Ausgabe 
19.11.1937
 
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Bauernfriedhof.

Bon Georg Schwarz.

Ein rostig-altes Eisengittcrtor steht offen. Eine Linde wacht davor.

Vergraste Wege irren hin und her. auf Gräbern wächst die Eibe beerenschwer.

Die Hügel sehen alle friedlich aus, in bunten Scherben prunkt ein Wiefenstrauß.

Die Kreuze sind von Holz, schmucklos und braun und schlicht: nur Zahl und Name ist zu schau'n.

Wenn Sonntags von der Kirche Orgelklang herübertönt und schwellender Gesang, schwebt oft ein Falter sanft van Grab zu Grab und läßt sich aus die Blumen still herab, als wollte er die Toten, die da ruhn, ermahnen, aufzustehn und mitzutun.

Doch sie vernehmen himmlischen Gesang. Die Ruh ist gut, und ihre Müh war lang.

Den Leib verwahrt die Erde braun und schwer und Friede ist und Schweigen um sie her.

Poltawa.

Line Erzählung um Karl XII.

Don Karlheinz Holzhaufen.

Viel hat man von dem großen König der Schweden geschrieben. Die einen verherrlichten ihn als glorreichen Helden, die anderen ver­schrien ihn als unbändigen Abenteurer, dessen Kriege ohne Zweck und Sinn nur der Lust am Kriege dienten. Karl XII. von Schweden aber lebt in den Herzen feines Volkes fort. Fragt einen Schweden, wer feine größten Männer gewesen seien. Ihr erhaltet die Antwort: Gustav Adolf, Karl XII. und Gustav Wasa.

Wir lieben an Karl XII. die heldische Art! Er war ein Junge noch, als er den Thron bestieg und gleich zum Schwert griff. Er hieb denen, die das Wort Treue nicht kannten, ein blutiges Mahnmal in die knech­tischen Herzen.

Karl XII. war schmal von Wuchs und zierlich gebaut. Aber zäh war er wie das Hirschleder seines einfachen Wamses, das er gegen den königlichen Purpur eingetauscht hatte. Wie er überhaupt bescheiden lebte und auf seinen Feldzügen wie jeder seiner Krieger mit dem bescheidensten Lager und Essen vorlieb nahm.

Aus seinem Siegeszug durch halb Europa wurde der große König von einem Schatten begleitet. Das war ein deutscher Prinz, Max Emanuel von Württemberg. Die Geschichtsbücher schwelgen ihn tot oder tun ihn mit belanglosen Sätzen ab. Man will nichts von der heldischen Freundschaft des Schwedenkönigs wissen.

Den kleinen Prinzen" nannten sie ihn im schwedischen Lager und liebten den Jungen, der mit vierzehn Jahren zu ihnen gekommen war und nahezu sieben Jahre mit ihnen zog, von Polen noch Sachsen, von Pommern nach Rußland, gegen Zar Peter den Großen, der sein Wort gebrochen hatte und plötzlich gegen Karl XII. aufstand. Und eines Tages steckte das schwedische Heer mitten in den ukrainischen Sümpfen vor Poltawa. Der Befehl des Königs hatte diesen Weg gewiesen. Das Wort des Königs war der Glaube der Soldaten geworden. Oft murrten welche, da sie verschimmeltes Brot essen mußten, da Ujncn dle Uniformen wie Lumpen am Leibe hingen doch wenn der König kam und der Blick seiner ernsten Augen auf ihnen ruhte, war es wie ein stärkendes unb aufrüttelndes Erlebnis. An ihm, dem Mann und Führer, richteten sich die Verzagten wieder auf und glaubten an den Sieg über das russische Heer.

Es waren keine 20 000 Soldaten mehr, mit denen Karl einem über­mächtigen Gegner entgegentreten, den er schlagen wallte. Mit Hundert­tausend lag der Zar auf dem anderen Ufer der Warskla, einem schmalen Fluß, dessen Ufer versumpft waren. Aber er wagte keinen Angriff, er holte nicht zu einem entscheidenden Schlag aus, um das letzte Heer des Schwedenkönigs zu vernichten.

