vertraute und teure zu erhalten, schien mir doch gut, damit es, mählich dem Hintergrund zurückend, mit Ernst und Ansehen von dort­her schatte. *

Wir also standen an jenem Sommermorgen in dem halbdunklen kleinen Stall, dessen andere Hälfte das Schwein bewohnte, in der glühen- den von Mistgeruch schweren Luft, hinter dem riesigen weißgelben Leib des' Tieres, das eben seine harte Arbeit begann: wir meine noch jugendlich blühende, kluge und tüchtige Schwester, ich, die alte Magd des Generals und er selber, zwei Häupter über uns mit dem weißen 5>aar an die niedrige Decke rührend. Im Halbkreis standen wir still, und nichts als das angstvolle Keuchen des Rindes, ab und an auch em un­bekümmerter Grunzlaut des Schweins war hörbar. Auf einmal dann gackerten die Hennen draußen hell auf. Rufe schollen, junge, heitere Stimmen und Gelächter. Der offenen Stalltür am nächsten sah ich aus flimmerndem Weidengebüfch hellfarbige Kleider schimmern und nun auf dem vom See her führenden Wiesenpfade eine Schar junger Menschen nach und nach in die Morgensonne hervorkommen: halbflugge Jungens und Mädchen, mit Rucksäcken und Faltbooten hinter sich, braun und rot gebrannt an Gesichtern und Armen. Schüler eines unfernen Landschul­heims die ich schon öfter an und auf dem See gesehn hatte. Em paar kamen neugierig näher und fragten; und da sie vernahmen, was vor­ging liefen sie nicht davon. Rein, sie versäumten die Gelegenheit nicht, einem mächtigen Naturgeschehen beizuwohnen und die Beobachtung viel­leicht bei Gelegenheit eines Aufsatzthemas zu verwenden, wenn es hieß: Der Begriff der Größe, angewandt auf die Natur. Ich vermute, daß es erst die hohe Erscheinung des Generals war, die sie still machte. Seins von ihnen ließ jedenfalls mehr als ein Flüsterwort Horen, während sie an der tapferen Not des großen Mitgefchöpfs teilnahmen, dessen Augen und Maul sich im Schmerz verzerrten, dessen gewaltiger Leib sich krümmte, da es mit gutem Verstände, den die Magd rühmte, die notige Mitarbeit leistete. So ging alles rasch und glücklich vonstatten, nach kaum einer Viertelstunde Verlauf lag das Geborene mit allen fertigen Glie­dern wollig und weih und großäugig vor der Mutter, die es mit lan^ leckender rosiger Zunge rundumher selber wusch. Die Jugend brach nach tiefem Ausatmen in hundert Rufe der Bewunderung und Zärtlichkeit aus und löste sich alsbald in das sonnige Freie, mit schweißnassen glücklichen Stirnen, um ein ernstes Erlebnis reicher.

*

Arn kühleren Abend nach dem' glühenden Tage saßen Schwester und ich mit dem General auf der hölzernen Plattform unseres Bootshauses über dem See, in dessen glatter Flut das Gold des Abends zu dunkeln begann und die lichten Sterne erschienen, während wir das freudige Ereignis des Tages mit einer im See gekühlten Flasche vom vortreff­lichen Stachelbeerwein des Generals begingen. Wir sanken aber nach kurzem Gespräch mit unfern Augen und bald allen Sinnen in das feier­liche Schweigen der Landschaft ein, bis das Dunkel sie unfern Blicken entzog, und der hinter uns ausgehende Mond eine entfremdete, dämmer­sanfte statt ihrer erscheinen ließ.

Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit", war die Stimme des alten Herrn halblaut zu hören, mehr für ihn selber, schien es, als für uns. Aber er hatte es doch gesagt, und so wagte ich nach einer Weile die Frage, warum er es sagte.

Er blieb erst wieder still, ehe er etwas unwirsch äußerte:

Diese jungen Menschen ...ich habe mich doch gewundert. Aus mir, aus der Kuh, aus sich selber machten sie nichts Vesonderes; sie nahmen den Vorgang auf."

Und", ergänzte ich,mit Andacht." ,

Wir schwiegen. Der lang vor uns liegende See fing tm Mondlicht zu schimmern an. ..

