unvermeidlich.
Siebentes Kapitel.
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sammeln können. Dann ist in den Fütterstunden die Speisekammer leer und jede Hoffnung, sie frisch zu füllen, vergeblich. Dl« Kücken schreien am Schnabel der Mutter — doch sie kann ihnen nichts geben und verlaßt sie bald, um sich jammervoll im freien Lande hinter den Mstftatten oder am Strande aufzustellen. . .
Vielleicht mausert nur eines der Eltern, dann widmet sich der ander« Teil ganz und gar der Fürsorge für die Brut; mausern aber beide zugleich, dann besteht nicht die geringste Hoffnung, daß die Jungen am Leben bleiben. In manchen Fällen sind dies« gezwungen — wie ich es an anderer Stelle beschreib« — außerhalb des Nesis nach Futter zu suchen- aber selten nur finden sie welches. Dann ist das ttaurrg« Ende
Di« Feinde. — Möwen. — Jbiffe. — Der Gassenkehrer der Insel. — Der Polyp. — Der Haifisch. — Die Einbeinigen. — Geheimnis der Natur.
gehen. Das, was ich den „Humpelrock" nannte, verschwand vollkormnen, und statt dessen zeigte sich ein Paar ziemlich enger Hosen. Der Bauch war eingezogen, alles hing an chr, und die Flossen schienen viel weiter als gewöhnlich vom Körper abzustehen, was aber nur jo aussah, weil der Leibesumfang stark abgenommen hatte
Es siel mir auf, daß ich nie einen Pingum an feiner Mauser M- grundeaehen sah, wenngleich eine Menge schon mit einem Fuß 'm Grab zu stehen schienen. Vielleicht hält eine geheime Hoffnung, daß eines Tages all das Elend doch einmal ein End« nehmen muß, sie am Leben.
Auf dem Höhepunkt der Mauserzeit könnte man die Insel der Pinguine mit vollem Recht die Federinsel nennen. Es ist wirklich em ganz merkwürdiger Anblick, und für jeden Federbett-Großindustriellen mußte es ein wahres Augenlabsal sein. Federn bedecken ringsum den ganzen Boden und fliegen bei jedem Windhauch umher. Alle Bodensenkungen sind bald mit Federn gefüllt; ich habe mitten in Federhaufen gestanden, die über einen Viertelmeter hoch waren. Und natürlich dringen sie auch in die Nistlöcher — zum großen Abscheu der Insassen, denn ,m stZegen- saß zur Eiderente oder zur gemeinen Wildente betrachtet der Pmgmn abgeworsene Federn niemals als gutes Polstermaterial für fein Nest.
Doch Gott sei Dank nimmt alles einmal ein Ende, und so kommt nach sechs bis sieben Wochen auch der Tag, an dem die Genesung der Pingum« vollzogen ist und sie im Glanz eines völlig neuen Gefieders erstrahlen. Daß sie diesen Tag nicht geduldig abwarten, versteht sich von selbst Sobald sie sich etwas munterer fühlen und merken, daß tms Ende der Henn- fuchung nahe bevorfteht, machen sie sich auf den Weg zum Strand hinab. Zwar find sie noch nicht in der Verfassung, ohne weiteres zu tauchen, aber sie haben sich immerhin genügend erholt, um es mit etwas künstlerischer Nachhilfe sertigzubringen. Darin sind sie außerordentlich raffiniert. Ich kenne in der Tat kaum irgendeinen Kniff wildlebender Tiere, der so sehr meine Bewunderung hervorrust. Das Gegenmittel für all- zustarken Auftrieb ist Vergrößerung des Gewichts bei gleichem Volumen __ mit andern Worten die Aufnahme von Ballast. Man würde kaum erwartet haben, daß die Pinguine das wissen. Und doch ist es so, und jo werden die Vögel nach beendeter Mauser ihrer Schwierigkeiten Herr, indem sie — Steine verschlucken!
Man kann sie nun die Küste entlang wandern und einen Kiesel nach dem andern prüfen sehen, wobei sie manche liegen lassen (die wahrscheinlich zu groß sind oder nicht glatt genug, um sich leicht schlucken zu lassen), während sie andere hinunterschlingen, bis sie genügend Ballast an Bord genommen zu haben glauben. Es ist schwer zu sagen, wieviele Steine ein Pinguin durchschnittlich schluckt, denn das kommt natürlich sowohl aus die Größe der Stein« als auf die Größe des Vogels an; eines aber ist sicher: daß ein Tier, das sich bei Windstille mit einem halben Dutzend etwa murmelgroßer Steine begnügt, bei bevorstehendem Sturm Sorge trägt, sich mit einigen weiteren zu versehen. Gleich den Möwen und anderen Vögeln besitzen die Pinguine ein Vorgefühl für schlechtes Wetter lange vor dem Austauchen sichtbarer Zeichen, und man kann auf der Insel sogar eine Wetterprognose erhalten, indem man lediglich die Zahl der Steine feststellt, die sie verschlucken.
