Ausgabe 
20.8.1937
 
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Abenteuer -es OrehorgelmanneS.

Ein Märchen Don Hans Friedrich Blunck.

Ms der Abend kam und die Bäume dunkel wurden, stand auch der Dreh­orgelmann aus, packte seinen Kasten sorgfältig in ein altes Tuch und sah sich nach dem Heimweg um. Er hatte draußen im Wald, wo die Stadtleute sonntags lustwandeln, den ganzen Tag aufgespielt, krumm gesessen und mit dem Hut um ein paar Pfennige gebettelt. Jetzt reckte er sich, zählte seine Kupfer- und Nickelstücke, wickelte sein Bein aus und wischte sich den Schweiß aus dem Hut. Ihr dürst nämlich nicht denken, daß es eine Klemrg- keit ist, zehn Stunden lang einmal mit dem rechten, einmal mit dem linken Arm den Schwengel zu drehen; man kann warm dabei werden!

Drei große Mücken Schneiderinnen heißt man sie wohl flogen um den Leierkasten und summten und sirrten. Sie hatten den ganzen Tag zum Spiel der Drehorgel getanzt; der Mann stand sich gut mit ihnen, er dachte daran, daß in dieser Art Don Tieren 6st kleine, dunkle Mahr­frauen bis zur Nacht einwohnen, und fragte sie höflich, ob ihnen das Dreh­orgelspiel gut gefallen hätte. Er hielt ihnen sogar noch einmal im Scherz den Hut hin, wie um zu sammeln. Die Schneiderinnen umflogen ihn, und als der Drehorgelmann Dergnügt noch einmal unterm Tuch drehte, surrten sie näher, setzten sich aus den Orgelkasten und ließen sich mittragen; so Diel Vertrauen hatten sie gefaßt.

Danach ist es unserm armen Freund aber nicht mehr so gut gegangen, und das ist so gekommen. Der Leierkastenmann hatte, das Dergaß ich zu sagen, nur einen Stiefel an; er pflegte ja zu tun, als sei er ein Krüppel mu einem Bein. Als er nun aber auf der harten steinigen Landstraße heim­ging, mußte er mit dem bloßen Fuß arg humpeln und ächzen, und es war noch ein weiter Weg bis zum Bahnhof.

Da sah er einen alten Schuh in seinem Weg liegen. Schwupp schlürfte der Drehorgelmann hinein; es fchien ihm ein rechtes Glück, den zu finden.

Wenn ihr einen alten Schuh auf der Straße findet, laßt ihn liegen! Dergleichen wird nämlich oft Don dicken Kulenkrögern ausgelegt, um Gäste einzufangen. Zieht man arglos solches Ding an oder schlüpft nur eben hinein, um es auszuproben, wird rnan's nicht mehr los, Derbrennt vor Durst und muß beim Kulenkröger trinken, bis man keinen Pfennig in der Tasche und keinen Rock mehr am Leibe hat und der böse Alte einem den Schuh selbst wieder abzieht. Nein, der Kulenkröger kennt kein Mitleid; es ist sein bester Verdienst, was auf solche Art zu ihm in die Schenke kommt.

Nun iagte ich schon, unser Drehorgelmann dachte in dem Augenblick nicht daran, er zog ahnungslos den Schuh über. Fast im gleichen Augen­blick meldete sich das Unglück bei ihm. Er schluckte ein paarmal, fuhr mit der Zunge über den (Säumen, feuchtete sich die Lippen und merkte, daß er den ganzen Tag nur eine Flasche Kaffee bei sich gehabt hatte. Oh, was für einen Durst hatte er auf einmal, er legte sich an den Weggraben und wollte Wasser trinken.

Aber dergleichen schmeckt nur wie Salz, wenn jemand einmal des Külenkrögers Schuh gefunden hat; dem Drehorgelmann war nicht mehr zu helfen. Als neben dem Weg eine alte Sandkule ausging und ein Stein sich in den Angeln drehte, glitt der arme Mann schon aus dem neuen Schuh in die klingelnde, bimmelnde, schimmerhelle Gästestube des Külenkrögers hinein, den Drehorgelkasten hoch Norm Bauch und die drei Mücken obendrauf.

Der Kulenkröger ließ ihn ein; er wedelte gegen die Fliegen mit einem alten Kuhfchweif, schloß die Tür rasch wieder und besah sich den Neuen. Er hätte gern einen besseren Fang getan, aber die kleinen Gäste zehren auch, und die Drehorgel als Pfand gefiel dem Dicken ganz gut; unser armer DurstDogel mußte sich setzen. Hockten auch schon zwei Kumpane auf der Bank; da waren der Bauernoogt, der bei den Menschen nidjt mehr zu trinken bekommt, und der alte Uhu aus der Eiche, unter der die Drehorgel tagsüber gespielt hatte. Gleich mußte der Drshorgelmann eine Runde ausgeben, so freuten sich alle, ihn zu sehen.

