Ausgabe 
19.11.1937
 
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Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Brühlsche Universttätsdruckerei «.Lange, Dieben.

Es würde natürlich viel zu weit führen, hier die Kantische Ernennt, nislehre ins einzelne zu verfolgen. Die grundsätzliche Leistung Äa' ts mirh Qßpf mnh( deutlich geworden fein. Es war eine doppelte Leistung. Erstens erbrachte Kant den erschütternden Nachweis, daß wir die.Dinge niemals so erkennen, wie sie sind, sondern nur so, wie sie uns erscheinen, und wie wir sie zu denken vermögen. Zweitens gelangte er auf diesem Wege ganz folgerichtig zu dem sensationellen Satz: Unser Verstand und Witte schreibt der Statur ihre Gesetze vor! Er befreite damit den Menschen von dem Wahn, von irgendwelchen übersinnlichen Wahrheiten oder von den Dingen abhängig zu sein. Er zeigte dem Menschen die Macht und die Grenzen seiner Vernunft und forderte von ihm, danach sein Leben zu sühren. Auch vor den Gottesbeweisen machte dabei Kant nicht Halb Doch keineswegs wollte er mit feiner Kritik an ihnen die Gl au- benswahrheit überhaupt zerstören. Er vollbrachte nur auch hier eine Wendung. Gibt es Gott? Ja, antwortete Kant aber dieses Ja 'ft nicht ein Akt unserer erkennenden, sondern unserer praktischen Vernunst, die ^Wa"r'Kanten Kopernikus des Denkens? Er war es wirklich! Er hotte innerhalb der Anschauungen seiner Zeit, in der seine --Kritik der reinen Vernunft" wie eine Bombe wirkte, etwas ganz Außerordentliches Zuwege gebracht: er hatte den Schwerpunkt der Erkenntnis m den den­kenden Menschen selbst gelegt und ihm damit eine ganze neue Frei­heit Verantwortung und Würde gegeben, nicht nur in geistiger, sondern auch in sittlicher Hinsicht. Auch beim praktischen Handeln ging es ,a Kant darum, die dem moralischen Bewußtsein des Menschen von vornherein gegebenen Grundsätze zu finden.

9 Wie sott der Mensch handeln? Er soll, sagte Kant, unabhängig von Liebe oder Abneigung, unabhängig vom Verholten der anderen oder sonst irgendwelchen äußeren Umständen, unabhängig vom eigenen Nutzen oder Nachteil handeln rein aus der Achtung vor dem Sitten­gesetz Welchem Sittengesetz? Das, so sührte Kant weiter aus, laßt sich nicht so ohne weiteres bestimmen, denn bestimmte man es, dann wurde man ja gerade damit den Menschen seiner besten und höchsten Kraft und Verantwortung, nämlich seiner sittlichen Freiheit, berauben, ihn also gleichsamunmoralisch" machen. Der Mensch hätte dann eine nur ab­geleitete, eine an erfahrungsgemäß- Bedingungen geknüpfte Sittlichkeit, während es sich doch gerade darum handelt, das unbedingt moralische Verhalten zu finden. _ . ,

Ich, so folgerte der große Königsberger, kann dir, dem einzelnen Men­schen, schließlich nur sagen, d a ß du einenguten Witten haben sollst aber worin nun dieser gute Wille besteht, das mußt du, der du >a das moralische Gesetz in dir trägst, selber ausfindig machen. Emen wich- tiqcn Fingerzeig kann ich dir dabei zwar geben. Es ist mein katego­rischer Imperativ der Pflicht:Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung ge en könne!" Aber auch dieser Satz ist eigentlich ohne greifbaren Inhalt, und o bi ft du eben schließlich immer wieder auf deine eigene Vernunft, deine eigene Kraft, deine eigene sittliche Entscheidung gestellt.