Wenn aber nun", sprach wieder der General,über euch heutige junge Leute die Neigung kommt? Wie wird es dann fein? Ich sage Neigung; zwei neigen sich gegeneinander über eine Tiefe. Und ihr, die ihr beim Schwimmen und Turnen, Skifahren und Bobfahren, euch durch- und übereinander tummelt am Leibe nichts als Hofe und Hemd, Hemd und Kleidchen, nicht einmal Strümpfe, wenn da keine Grenzen find zwischen euren Körpern kennen eure Seelen noch solche? Ich weiß es nicht; ich frage. Aendert sich wirklich die Zeit? Ist es so, daß ihr viel­leicht so schnell, so übergangslos mit euch fertig werdet, wie ihr vom Leib nur das Kleid streift, um in der Badehose und vom Lande im Wasser zu fein? Denn ihr hattet kein Hemd, sondern die Badehose schon drunter." e-

Und wenn es so wäre", fragte ich dagegen,was wäre damit verloren?"

Der General erwiderte nichts, aber meine Schwester, erst spät und kaum hörbar:Etwas Zartes."

Ihr zuliebe verhielt ich mich eine Weile still, ehe ich sagte:

Aendert die Zeit sich nicht? Wenn du, Onkel, in deiner Jugend bei Nacht heimkamst, suchtest du erst die Streichholzschachtel. Hattest du sie gefunden, so zündetest du eine Kerze an. Bei ihrem Schein konntest du sehn, wo die Lampe stand, und die gab, nachdem du Kuppel und Zylin­der abgenommen und wieder über den entzündeten Docht aufgesetzt hattest, einen milden, aber längst nicht so hellen Schein, wie wenn ich jetzt neben der Tür knipse, und viermal sechzig Kerzen flammen auf einmal auf."

Geschwindigkeit und Verschwendung", sagte der General. Mühelosigkeit und Helle", erwiderte ich.

Schwester rief:Es ist entsetzlich, wenn man es so hört."

Aber fo ist es nicht", rief ich,wie man es hört! Denn eben das eine ist heut, das andre vor vielen Jahren. Die Spanne umfaßt nur ihr Alten, wir Jungen sehen sie gar nicht."

Da nun Schwester grollte:Wir Alten?" begütigte sie der General: Er hat ganz recht. Denn es ist in der Menschenwelt so: Etwas geht immer verloren und etwas wird immer gewonnen. Und nur das Alter spürt den Verlust, den Gewinn nur die Jugend."

8$Uif nun Schwester sarkastisch fragte:Welchen Gewinn?" mußte ich

ohne dies sein dieses Fremde und dieses Zarte und Geheime, me|c Unbekanntheit und diese Dämmerung? Welche Freude könnt ihr nur haben an dem blendend raschen Erhellen, dem zu schnellen Sichfmden, zu frühen Erkennen?" ,

Nun, Luise, wenn du immer ,zu vor die Worte setzest...

,Ach wieviel voller von innigem Leben war es doch das lange langsame Aus- und Zueinanderdümmern, die Unwissenheit und das zag- hafte Ahnen, das immer bangere Sichbegegnen taufend Zauber und ohne Schwüle goldene Reize, wo ist euer Gewinn?"

Ich entgegnete nichts, weil ich sah, daß der alte Mann rasch das Gesicht mit der Hand bedeckte. Auch Schwester nahm es wahr, und sie wagte nach einiger Zeit die behutsame Frage, ob ihm nicht gut [et.

Darauf nahm er die Hand fort und sagte freundlich nur:

Du hast mich erinnert..."

wohl antworten und sagte:Geradheit, Aufrichtigkeit, Unverdecktheit. Keine Schwüle, kein Zwielicht, kein Mondlicht."

Nun, Junge, was tut dir der Mond?"

Onkel, schau über den See hin und die Ufer. Kenntest du sie nicht vom Tage her du würdest sie nicht erkennen. Er täuscht ein Land vor, das es nicht gibt."

Und du möchtest", fing Schwester beinah mitleidig an,wahrhaftig - _ triefes Fremde und dieses Zarte und Geheime, diese

In jener Nacht sprachen wir nicht mehr, sondern brachen bald auf. Aber gegen Ende des folgenden Winters empfing ich durch Luise vom General ein Manuskript, zu dem er mir schrieb, ich könne es verwenden, auch bearbeiten, wenn es mir nötig fcheine, falls ich wie er der Meinung fei, daß es sich Herausstellen ließe als Bild einer getroffen, nicht mehr vorhandenen Zeit. Je-doch bitte, erst wenn er tot fei.

Zu bearbeiten fand ich nichts, als hier und da die Einflechtung einiger tatsächlicher, zur Kenntnis des Lesers nötiger Dinge. Und hier ist es.

Herkunft und Bildung.

