Ausgabe 
20.9.1937
 
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sagte Vater Gründet,die beiden Kinder sollen mitspielen." Der alte Bött­cher, der niemals irgendein Spiel Spielte, zeigte auf feine Tochter und

einschlagen?"

Wer zum Teufel ist da?" schrie Grandet.

Nanon nahm eine der beiden Kerzen und ging öffnen, von Grandet begleitet. . ,

Grandet, Grandet", rief seine Frau, und von einem unbestimmten Gefühl von Angst getrieben, stürzte sie zur Tür.

Alle Spieler sahen sich an.

Ob wir nachgehen?" sagte Herr des Grassins.

Dieser Hammerschlag erscheint mir unheimlich. .

Ungefähr konnte Herr des Grassins das Gesicht eines jungen Mannes erkennen, sowie den Gepäckmeister der Post, der zwei ungeheure Koffer trug und Reisetaschen schleppte. Grandet drehte sich heftig zu seiner Frau um und sagte: ,, ..

Frau Grandet, gehen Sie zu Ihrem Lotto. Lassen Sie mich mit dem Herrn reden." , .

Dann zog er schnell die Tür des Saales zu, in dem die aufgeregten Spieler ihre Plätze wieder einnahmen, aber ohne im Spiel sortzusahren.

Ist es jemand von Saumur, Herr des Grassins,"' sagte seine Frau.

Rein, ein Reisender."

Dann kann er nur aus Paris kommen."

Wahrhaftig", sagte der Notar und zog seine altmodische zwe, Fmger dicke Uhr, die wie ein holländisches Kuss aussah,es ist neune. Potztausend, die Post vom Grand Bureau verspätet sich nie."

Jst's ein junger Herr?" fragte der Abbä Cruchot.

Ja", antwortet Herr des Grassins.Er führt Gepäck nut, das mindestens dreihundert Kilo wiegen muß."

Nanon kommt nicht wieder", sagte Eugenie.

Das kann nur ein Verwandter von Ihnen sem", sagte der Präsident.

Wollen wir einsetzen?" rief Frau Grandet leife.

An seiner Stimme habe ich gemerkt, daß Herr Grandet ärgerlich war, vielleicht wird er es nicht gern sehen, daß wir uns mit seinen Angelegen heiten befassen." (Fortsetzung folg)

Der Abbö Cruchot, der ein kleiner, rundlicher, fetter Mann mit einer i roten ,lachen Perücke und dem Gesicht einer alten fröhlichen ^rau war streckte seine wohlbeschuhten Füße aus, die in festen Schuhen mit silbernen I Schnallen steckten, und sagte:

Die Grassins sind nicht gekommen?'

Nock nickt", sagte Grandet. . , .

"Aber sie werden tommen?" fragte bet Nck^ undverzog sein Gesicht, das von Pockennarben wie em Schaumlöffel durchlöchert war.

..Ich glaube es", antwortete Frau Grandet.

»3st Ihre Weinernte beendigt?" fragte der Präsident de Bonsons

Q Ganz und gar!" antwortete ihm der alte Winzer und stand auf, um im Saal auf und ab zu gehen, wobei er die Brust mit einer Bewegung hob, die so voll Stolz war, wie seine Worte: ganz und gar!

Daraus sah er durch die Tür des Ganges, der zur Küche führte, die lange Nanon, die bei ihrem Feuer saß mit einem Licht vor sich und sich dort zu spinnen anschickte, um sich nicht unter das Fest zu mischen.

Nanon", sagte er, indem er den Gang hmunterschritt,willst du wohl das "Feuer und Licht auslöschen und zu uns kommen. Himmel, Herrgott! der Saal ist groß genug sür uns alle."

Aber, Herr, Sie erwarten vornehmen Besuch.

Bist du ihrer nicht würdig? Sie stammen von Adams Rippe, ganz wie du.", ... .,

Grandet ging zum Präsidenten zurück und sagte zu ihm.

Haben Sie Ihre Ernte verkauft?" . .

Nein, behüte, ich behalte sie. Wenn der Wem jetzt gut ist, wird er in zwei Jahren noch besser sein. Die Weinbergbesitzer haben sich, tote Sie ja toiiien, geschworen, an den verabredeten Preisen festzuhalten, und in diesem Jahr sollen die Belgier nicht die Oberhand über uns gewinnen. Wenn s,e Weggehen, schön, so können sie wiederkommen." , .

Ja, aber halten wir auch gut zusammen," sagte Grandet in einem Ton, der den Präsidenten zittern machte.

Sollte er verlausen wollen?" dachte Cruchot.