Natürlich kann sich der Pinguin wie jeder andere Marineingenieur gelegentlich verrechnen und, nachdem er schon in See gestochen ist, genötigt sein, noch einmal kehrtzumachen, um Verbesserungen vorzunehmen. Doch sobald er sicher festgestellt hat, daß Tauchen und Unterwasserschwimmen wieder möglich sind, bricht er nach den Jagdgründen des Ozeans auf, sicherlich in der Hoffnung, auf einen guten Fifchschwarm zu stoßen, ehe allzuviele Meilen zurückgelegt sind. Sobald er solchen Schwärmen begegnet, bleibt er in ihrer Mitte und stellt dadurch seine Kraft und Leistungsfähigkeit wieder her. Das dauert bis zur nächsten Brutperiode, zu welcher Zeit er mit seinem Ehegenoffen von neuem auf der Insel landet.
Natürlich geht das Männchen nicht immer zugleich trat dem Weibchen zur See, da die Mauser bei beiden ost zu verschiedener Zeit beendet ist; es ist aber erwiesen, daß der Pinguin im nächsten Jahr fast ausnahmslos mit der gleichen Gefährtin zum Nisten zurückkehrt. Also müssen di« Tiere sich im Fischrevier wieder zusammenfinden. Wie ihnen das freilich bei einer so ungeheuren Wasserfläche möglich ist, weih ich nicht.
Die Natur hat es so eingerichtet, daß die Mauser mehr oder weniger im Dezember anfängt und im Februar zu Ende ist, so daß die Brutzeiten völlig frei gehalten werden. Allein nicht immer werden die Gesetze der Natur befolgt, selbst von den wilden Geschöpfen nicht.
Ich bin mir Übrigens nicht sicher, ob sich jedermann diesen Punkt klarmacht. Manchmal hört man sagen, alle Leiden, die scheinbar das Erbteil der Menschheit seien, beruhten auf dem Widerstreit der Kultur mit der Natur, und wären überhaupt nicht vorhanden, wenn wir im vollkommenen Naturzustand lebten. Es ist nicht meine Aufgabe, für oder gegen diese Auffassung zu kämpfen; Tatsachen aber bleiben Tatsachen. Unter den Pinguinen gibt es nichts, was man Zivilisation nennen könnte, und der Zustand, in dem sie leben, ist gewiß ihr Naturzustand. Und doch mausern aus einem unbekannten Grunde viele Tausend« zu einer Zeit, wo sie wegen ihrer körperlichen Untauglichkeit ihre Jungen nicht ernähren können —■ das heißt, statt in dem dafür bestimmten Zeitraum zu mausern, mausern sie mitten in der Brutzeit, was den kläglichsten und elendesten Tod der Jungen nach sich zieht.
Ich meine schon gezeigt zu haben, daß die Pinguine gute Eltern sind. In Krisen wie dieser aber opfern sie sich bis zum äußersten aus. Sie wissen wohl, daß jetzt die Zeit da ist, in der sie für sich selber sorgen sollten, indem sie so viel Nahrung in sich hineinstopfen, wie sie nur aufnehmen können. Statt dessen aber füttern sie ihr« Jungen immer weiter und lassen die jetzt dreifach kostbare Nahrung in den Schnabel zurückfließen, so daß sie, wenn die Mauser einsetzt, selbst in elendem Zustand sind und sehr wenig Widerstandskraft gegen di« Schrecken dieser Zeit haben.
Doch ist nur zu oft selbst dieses Opfer vergeblich. Mütter und Väter mögen sich die nötige Vorbereitung verfagen, einmal aber kommt doch der Tag, an dem sie weder für sich noch für di« Kücken mehr Speise
Wenn ich auch nicht so weit gehen kann zu behaupten, daß dl« Schwarzfußpinguine im Aussterben begriffen sind, so kann doch nicht der leiseste Zweifel darüber herrschen, daß ihr« Zahl nicht zunimmt; und ich neige zu der Ansicht, daß sie tatsächlich abnimmt.
Aus den ersten Blick scheint das kaum glaubhaft, da sie zweimal rm Jahre brüten und in jeder Brutzett zwei Eier legen, und da ihr Leben zehn bis zwölf Jahr« währt und fie während dieser ganzen Zeit fort- p^Doch^e^Natur geht ja allenthalben mit einer unglaublichen Per» schwendung vor. Welch ungeheure Menge Eicheln trägt oft ein einziger s&nun — und doch ist die Welt nicht über und über mit Eicheln bewachsen. Wie unzählige Samenkörner enthält eine Schote ... Wohin man sich auch wenden mag in der Natur; überall herrscht dieselbe Boraiw- setzung, daß der weitaus größte Teil alles Samens nie zur Befruchtung gelangen wird.
