Ausgabe 
20.8.1937
 
Einzelbild herunterladen

SietzenerZaniilienbliitter

Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger

Jahrgang 1937

Freitag, den 20. August

Nummer 64

GOYA

UND DAS LÖWENGESICHT

ROMAN VON KARL HANS STROBL

19. Fortsetzung.

Eine Rakete der Franzosen war aufgestiegen, eine lodernde Fackel riß eine blutende Wunde in die Dunkelheit.

Und gleich darauf begann im Umkreis der Stadt das Feuer der feind­lichen Geschütze mit einer bisher unbekannten Heftigkeit. Zaragossa hatte die Frist zur Ergebung verstreichen lassen, die Franzosen erneuerten den Sturm gleichzeitig von allen Seiten.

Ich starrte noch wie alle andern empor, da fühlte ich meine Beine von hinten umklammert und mich vom Gerüst herabgezerrt. Und gleich darauf stieß mich jemand vorwärts, zwischen Balken und Latten, hinter das Tuch, das zwischen dem Pflaster und dem Bretterboden des Gerüstes ausge- fpannt war.

Auf die Wälle, alle auf die Wälle!" hörte ich die Stimme des Saniago Sas.

Ich rannte im Dunkeln mit dem Schädel gegen einen Balken, die fran­zösische Rakete war in mein Hirn gesaust und drehte sich zwischen seinen Windungen wie ein irrsinniger Kreisel. Die Bretter über mir dröhnten vom Stampfen und Trampeln laufender Menschen, Wut und Empörung kreischten durcheinander und fegten wie ein Höllenorkan dahin.

Keuchend stand Siebold neben mir:Was ist dir eingefallen, Francesco?"

Ja, was war mir eingefallen? Ich wußte es nicht mehr, was mich plötz­lich überkommen hatte. Ich entsinne mich nur, daß mich Siebold hatte zu­rückhalten wollen und daß ich ihn fortgestoßen hatte, und dann hatte ich vergessen, daß ich auf dem Weg zu Martina gewesen war, und hatte mich und sie durch meine Torheit in Gefahr gebracht.

Ach, Francesco", sagte Siebold,ich sehe, daß sie auch über dich Macht gewonnen hat. Du bist schwach geworden in dir. Jetzt hast du uns die ganze Bande auf den Hals gehetzt."

Ich stand gebückt unter dem Bretterboden des Gerüstes, und das Feuer­werk in meinem Kopf beraubte mich fast der Besinnung, so daß ich nicht antworten konnte.

Nach einer Weile war es über und um uns still geworden. Siebold hob das Tuch der Bespannung und spähte vorsichtig hinaus.Wir sind ihr noch einmal entkommen", wandte er sich zurück,aber nun nimm dich zusammen, jetzt geht es ums letzte."

*

Das Kloster Santa Engracia steht im äußeren Umkreis der Stadt und war gleich dem Kloster San Jose eines der bestbefestigten Bollwerke gegen den Feind. Die Stärke seiner Mauern, der Umstand, daß die Franzosen anfänglich dort keinen ihrer Stürme angesetzt hatten, ließen es geeignet erscheinen, als Lazarett zu dienen, nachdem die anderen Hospitäler im Innern der Stadt längst überfüllt waren.

Aber nun lag es ebenso unter Feuer wie alle anderen Festungswerke. Zwei Minen hatten Lücken in die Doppelwälle gerissen und einen Teil »er Umfassungsmauern zum Einsturz gebracht, in den umliegenden Häusern wurde gekämpft.

Es ist mir nicht in der Erinnerung geblieben, wie es Siebold und mir gelungen ist, bis zu dem Kloster vorzudringen. Das Tosen in meinem Zchädel hatte mir Blick und Gehör zum Teil genommen. Es schwamm mir «lies durcheinander zu einem Wirrwarr von Lärm und seuergefleckter Finsternis. Zuletzt mußten wir uns durch einen Knäuel von Karren drängen, luf denen offenbar die Verwundeten sortgeschafft wurden. Ich sah Schatten »on Menschen laufen, die von einem Flammenwind gejagt schienen, ab und zu flatterten Nonnengewänder vorbei.

Der Schutt einer Bresche bröckelte unter meinen Füßen, ich glaube, ton einer ansehnlichen Höhe fast kopfüber hinabgerutscht zu sein.

Bleib hier!" rief mir Siebold zu,bis sie kommt, dann gleich fort. 8n Diegos Haus. Ich gebe acht."

Er war verschwunden, und ich stand in einem engen Hof allein, umringt tom Getöse des Kampfes. Es kam aus dem Gemäuer um mich, es scholl snterirdflch empor und setzte sich über meinen Kopf fort. Ich sah Männer n französischen Uniformen auf dem flachen Dach des Gebäudes, sie warfen schwarze, schwere Gegenstände durch die Kamine in das Innere des Hauses, rnd jedem Wurf folgte innen ein Krachen und Bersten der Mauern. Aber sw fielen einer nach dem andern, denn über ihnen aus den Galerien und aus ien Fenstern des Glockenturmes blitzten Schüsse, dort schienen sich Spanier festgesetzt zu haben, Stockwerkweise rangen Feinde und Freunde miteinander.

In dem ungeheuerlichen Getöse eines Weltunterganges hatte ich Mar­

tina nicht kommen gehört. Sie stand plötzlich vor mir, das Aufzüngeln einer Flamme in einem hohen Doppelfenster machte fie mir überraschend sichtbar.

