Ausgabe 
20.12.1937
 
Einzelbild herunterladen

SietzenerZamilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1957

Montag, -en 20. Dezember

Nummer 99

Die Insel öer fünf Millionen Pinguine

Von Lherrg Kearton

Deutsch« Recht« durch 3. Engelhorns Nachf., Stuttgart

Nachdruck verboten

4. Fortsetzung.

Sechstes Kapitel.

Mauserleiden. Er kann nicht mehr tauchen. Hunger. Mit einem Fuß im Grab. Die Federinsel. Der raffinierte Kniff. Genesung.

Opfer der Mauserung.

Vieles im Leben haben wir mit den Pinguinen gemein doch etwas, was ihrer alljährlichen Mauser entspräche, kennen wir nicht, und dafür können wir nur herzlich dankbar sein. Danach zu urteilen, wie sie die Pinguine packt, muß sie jedenfalls etwas äußerst Unerfreu­liches fein, da sie die Unannehmlichkeiten einer langen Hungerzeit mit denen eines schweren nervösen Zusammenbruchs verbindet; im schlimm­sten Fall aber ist es eine wirkliche Tragödie.

Sicherlich wird später irgendwann einmal die Pathologie der Pin- guine wissenschaftlich genau erforscht werden, und dann werden wir vieles verstehen, wovon wir jetzt nur die unerklärlichen Wirkungen sehen. Heute wissen wir zum Beispiel wohl, daß die Pinguine gleich andern Vögeln mausern, wir wissen aber weder, warum die Mauserung zu einer bestimmten Zeit mehr als zur anderen eintritt, noch warum, während die Mehrzahl im Dezember mausert, ein paar Tausend dies zu andern Zeiten tun und mit verheerenden Folgen.

Ebensowenig ist uns bekannt, woran ein Pinguin spürt, daß seine Mauserperiode herannaht. Das ist aber unzweifelhaft der Fall, denn er bereitet sich darauf vor. Er geht dann häufiger auf Fischfang, bleibt länger dabei aus und tut tatsächlich alles, was er nur kann, um sich in guten Stand zu setzen und einen Fettvorrat aufzuspeichern.

Die Wirkungen dieser Ueberernährung werden bald augenscheinlich. Zwar ist es, wie ich schon erwähnte, etwas Alltägliches, daß Pinguine dick vollgefressen von der See heraufgewatschelt kommen, allein das gibt sich rasch. Bei den Vögeln aber, die wissen, daß ihre Mauserperiade naht, gibt es sich nicht. Sie gleichen Weihnachtsmastgänsen nur daß die Mast ganz freiwillig geschieht. Sie werden fetter und immer fetter bis eines Tages das erste unverkennbare Zeichen des Mauserns erscheint.

Von diesem Augenblick an ist alles mindestens sechs Wochen lang grauestes Elend und unter diesen Umständen kann niemand es dem mausernden Pinguin verdenken, wenn er übellaunig und verstimmt ist.

Wenn er die schlimme Zeit zum erstenmal durchmacht, begreift er sicher überhaupt nicht, was mit ihm vorgeht. Obwohl ein Vorgefühl ihn gewarnt hat, versucht er fein normales Leben weiterzuführen. Er wat­schelt zum Strand hinunter mit der Absicht, ins Wasser zu gehen, paddelt auch hinein, läßt sich von den ersten Wellen mitnehmen und macht dann die gewohnten Anstalten zum Tauchen. Aber daraus wird nichts! Er bleibt über Wasser. Es ist unerklärlich, und er versucht es wieder und wieder, bis er sich gezwungenermaßen mit der Tatsache ab find en muß, daß er die Kraft zum Tauchen verloren hat. .

Er selber kann sich freilich keinen Vers darauf machen wie sollte auch ein Pinguin Ursache und Wirkung ergründen können? wir aber wissen, daß ihn fein aufgeplustertes Gefieder wie ein Kork an der Ober­fläche hält, so daß er sogar jedesmal, wenn er mit aller Kraft ein paar Zentimeter tief taucht, sofort wieder aufgetrieben wird. Was das für einen Pinguin heißen will, wird man verstehen, sobald man daran denkt, daß er ausnahmslos unter Wasser schwimmt und auf Nahrungssuche geht. Ein Pinguin jedoch, der seine Tauchkrast verloren hat, kann nicht ins Meer hinausschwimmen und wird jedenfalls keinen einzigen Mch fangen, so daß er sich völlig durchhungern muß, bis er wieder tauchen kann. . .

Ein Glück nur, daß er obwohl er offenbar nicht ahnte, daß er seine Tauchkraft verlieren würde durch den Instinkt dazu getrieben wurde, sich zum voraus mit Nahrung vollzustopfen und so eine Kraftreserv anzulegenl In den letzten Tagen muh er zweifellos em unangenehm überladenes Gefühl gehabt haben, aber ohne das vermochte er es mchi einmal drei bis vier Tage auszuhalten, geschweige denn so viele, wie e

nun vergehen lassen muß, bis er wieder einen Fisch zu schmecken be­kommt.

Doch obwohl er sich dank dieser Reserve am Leben erhält, in der Art? etwa wie ein Kamel in der Wüste ohne Wasser auskommt, ist fein Leben während dieser Zeit doch nur ein langsamer Auszehrungsprozeß mit der begründeten Hoffnung, daß er durchhält, bis er genesen sein wird.

