aanz dem Gesetz der Landschaft, aus der er stammt, unterstellt: dem Gesetz der Grenze. Die Schicksale der Menschen aus dem Spyckethos smd Grenzschicksale. Nach dieser Probe dichterischer Gestaltungskraft erwarten wir mit Spannung sein Werk „Magda und Michael".
Hunsrücker Schicksale und Geschehnisse, tote sie tn Zwang und Not der kleinen Verhältnisse in jedem Bauernhause vorkommen", ließen die Bücher des Dichters Albert Bauer entstehen. Er wurde im letzten ^ahr für sein Buch „Folkert, der Schösse" mit dem Westmark-Preis ausgezeichnet, nachdem zwei Jahre vorher das Werk „Das Feld unserer Ehre" entstanden war, ein eindringliches Bild Hunsrücker Bauern- und Dorslebens. Treten in diesem Buch Einzelschicksale zurück und erfährt das Leben des Dorfes eine Deutung, so tritt in den Mittelpunkt des ersten Werkes die Gestalt Folkerts, des Schössen, der seinem Hunsrücker Dorf Führer war. Bauer ist eine Gestalt, wie fie uns in anderen deutschen Landschaften ähnlich begegnet: gewöhnt an die harte Arbeit des Feldes und doch erfüllt von enter grüblerischen Sehnsucht. Bauer glaubt, daß er das Gesuchte in Büchern gefunden habe, die es auf dem Hof seines Onkels gibt, bis er erkennt, daß zuerst das Leben seinen Anspruch stellt. So ist Bauer auch heute zuerst nur Bauer, er ist Dichter, wenn ihm die Tagesarbeit dazu Zeit läßt.
Anton Gabele ist ein Zugewanderter. In einem schwäbischen Dörfchen geboren, lebt er heute in Koblenz. Der Vater war Bauer: „Für mich Spät- geborenen blieb kein Acker mehr. Man beschloß, mich Gott zu opsern." Gabele sagt selbst, daß er das Priestergewand nie habe anziehen können, seine Liebe gehörte dem bäuerlichen Leben; da er selbst nicht Bauer sein konnte, wurde er Gestalter des Lebens. Von seinen verschiedenen Romanen seien hervorgehoben der Roman deutscher Jugend „Psingsten", das Werk „Der arme Mann", ein Buch aus dem Bauernkrieg, und die Erzählungen „Mittsommer".
Es ist in diesem Zusammenhang auch hinzuweisen auf Peter Weber, der mit feinem ersten Buch „Götter über den Menschen" von sich reden machte. Dieses Buch wächst aus Hunsrücker Bauerntum. Im Mittelpunkt steht ein junger Bauer, der sich gegen die ungeschriebenen Gesetze der Gemeinschaft stellen will: et versucht, sich der Heirat mit der Mutter seines Kindes zu entziehen, ein Vorgang, der in einem solchen Dorfe nicht persönlich entschieden werden kann, sondern den Gesetzen der Gemeinschaft untersteht. Peter Weber schuf mit diesem Erstlingswerk ein starkes Buch.
Ebenfalls Hunsrücker ist Jakob Kneip. Wie Gabele sollte auch dieser Sohn eines Hunsrückbauern Priester werden, aber schon während des Theologiestudiums suchte er einen anderen Weg: mit Wilhelm Vershofen und Josef Winkler schuf er eine Werkgemeinschaft, deren Arbeit im schriftstellerischen Schassen seiner Heimat nicht ohne Wirkung blieb. Kneips Werk ringt um die Vereinigung einer echten Frömmigkeit und einer bäuerlichen Lebenshaltung. Der erste Kreis findet Ausdruck in seinem lyrischen Schaffen, während seine Romane erkennen lassen, wie schwer dem Dichter die Vereinigung der beiden Stofsgebiete fällt. Von urwüchsigem Leben erfüllt ist der Roman „Hampit der Jäger", in dem er von den Abenteuern eines Hunsrückers erzählt. Dieser Roman ist ein Volksbuch im besten Sinne geworden. Später erschien Kneips zweiter Roman „Porta Nigra" mit dem Untertitel „Die Berufung des Martin Krimkorn", ein Werk, das mit dem jetzt erschienenen „Feuer vom Himmel" und einem kommenden Band die für Kneips Schaffen entscheidende Romantrilogie bilden soll. Martin Krimkorn ist der Bauernsohn, der Priester wird, Porta Nigra ist Symbol für die Kirche, der dieser Bauernsohn dient. Ob es dem Dichter gelingen wird, das Ziel zu erreichen, das er sich gesteckt hat, muß der noch fehlende dritte Band beweisen. Wer Jakob Kneip als Lyriker kennenlernen möchte, sei hingewiesen auf den neuen Gedichtband „Bauernbrot".
