Ausgabe 
20.8.1937
 
Einzelbild herunterladen

Don den heimlichen Rosen.

Von Christian Morgenstern.

O, wer um alle Rosen wüßte, die rings in stillen Gärten stehn o, wer um alle wüßte, müßte wie int Rausch durchs Leben gehn.

Du brichst hinein mit rauhen Sinnen, als wie ein Wind in einen Wald und wie ein Duft wehst du von hinnen, dir selbst verwandelte Gestalt.

O, wer um alle Rosen wüßte, die rings in stillen Gärten stehn o, wer um alle wüßte, müßte wie im Rausch durchs Leben gehn.

Der Blinde.

Eine Liebesgeschichte von Paul Ernst.

Gegen das Ende des achtzehnten Jahrhunderts lebte in einem Dorf ein armer Korbflechter, ein Witwer, mit seinen beiden erwachsenen Töch­tern. Die Mädchen waren sehr schön gewesen; in einer Pockenepidemie erkrankte die ältere, welche Marie hieß; sie wurde wieder gesund, aber ihr Gesicht war mit Narben bedeckt und hatte alle Farbe verloren, die Augen waren glanzlos; von aller Schönheit war nur das wundervolle kastanien­braune Haar geblieben, das ihr bis an die Kniekehlen ging, wenn sie es kämmte, und auch ihre schöne Stimme hatte sich nicht verändert. Die jüngere, Elise, hatte ihre Schönheit behalten.

Das Häuschen des Korbmachers war das letzte im Dorf. An einem Abend klopfte ein fremder junger Mann und bat um ein Nachtlager. Er erzählte, daß er seit einem Jahr erblindet sei und nun sein Handwerk, er war Schlosser, nicht mehr ausüben könne. Nun sei er seit langer Zeit auf der Wanderschaft, um zu suchen, ob er nicht irgendwo eine Beschäfti­gung finde.

Der Vater verlangte dem bescheiden und anständig wartenden Jüngling seine Ausweispapiere ab. Die Angaben waren richtig. Marien tat der schöne, schlank gewachsene Mann leid, und sie sah den Vater bittend an; der sagte:Wir sind die Letzten im Dorf, so müssen wir Euch wohl be­herbergen. Ihr schlaft aber in der Scheune, wir haben keinen anderen Raum." Der junge Mann dankte herzlich und legte seinen Ranzen ab. Nach dem Abendessen räumten die beiden Mädchen ab, holten ihre Spinn­räder vor und begannen zu spinnen. Der Fremde erzählte von seiner Wan­derschaft, von Menschen, welche er getroffen, auch von feinem früheren Handwerk. Marie hörte bald mit Spinnen auf und fah in das belebte, geistvolle Gesicht des Jünglings, indem sie seinen verständigen Reden lauschte. Gegen halb neun befahl der Vater allen, zu Bette zu gehen.

Am andern Morgen sprach er zu dem Blinden, er habe sich in der Nacht überlegt, daß er vielleicht ein Unterkommen für ihn wisse. Er könne das Korbflechten bei ihm lernen und könne bleiben, so lange er wolle. Das Flech­ten sei eine Arbeit, welche Blinde bewältigen können; und da er noch jung sei und wahrscheinlich noch geschmeidige Finger habe, so könne er bald die feine Arbeit übernehmen, die bei ihm jetzt nicht mehr recht vorwärts wolle.