Sowohl über die Erkenntnislehre als auch über das Sittengebot Kants ist in der Folgezeit natürlich ungeheuer viel nachgedacht und geschrieben worden, und es befindet sich darunter auch manche kritische Einwendung und manche kluge Ergänzung. Wir stehen auch noch heute in vieler Htm sicht unter dem Einfluß der Kantischen Lehren. In der Tat haben sie I damals in Deutschland einen ganz neuen, schöpferischen Idealismus yer- vorgebracht (man braucht nur an Schiller und Fichte zu denken», 1 haben den Menschen, alles in allem, in eine neue Klarheit über sich lewst und die Welt gesührt und ihn dazu aufgerufen, das Leben im Vertrauen auf die eigene Kraft nach menschlichem Gesetz und menschlicher Beram wortung zu gestalten.

^MAe Menschen "überkommt beim Hören dieser drei berühmten Buch­titel ein gelindes achtungsvolles Grausen, und sie agen td) von vorn- L. nermirtett Aber feine Grundideen lassen sich doch ganz klar verstehen

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9 Ne n sagt Kant das hat man nicht: wir erfahren zwar den Baum vermitteis unserer Sinne, wie ja überhaupt alle unsere Erkenntnis mit her '(Erfahrung anhebt aber darum entspringt das, was wir unsere Er­kenntnisberDinge nennen, doch eben nicht allein aus solcher sinn- liehen Erfahrung. Für einen Hund etwa kommt aus seiner Wahrneh- mnna des Baumes etwas ganz anderes heraus als für den Menschen. Danut wir Menschen unsere Erfahrungen von dem Baum ober oon irgendeinem anderen Ding überhaupt machen können, muffen, sa sagte sich Kant, von vornherein bestimmte Anschauungsformen in ''nferem Se­in nt bereitliegen vermöge derer wir den Dingen von uns aus gewisser mästen vor schreiben, was und wie sie sind. Welche An chauungs- formen meinte^ er damit? Die in uns selbst gelegenen Anschauungs- fnrmen des Raumes und der Zeit, mit denen wir zum Beispiel den Baum in seiner zeitlichen und räumlichen Beschaffenheit ^erfassen und ihn entsprechend den uns gleichfalls von vornherein elgentuiMichen reinen Stämmbegrisfen unseres Denkens, denKategorien", erkennen.

Man nannte ihn denAlleszermalmer", der eine ganze Welt über­lieferter Vorstellungen und Meinungen aus den Angeln gehobenund sie Sangen halte, nach neuen Gesetzen zu kreisen So ohne weitere» wird aber wohl niemand, der einem kleinen, schmächtigen, sehr akkurat nach der Mode des 18. Jahrhunderts gekleideten Mann mit gezogener rechter Schulter damals au einem Spaziergang in Königs­berg begegnete, daraus gekommen sein, es eben mit diesem Alles­zermalmer", dem Genie der Vernunst, dem großen Umwalzer der C kenninis zu tun zu haben. Und auch, wer die Lebensweise dieses Mannes kannte eine Lebensweise mit genauester Tageseinteilung, ohne alle außer­gewöhnlichen Begebnisse, vermochte zunächst einmal nichts Besonderes zu vermuten/ Der Mann machte wirklich nicht den Eindruck eines so ent­scheidenden Bahnbrechers des Geistes.

Saft man freilich mit ihm zu Tisch inmitten eines kleinen Kreises und hörte ihn da in freundlich gelassener, lebendiger Art seine Meinungen äußern, dann wurde es anders. Oft geschah es, baß dieser Mann nach einem Augenblick des Nachdenkens in gebückter Stellung plötzlich den Kops erhob und einen ansah.Mir war es dann immer , Schreibt ein Zeitgenosse,als wenn ich durch dieses blaue atherische Feuer seiner Augen in Minervens inneres Heiligtum blickte. Oder ein anderer. Es war als ob ein ruhiges Licht aus seinen Augen strömte, sich über seine Worte verbreitete und alles um sich erhellte. Auch ben unwissen­den Besucher, den diese Augen anschauten und der die unbestechlich klaren Urteile des Mannes hörte, hätte dann wohl eine Ahnung beschlichen. Man besand sich in dem einfachen, aber gepflegten Haushalt eines der größten Denker aller Zeiten, in der Gesellschaft von Immanuel Kant.