Otto Brües, am Niederrhein ausgewachsen, stand während des Krieges an der Westfront. Nach dem Kriege nahm er sein Studium in Bonn wieder auf, aber „jede größere Arbeit, die ich unternahm, geriet mir, statt zur Doktor- oder Examensarbeit, zu Gedichten, Dramen und Erzählungen; der Trieb, zu gestalten, war so übermächtig, daß er jede andere Bemühung aüfschluckte". Am Anfang des schriftstellerischen Schassens stehen einige Dramen, so ein Versuch, „im Schicksal der Baltikumer das aller Heimkehrer zu versinnbildlichen" („Heilandsflur"), dazu kamen „Die Füchse Gottes" und „Der Prophet von Lochau". Bon seinen Prosaarbeiten wäre zu erwähnen die Erzählung „Das Mädchen von Utrecht", „in der ein Vorgang aus dem Leben eines Ahnen behaglich ausgesponnen wird", es folgte der Roman „Die Fahrt zu den Vätern", in dem der große Nansen das Vorbild des kleinen Eike Bosch wird. Einen seltsamen Titel führt das Flamenbuch von Brües', er nennt es „Fliegt der Blausuß?"; ein Bericht über eine Nord- und Südlandreise heißt „Licht von Thule".
Beschauliche 2Reife nach Tilsit.
Von Margarete von Olfers.
Es ist schon lohnend, sich einmal Zeit zu nehmen, und von Königsberg aus, statt mit der Bahn ostwärts in die Provinz hinein zu fahren, den Wasserweg zu wählen. Auf diese Weise kann man die östlichste Stadt Ostpreußens, die an der Memel liegt und deren Namen für die meisten einer» feits mit einem unglücklichen Friedensschluß in Verbindung steht, anderseits die Erinnerung an einen sehr schmackhaften „Vollsetten" Käse erweckt, bequem und in beschaulicher Ruhe auf einem schmucken kleinen Dampfer erreichen.
Pregelabwärts geht es durch Deime, Haff, Seckenburger Kanal und Memel. Und ich muß sagen, daß ich es nicht bedauere, den Tag drangegeben und fern aller Hast und Unruhe, ja ganz wundervoll nervenerholend auf dem Wasser und zwischen dem Grün der Flußwiesen verbracht zu haben. Wir schifften uns allerdings erst in Labiau in die kleine weiße „Elisabeth" ein, da die Stunde der Abfahrt aus Königsberg fünf Uhr morgens etwas sehr früh ist. Während wir am Labiauer Hafen warteten, begann es natürlich zu regnen, und schutzsuchend flüchteten wir in eins der kleinen niedrigen Spielzeugfchachtel-Häuser, die dort stehen. Es befand sich da eine Bäckerei, deren Auslagen uns anlockten, näher zu treten. In dem Laden entdeckten wir nicht nur einen merkwürdigen alten Ofen mit einer Kachel, die den
königlichen Adler und die Initialen Friedrichs des Großen trug, sondern auch eine Bäckersfrau mit wunderbar schönen träumerischen Augen, die sließend französisch und englisch sprach, jahrelang in Nizza gelebt hatte und kostbares altes Porzellan besaß. Was für ein Schicksal diese Frau, die einem Fontaneschen Roman entstiegen zu sein schien, hierher in das winzige Städtchen am Deimestrand verschlagen hatte, blieb dunkel und unserer eigenen Phantasie überlassen. Die Bäckerin sührte uns in ihr Wohnzimmer, brachte uns selbst den bestellten Kaffee und die Spezialität ihres Geschäftes, „Schweinsohren", fo rösch und locker, tote man sie sonst nirgends erhält.
Hier konnte man schon den Regen abtoarten, bis das Schiss um zwölf Uhr verspätet einlief. Denn die „Elisabeth" hat oft langen Aufenthalt unterwegs. Sie befördert nicht nur Menschen, sondern auch Frachtgut und alles mögliche Getier, Kälber und Schweine, die meist nur widerstrebend über die Landungsbrücke in das Schiss poltern. Aber diese Fahrgäste behelligen die übrigen Reisenden nicht. Das Schiss hat einen Laderaum, eine erste und zweite Klasse mit breiten Fenstern, bequemen Bänken und Tischen. Man sitzt dort wie im Speisewagen des O-Zuges und kann auch mit guter Hausmannskost, gewöhnlich einer kräftigen Gemüsesuppe mit Rindfleisch, seinen Hunger stillen.
Endlich verließen wir Labiau, die Bäckersfrau mit den verträumten Augen stand in der Tür ihres Häuschens und winkte melancholisch.
Sehr bald gelangten wir nun in das Kurische Haff. Es war dunkelgrau und bewegt unter fchwer verhangenem Himmel, wie Schatten zogen die hochgebugten Boote der kurischen Fischer in der Ferne an uns vorüber. Die Boote hoben und senkten sich in den Wellen, und auch in der „Elisabeth" war es zuweilen wie in einer Hängematte, die geschaukelt wird.