Ihr könnt euch denken, daß bei solch unholder Trinkerei die Münzen nur so baoonliefen. Der neue Gast sagte ehrlich, daß er bald am Ende sei; der Kulenkröger nahm es jedoch nicht gewichtig, er hatte ja den Drehorgel­kasten als Pfand. Der Uhu bemerkte auch, er sei dem Herrn noch einen ganzen Tag Musikgeld schuldig er sagte es etwas heimtückisch, er hatte kein Auge zutun können. Der Bauernbogt aber schlug Dor, man solle die Zeche zusammentun und dann auswürfeln. Das schien allen am besten; denn jeder hasste, daß der andere Derlöre. Als der Leiermann den Kröger jedoch Dorsichtig fragte, ob er gute Würfel hätte, konnte der seine eigenen nicht finden. Nur der BauernDogt und der Uhu hatten welche bereit. Aber der arme ßeiertaftenmann wußte, daß er mit jenen Würfeln ganz gewiß verlieren würde. Oh, es war eine böfe Gesellschaft, in die er geraten war; er wurde recht traurig.

Hätte der Mann jetzt den Mut gehabt, aufzubrechen, so hätte er Dielleicht noch für sich selbst bezahlen können; er hatte, wie viele seines Gewerbes, gut verdient. Aber et bekam Furcht Dor den drohenden Augen der andern, als er nur nach seinem Hut blickte, und er hatte ja auch den Deputierten Schuh an. Der ließ seine Kehle immer noch wie höllisches Feuer brennen, er mußte ein Glas nach dem andern hindurchlaufen lassen. Verzweifelt zog der Gefangene die Beine an, besah sich den guten Stiefel und den argen Schuh und hätte gar zu gern den Kulenkröger gebeten, ihm das Ding ab­zuziehen. Aber der erriet seine Gedanken wohl und grinste ihn ohne Mit­leid an.

Nun waren auf dem Leierkastentuch drei ungebetene Gäste in die Stube gekommen, die erhoben sich um die Zeit schwirrend aus ihrem Versteck. Dem Uhu machte das nicht Diel aus, der hatte ja die dichten Federn an. Aber der BaueniDogt kratzte sich schon mißmutig einmal ums andere über den Nacken, klatschte zuweilen mit der einen Hand aus die andere und Der» drehte die Augen, wenn sich etwas mit Summen aufhob, längst ehe et seine feuerroten Knöchel erreicht hatte. Das war aber noch gar nichts gegen das Leiden des Külenkrögers. So schlecht Don Herzen er war, so sehr hielt der Alte auf Ordnung. Er hatte keine Fliege, keine Assel in der Stube, Schrank und Schapp waren ohne Wurm. Und wenn er mit der rechten Hand Gäste

in seine Schankstube einließ, hatte er meist den alten Kuhfchweif in der linken, damit keine Motte in die Tür käme. Er hatte auch heute den Seiet» taftenmann über Rock und Hut gewedelt; wie kamen nur die drei bösen Gäste in seine Stube?

Schlimmer noch, der Kulenkröger hatte süßes Blut. Es gibt Leute, denen tut kein fliegend Getier etwas zuleide; sie können Dornt Gewitter angeln und haben nur etwas ferne Musik gehört. Es gibt aber andere, die brauchen am hellen Tag nur ein Blatt zu streifen, unter dem eine Mücke schläft, und das Tier wacht heißhungrig auf und Derläßt sie nicht wieder. Als der Kulenkröger eben drei neue Gläser eingeschenkt hatte, lief fein linkes Auge an es wat gut, daß kein Spiegel int Raum war. Es rächte sich auch, daß er seine Schuhe draußen auf Fang gestellt hatte. Die Strümpfe waten aus guter Wolle, aber er stand immer mit dem einen Fuß auf dem andern, scheuerte die Schulter am Bierzapfen, klappte mit der Hand auf den kahlen Schädel, rieb das Kreuz an der Tischkante und folgte mit blutunterlaufenen Augen den drei Mücken, die es sich doch nur gut fein lassen wollten, wo alles trank.