Beim Pinguin ist das schlimmste die ständige Lebensgefahr; st« beginnt in dem Moment, wo das Ei gelegt ist. Ich erwähnte schon Möwe und Ibis, die gemeinsam dafür sorgen, daß nicht allzuviel« Eier ms zum Ausbrüten im Nest bleiben. Der Kampf zwischen diesen Vögeln und dem Pinguin ist natürlich von Anfang an höchst ungleich, denn dem Pinguin, der nicht fliegen kann, stehen ja nur sehr gering« Nerteidigungs- Möglichkeiten zu Gebote. Hoch aus der Lust herab stoßen Ibis oder Möwe, und wenn di« Eltern auch nur einen kurzen Augenblick zu weit vom Nest weg find, um ihre Schnäbel brauchen zu können, ist im Nu das Ei geraubt. Di« Möwen sind überdies verschlagen und wenden alle möglichen Listen an, um die Alten vom Nest fortzulocken — so rütteln ie zum Beispiel an nahen Büschen oder stellen sich flügelschlagend hm, ns eine aufgeschreckte Mutter den Kopf verliert und. chr« dringendste Verantwortung vergißt. m , ..
So fetten sind die Angreifer erfolglos m chren Raubzugen, daß si ganz furchtlos geworden sind und sich als rechtmäßige Herren der Inst zu betradjten scheinen. Sie scheuen sich nicht, mitten in einen Pinguin- Hausen hineinzufliegen und frech hindurchzuspazieren, um rechts und links Ausschau nach unbewachten Eiern zu halten, wobei sie die Eltern offen- sichtlich mit völliger Verachtung behandeln.
Und nicht nur von Eiern ernähren sie sich, auch neugeborene Kucken gelten ihnen als leckeres Mahl. Ja die Möwen reißen manchmal den Pinguinen buchstäblich di« Nahrung aus dem Schnabel. Um das zu bewerkstelligen, pflegt ein Möwenpaar ganz unverhofft vor dem Pinguin niederzugehen, während er oder sie auf dem Heimweg vom Fischfang mühsam den Abhang heraufkllmmt, und ihm die Flügel ins Gesicht zu klatschen. Panischer Schrecken ist die Wirkung dieses Manövers der verhaßten Feinde. Der Pinguin bleibt stehen und im nächsten Augenblick erbricht er den Inhalt seines Magens, der mit Fischen zur Oelbereitung für die Jungen angesüllt ist. Die Möwen packen darauf die Beute und fliegen damit auf und davon. Wieder ist dem Gegner ein Beutestück ab-
genommen.
Die Ibisse machen es manchmal ebenso, nur führen sie chren Stteich beim Nest felber — just in dem Augenblick, wo der Pinguin seinen Mageninhalt zurückfließen läßt. Der 3bis ist der Gassenkehrer der Insel, ein abscheuliches Geschöpf — Dieb, Mörder und Aasfresser. Eigentlich nennt man ihn ja wohl den ,/heiligen Ibis". Ich kenn« kein Wesen, ttos seinen Namen weniger verdient.
Natürlich könnte jeder Parteigänger der Ibisse und Möwen sagen, die Pinguine seien ganz allein schuld, weil sie ihre Eier unbehutet lassen. Nun ja, bis zu einem gewissen Grad stimmt das auch. Die Pinguine eilen tatsächlich an sehr heißen durstigen Tagen manchmal rasch an den Strand, um zu trinken; Mütter, die Dienst haben, lassen sich zuweilen in Auseinandersetzungen, ja sogar Kämpfe verwickeln; beide Alten fallen hin und wieder zu leicht auf Listen ihrer Gegner he rem, von denen sie wissen dürften, daß sie nur den Zweck haben, ihre Aufmerksamkeit abzulenken. Allein welches Elternpaar selbst unserer hochkultivierten Rasse wendet nie im Leben einmal den Blick von seinen Kindern ab? Und wer möchte stets auf der rechten Hut vor einem Feinde zu fein, der in diesem Augenblick unsichtbar hoch in den Lüften schwebt, im nächsten aber mit mörderischen Absichten auf dem Böhen steht?
Der junge Pinguin, der diese ersten Lebensgefahren Übersicht, lernt seine nächsten Feinde kennen, sobald er aufs Meer hinauskommt. Der erste ist der Polyp. Er liegt mit ausgestreckten Fangarmen in einem Felsbecken und lauert auf alles, was in Reichweite kommen mag. Der junge Pinguin, der vermutlich übers Wasser hintreibt und noch kaum schwimmen kann, macht sich von der mütterlichen Führung los und begibt sich aus dem tieferen Wasser in di« Nähe der Felsen, di« den verlockendsten Tümpel beschatten. Da — ein schraubstockartiges Zupacken nach den hängenden Beinen — ein plötzlicher Ruck, gegen den er machtlos ist — und wieder ist ein Pinguin verschwunden.
Danach kommt der Haifisch, der die Fischreviere unsicher macht, plötzlich zwischen ein« Gruppe von Pinguinen hrneinschieht. sie jagt und den packt, der hinter den anderen zurückbleibt.
(Forffetzung folgt.)


