frommen Händen sorglich behütet. Es beleuchtete zwei große Marmorsärge, geziert mit frühem, christlichen Bildschmnck, mit Lamm und Fisch und Kreuz und dem rebentragenden Weinstock, den Sinnbildern aus der Kinderzeit des einst einfach gewesenen Glaubens.
„Es iind die Särge der heiligen Engracia und ihrer Genossinnen im Märtyrertod", flüsterte mir Martina zu.
Das ewige Licht beleuchtete auch uns, und ich sah Martinas süßes Gesicht in einer unsagbar verklärten Schönheit. Nie war sie so schön gewesen, wie geläutert und gereinigt durch all die Sehnsucht und Qual und das Märtyrertum, die ihr um unserer Liebe willen auferlegt worden waren.
Ich atmete auf. Ich glaubte uns gerettet, wir waren in einer anderen Wett, der Lärm des Kampfes war nur ein dumpfes Rumoren über unseren Köpfen. Die Feinde hatten unsere Spur verloren.
„Hast du deinen Talisman?" fragte ich.
Martina zog den blauen Stein an feiner silbernen Kette aus ihrem Nonnengewand und küßte ihn. Dann reichte sie auch mir die kostbare Kapsel, die das Stück von Christi Hemd umschloß, zum Kuß. Und als wären untere Lippen durch diese Berührung von allem entsündigt und neu geweiht, vereinigten sie sich nun selbst zu unserm ersten Kuß seit unserem Wiederfinden. —
Zu unterem letzten!
Stimmen drangen zu uns hinab, Tritte polterten auf der Treppe zu unserem Versteck. Da waren die Feinde wieder, die Hartnäckigkeit ihres Hasses hatte sie geführt.
„Sie find dort unten!" trieb die Pastrana an. „Wir haben fie."
Sie kamen im Dunkeln herab, sie mochten die Fackeln verloren haben, die Träger waren vielleicht gefallen. Sie dursten uns nicht sehen, unsere Rettung lag in der Finsternis.
„Gib acht, Martina", raunte ich der Geliebten zu, „wenn sie hier brinnen find, dann links an der Wand entlang zur Treppe und hinaus."
„Was willst du tun?" fragte Martina.
Ich stand schon auf dem Altar und streckte die Hand nach dem ewigen Licht aus.
„Verlösch das Licht nicht!" schrie Martina aus.
Es war zu spät, ich hatte das Licht schon zwischen meinen Fingern erdrückt. Aber fein letztes Flackern hatte mir noch das Gesicht Miguels gezeigt, der am Treppenende stand und die Pistole nach mir erhob.
Der Schuß krachte fchon ins Dunkel.
Für einen Schützen wie Miguel wäre ich, tote ich mich da auf dem Altar als Ziel bot, selbst in dem sekundenkurzen letzten Lichtschein nicht zu fehlen gewesen. Aber ich fühlte mich nicht getroffen, ich hörte unter mir, dort wo Martina gestanden hatte, einen leisen Aufschrei und dann, als der Widerhall des Schusses verrollt war, ein schwaches Stöhnen.
Ich sprang vom Altar herab, tappte nach Martinas Gestalt und sand sie nicht.
Mein Fuß stieß an einen Körper. Ich wars mich über ihn: „Martina! Martina!"
Sie antwortete nicht, meine Hand tastete in klebrige Feuchtigkeit.
Und nun waren sie über mir, Finger verkrampften sich in mein Haar und rissen mich zurück, mit Fäusten und Knien und Zähnen kämpfte ich gegen die Wuchtenden Körper, die mich niederdrückten.
Da schlug der Donner einer Sprengung in die Finsternis, der Boden hob sich in kurzem Stampfen, Mörtel und Steine fielen. Durch die klaffende Mauer neben mir drang Licht, Menschen wimmelten aus der Mauer, ich sah bayrische Uniformen, Mündungsseuer aus Büchsen, Kolben geschwungen, Bajonette im Stoß.
Ich hatte mich auf die Knie erhoben, das Ringen um mich war zu Ende.
Ein Gesicht beugte sich über mich, ein besorgtes, trauriges Gesicht. Ich erkannte es erst mit einiger Anstrengung. Es war dein Gesicht, mein junger Freund Endeslant.
Und noch ein zweites Gesicht erkannte ich jetzt. Siebold stand neben mir. Er bot mir die Hand. „Zu spät, armer Freund!" sagte er. „Und die Pastrana ist entkommen."
Sie wollten mir helfen, aber ich richtete mich selbst auf.