Während der ersten vierzehn Tage tritt keine nennenswerte Ver­änderung seines Umfangs ein, obwohl die Federn rasch ausfallen: nachts bildet sich, wenn er auf einem Fleck stehen bleibt, auf dem Boden ein ganzer Federring um ihn her. Dann aber wird er von Tag zu Tag merklich dünner.

Während der ersten Mausertage, solange er noch rund ist, sieht er meist recht sonderbar aus mit seinem lockeren wie gesträubten Gefieder, das nichts mehr von der gewohnten ordentlichen Glätte hat.

Die Mauser vollzieht sich nicht in irgendwelchem regelmäßigen Ab­lauf, etwa vom Kopf abwärts den Körper entlang, sondern die Federn fallen fleckweise an den Stellen aus, wo gerade neue Federn durch­kommen. Das gibt den Pinguinen ein etwas scheckiges Aussehen, das keineswegs zu ihrer Schönheit beiträgt. In der Regel ähneln sie alten Juden in abgetragenen und verschossenen Pelzmänteln, die von Tag zu Tag mit wahrhaft erschreckender Schnelligkeit immer schäbiger werden.

Eines der ersten Dinge, die die meisten Pinguine tun, wenn das Mauserelend über sie kommt, ist, daß sie ihr Nest verlassen. Der Grund dafür ist nicht recht klar. Man sollte doch meinen, daß der Pinguin sich gerade in seinem geschwächten und mangelhaft bekleideten Zustand so tief wie möglich in die Wärme des Nistlochs verkriechen würde, statt dessen aberkampiert" er im Freien auf irgendeinem Sandfleck. Ich kann es mir nur so erklären, daß er das Bedürfnis nach Gesellschaft hat nach der Gesellschaft anderer Wesen, denen es ebenso jämmerlich geht wie ihm. Jedenfalls ist dieses Verhalten im allgemeinen die Regel*. Der Vogel verläßt das Nistrevier und begibt sich nach den offenen Sand- und Felsgebieten, wo er Stunde um Stunde in der erbarmungswürdig­sten Haltung auf einem Fleck stehen bleibt ohne sich zu rühren. Tausende von Pinguinen kann man so auf einem dieser freien Plätze engversam- melt stehen sehen, und einer sieht immer kläglicher aus als der andere.

Ab und zu zeigt einer der im Anfangsstadium begriffenen Mauferer, daß er noch über Kräfte verfügt, indem er einen Felsbrocken erklimmt. Dort bleibt er ein paar Minuten lang stehen, und wenn er wieder hinuntergekletiert ist, nimmt ein anderer feinen Platz ein. Es ist genau, als ob vor einer großen, aber ziemlich gelangweilten und unaufmerk­samen Zuhörerschaft ein Redner nach dem andern die Tribüne bestiege.

Zweifellos verspüren die Pinguine während der Mauser ein beträcht­liches Unbehagen, ganz abgesehen von dem Gefühl langsamer Aushunge­rung. Das bedrückt sie ungeheuer und macht sie in mafidjen Fällen sogar recht bissig.

Ich beobachtete zwei Pinguine, die auf der Insel ankamen und sich sofort nach ihrem vorjährigen Nest aufmachten. Kaum waren sie ein­gerichtet, als das Weibchen zu mausern begann. Da das Männchen dabei war, verließ das Weibchen das Nest nicht, sondern blieb wie ein Häus­chen Unglück sitzen. Für den Herrn Pinguin war das natürlich ein Vor­teil infofern, als damit die Frage, wer das Haus hüten sollte, von vorn­herein entschieden war und er somit jederzeit nach Belieben auf Fisch­fang gehen konnte. Ich muß aber sagen, daß er sich seine Freiheit nicht ungebührlich zunutze machte. Er bezeigte feiner Frau sehr viel Zärtlich­keit, küßte und umarmte sie häufig, warf den Kopf zurück, um ihr etwas zuzurufen oder zu gurren. Auch knabberte er an den kurzen Federn um ihre Brauen und ihren Schnabel, denn sicherlich verursachten die neu- fprießenden Federn ein Jucken, das durch feine Fürsorge etwas behoben wurde.

Allein Frau Pinguin litt zu jener Zeit an Reizbarkeit. Sobald ein anderer Pinguin nur an ihrem Nest vorbeikam, beugte sie sich vor, tim, wie es den Anschein hatte,gehörig anzugeben". Sie war aufgeregt und reizbar und mit dem Aussehen ihres Hauses unzufrieden. Einmal ums andere hujchte sie unversehens ins Innere, pickte ein Stäubchen auf, das hineingeweht war, und kehrte dann ins Freie zurück, wo sie sich ein wahres Bild des Jammers mit hochgezogenen Schultern und ein- gezogenem Kopf hinfetzte, bis sie von neuem der Putzteufel packte, worauf die Sache von vorn anfing.

Und die ganze Zeit wurde das bedauernswerte Geschöpf gleich Tau­senden anderer nicht minder bedauernswerter Geschöpfe ringsum Immer magerer und magerer, bis es schien, sie würde an Auszehrung zugrunde

* Freilich gibt es hier wie bei jedem Naturgesetz auch Ausnahmen. Bei der großen Mehrzahl der Fälle vermag zwar nicht einmal das Vor­handensein von Jungen den mausernden Pinguin daheim zurückzuhalten, hin und wieder einmal aber bleibt doch einer, wie in der nächsten Epi­sode, die ich erzähle, ober es kommt auch wohl ein Weibchen, das das Nest schon verlassen hat, au» purer Mutterliebe zurück.