Ausgabe 
20.12.1937
 
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Christnacht.

Volksweise.

Zu Bethlehem waren einst Hirten zur Nacht, Die hüteten dort ihre Herde, Da sahn sie den Himmel in glänzender Pracht, Und Engel stiegen zur Erde.

Der himmlischen Scharen froher Gesang Bei Bethlehem aus der Flur erklang: Ehre sei Gott in der Höhei

Der Engel des Herrn zu den Hirten spricht: Der Heiland ist heute geboren!

O freuet euch, Menschen, und fürchtet euch nicht, Gott hat ihn euch selber erkoren.

Nun eilet alle nach Bethlehem hin. Zu sehen das Kind mit liebendem Sinn: Friede, Friede auf Erden!"

Zum Stalle eilten die Hirten nun, Zu sehen das göttliche Kind. Sie finden's in einer Krippe ruhn. So lieb und freundlich gesinnt.

Ihr Herze entbrennt, als das Kindlein sie sehn. Was ist doch in dieser Nacht geschehn?

Den Menschen ein Wohlgefallen!

Das Kindlein, wisset, heißt Jesus Christ, , Das hat uns gar Schönes gebracht.

Die Nacht, das liebe Weihnachtsfest ist, Das hat uns das Christkind gemacht.

O Christkind, wie bist du so himmlisch gut!

Ach, was es doch an uns Menschen tut: Es hat uns den Himmel erschlossen!

Schneegestöber im Harz.

Weihnachtserzählung von Ernst Kreuder.

Draußen war es schon fast dunkel, ich saß am Fenster und hatte kein Licht im Zimmer und sah in den flockig fallenden Schnee hinaus, aber dann wurde es wieder Heller und das Licht bekam etwas zwielichthaft Fremdes, als wäre es nicht von der Erde. Ohne daß ich das Fenster öffnete, wußte ich, daß der Schnee draußen immer lautloser siel und die Stille dichter wurde in einer wehmütigen und versunkenen Feierlichkeit.

Ich war auf einer Reise in diesem abgeschiedenen Harztal länger ge­blieben als ich beabsichtigt hatte, und nun muhte ich mich von diesem stillen Waldwinkel wieder trennen. Zuletzt war dieser Brief noch ge­kommen, ich konnte ihn nicht beiseite schieben, trenn ich war nun einmal mit Fräulein von Wild verwandt, denn mein Bruder hatte vor einem Jahr ihre Schwester Helene geheiratet. Ich hatte Josephine von Wild eines Abends bei meinem Bruder kennengelernt, und wahrscheinlich mochten wir uns vom ersten Augenblick an beide nicht. Sie war für mich eme sogenannte kühle Schönheit, klug, bestimmt, sehr entschieden, ich konnte über ihren Verstand nichts Nachteiliges feststellen, aber ihre schmalen grauen Augen und ihre klugen Reden erschienen mir kalt und unver- fnhnfirfi

Nun hatte es inzwischen in der Ehe meines Bruders einige »eine Konflikte gegeben, ich kannte meines Bruders aufbrausende 2Irt, jedoch war er nicht nachtragend und sich seiner Schwächen bewußt. Nun war schon einmal ein Brief von Fräulein v. Wild gekommen, worin sie mich um Rat für ihre Schwester bat. Ich hatte damals nicht geantwortet, denn ich wollte unparteiisch bleiben und wußte, daß mein Bruder genügend Einsicht und Versöhnlichkeit besaß. Aber nun war dieser zweite Brief da und ich muhte ihn endlich öffnen. . . ~ .. . .

Lieber Himmel, dachte ich dann, muß das wirklich !em? Fraukin v. Wild schrieb, sie sei untröstlich, daß ich nicht geantwortet hatte, denn nun sei alles noch schlimmer geworden und chre Schwester erwöge schon die Trennung. Ich sei der einzige, der Einfluß aus me-nen Bruder hätte, deshalb mühte sie mich jetzt unbedingtsprechen Um mir tede Mühe zu ersparen, würde sie mich morgen m diesem entlegenen Harz- dörschen aufsuchen, denn sie sei ohnehin aus der Re-lse einer Freun­din nach Hannover begriffen. . . _ .