In diesem Augenblick kündigte ein Schlag des Hammers die Familie des Grassins an, und ihre Ankunft unterbrach eine Unterhaltung, die zwischen Frau Grandet und dem Abbe begonnen hatte. Frau des Grassms war eine dieser kleinen lebhaften, molligen, weiß und rosa Frauen, die dank der klösterlichen Lebenshaltung der Provinz und einem tugendhaften Leben noch mit vierzig Jahren jung erscheinen. Sie sind wie die letzten Rosen des Nachsommers, deren Anblick Freude macht, aber deren Blüte eine gewisse Kälte besitzt, und deren Duft erlischt. Sie zog sich ziemlich gut an, ließ ihre Kleider aus Paris kommen, war in der Stadt Saumur tonangebend und veranstaltete Abendgesellschaften. Ihr Gatte, ehemaliger Quart,ermeister in bet kaiserlichen Garde, der bei Austerlitz schwer verwundet und pensioniert worden war, benahm sich noch, trotz seinem Respekt vor Grandet, nut der zur Schau getragenen Freimütigkeit des Soldaten.

Guten Tag, Grandet", sagte er zum Winzer, indem er ihm bte Hand reichte und eine Art von Ueberlegentjeit annahm, mit der er bte Cruchots jebesmal erdrückte.Mein Fräulein", sagte er zu Eugenie, nachdem er Frau Grandet begrüßt hatte,Sie sind immer schön und gut, ich wußte wahrhaftig nicht, was man Ihnen wünschen könnte."

Daraus überreichte er eine kleine Schachtel, die sein Diener trug, und die eine Blume von der Kapkolonie enthielt, die erst kürzlich nach Europa verpslanzt und sehr selten war. , .

Frau des Grassins umarmte Eugenie sehr liebevoll, druckte ihr die Hand und sagte:Adolph hat es übernommen, Ihnen mein kleines Angebinde *U Eck großer blonder junger Mann, von bleichem schwächlichen Aussehen und ziemlich guten Formen, der dem Anschein nach schüchtern war, aber soeben in Paris, wo er Jura studierte, acht- oder zehntausend Franken mehr ausgegeben hatte, als sein Wechsel betrug, schritt auf Eugenie zu, küßte sie auf beide Wangen und überreichte ihr ein Arbeitskästchen, dessen sämtliche Utensilien aus vergoldetem Silber waren; in Wirklichkeit geringe Ware, obwohl das Namensschild, auf das ein gotisches E. G. ziemlich gut eckgraviert war, den Eindruck einer sehr gewählten Arbeit erwecken sollte. Als sie es öffnete, hatte Eugenie eine unverhoffte und reine Freude, die junge Mädchen erröten, zittern, vor Freude beben läßt. Sie warf ihrem Vater einen Blick zu, wie um zu fragen, ob ihr die Annahme erlaubt fei, und Herr Grandet jagte:Nimm nur, mein Kind", mit einem Ton, der einen Schauspieler berühmt gemacht hätte. Die drei Cruchots standen bestürzt, als sie den frohen und aufgeregten Blick sahen, den Adolph des Grassins von der Erbin empfing, der solche Reichtümer unerhört schienen.

Herr des Grassins bot Grandet eine Prise Tabak an, nahm selbst eine, klopfte den Staub vom Band der Ehrenlegion, das im Knopfloch feines blauen Rocks befestigt war, und fah darauf die Cruchots mit einer Miene an, die zu jagen schien:Pariert mir diesen Stoß." Frau Grassins richtete ihre Blicke auf die weitbauchigen blauen Gefäße, in denen die Sträuße der Cruchots standen, und suchte deren Geschenke mit der gespielten Treu­herzigkeit einer mokanten Frau. In dieser heiklen Sage ließ der Abbe Cruchot die Gesellschaft im Kreis um das Feuer fitzen und spazierte mit Grandet im Hintergrund des Saales auf und ab. Als die beiden Alten in der von den Graffins am weitesten entfernten Fensternische waren, flüsterte der Priester dem Geizhals zu:

Diese Leute werfen das Geld zum Fenster hinaus."

Was fchadet das, wenn es in meinen Keller fällt?" antwortete der alte Winzer.

Wenn Sie Ihrer Tochter goldene Scheren geben wollten, hätten Sie dazu wohl die Mittel", sagte bet Abbö.

Ich geb ihr Besseres als Scheren", antwortete ihm Grandet.

Mein Nesse ist ein Dummkopf, dachte der Abbö, während er den Präsi­denten ansah, dessen struppige Haare noch den unschönen Eindruck seines braunen Gesichts verstärkten. Hätte et sich nicht einen kleinen Unsinn aus- denken können, der Wert gehabt hätte?

Wollen wir ans Spiel gehen, Frau Grandet", sagte Frau des Grassms. Da wir alle versammelt sind, reicht es für zwei Tische"

Da heut' Eugeniens Geburtstag ist, spielt euer Lotto gemeinsam",

Adolph.

Los, Nanon, stell' die Tische auf."

Wir wollen Ihnen helfen, Fräulem Nanon , sagte Frau des Grassms lustig, nur zu froh über die Freude, die sie Eugenie gemacht hatte.

