Abendlied.

Bon Paul Gerhardt. Nun ruhen alle Wälder, Vieh, Menschen, Stadt und Felder, Es schläft die ganze Welt: Ihr aber, meine Sinnen, Auf, auf! Ihr sollt beginnen, Was eurem Schöpfer wohlgesällt.

Der Tag ist nun vergangen, Die güldnen Sterne prangen Am blauen Himmelsfaal: Also werd ich auch stehen, Wenn mich wird heißen gehen, Mein Gott aus diesem Jammertal.

Der Leib eilt nun zur Ruhe, Legt ab das Kleid und Schuhe, Das Bild der Sterblichkeit: Die zieh ich aus, dagegen Wird Christus mir anlegen Den Rock der Ehr und Herrlichkeit.

Das Haupt, die Fütz und Hände Sind froh, daß nun zu Ende Die Arbeit kommen sei: Herz, freu dich, du sollst werden Vom Elend dieser Erden Und von der Sünden Arbeit frei.

Auch euch, ihr meine Lieben, Soll heute nicht betrüben Ein Unfall noch Gefahr!

Gott laß euch ruhig schlafen, Stell euch die güldnen Waffen Ums Bett und seiner Helden Schar!

Zhr Name über der Stadt.

Von Otto Brües.

Wir entnehmen diese Geschichte dem anmutigen FahrtenbuchZarte Weisen von bunten Reisen" von Otto Brües (geb. RM. 1,75. Hesse und Becker Verlag, Leipzig).

Wir wollten von Rotterdam nach Amsterdam fliegen, im Zickzack, ver­sieht sich, denn links und rechts von dieser Strecke liegen die Kostbarkeiten Hollands. Als wir unter den Flügeln der blau und weißen Fokkermaschinen standen, wurden wir mit unserm Flieger bekannt gemacht, einem in den Luftwirbeln Niederländisch-Jndiens bewährten und in feinem Fach be­rühmt gewordenen Mann. Er hieß Bierum, nach jenem am Dollart gele­genen Städtchen; genauer gesagt, war es ein andres in der Nähe, nach dem r r hieß; aber ich will seine Geschichte, will sogar die Geschichte seiner Liebe erzählen, und da muß ich schon die Namen tauschen.

Bierum riß unsern Vogel in zwei Kurven aufwärts; der Zeiger der tzöhenuhr zeigte achthundert Meter. Wir stiegen. Und seltsam! das Meer lieg mit uns und schob feinen Horizont höher und höher, es war unser Stuber geworden. Noch genossen wir das Kinderglück der einschrumpsenden Dinge; die Häuser wurden zu Würfeln, die Kühe und ihr Schatten zu Pünktchen, die bunten Tulpenbeete zu kleinen Stossläppen und -flicken. Über bald achteten wir der Einzelheiten nicht mehr, die Landschaft, wenn euch die Luft diesig war und den Blick immer wieder von der erahnten Ferne auf die Nähe zurückzog, erschloß sich in ihrem Bau. Man konnte die »ielgerühmte Geschichte Hollands gleichsam mit den Fingern betasten; das üetz der Kanäle, Singel und Grachten entfaltete sich; ihre Figuren hatten rttoaS Anheimelndes, Vertrautes, weil sie die Mitte hielten zwischen dem strengen Zweck, den die Menschen mit ihnen verbinden, und der absichts- dsen Natur. Durch ein weites Schachmuster von Poldern, die sich, Viereck in Viereck, zehntausend Meter aneinanderfügten, lief eigenwillig in kräu- Irlnder Kurve ein Flußarm. Ein Fächerwerk von Kanälen wurde plötzlich >wn einem Halbkreis beschnitten und befchlossen, in defsen Schutz sich eine Stadt entfaltete. Ein wirres Bündel von Straßen und Grachten erhielt Mötzlich seinen Sinn durch einen Meeresarm, der wie ein Trichter hinein- sueß. Und wir begriffen: Holland ist eine Haut, die auf dem Wasser schwimmt! !rn ihren Falten und Fältchen drmgt es noch nach oben. Warum heißt das itand nicht Land der Venus? Denn es ist wie sie aus den Wassern geboren.