Am nächsten Morgen sah ich auf meinem Spaziergang von einer Anhöhe in dem dichten Schneetreiben den Omnibus mit großer^ Ver­spätung vor dem Gasthof halten und eine große lunge Dame aussteigere

Als ich zurück kam und die Treppe hinausstreg, horte ich st« unruhig in meinem Zimmer auf- und abgehen. Die Begrüßung war freundlich und kühl. Ich bat sie, am Ofen Platz zu nehmen, denn sie sah lehr verfroren aus. Während sie die hohen Russenstiefel gegen dst

Kacheln stemmte, klopfte es, und das Mädchen aus der Küche dinchte einen Eilbrief. Er kam von meinem Bruder, uchoffnete da

schrieben nun die beiden jungen Ehegefahrten daß sie sich wl-eder ver söhnt und das Kriegsbeil so tief begraben hatten, ba& f1««?

wieder finden könnten. Und somit wünschten sie mir frohe Weih ch, Paket wäre unterwegs. , ... . . <

Wieso Weihnacht? dachte ich ahnungslos, es ist doch noch mau M weit, aber dann sah ich den Poststempel und wußte daß esletzt tetber zu spät war, um noch Geschenke zu besorgen und Bnese zu sch

Aber nun hatte Fräulein v. Wild umsonst kalte Fuße bekommen, vi

junge Ehe war wieder heil, sie hatte das nicht erwartet, und nun blieb ihr doch etwas der Atem weg. Es gab nichts mehr zu .Besprechen", der Omnibus war weg und kam erst wieder am Abend hier durch auf dem Weg zu dem zwei Stunden entfernt liegenden Bahnhof.

Ich sah, wie unangenehm es ihr war, fo lange hier warten zu müssen und schlug deshalb einen Spaziergang vor, sobald sie etwas burchgewärmt war. Ich machte Tee und gab Rum hinein, sie fühlte sich bald wieder bester, aber ich fetzte gegen ihre gewandte und bestimmte Art des Gespräches unentwegt eine ebenso bestimmte Einsilbigkeit.

Nach dem Tee gingen wir hinaus, es schneite nicht mehr und war kälter geworden, auf der Anhöhe hatten wir einen wunderbaren Aus­blick über das zugeschneite Tal. Das schmale, blasse Gesicht meiner Be­gleiterin bekam ein frisches, gesundes Rot, nach einer Stunde war sie schon stiller geworden, der tiefe, schweigende Frieden in dem verschneiten Forst mußte auch sie einnehmen, dieses unvermittelte, zugewehte Aus- der-Welt-sein lösend und verändernd auf sie einwirken.

Nach der Rückkehr beim Mittagessen in der leeren Gaststube war Fräulein v. Wild dann müde und völlig still geworden. Und da ich draußen noch einiges zu tun hatte, schlug ich ihr vor, über mein Zimmer zu verfügen und sich etwas hinzulegen. Das tat sie denn auch, und ich brachte die nächste Stunde damit zu, mir aus dem Wald mit der Er­laubnis des Försters eine schöne junge Tanne zu holen.

Dann ging ich ins Dorf hinunter und kaufte verschiedenes für den Abend ein, den ich in meinem Zimmer oerbringen wollte. Ich dachte auch einmal daran, daß die Gesellschaft Fräulein v. Wilds inzwischen sehr viel angenehmer geworden sei, ober es war ja kein Kunststück, in dieser weltverlassenen Einsamkett am Weihnachtstage von einem eleganten jungen Mädchen beeindruckt zu werden.

Nach meiner Rückkehr aus dem Dorf war es plötzlich Zeit, Fräulein v. Wild zu wecken. Sie mutzte wie ein Murmeltier geschlafen haben, ich mutzte laut klopfen, und dann sah sie ganz verschlafen und recht un­tüchtig und hilflos aus. Es war keine Zeit mehr, Tee zu trinken, der kleine Omnibus hielt schon norm Haus, «s schneite wieder, als ich sie hin­unter brachte und dann wünschte ich ihr alles Gute und frohe Festtage und war bestürzt über die stille und herzliche Art, mit der sie sich von mir verabschiedete.

Es hatte chr hier gut gefallen, konnte man spüren, der Motor brummte schon, ich warf die Tür zu, und während der klein« rote Omni­bus mühsam in dem hohen Schnee anfuhr, beugte Fräulein von Wild ihr Gesicht gegen die beschlagene Scheibe, wischte über das Glas und blickte zu mir hinaus, ich grüßte, aber sie sah mich unbeweglich an, angespannt und forschend, mb dabei war chr schmales Gesicht über dem blauen Wollschal leicht verzerrt wie von einer ungewissen Angst und einem tiefen, schmerzlichen Ernst. Ich wollte etwas rufen, aber da war das Gesicht schon im Schneetreiben verschwunden.