Dieser OJlann hatte im tiefsten auf persönliches Gluck, aus eine Er­füllung im privat Menschlichen verzichtet. Nicht stark und wohl auch nickst seelisch reich genug, um ein großer Denker u n d ein lebendiger Mensch zugleich zu sein, hatte er sich ganz nur für seine »eru ung ent heben, für ein höchst einseitiges und durchaus ereignisloses Dasein im strengen Dienste am Werk. So gut wie gar nichts hat Kant wahrend seiner achtzig Jahre im eigentlichen Sinneerlebt . Auch seine Briefe verraten nur sehr wenig vom Menschen. Sie sind höflich, klug und nüchtern, und es ist im Grunde derselbe Ton in ihnen, ob sie nun von großen erkenntnis- kritischen Fragen handeln oder von der Sorge um die Lieferung von Teltower Rübchen und Regensburger Würstchen. Zeit seines langen Lebens ist Kant ja auch nie aus (einer engeren Heimat hmousgekommen. In Königsberg wurde er am 22. April 1724 geboren; in Königsberg hat er studiert. Dann war er etliche Jahre Hauslehrer in verschiedenen ost- preuhischen Familien. Fünfzehn Jahre lang ist er darauf Privatdozent in Königsberg gewesen, und fchließlich, bis zu seinem Tode am 12. Fe­bruar 1804, ,',Professor der Logik und Metaphysik". Als sich seine Ver­hältnisse besserten, gründete er einen eigenen Haushalt, mit einem ver­heiratetenmännlichen Subjekt", dem langjährigen, nur teilweise er­freuliche» Diener Martin Lampe, der denhochedelgeborenen Herrn Magister" im Sommer und Winter, pünktlich um 5 Uhr morgens wecken mußte.

Pflicht! Du erhabner großer Name, der du nichts Beliebtes, was Einschmeichelung bei sich führt, in dir fassest, sondern Unterwerfung ver­langst ...", so hatte es ja Kant später selbst geschrieben. Er hatte damit die Gesinnung des friderizianischen Preußen, in dem er aufgewachsen war, zum Ausdruck gebracht. Aber es ist Kant persönlich schwer genug geworden, denn der rechten Entfaltung seiner ungeheuren Denkkraft stand immer wieder seine Zwar gesunde, doch zarte Körperkonstitution im Wege und es hat einer eisernen Willenskonzentration bedurft, um so vieles

An e'ne Tote.

Von Joses Weinheber.

Stille Blume, erblaßt unter herbstlichen Sternen, demütig Licht, in den schweigenden Abend verweht: mögen von dir die Liebenden ehrfürchtig lernen!

Nimm uns, da du gegangen, nicht das Gebet, nicht die Geduld zu unsrer endlichen Reife, nun die Erfüllung dir auf erblichener Stirne steht.

Gabst du uns doch, erhoben aus ruheloser Streife, Beispiel genug, auf daß an der Wurzel berührt, in deinem Sterben sich unser Leben begreife.

Nicht, daß du ruhest, von keiner Klage verführt, schmerzt uns Verwirrte, die in der Woge geblieben: (Du bist am Ufer, das allem Leide gebührt.)

Aber wir trauern, daß wir dich nun erst lieben, da wir erkennen, wie du nach sanftem G?bot deine Vollendung schon allen Dingen verschrieben.

Und wir dienen in Schauern: dem Abend, dem Herbste, dem Tod.

©er Mann, der alles forderte.

Von G e o r g F o e r st e r.

Pflicht, Vernunft und Idealismus diese drei Vorstel­lungen hat wohl jeder Deutsche beim Namen Kants. Jeder­mann weiß auch, daß dieser folgenreichste deutsche ybilofopl), dän die ganze Welt kennt, unser Denken sehr lief beeinflußt ja umgewandelt hat. Inwiefern hat er es getan, und welche Bewandtnis hat es nun eigentlich mit seinen Erkenntnissen?