Ich riß sie an mich, und sie lag stumm in meinen Armen; während rings um uns alle Dämonen des Krieges losgelassen waren und die französischen Trommeln den Sturmmarsch schlugen, zitterte eine Strähne ihres dunkeln Haares an meiner Wange.

Zu unserem Wiedersehen machte die Vernichtung ihre jauchzende Musik.

Warum bist du nicht gekommen, Francesco?" Martinas erstes Wort war ein Vorwurf, den ich nicht verstand.

Wußte ich denn, wo du bist, Martina?"

Hast du es nicht gewußt? Zwanzig Botschaften habe ich gesendet."' Keine Botschaft habe ich erhalten, Martina!"

Keine Botschaft? Und nun bist du gekommen, da ich dir nicht gehören darf."

Warum nicht? Warum nicht? Ich werde dich in Sicherheit bringen. Der Talisman beschützt dich. Er hat dich bis heute beschützt, ich glaube an ihn, er wird dich weiter beschützen. Der Feind wird geschlagen werden, dann führe ich dich fort."

Mein Talisman vermag nichts gegen das, was du getan hast. Ach, warum hast du es getan, Francesco?"

Was habe ich getan? Was habe ich getan?"

Warum hast du ihn getötet? Mord steht zwischen uns, mein Liebster ...

Wir sprachen uns zum erstenmal nach langer Zeit, und eine ungeheuer­liche Beschuldigung schlug mich nieder und lähmte mich. Wie gebannt konnte ich die Füße nicht regen, ich starrte Martina an und wir verloren Zeit, die Zeit, die uns zum Schicksal wird.

Ach, nein ..." schrie Martina auf,du hast es nicht getan. Mag dis Pastrana sagen, was sie will, es ist kein Mord zwischen uns."

Mit einem Satz sprang Siebold aus dem Dunkel.Fort! Sie kommen."

Noch zögerte ich in unbegreiflicher Benommenheit, unfähig, das Not­wendigste zu erfassen.

Und dann war es zu spät. Gesichter, Fratzen drangen an, Fuentes, die Pastrana, das zahnlose Maul des Martincho, Waffen und Fackeln versperrten den Weg zur Flucht, Krallen streckten sich nach uns aus.

Wohin? Wohin?

Die Lähmung wich aus meinen Gliedern, ich packte Martinas Hand, riß sie mit, eine Treppe empor, Windungen drehten sich um uns, es war die Wendeltreppe zum Glockenturm, die wir blindlings emporrasten. Auf einmal standen wir vor einem brodelnden Abgrund, die Treppe war ab­gerissen, eine der Haubitzgranaten mochte sie zerstört haben. Unter uns in einem Zimmer sahen wir, von Flammen umgeben, verkrallte Kämpfer, die einander abwürgten. Einige Stufen über uns, unerreichbar dem ge­wagtesten Sprung, knieten spanische Schützen, die in den Klumpen hinein- seuerten.

Ich beugte mich über die Brüstung der Wendeltreppe, die Fratzen quollen unten empor, ein Brei von Fratzen, auf verdrehten Hälsen uns zugekehrt.

Sie waren hinter uns her. Inmitten des allgemeinen Gemetzels waren sie darauf aus, uns zu fangen.

Im letzten Augenblick bemerkte ich ein dunkles Loch zur Seite, eine Bresche in der Mauer.Da hinein!" Wir konnten uns gerade hindurch­zwängen, standen irgendwo im Dunkeln, tasteten vorwärts, dann kam durch einen Riß ein blutiges Lichtgerinsel, in dem wir weiterwateten.

Ich hörte das Kreischen der Pastrana:Dort drinnen sind sie!"

Seltsam genug mag es wohl scheinen, daß ich im Grund wenig Furcht empfand. Das Vertrauen auf Martinas einst bespötteltes Amulett war groß genug, um mir einen glücklichen Ausgang gewiß zu machen. Ich sei geführt worden, hatte Siebold gesagt. Ja, ich war geführt und beschützt worden, durch die innige Wunschkraft der Liebe Martinas und diesen Talis­man, durch den wir nicht vereinigt worden waren, um jetzt unseren Feinden zu erliegen. Es beunruhigte mich nicht einmal, daß Siebold nicht bei uns war. Er war irgendwie von uns getrennt worden, aber ich zweifelte nicht, daß er in diesem Augenblick um unsere Rettung bemüht war.

Der Ausweg würde sich uns zeigen, sobald es den guten Mächten gefiel, in deren Händen ich unser Schicksal wußte.

So folgte ich denn blind meiner Eingebung und lief mit Martina durch das zusammenbrechende Kloster, Einsturz und Brand. Minen sprangen auf und rissen Mauern hinweg, Balken krachten neben uns nieder, ich sah eine Stiege, die sich unten in Dunkelheit verlor. Wir ließen uns hinabgleiten, es ging in immer schwärzere Finsternis. Wir fühlten uns mit Händen und Füßen in die Tiefe, bis uns wieder ein sanfter, rötlicher Schimmer ent­gegenglomm.

Es war die Unterkirche, in der wir uns jetzt befanden, die Krypta der Märtyrer. Ein halbes Dutzend gedrungener Säulen stützte das Gewölbe. Ueber dem Altar im Hintergrund brannte ein ewiges Licht; während über uns im Kloster der Kampf tobte und Menschen einander schlachteten, schwamm hier ein kleines stilles Flämmchen ohne zu zittern in rötlicher Glasmuschel, in bescheidener, abseitiger Heiligkeit, seit Jahrhunderten von