Tote lagen umher. Fremde Kerle; nahe dem Eingang zur Krypta hatte Martincho eine Kugel empfangen, am Fußende des Sarges der heiligen Engracia lehnte Miguel, genau so wie er damals im Kloster San Jose an der Wand gelehnt hatte. Aber er lächelte mit nicht entgegen, er konnte nicht lächeln, sein Kopf war von einem Kolbenhieb zerfchmettert.
Aber Martina lächelte. Ein kleines, füßes, etwas wehes Lächeln, ein Abschiedslächeln für mich. Aus der Wunde in ihrer Brust wand sich wie ein dünnes Schlänglein das silberne Kettchen ihres Talismans. Die Kugel hatte den blauen Stein, die Kapfel des Heiligtums ins Herz mitgerisfen.
Da wußte ich auf einmal, daß nicht mein unglücklicher Freund Miguel es gewesen war, der sie getötet hatte, sondern ich selbst.
Das ewige Licht über dem Altar in der Krypta des Klosters Santa Engracia war es gewesen, an dem die Wunderkraft ihres Amuletts gehangen hatte.
Und ich selbst hatte dieses Licht verlöscht.
*
Ich habe damals mein Heimatsdorf Fuentedotos wiedergesehen.
Siebold und Endeslant haben mich dahin gebracht. Das Regiment Prinz von Thurn und Taxis lag darin. Es war wie alle Dörfer in der Umgebung von Zaragosfa gründlich ausgeplündert und verbrannt, die Polen hatten das besorgt, die vor den Bayern darin gehaust hatten. Auch das Gehöft meines Vaters war nur ein Wal! von Schutthaufen um einige stinkende Jauchepfützen. Von meinen Brüdern und sonstigen Verwandten wußte niemand etwas. Sie trieben sich wohl in den Wäldern und Bergen herum oder standen in Waffen gegen die Franzosen.
Langsam fand ich mich in der Welt und dem Leben und den äußeren Zusammenhängen zurecht.
Ich erfuhr, daß Siebold meinen Freund Endeslant herbeigeholt hatte. Er hatte die Bayern einen unterirdischen Gang geführt, der das Kloster bei Salvador unter dem Flußbett des Huerva hinweg mit Santa Engracia verband. Sie hatten die vermauerte Tür in die Krypta gesprengt, aber sie waren zu spät gekommen.
Nun ja, sie waren zu spät gekommen, niemand trug Schuld daran als
ich, es war mir wohl so bestimmt. Aber Siebold machte kich Vorwürfe: „Ich hatte kein anderes Mittel, Francesco, alles wie vernagelt, alles im Kreis eurer sichtbaren Ursachen und Wirkungen wie festgebannt. Dem, was ihr das Natürliche nennt, dieser lächerlichen Flachheit, habe ich nicht entkommen können. Das war die furchtbarste Waffe der Singdogmo, daß sie mir alle andern Wege versperrt hat."
Ich hatte es gewußt, daß Siebold auf unsere Rettung bedacht gewesen war, es hatte nicht sein sollen, daß sie gelang, er brauchte darum den Kopf nicht hängen zu lassen.
Der französische Sturm war, nachdem man den Singriff fast bis in die innere Stadt vorgetragen hatte, zuletzt doch noch an der zähen Wut der Verteidigung zerschellt.
Es war Befehl gekommen, die Belagerung einstweilen aufzugeben und erst wieder aufzunehmen, wenn Vorbereitungen getroffen waren, die den Erfolg unzweifelhaft machten. Die Truppen wurden langsam abgezogen. Die deutschen Regimenter, die zur Beobachtung zurückgeblieben waren, folgten als die letzten.
Ich kam mit ihnen nach Madrid, ohne Besorgnis um mein Schicksal.
Wenn man wußte, daß ich gegen die Franzosen gekämpft hatte, so war mir wohl jetzt trotz meines Namens Kriegsgericht und Todesurteil gewiß.
Napoleon hatte die spanischen Armeen hinweggefegt, den Uebergang über die Guaderrama erzwungen und war in Madrid eingezogen. Sein Bruder Joseph folgte ihm einige Tage später und nahm von feiner Hauptstadt wieder Besitz, dieser Stadt der Not, des Hungers und der Krankheit, zu der sie geworden war.
Ich hatte mein Stadthaus gar nicht ausgesucht, ich war außerstande, eine der französischen Uniformen anzusehen, ohne daß mich ein Zittern des Zornes überkam. Die Franzosen versuchten Ordnung zu machen, die Inquisition war wieder aufgehoben und machtlos geworden, ich hatte nichts mehr von ihr zu fürchten. Aber ich wollte nicht anerkennen, was mit den Franzosen Gutes kam, ich wollte nicht gerecht sein. Es war, als hätten die Ereignisse der letzten Zeit nur diesen Zorn gegen die Fremden als einzig lebendiges Gefühl in mit übriggelassen. Ich fürchtete, daß ich fähig war, mich zu Unbefonnenheiten hinreißen zu taffen.