Erst als sie ihm meldeten, daß Karl XII. von einer Kartätschenkugel am Fuß getroffen sei, atmete er auf und setzte seine Heeresmassen in Bewegung.

Und während dieser Eine drüben auf einer Bahre lag und mit zu­sammengebissenen Zähnen zusah, wie sie die Kugel herausschnitten und nicht einen Laut der Klage von sich gab, jagte der Zar auf feinem weißen Zelter zwischen den Heeresmassen auf und ab und zeigte auf Poltawa, die belagerte Stadt, die bisher noch von den Russen gehalten worden war.

Sie hatten den König in die Trümmerhalle eines alten Klosters ge­tragen und feine Bahre nahe an eines der scheibenlasen Fenster gestellt. Bon da hatte der König einen guten Ueberblick über das Schlachtfeld. Er hatte den obersten Befehl an Rehnskjöld gegeben, und die Schlacht war bereits im vollen Gang. Die Infanterie unter Lewenhaupt griff an, und auf dem anderen Flügel sollte Oberst Roß mit feiner Reiterei eine Bresche in die Reihen der Feinde schlagen, in die dann das Fußvolk Nachdringen sollte.

Das Gesicht des Königs war bleich und schmal geroorben. Die Augen brannten rote im Fieber, und die Hände irrten über die Decke. Der Kammerdiener las mit eintöniger Stimme aus dem großen Sagenbuch der Schweden vor, in dem stand, daß sich einst die Volker des Nordens rind Ostens tief in Rußland zu einem letzten entscheidenden Kampf treffen

2lm Fenster lehnte der kleine Prinz und jein Blick hing starr am Antlitz des Königs. Er hatte die Hände auf das Schwert gelegt und seine Lippen zuckten.

Da polterte plötzlich draußen ein Pferd heran und nach kurzer Zeit wurde die Tür aufgerifjen. Taumelnd hielt sich ein Reiter an den Pfosten:König sie fliehen die Russen kommenI" Dann verlor er den Halt und fiel schwer auf die Steine nieder.

Karl XII. hob die Hand und zeigte zum Fenster, dann winkte er den kleinen Prinzen zu sich heran:Axel"

So nannte er den Prinz, wenn sie allein waren, wenn sie viel mit­einander sprachen, von Schweden, von Deutschland

Zögernd kam Max Emanuel heran und trat vor die Bahre hin.

Es ist alles zu Ende Axel meine Schweden fliehen nie wurden wir geschlagen. Es ist alles zu Ende. Keine Klagen ich werde sterben" Der König redete im Fieber, seine Hände tasteten zu dem verwundeten Bein, in dem der Brand fraß, und suhren dann zu dem großen Buch, das der Kammerdiener Huitmann liegengelassen hotte.

Da war es um die Haltung des kleinen Prinzen geschehen. Er sank vor seinem König in die Knie und legte den Kops auf die Bahre. Er­staunt hatte Karl dies gesehen und war befremdet zurückgeroichen, dann strich er dem Prinzen über dos Haar.

Königf Du mußt fliehen!" schrie Lewenhaupt in die Halle.

Jäh riß sich Axel auf und stürmte aus der Hatte, schwang sich draußen auf jein Pferd und ritt dorthin, wo das ärgste Getümmel wogte. Da war sein Reiterregiment, das ihm der König anvertraut hatte.

Während er die fliehenden Schweden um sich sammelte, hoben sie den König auf ein Pferd und jagten dem Dnjepr zu, gefolgt von den Resten des geschlagenen schwedischen Heeres. Der König sprach mit keinem Menschen. Nur als sie ihn aus der Hatte getragen hatten, hatte erSchweden mein Schweden!" gerufen und sich geweigert, zu fliehen. Erst auf das innige Bitten Lewenhaupts und der anderen Offiziere hin hotte er es zugeloffen, daß sie ihn in die Mitte nahmen unv über die Ebene davonritten.