Was übrigens Venus betrifft: das Mädchen, das unser Flieger Bierum **bte, hieß Antje und war aus Wildervank in der Provinz Groningen. Er lebte sie, wie uns ein Fahrtbegleiter erzählte, aber er war zu schüchtern, fyt seine Liebe zu gestehen. Mit seinem metallnen Vogel wußt' er Bescheid; IE riß ihn vom Boden hoch, so stürmisch, als ob er sich jedesmal der Sonne lsrmählen wollte, und setzte ihn so sanft nieder, als ob die neunhundert- Ifetbige Maschine ein Rosenblatt wäre. Es gab keine Art zu fliegen, m der >E sich nicht bewährt hätte; er lenkte, als Reserveoffizier der holländischen Wehrmacht, die schweren Bombenflugzeuge, und als Führer der Luft- tmkehrsgesellschast die geschwinden Fokkermaschinen; er trudelte als Sport- l>eger in den kühnsten Wendungen und Windungen über den Flugplätzen, tab malte im Dienst holländischer Firmen ihren Namen mit wetßer Nauch- lyrift an den Himmel. Aber die Liebe ist ein Fach sür sich, man ist darin > cht aus einen Schlag Meister, und die kleinen Gefälligen smd aus d,e * nichts für einen Mijnheer Bierum.

Antje Vaar aus Wildervank, das war etwas andres, etwas Blondes tnd Weißhäutiges, und frisch wie der Tau auf den Haarlemer Tulpen, -mtje Vaar aus Wildervank, das war der gute Geist des Lebens und ein ®Wb und Sinnbild der holländischen Heimat. Antje Vaar trug am Sonntag 'nch ein weißes Spitzenhäubchen mit vergoldeten Spangen, und wenn lie

lachte, hatte sie Zähne wie ein Raubtier. Antje Vaar trug eine Blüte zwischen den Zähnen, solange es überhaupt Blumen gab im Jahr, und man hat in Holland schöne, breite Gewächshäuser. Antje Vaar war eine Frau und ergab sich nicht leicht und meinte, sie müsse den Männern trotzen, und als sie mit Bierum die Oude Gracht entlang ging und Bierum etwas stammelte und stotterte, was eine Frau immer versteht, auch wenn es noch so ver­stümmelt herauskommt, da ließ sie den Flieger von Niederländisch-Jndien stehen und lief über die Brücke auf die andere Seite. Und, soll ich es sagen, Antje Vaar aus Wildervank machte ihm eine lange Nase. Das haben die meergeborenen Frauen so an sich.

Meergeboren, um das noch zu erzählen, sind nicht nur die Blumen­polder, meergeboren sind auch die Städte wie anschaulich begriff sich das, als uns Bierum über den Haag steuerte, der sich um seinen Binnen­weiher, dem Vijver, herumlegt wie um ihren Kern die Zwiebelschalen; als wir Haarlem überflogen, das gewiß eine Stadt, gewisser aber der Knotenpunkt weiter Gärten ist, und über Amsterdam kreisten, einer Sied­lung, die in aller Fülle und Mannigfaltigkeit die Regel und Ordnung eines Kaleidoskops behält. Man'weiß es ja aus Büchern, daß diese Städte auf Pfählen gelagert sind; aber nun schauten wir mit den Augen, daß sie wie riesige, reiche Schiffe auf dem Wasser schwammen. Bierum steuerte uns in stolzen Bogen über die königliche Stadt Amsterdam, dann sanken wir zu dem freundlichen Flughafen von Schiphol nieder, der uns mit feinem weißgestrichenen Verkehrsturm und der glatten Steinfläche vor der Reihe der Bauten entgegenzudringen schien. Wir standen, wir brauchten nur noch an die Halle heranzusahren, der Flug war beendet, aber nicht die Geschichte des Fliegers Bierum. Also los! sagten wir dem Fahrtbegleiter.

Also los! hatte auch Bierum gesagt, als ihm Antje Vaar aus Wildervank die lange Nase drehte, fuhr nach Amsterdam, holte sich ein Sportflugzeug aus dem Schuppen und sauste in die Provinz Groningen zurück. Als das Städtchen unter ihm lag, in dem das trotzige Mädchen wohnte, stieg er aus 2000 Meter Höhe empor, ließ den weißen Rauch aus der Büchse knattern und schrieb ihren Namen an den Himmel. War sie da nicht geehrt vor allen andern Frauen, mußte sie nicht stolz sein aus den, der sie verehrte? Ach, er schrieb zwar Antje, aber dazu schrieb er auf den blauen Grund: Bierum, geb. Vaar (ich habe das hier schon aus der holländischen Sitte in die deutsche Gepflogenheit übertragen), und alle Männer und Frauen in Wildervank reckten die Hälfe und lasen die seltsame Anzeige einer unvollzogenen Hoch­zeit. In Holland weht viel Wind von See zu See, und die Buchstaben standen denn auch nicht alle kerzengrade, aber ein Kind konnte sie lesen, und wenn etwas so deutlich an den Himmel geschrieben steht, kann es nie­mand rückgängig machen, und so kam es denn, daß nach einem elterlichen Donnerwetter der Flieger einen Tag später sein Mädchen in den Arm nahm und ein paar Wochen danach vor den Altar führte.