Ich habe mich noch nie im Leben so gefreut", tagte bte Etbm zu ihr. Ich habe nirgenbs je etwas fo Hübsches gesehen."

Abolph hat es aus Paris mitgebracht, und er hat es ausgesucht, flüsterte ihr Frau bes Graffins ins Ohr. .

Mach', mach' nur fo weiter, verbammte Intrigantin, bachte ber Präsi­dent; wenn du jemals einen Prozeß hast, du oder dein Gatte, fo wtrd eure Sache ichwerlich gut ausgehen. ., .

Der Notar faß in feiner Ecke, sah den Abbö gletchmüttg an und dachte bei sich: Die Grassins mögen tun, was sie wollen, mein Vermögen, das meines Bruders und meines Nefsen beläuft sich zusammen auf elfhunbert« taufend Franken. Die Graffins befihen höchstens dte Hälfte, und sie haben eine Tochter; sie können schenken, was sie wollen. Erbm samt Geschenken, alles wird eines Tages uns gehören.

Um halb neun Uhr abends waren zwei Spielti^>e ausgestellt. Der hübschen Frau des Grassins war es geglückt, ihren Sohn an Eugemens Seite zu bringen. Die Spieler in dieser bedeutungsvollen, wenn auch scheinbar alltäglichen Szene hatten sich mit bunten numerierten Papp- stückchen und Spielmarken aus blauem Glas versehen und schienen den Scherzen des alten Notars zuzuhören, der keine Nummer zog, ohne eme Bemerkung zu machen; aber alle dachten an die Millionen von Herrn Grandet. Der alte Böttcher betrachtete selbstgesälUg d,e rosa Federn, das neue Kleid von Frau des Grassins, den Soldatenschädel des Bankiers, den von Adolph, den Präsidenten, den Abbö, den Notar, und sagte zu sich selbst: Sie sind hier meiner Taler wegen. Sie langweilen sich hier meiner Tochter wegen. He, meine Tochter kriegen weder die einen noch die andern, und Rese Leute dienen mir alle nur als Fischaugeck.

Diese Familienheiterkeit in dem altmodischen grauen Salon, der durch die beiden Kerzen mangelhaft erhellt War; dies Gelächter, das vom Geräusch des Spinnrads der langen Nanon begleitet und nur auf den Sippen von Eugenie ober ihrer Mutter aufrichtig war; biefe an fo große yntereflen geknüpften Kleinigkeiten; biefes junge Mäbchen ben Vögeln ähnlich, bie Opfer bes hohen Preises werben, besten man sie für Wert ha t, und von bem sie nichts wissen bas sich umstellt, erbrückt von Freunbschasts- beweisen sah, burch bie es umgarnt würbe: alles bas trug bazu bei, biefe Szene mit einer traurigen Komik zu erfüllen. Ist das übrigens nicht eine Szene ans alten Zeiten und von alten Orten, hier nur auf ihre einfachste Form zurückgeführt? Das Gesicht Grandets, der bie falsche Anhanglichckit der beiden Familien ausnutzte und riesige Vorteile aus ihr zog, beherrschte dieses Drama und warf Schlaglichter darauf. Ist das mcht der einzige moderne Gott, an den man glaubt, das Geld in feiner ganzen Macht, m einem einzigen Gesicht ausgeprägt? Die zarten Gefühle des Lebens nahmen hier nur ben zweiten Rang ein; sie beseelten brei reine Herzen, bas von Nanon, von Eugenie unb ihrer Mutter. Aber toiebtel Unwissenheit noch m ihrer Unbefangenheit! Eugenie unb ihre Mutter wußten mchts von Granbets Reichtum, fie schätzten bie Dinge bes Lebens nach bem Abglanz ihrer schwachen Vorstellungen bation unb konnten bas Gelb Weber achten noch verachten, ba sie baran gewöhnt waren, es zu missen. Ihre, ohne ihr Wisten in Fesseln gelegten, aber lebhaften Gefühle mit bem Geheimnis tn ihrem Dasein, machten aus ihnen eine gar seltsame Ausnahme in diesem Kreis von Leuten, beten Leben rein materiell War. Schrecklicher Zustanb bes Menschen I Es gibt für ihn kein Glück, bas nicht aus irgenbeiner Unwissen­heit stammt! Gerabe als Frau Graubet ein Los von sechzehn Sous gewann, den beträchtlichsten Satz, der jemals in diesem Zimmer gespielt worben war, und bie lange Nanon vor Freube lachte, als sie ihre Herrin biche große Summe einfteden sah, ertönte ein Hammerschlag an ber Tür und machte einen solchen Spektakel, baß bie Frauen von ihren Stühlen aufsprangen.

Das ist niemanb von Saumur, ber so klopft", jagte ber Notar.

So was, fo draufzuhauen", sagte Nanon.Wollen sie unsere Tür