Wenn ich jetzt versuche, für dich, Luise, und für dich, Wolfgang, RAe Kinder Kinder einer Hellen, scharfen, kriegerischen Zeit ein Swck Vergangenheit aufzuzeichnen, aus zwei enge zusammenhängenden, ohne einander nicht denkbaren, obschon höchst verschieden gearteten Grlebniifen eines Jugendtages bestehend, so sehe ich, daß ich zu ihrem Verständnis weiter vorn anfangen, also zu den zwei Teilen einen dritten gesellen muß, folgendermaßen: , ,

Mein Großvater Berthold von Krosigk ob chr Kinder euch noch erinnert? war Amtmann und Pächter einer königlichen Domäne zu Lachen im Hannöverschen. Seinen Sohn, der mein Vater wurde, beseelte von Kindheit an die Leidenschaft, Reiteroffizier zu werden, und zwar beim I. hannöverschen, dem nachmals 13. preußischen Regiment der so­genannten Königs-Ulanen, das er vom Schulbesuch in Hannover kannte. Dies zu erreichen, soll nicht leicht gelungen sein; denn das Regiment war feudal aber der Stand seines Dakers als Domänenpachter war bürger­lich und fein Adel fragwürdig. Bei Licht befchen, wußte niemand fo recht, woher er stammte. Es war nicht unwahrfcheinlich, daß ein Bor- fahr sich dasvon" wegen des Namensgleichklangs mit wirklich adligen Krosigks beigelegt und es bestätigt erhalten hatte.

1851 Sekondeleutnant, 1863 zum Rittmeister befördert: tm Jahr Dar­auf 1864, tat mein Vater bei einer Geländeübung einen unglücklichen Stürz mit dem Pferde und starb an den Folgen, drei Monate bevor ich, im Mai des Jahres, zur Welt kam.

Meine Mutter, fo zarten Leibes sie war, ertrug diesen verfrühten Tod eines über alles geliebten Mannes mit starkem Geist und mit un- geheurer Fassung wegen des neuen Ledens in ihr, so daß weder sie noch es Schaden nahmen. Dennoch muß es über ihre eigentliche Kraft gegangen fein. Denn wenn sie auch körperlich und geistig gesund blieb, so daß sie ein hohes Alter erreichte: an einer Stelle ihres Inneren verkehrte und verhärtete es sich in der Weife, daß sie an das abge­brochene Leben meines Vaters das meine knüpfte und defchloh, ich muffe genau das werden, was mein Vater gewesen und was er nicht ge­worden war; also Ulanenoffizier zuerst und später das Höchste m der Armee Brigadekommandeur, vielleicht Generalinspekteur eines Korps, vielleicht einfach Moltke. In diesen Traum eingewoben, hatte für sie der Untergang des hannöverschen Königreichs keine Bedeutung; die Königs- Ulanen (wenn sie auch damals noch nicht fo hießen) blieben, was sie waren, blau mit weißen Aufschlägen; und zudem stammte sie selber aus einem alten märkischen Geschlecht. So fiel es chr auch nicht schwer, das schon zur Hälfte preußische Blut ihres Sohnes mit preußischem Geist zu ergänzen. ~ m . ..

Sie erdichtete also ein ungelebtes Leben meines Vaters das NY zu erfüllen hatte bis zur immer häufigeren Vertauschung meines Namens Oswaw mit seinem Namen Hasso. Und wie sie schon früh von meiner Zukunft mit mir sprach, tat sie es in einer nachtwandlerischen Unirrbarteit, die mich die ersten Male beklemmte später dann ahnen, später erkennen lieh, daß ihr Geist auf dieser Seite in Nacht war.

Ich sage euch das, weil es leicht hätte zu Unglück führen können wie alles krank Ueberfpannte und weil es wirklich über mich eine Pein vieler schöner Lebensjahre verhängte. Denn es führte zunächst dazu, daß sie mit mir und meiner um fünf Jahre älteren Schwester in der Stadt blieb, damit ich dort das Gymnasium wie mein Vater besuchte. Sie hätte bei den Ihren ober bei meinem Großvater leichter leben können; nun muhte sie sich bis zur Dürftigkeit einschränken. M" Witwenrente war gering; ihre Eltern konnten fast nichts, ihr Schwieger­vater nur wenig geben; denn die Domäne trug nicht allzuviel ~~ 'n Anbetracht, dah elf Geschwister meines Vaters noch lebten. Sie aber sparte noch zu einem Zufchuh für mich als Offizier, und sie z»4 mich also durch eine Jugendzeit der Dürftigkeit zu einem Leben der EM- behrung. Doch aber dachte und lebte sie nur für mich. Meine Schwester muhte sich abfinden und tat es auch, indem sie die ihr gelassene yretijen entschlossen dazu brauchte, möglichst bald und ferne nach Süden zu heiraten, und ward fo eure gute Mutter.

(Fortsetzung folgt.)