Allmählich hellte sich der Himmel aus, ja, die Sonne blinzelte hervor, es war ein silbernes Licht aus dem dunkelen Wasser. Wir näherten uns dem Ufer und dem Fischerdorf Nemonien, das an der Einfahrt liegt. Der Wind lief durch das Schilf, das sich neigte, und unzählige goldene Mummeln leuchteten auf dem Grün ihrer breiten Blätter. Häuser tauchten aus mit roten Ziegel- oder grauen Schindeldächern. In langer Reihe stehn sie nebeneinander längs des Flusses, der die Verbindung zum Seckenburger Kanal herstellt. Immer zahlreicher wurden die Boote, die bei aufhellendem Wetter zum Fischfang auf das Haff zogen. Nun sahen wir sie dicht an uns vorbeifahren, diese ernsten schwarzen Schiffchen, mit ihren Wimpeln und eigentümlich geschnitzten Zieraten. Zuweilen ist es ein Kreuz, oft ein Adler, darunter der Namenszug der Besitzer, Sterne und andere Muster, die die Spitze des hohen Mastes schmücken.
Sehr beliebt ist ein Wagen mit Pferd oder Reiter, die geschickt ausgeschnitzt als zierliche Silhouetten gegen den Himmel stehen.
Rechts und links des Kanals breiten sich Wiesen bis in die Unendlichkeit aus. Heuduft erfüllt die Lust, die riesigen Heuhaufen find der Nässe wegen auf sogenannte „Reiter" hochgestellt und sehr oft thront ein Storch in philo« fophischer Ruhe darauf, denn diese Gegend ist ein Paradies für Frofchjäger.
An den seltenen Anlegestellen wird endlos ein- und ausgeladen. Wir haben Zeit, wirklich einmal Zeit im Leben! Landfrauen mit grellrosa gemusterten Kopftüchern und ebenso farbigen Schürzen über den ernsten schwatzen Kleidern, steigen mit Geslügelkörben aus und ein, das reibet» fpenstige quiekende Schweinchen wird am Zage! hinterhergezogen.
Im übrigen aber geht der Verkehr sehr schweigsam vor sich, rasche Zuruse, die ebenso rasch und kurz beantwortet werden, dann wieder Stille und kein anderes Geräusch als das glucksende Wasser am Steg, bis die Maschine von neuem zu arbeiten anfängt. Nach der geraden Wasserstraße des Kanals gelangen wir in die Gilge, bereit Münbungslaus breit ist unb bie in schönen Windungen durch das Land geht. Aber der Damm ist sehr hoch, man sieht nur hin unb wieder die Kronen der Bäume, die ein einsames Gehöft schützend umstehen unb ben Dachgiebel. Wegen bet Heber» fchwemmungsgefahr währenb bes Schacktarps — bes Eisganges, bet bieses Laub jebes Iaht im Vorfrühling bebroht, muß bet Damm so hoch fein. Baumgtuppen eines großen Parks unb ein behaglich baliegenbes großes Gutshaus erscheinen wie ein SBunber in biejet Einsamkeit. Es ist Rautenburg, bet Besitz bes Grafen Keysetkingk.
Erst bei Sonnenuntergang (es wat im Juli) erreichte bie „Elisabeth", bie stromaufwärts eine harte Arbeit hat unb bis sieben Minuten für ben Kilometer braucht, ben Memelsttom. „Strom" bas ist bas richtige Wort für ben stolzen Fluß, bet hier mit Ruß und Gilge ein Delta bildet!
Die eintönige Landschaft wird großartig, ebenso unendlich weit wie bisher, ist sie nun übersichtlich, da kein Damm die Aussicht mehr behindert unb von großen Baumgtuppen belebt, bie breit unb dunkel vor dem stammenden Sonnenuntergang stehen. Schwere golbgeränberte Wolken türmen sich am Himmel. Sie passen vorzüglich in ihrer kühnen Form zu bet kühnen unb großartigen Lanbschast. Ein starker Winb reißt bie Wolkenberge aus- einanbet; nun sind sie langgestreckt, zerfasert, goldrot unb lilarosa, wie hingemalt. Die leise zitternben golbgeriffelten Wasser bet Memel werben still unb bämmtig unb tiefblau. Dampfschiffe kommen an uns vorbei unb ein enblofer Zug großer schwatzet Kähne, bie mit Hellem Holz hoch bepackt finb. Viele Kähne bet Art unb Holzstöße lagern schon vor Tilsit, bie eine bet größten Zellulose-Fabriken Europas hat. Die Silhouette bet Stabt taucht vor uns auf, Türme unb bie beiben gewaltigen Brücken, bie zum jenseitigen Ufer — nach Litauen führen. Mitten auf bem Fluß, bet nut noch zur Hälfte unser ist, liegt bie Grenze!
Rasch kommt bie Dämmerung, wirb tiefer unb tiefer, Lichter leuchten auf, wie Glühwürmchen hängen bie Laternen an Holzkähnen unb abwärts» ziehenben Flößen.
Auf bet „Elisabeth" brängt sich alles zusammen, Mensch unb Vieh, bie Lanbungsbtücke wirb Ijerübergelegt. Wit finb an unserem Ziel angelangt, sehr ausgeruht nach bem langen Tag auf bem Wasser, sehr ersrischt, wind- unb lustburchweht unb wie aus einer weiten Ferne tommenb, in ber östlichsten Stabt unseres Vaterlanbes.
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühlsche UniverfttätSdruckerei 2t.Sange, Gießen.