So blieb denn der junge Mann bei der Familie, in sehr kurzer Zeit hatte er die Handgriffe gelernt, und nach einigen Wochen schon konnte ihm der Alte einen kleinen Lohn auszahlen. Etwa ein Jahr lebten die Leute dergestalt zusammen. Marie hatte sich immer mehr mit dem Ge­hilfen angefreundet, und die beiden hatten schon darüber gesprochen, wie es möglich wäre, daß sie sich heiraten könnten. Der Mann meinte, einen Blinden könne doch kein Mädchen lieben; sie antwortete:Wenn einer ein ordentlicher Mensch ist, und man hat ihn einmal gern, so sieht man darüber fort." Er stellte sie sich als sehr schön vor, indem er sich nach ihrer Stimme und ihren Haaren ein Bild machte, und sprach oft von ihren Augen und ihrer Hautfarbe, und feine größte Freude war, wenn sie ihr Haar auflöste, und er durfte es streicheln. Dann sagte er:Die Stimme und das Haar find deine einzige Schönheit, die ich kenne." Sie sagte nichts gegen seine Vorstellungen und scherzte nur; aber sie mußte sich bei diesem Scherzen oft zwingen, daß sie nicht in Tränen ausbrach. Der Vater bemerkte die Vertraulichkeit der beiden; er nahm seine Tochter mit auf das Feld hinaus und sprach mit ihr, daß der junge Mann ja ein gutes Wesen habe, aus einer ordentlichen Familie sei und tüchtig arbeiten könne, aber was wolle sie denn mit einem Krüppel anfangen! Die Jugend vergeht, und die erste Liebe kann nicht bleiben, da hatte fie denn einen blinden Mann, und wenn dann die Kinder kamen, so war Sorge und Not da. Das ver­ständige Mädchen sah das ein und sprach, daß sie beide das wüßten und sich gesagt hätten, daß sie nicht heiraten könnten, denn sie wollten kein Bettel­volk werden und fremden Leuten zur Last fallen; aber manches Mal, wenn die Dämmerstunde fei, dann wollten sie das alles vergessen und wollten sich vorstellen, das Unglück sei nicht da. Und sie selber wisse ja auch von sich, daß so eine Häßliche, wie sie sei, kein Mann heiraten möge, nur der Blinde habe sich in sie verliebt, weil er eben ihr Gesicht nicht sehen könne. Dabei weinte sie, und der Vater tröstete sie.

Nun wurden damals die ersten Staroperationen gemacht, nicht von eigentlichen Aerzten, sondern von Leuten, welche man gegenwärtig als Kurpfuscher bezeichnen würde. Die beiden Mädchen standen immer am Samstagmarkt in der Stadt mit ihren Körben aus, und weil die Leute von dem Blinden wußten, so erzählten die ihnen, daß ein Mann in die Stadt gekommen sei, welcher den Star stechen könne. Marie ging zu dem Manne hin. Dieser fragte sie nach allem und sagte dann, nach der Be- ichreibung sei der Geliebte allerdings wieder sehend zu machen; und da fie arme Leute seien, so wolle er mcht viel für die Operation verlangen, ober zwanzig Gulden müsse er bekommen. Das Mädchen erschrak über die Höhe der Summe; dann sagte der Mann, daß er nur noch eine Woche in der Stadt bleibe, deshalb müsse sich der Blinde schnell entschließen.

Marie hatte fünfzehn Gulden in ihrer Sparbüchse, und sie wußte,

daß ihr Geliebter zwei Gulden ge-spart hatte. Es seblten alko nodj drei Gulden.

In einer versteckten Straße der Stadt wohnte eine alte Frau, welche die vornehmen Damen in der Dämmerung besuchten. Sie kauften bei ihr Schönheitswasser, Schminke, auch Liebestränke. Marie ging zu der Alten, löste ihr Haar und fragte, ob sie ihr drei Gulden sür das Haar geben wolle. Die Alte schlug die Hände über dem Kopf zusammen über die hohe Summe und bot einen Gulden; Marie ging; auf der Straße wurde sie zurückgcrufen; die Alte zählte ihr in allerhand kleiner Münze die drei Gulden auf. Sie setzte sich auf einen Stuhl, flocht ihre Zöpfe auf, die Alte schnitt das Haar dicht an der Wurzel ab. Marie weinte, tat das Geld in ihre Börse und ging. Ihre Schwester erschrak, wie sie zurückkam; sie legte ihr Schweigen auf und band ein Taschentuch über den Kopf, wie die Arbeiterinnen in den Scheunen beim Dreschen tun. Zu Hause klagte sie über Kopfweh, um das Tuch zu entschuldigen. Am Abend zog sie den Blinden zur Seite.Du mußt mir deine zwei Gulden geben", sagte sie; er ging an den Tischkasten, nahm das Geld aus der Schachtel und gab es ihr. Dann sagte sie ihm, daß er am anderen Tage mit ihr in die Stadt kommen müsse.