So geschehen zu Wildervank in der Provinz Groningen im Jahre 1927 und so berichtet in der Fokkermaschine des Fliegers Bierum (der aber nicht Bierum hieß) am 28. April 1930.

Dichtung am Nhein.

Von Erich Langenbucher.

So vielgestaltig die Landschaften sind, die der Rhein durchströmt, so verschiedenartig sind die dichterischen Kräfte, die aus jenen Landschaften erwachsen sind. Von der geheimnisvollen Sagenwelt des Schwarzwaldes über die fröhliche Heiterkeit der großen Städte an den Ufern bis zu dem schweren Ringen in den Orten der Industrie und aus dem kargen Boden des Hunsrücks und der Eifel hören wir hier die Stimmen deutscher Dichter, finden wir die Welt eingefangen und gestaltet in ihren Büchern.

Doppeltes Erbe trägt in sich einer der jüngsten Dichter Heinz Stegu- weit, der seit Jahren kulturpolitische Arbeit in deutschen Zeitungen und Zeitschriften leistet. Die Ahnen des Vaters kommen aus Ostpreußen: Geschlechter hindurch hatten sie das Vieh gemolken und Brot gebaut, hatten auch bluten müssen, wenn ein Nachbar feindliche Verwüstung warf über die Sieder des Fleißes." Die Familie der Mutter kommt aus dem Westen,stammt von rheinischen Reedern, Winzern und Buchbindern ab, die gleich den Ahnen des Vaters Erarbeitetes und Verdientes im Laufe der Jahrhunderte immer wieder verloren". Sovermählten fich die Grenzen von Ost und West, und ich habe mich damit abzufinden, ein Kind dieser Ehe zu fein: am Rhein baut man den Wein, int Osten brachte der Urahn das Brot in harter Arbeit zur Reise, doch zwischen dem Freudigen und Verpflichtenden dieser Sinnbilder schwingt das Aus und Nieder eines Grüblers, der den Kampf ungleicher Grenzländer ruhelos im Blute spürt". Doch ist viel Heiterkeit und Besinnlichkeit in seinen Werken, besonders in seinen Spielen; auch die Menschen seiner Romane sind rheinische Menschen in fröhlichem Mut zum Leben. Da ist der Musketier Manes Himmerrod aus dem RomanDer Jüngling im Feuerofen", der nach dem Weltkrieg in die Heimat am Rhein zurückkehrt und die Heimat in Gefahr fieht, den die Pflicht bestimmt, den Kampf wieder aufzunehmen, so lange Soldat zu sein, wie das innere Gesetz es ihm befiehlt. Erwin Urland ist ein Bruder des Manes, beide könnten sie die tragende Gestalt des WerkesHeilige Unrast" sein. Dieser Erwin Urland liebt seine Heimat am Rhein, liebt den Fluß und die Wiesen und die Städte mit ihren Kirchen und Giebeln, diese Liebe gibt ihm die Kraft, den Weg zu gehen in eine neue deutsche Zukunft, für sie ein junges Geschlecht auszubauen. Erinnern der Jugend und Erlebnis des reifenden Mannes find Heinz Steguweits Geschichten in dem Band Narren und Schelme".

Der Niederrhein ist die Heimat des Dichters Erich Brautlacht. Das erste Buch, das er seiner Lesergemeinde schenkte, hießDie Pöppelswpcker", ein Werk, in dessen Mittelpunkt zwei kleine rheinische Städtchen stehen. Man spürt in diesem Buch den Schalk, der in Brautlacht steckt und der uns bei anderen deutschen Dichtern so bekannt ist: ein wenig Spott, viel Humor, ein wenig Besinnlichkeit und ein bißchen Schildbürgerei, in allem aber eine versöhnende Heiterkeit und ein tiefer Kern. Nennen wirPöppel- ftot)der" ein vergnügliches Werk, so istEinsaat" erfüllt von Ernst und weit­tragenden Gedanken, ein Werk männlicher Kameradschaft. Am stärksten wirkt sein RomanDas Testament einer Liebe". Hier hat sich Brautlacht