte: nun bleibst du hier fitzen; nun kommt die Nacht und die Kälte. Er dachte noch weiter, dachte, daß hier über Ealiano fein Ende fein werde, und er freute sich matt darüber, daß er vorher ein Weib besessen hatte. Aber die Gedanken wurden müde und gleichgültig. *

Plötzlich brannte ein Schreck durch seine Adern. Er suchte, sich er­hebend, nach einem Halt. Hoch oben vom Berg fuhr etwas bellend heran. Er blickte hinauf. Viele Scheinwerfer drehten sich den Hang ab­wärts, unwahrscheinlich schnell, Kehre um Kehre. Er lief ihnen entgegen. Der Sack schlug ihm ans Knie. Dann stand er wieder und sah die glühen­den Augen sich näher und näher spiralen. Der Lärm der Autös erfüllte die ganze Nacht. Auf einmal sprangen die Häuser weiß aus dem Dunkel. Er trat zurück; der erste Wagen jagte vorbei. Lutz schrie. Da fuhr der zweite vorüber. Lutz schrie deutsch:Bleibt stehen!" Der dritte rasselte weiter. Der vierte, der fünfte. Und nun waren alle davon, leuchtend den Berg hinab. Kehre um Kehre. Lutz sah ihnen nach. Wie unabwendbar still war es um ihn geworden!

Als er das Nahen eines Gedankens spürte, der eigentlich kein Gedanke war, sondern eine Verwirrung, die Verzweiflung, da hörte er es oben am Hang wieder bellen. Ein Nachzügler kam, leuchtend und rasch. Lutz stellte sich auf die Wegmitte, und weil er nicht mehr gerade stehen konnte, beugte er sich nieder. Und dabei schrie er in ungarischer Sprache:Bleib stehen!" Er wußte nicht, was ihn ungarisch schreien hieß. Das Lastauto fuhr heran, stoppte den raschen (Bang, glitt langsam an ihm vorüber, ein Kops reckte sich aus dem Führertürmchen. Ungarisch antwortete es: Schnell!"

Lutz versuchte zu laufen und stürzte. Der Soldat hielt das Auto vollends an, half Lutz auf die Last hinauf. Kuhhäute hatte der Wagen geladen. Die lagen btutigoereift und stinkend und Lutz auf ihnen.,Ich bin krank", sagte er.

Lutz trat nach einer halben Stunde durch die Türe des Soldaten­heims in Ealiano, setzte sich an einen Tisch. Der große Raum roch nach frischem Brot und frischem Holz. Er legte den Kopf auf die Arme und schlief. Als er erwachte, hörte er eine Stimme fragen:Was ist mit dir?" Er war von der Bank gefallen. In [eine Augen fuhr strahlend das Licht eines Ehristbaumes, dessen letzte Kerze ein (Befreiter anfterfte. Lutz nahm das Brot, das man ihm reichte und trank den schwarzen Kaffee, dessen Dust aus der reinen Schale stieg. In der Kaserne hatte der gleiche Dust beruhigend über der Tagesmüdigkeit geschwebt.

Der Gefreite legte ein Liebesgabenpaket auf den Tisch. Es enthielt neben allerlei Zeug einen Taschenkalender. Lutz öffnete den Umschlag und las1. Januar 1917". Freude durchströmte ihn, daß Not und Prüfung des Jahres zu Ende gingen. Zugleich erkannte ei-, daß jede Last einmal ab fällt. Nach der knabenhaften Wirrfal der letzten Monate war dies das erste Erwachen männlicher Gelassenheit. Er schrieb, wieder in kindischem Jubel, auf das KalenderblattHoch Steyr!", aber da berührte ihn aufs neue das Besinnen. Er betrachtete die rote Schrift1. Januar 1917", fühlte, wie hinter diesem Worte ein ganzes Jahr mit Blut und Mühsal wartete, dunkel und groß, gefährlich und bewundernswert wie alles Leben. Er strich das WortSteyr" aus und ließ nur das eine stehen: Hoch,"

Derantworilich: Dr. H«nS Thyrist. Druck und (Verlag: Drühlfche Univerf itälsdruckerei R. Lange. Wietzen.