In dichten Scharen umb rängt en die Russen das immer kleiner wer­dende schwedische Häuflein, in deren Mitte der kleine Prinz verzweifelt um sich schlug und wie ein Tobsüchtiger kämpfte. Ein Schlag auf die Schulter betäubte ihn und warf ihn vom Pferd. Da ergaben sich die letzten Schweden und wurden zum russischen Lager gesührt.

Als Axel erwachte, lag er zwischen vielen gefangenen schwedischen Offizieren. Da waren Rehnskjöld und Lewenhaupt, Roh und andere mehr darunter. Auch der ©taatsminifter Piper war In die Hände des Feindes geraten und stand mit spitzem Gesicht an eine Wand gelehnt

Man führte sie in ein großes Zelt, und plötzlich war der Zar der Russen da und rief:Wo ist mein Bruder Karl?!" Als er den kleinen Prinzen sah, stürzte er auf ihn zu und umarmte ihn, da er meinte, den Schwedenkönig vor sich zu haben. Enttäuscht wich er zurück, als sie ihm seinen Irrtum sagten.

Der kleine Prinz Axel wurde einige Tage später von einem schweren Fieber gepackt und wälzte sich in seiner Kerkerzelle in irrem Traum umher.

Zuweilen schrie er und tobte wie ein Wilder gegen die Mauern, daß sich sogar die Wächter vor ihm fürchteten. Als er endlich etwas ruhiger geworden war, schickte Ihm der Zar einen Offizier:Jcy frage dich, ob du ein Regiment in meinem Heer führen willst!"

Mit starren Augen sah Axel den Russen an, bann warf er ihm den irdenen Wasserkrug vor die Füße und fiel in einen neuen Fieberwahn. Das war dem Zaren zu viel, und er schickte einen zweiten Offizier, der dem kleinen Prinzen mit eintöniger Stimme ein Urteil vorlas, das den Tod durch Erschießen bedeutete. Grell lachte der Prinz da auf und schrie:Zu viel der Gnade!"

Mit Gewalt hielt er sich aufrecht, als er den Gang zum Hof des Petersburger Gefängnisses entlanggeführt wurde. Dumpfer Trommel­wirbel hallte auf, und die Soldaten nahmen Ausstellung.

Sie wollten dem Prinzen die Augen verbinden, und als er sich weigerte, taten sie es mit Gewalt.

Das Urteil wurde noch einmal verlesen, dann kam das Kommando: Fertig!"

Mit letzter Kraft riß sich der kleine Prinz auf und rief:Es lebe Schweden es lebe fein großer König!"

Warum schießen sie nicht?! Der Prinz läßt die Hand sinken. Eine Stimme berichtete eintönig: ,Hch, Zar aller Reußen, Peter I., begnadige den Prinzen Emanuel von Württemberg zur Freiheit und Rückkehr in seine Heimat. Karl XII, von Schweden Ist auf der Flucht nach der Türkei gefallen!"

Das war eine Lüge, mit der der Zar den Prinzen zu sich und in eine Dienste zwingen wollte. Aber sie erfüllte ihren Zweck nur schlecht. Der kleine Prinz konnte sie nicht verwinden. Es war aus mit ihm. Das Fieber hatte seine Kraft verzehrt, unb ein paar Tage später, auf dem Wege nach seiner deutschen Heimat, starb der Prinz. Irgendwo in Schle­ien liegt sein Grob.

Er war 21 Jahre alt, als er (eine Treue mit dem Tode bezahlte. Sein König aber. Karl XII., weilte fünf lange Jahre in der Türkei unb ritt bann in zwölf und einem halben Tag von der Türkei nach Stral- und nicht um feinem Land den ersehnten Frieden zu bringen, son­dern um Norwegen in die Knie zu zwingen.

Vor Fredrikshall traf Karl XII. eine Kugel, von der man heute noch nicht weiß, ob sie ein verräterischer Schwede abgegeben hat auf feinen großen König den heldischsten aller Schweden.