In meinem Landhaus wartete ich ab, was mir verhängt fein würde.
Eines Tages kam eine Einladung des Kaisers, mich zu einem Ordensfest der Ehrenlegion einzufinden. Ich erwiderte mit der Meldung, daß ich erkrankt sei. Ich wollte nicht gefeiert, ich wollte verurteilt fein.
„Laß nur", sagte Siebold, „sie wissen nichts davon, daß du gegen sie gekämpft hast. Oder fie wollen es nicht wissen. Sie wissen nur, daß du in Zaragolsa für die Uebergabe gebrochen hast und daß du dafür von deinen eigenen Leuten beinahe in Stücke gerissen worden bist. Wenn du nicht aus der Straße einen Franzosen niederstichst, so werden sie dir nichts tun." ,
War das nötig, um die Feinde gegen mich aufzubringen, nun gut, das konnte ich ja tun. Hatte ich nicht das Sakrament darauf genommen, einen Franzosen umzubringeu, und hatte nicht vielleicht Saniago Sas doch damit recht gehabt, daß ich damals nicht den rechten Willen in mit gehabt hatte, zu töten? Ich bedachte nicht, daß ich es viel einfacher gehabt hätte, die Rache der Franzosen aus mich herabzuziehen, indem ich offen meine Teilnahme am Kampf bekannte. Aber es scheint, daß mir damals die Fähigkeit folgerichtigen Denkens vollständig abhanden gekommen war.
In solcher Verwirrung befand sich mein Kopf, als mich Josepha auf» suchte. Sie hatte wohl schon längst gewußt, daß ich wieder daheim war, aber sie hatte nicht gewagt, zu kommen, ehe ich sie rief.
Nun hatte ich ihr Nachricht gesandt, und sie kam noch am selben Tag. Sie war verhärmt, mager und alt, eine müde Greisin, aber ihre Augen strahlten Freude. Lange hielt sie meine Hand mit ihren knochigen Fingern fest.
„Glücklich zurück", stammelte fie, „glücklich zurück?"
Sie hatte wohl große Angst um mich gehabt, vielleicht hatte fie mich ganz verloren gegeben. Gott mochte wifsen, welche Gerüchte über mich zu ihr gedrungen waren.
„Du bist in Zaragofsa gewefen?" fragte fie.
Das war wohl durch die Sippe der Goicoecheas überbracht worden, und Josepha bestätigte es mir sogleich, indem sie hinzusügte: „Francesco Javier ist wieder in Madrid. Er hat gute Geschäfte gemacht. Und auch seine Frau ist wieder aus Zaragossa gekommen."
„Sie haben mich nicht sehr freundlich ausgenommen", sagte ich, „wie giftige Spinnen haben sie mich angesehen. Sie mögen von Bayeu schöne Dmge über mich erfahren haben."
Josepha senkte den Kopf: „Mein Bruder ist tot."
Nun erst bemerkte ich, daß sie wieder die Trauermantille trug, das unvermeidliche Kleidungsstück, das sie beim Tod eines jeden unserer Kinder angelegt hatte, diese schwarzen Fledermausflügel des Unheils.
Also Bayeu war tot, dieser Kampfhahn, dieser ewige Nörgler und Widersacher hatte das Feld geräumt. Nun hätte ich ja frohlocken können, daß der Feind meines Herzens und meiner Liebe erledigt war. Aber es siel mir nichts dergleichen ein, denn wo war die irdische Gegenwart dieser Liebe, die er so heftig bekämpft hatte? Und bann: die arme, verhärmte Frau vor mir, die in ihre Mantille hineinschluchzte, tat mir leid.
Also Bayeu war gestorben. Und ich erfuhr, daß er am gleichen Tag und zur selben Stunde gestorben war, da sich vor meinen Augen inmitten des hellen Sonnenscheins seine Fresken mit Schatten bedeckt und versinstert hatten. War das ein Gruß an mich gewesen, trotz aller Feindschaft ein Gruß an mich? Hatte diese Feindschaft vielleicht eine geheime Liebe in sich 0e' borgen, war seine Mißgunst vielleicht nur eine Maske für eine Bewunderung, die er nicht sehen lassen wollte?
Ach, ich wünschte, er hätte sehen können was ich jetzt schuf. Unselig, zerklüftet und innerlich verbrannt, aber empvrgerifsen zu nie vorher erreichter Meisterschaft. Vielleicht hätte ihn das bezwungen, (eine Maske abzulegen und mir zu geben, was er m»r immer verfügt hatte, die Huldigung vor dem Größeren, dem Größten in unserer Kunst.
(Schluß folgt.)