Die Schwestern gingen mit ihm zum Starstecher. Der Blinde mußte sich auf einen Stuhl setzen, der Arzt prüfte die Augen, bereitete Verband­zeug vor und gab es Marien mit der Weisung, hinter den Blinden zu treten und ihm nach den Schnitten gleich die Binde umzulegen. Dann siel er auf die Knie und betete, die andern beteten lautlos mit zitternden Lippen sein Gebet mit. Dann erhob er sich, nahm sein Messerchen in die Hand, faßte den Kopf des jungen Mannes mit der Linken und schnitt; der Blinde stieß einen lauten Schrei aus, Marie legte ihm von hinten gleich die Binde um.Ich sehe, ich sehe", schrie er,es war ein Blitz, ich habe dich ganz in Feuer gesehen, Marie." Es war Elise gewesen, die er gesehen hatte. Die drei gingen zurück nach Hause und erzählten dem Vater alles. Er billigte ihr Tun und streichelte liebevoll Mariens Hand. Nie hatte er seine Tochter geliebkost; Marie wunderte sich über die Liebkosung und den trauri­gen Blick des Vaters, aber sie sagte nichts.

In den nächsten Tagen saßen die Liebenden viel beieinander. Der Kranke erzählte immer, wie er Marien im feurigen Glanze gesehen habe, schön wie die heilige Jungfrau. Zuweilen versuchte sie schüchtern, ihn vor­zubereiten, daß er enttäuscht sein werde, wenn er sie sähe. Er lächelte nur aus ihre Reden. Sie sprach von ihrer Krankheit, von den Pockennarben, den erloschenen Augen, daß sie ihr Haar nicht mehr habe. Er lächelte nur still vor sich hin. Nach zehn Tagen durste die Binde abgenommen werden. Wieder saß er auf einem Stuhl; die beiden Schwestern standen vor ihm; der Vater war an seiner Arbeit auf dem Schemel. Langsam, mit zitternden Händen, löste der junge Mann den Knoten, die Binde siel. Er sagte Ah!, stand mit wankenden Knien auf, schritt auf die Mädchen zu und umarmte Elisen. Er hatte Marien gar nicht gesehen. Elise stieß ihn zurück, Marie schrie auf; er sah sich um.Die ist Marie!" tief Elise, indem sie aus die Schwester zeigte. Er bezwang sein Herz, trat auf fie zu, um sie zu küssen! etwas hielt ihn^zurück, er küßte sie auf die Stirn. Sie schüttelte den Kopf und machte sich mit sanfter Bewegung frei.

Du wirst kein Schurke werden an dem Mädchen", rief ihm der Vater zu.Nein!" antwortete er und wollte ihre Hand ergreifen; sie entzog sie ihm und ging weinend aus der Stube. Gegen Abend machte fie ihrer Schwester Vorwürfe.Du hast dein Haar behalten, ich habe es hergegeben. Jetzt nimmst du mir meinen Bräutigam." Elise weinte.Ich habe dich aufgezogen wie eine Mutter, nun vergiltst du es mir so", fuhr Marie fort. Plötzlich weinte auch sie.Du hast ja keine Schuld, er ist auch unschuldig", sagte sie. Dann küßte sie ihre Schwester aus die Stirn, und trotz der Dunkel­heit machte sie sich auf den Weg in die Stadt; sie wttßte eine Familie, welche ein Dienstmädchen suchte; gegen neun Uhr abends kam fie an, klingelte und fragte, ob man sie wolle; sie wurde gleich angenommen; nachdem sie ihren Mietstaler erhalten, kehrte sie nach Hause zurück, wo alle so ängstlich über sie waren, und erzählte, was sie getan. Die andern schwiegen. Dann legte sie die Hand ihrer Schwester in die Hand des geheilten Blinden und sagte:Ich gebe ihn dir. Es würde nut ein Unglück, wenn er mich heiratete."

An Befinden.

Von I. W. von Goethe.

Warum ziehst du mich unwiderstehlich, Ach, in jene Pracht?

War ich guter Junge nicht so selig

In der öden Nacht?

Heimlich in mein Zirnrnerchen verschlossen, Lag im Mondenschein,

Ganz von seinem Schauerlicht umslossen, Und ich dämmert' ein;

Träumte da von vollen goldnen Stunden Ungemischter Lust, Hatte schon dein liebes Bild empfunden Tief in meiner Brust.

Bin ich's noch, den du bei so viel Lichtern An dem Spieltisch hältst?

Oft so unerträglichen Gesichtern

Gegenüber stellst?

Reizender ist mir des Frühlings Blüte Nun nicht auf der Flur:

Wo du, Engel, bist, ist lieb' und Güte, Wo du bist, Natur.