Der Kulenkröger wat kein Mann, der den Mut Derlot. Et nahm einen alten Lappen und schwappte im schönsten Trinklied plötzlich damit gegen die Lampe ober, platsch, mitten aus ben Tisch zwischen bie brei Gäste. Er brauchte nicht Diel zu erklären; sie wußten alle, warum et es tat. Nur bet arme Leierkastenmann hatte Mitleid; aber er durste bei seiner Zeche nichts mehr einwenden. Traurig besah er noch immer den guten Stiesel und den niederträchtigen Zauberschuh daneben, rieb ein wenig an der Hacke, kitzelte den Uhu unterm Kinn, damit der ihm das Ding auszöge, und schlenderte mit dem bösen Sein; aber niemand hals ihm.

Gerade da fing der Kulenkröger wieder zu kollern an. Er konnte das linke Auge nur noch mit Mühe aushalten. Jetzt hatte er, gerade ehe er mit dem nassen Lappen daran rührte, einen Stich unterm rechten Lid bekommen.

Der Alte war außer sich Dor Zorn. Er sah die Mücken Dergnügt tanzen und folgte mit der flachen Hand der, die es ihm angetan hatte.

Einmal hockte sie oben auf dem Leierkasten. Der Kröger schlug zu, daß sich dem Drehorgelmann das Herz im Leibe umkehrte und alle Register dröhnten. Danach saß die Verfolgte mitten auf dem Tisch zwischen ben Gästen. Langsam kam ber böse Alte näher, blaurot im Gesicht. Er zielte, schlug zu, baß ber Tisch brummte ba war bas Fräulein längst über ihn hingeflogen, tat einen zierlichen Bogen unb saß schon wieder auf bem gleichen Platz. Der Kröger seufzte Dor Zorn; er kühlte bie heiße Hand, ließ die Mücke nicht aus dem Auge, schielte nach einer Fliegenklappe unb sah plötzlich ben schlenkernben Schuh des Leierkastenmannes dicht neben dem hochbeinigen Fräulein. Im gleichen Augenblick hatte er dem Gast den Schuh abgezogen, zielte und schlug zum letztenmal dröhnend nach der Feindin.

Ich sage, zum letztenmal; denn im Augenblick, wo er dem Leierkasten­mann das Zauberding abgezogen hatte, war der wie ein Hase aus den Beinen. Der Kulenkröger bückte sich; er wollte dem Gast rasch den Schuh wieder überschieben. Aber unser Freund hatte mit einem Griff die Dreh­orgel umgehängt, lud sie auf den Bauch, brei heile Gäste obenauf, und fand glücklicherweise die Tür nach draußen. Und so entsetzlich Wirt und Gäste hinterdrein schrien und ihm alles Böse anhingen, er flüchtete schon den Weg nach dem Bahnhos, ein wenig eilig, ein wenig schies und krumm Don den Dielen Getränken, aber glücklich über die gerettete Orgel. Mehr noch, als er recht zusah und alles überlegte und ben Helferinnen banken wollte, lagen brei echte Golbstücke ba, wo bie Fräulein gesessen hatten, im Tuch. Das war wohl zum Dank für bie Musik über Tag.

Der Leierkastenmann hat seitbem noch oft int Walb Dor ber Stadt gespielt, er hat den alten Uhu in der Eiche noch manches Mal geärgert und sich häufig genug über die drei langbeinigen Jungfern gefreut, die um seinen Leierkasten tanzten. Wenn er aber auf dem Heimweg einen alten Schuh im Weg liegen sieht, macht er einen Riefenbogen. Und wenn er an der Sandgrube des Külenkrögers Dorbeitommt wo die ist, will ich lieber nicht sagen zieht er grinsend seinen alten Speckhut. Der Kulen­kröger sieht es wohl, er blinzelt durch eine Ritze nach draußen, ob keine Gäste kommen. Und er ärgert sich blau über den Leierkastenmann, der feine Zeche nicht bezahlt hat; aber er kann ihm ja nicht zu Leibe und hat Dielleicht auch Angst, da könnten wieder drei Ungebetene auf der Dreh­orgel sitzen.

Um Mitternacht.

Von Eduard Mörike.

Gelassen stieg die Nacht ans Land, Lehnt träumend an der Berge Wand; Ihr Auge sieht die goldne Waage nun Der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn. Und kecker rauschen die Quellen heroor. Sie fingen der Mutter, der Nacht ins Ohr Vom Tage, Vom heute gewesenen Tage.

Das uralt alte Schlummerlied Sie achtet's nicht, sie ist es müd'; Ihr klingt des Himmels Bläue süßer noch. Der slücht'gen Stunden gleichgeschwungnes Joch. Doch immer behalten die Quellen das Wort, Es fingen die Wasser im Schlafe noch fort Vom Tage, Vom heute gewesenen Tage.

verantwortlich: Or. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Brühlfche Universitätsdruckerei R. Lange. Gießen.