Nun hatte ich doch noch gehörig etwas abbekommen. Mir ging dieser Blick nicht mehr aus dem Sinn, er hatte mich getroffen und mit meiner Gelassenheit war es jetzt vorbei. Es war gut, daß ich jetzt eine Menge zu tun hatte, ich brachte die Tanne hinauf und schmückte sie mit Aepfeln und Nüssen, steckte die dünnen roten Kerzen auf, hinter den Scheiben wurde es schon dunkel, und ein kräftiger Wind heulte ums Haus, und dann mußte ich doch meinen Vorsatz brechen, es heute Abend bei Tee und Rum bewenden zu lasten.

Ich konnte mir bei einer Flasche Kognak besser meine Gedanken über ein gewisses blasses, ernstes Gesicht hinter einer beschlagenen Scheibe im Schneetteiben machen, und da mir das dünne Zeug des Wirtes nicht schmeckte, zog ich den Mantel an, um mir im Dorf etwas Kräftigeres zu holen.

Der Wind pfiff und tobte draußen, die Schneeflocken klatschten mir brennend ins Gesicht und ich fand, daß dieses wirbelnde Schneetteiben das richtige Wetter war für empfindsam« Träumer. Im Dorf brannten schon hinter den Fenstern die glitzernden Weihnachtsbäume, und bei diesem stillen, festlich schimmernden Anblick brannte auch mir das Herz, kindheitsverloren, aber dann wurde ich von einer tiefen Erregung ge­packt, als ich entdeckte, daß sich vor mir durch den wütenden Schnee- sturm jemand verzweifelt voran kämpft«, der in der ungewissen Dunkel­heit in Gestalt und Bewegungen ganz Fräulein v. Wild glich.

Als sie mir dann in dem Toben und Heulen etwas entgegen schrie, erkannte ich sie und arbeitete mich zu ihr hin, packte sie am Arm und schleppte sie mehr, als ich sie führte, über den dunklen, leeren Markt­platz in ein Haustor. Sie zitterte und fror, und dann warfen wir uns wieder gegen den Sturm, der alle Augenblicke drehte, den Kognak konnte ich mir später holen, ich hiell sie fest an den Schultern, und nach aus­dauernden Anstrengungen erreichten wir völlig erschöpft den Gaschof.

Während ein Zimmer für sie hergerichtet wurde, flößte ich ihr in meinem Zimmer, wo heißes Wasser im Ofen stand und die Rumflasche aus dem Tisch, einen ftärtenöen Trank ein. Sie l*üttelte sich, aber es erwärmte sie sofort, und dann konnte sie in dem bequemen Sessel am Kachelofen berichten, was vorgefallen war. Der Omnibus, der sie zu dem abgelegenen Bahnhof bringen sollte, war unterwegs wiederholt im Schneetteiben stecken geblieben und zuletzt wegen eines Motorschadens nicht mehr weiter gekommen. Fräulein v. Wild hatte zuerst versucht, den Bahnhof zu Fuß zu erreichen, aber dann merkte sie bald, eafj es schon SU Gät war und kehrte verzweisett um. Sie wäre beinahe von der Land­straße abgekommen, denn ttotz des Schnees war es immer dunkler ge­worden. So hatte ich sie dann im Dorf getroffen, es ging heute Abend fein Zug mehr, sie konnte erst am nächsten Morgen weiter fahren.

Sie hatte die ganze Zett den geschmückten Baum in der Ecke an- acfefwn das Zimmer war mit Tannenzweigen und Misteln geschmückt und auf dem Tisch lagen kleine Pakete. Nun wollte sie sich in ihrem Zimmer etwas ausruhen und ich sagte chr, daß ich mich sehi freuen würde wenn sie vor dem Abendessen noch einmal herüber kommen wurde.

Ich holte mir bann sogleich Rotwein und Gewürze vorn Wut, netz mir eine Art Bowlenschiistel und Gläser geben und unterrichtete bas Mädchen in der Küche wegen des Abendessens. Dann braute ich einen kräftigen Glühwein, zündete etwas Räucherwerk an, inzwischen »rächte