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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1957 Hreitag, den ^9. November Nummer 90
Der General
Von Albrecht Schaeffer
Copyright 1934 by Rütten und Loentng Verlag, Potsdam
Auftakt und Bildnis.
Der Anlaß zur nachfolgenden Erzählung war der, daß „der General", fo lang er war — nämlich über zwei Meter —, zu meiner Schwester igelaufen kam, weil seine Kuh kalbte, seine einzige, eine Pinzgauer Kostbarkeit. Sie hieß Ariadne.
Schwester bewirtschaftete damals, nach dem Tode ihres Mannes, «allein den schönen, auf der westlichen Höhe über dem bayrischen Simssee gelegenen Bauernhof, den sie geerbt hatte. Ihr Mann war zwar von Beruf Maler, aber ein Bauernsohn — ein Glück für sie und ihn in einer Zeit, wo die schönen Künste zu darben haben. Ich war ihr Feriengast.
Der General war unser Onkel. Unsere ganze Gegend am See nannte ihn so: General. Einst war er Premierleutnant in einem preußischen Ulanenregiment, nahm aber den Abschied und machte den Burenkrieg init, der 1899 begann, und aus dem er im Jahre 1902 ohne feine linke Sjanb zurllckkehrte. Dieser Verlust hinderte ihn indes nicht, wenig später □1s Instruktor in die bulgarische Armee einzutreten, die er erst nach beendetem Balkankrieg mit dem Range eines Generals (wie die Titulatur Dort vom Brigadekommandeur aufwärts kurzweg lautet) wieder verließ.
Das war 1913. Er legte die in jenen Feldzügen gemachten Erfahrungen in einer Schrift nieder, die er betitelte: „Die Tschataldschalinie, eine Mahnung für Europa". Aber auch seine Beobachtungen des Russisch- Japanischen Krieges wurden in diese Schrift einbezogen, mit der er sich nn preußischen Heere indes nicht lauter Freunde gewann. Im bald darauf misbrechenden Weltkrieg verhallte ihre Stimme ganz — obwohl sie anderseits durch ihn gerechtfertigt wurde. Denn sie gipfelte in der Mahnung an die europäischen Rationen, daß kaum ein Preis hoch genug l’ein dürfte, um einen Krieg der großen Mächte zu vermeiden, dessen Opfer ungeheuerlich sein würden, dessen Entscheidung aber auf keinem Schlachtfelde erfochten werden könne.
Seine mit unzähligen Beispielen aus der Geschichte der Völker belegte Ansicht war die: daß in Jahrtausenden des kriegerischen Geschehens die Kriegskunst keine wesentliche Aenderung erfahren habe — die erheblichste Dagegen die Mittel der Kriegführung, Umfang und Bewaffnung der Heere. Und er zog aus diesen beiden, für ihn unwiderleglichen Tatsachen Den besagten Schluß: daß der europäische Raum nicht ausreiche, um mit den Mitteln der neuen Armeen und der alten Kunst eine Feld- >chlachi siegreich zu enden.
Sein Beweis dieser Theorie war die Schlacht an der Marne. Die Kölker hatten, unbekümmert freilich um die einsame kleine Verlautung Mnes für fie Namenlosen, das Schicksalsgesetz, nach dem sie angetreten waren, erfüllt. Er hatte sie nicht belehren und retten können und hielt äch nun grollend zurück, zumal ihm ein Plast, wie er ihn beanspruchen durfte, infolge der Tendenzen seiner Schrift nicht geboten wurde. Doch betätigte er sich im Sanitätswesen, und das furchtbare Eintreffen seiner Korherfagungen stimmte ihn zuletzt wohl versöhnlich — womit ich sagen will, daß sein während der Kriegsjahre fast verdüsterter Geist seine ur- ipriingliche Klarheit und Milde wiedergewann. Wenigstens fand ich ihn
als Schwester und ich ihn näher kennenlernten — früher hatten wir ihn ja kaum gesehen —, da er sie kurz nach ihres Mannes Tod besuchte, «Iber auf der Suche nach einem sonnigen kleinen Erdenplatz für das Snbc seiner Tage.
Sein erheiratetes Vermögen — ursprünglich ein Gut, bas er nach lern Tode feiner Frau, als er zu den Buren ging, seinem Schwager ''erkaufte — hatte er fast ohne Rest verloren. Auf seine bulgarische Ge- neralspenfion verzichtete er gleich nach dem Ausscheiden dieser Nation us dem Krieg, die er übrigens nur bemitleidete, weil er sie als tüchtig nb schlicht, preußenähnlich kennengelernt hatte. So hatte er weiter nichts Is seine preußische Leutnantspension, seine Erfahrungen und die volle öenbliche Zufriedenheit, daß es für ihn genug war. Im öommer 1)24 egte er [ein weniges Erspartes im Erwerb eines kleinen Hofes an, uier hohen alten Eschen, meiner Schwester zu Füßen, wie er ritterlich 39*e, dicht an der Südspiste des langhin nach Norden gestreckten Sees, '°r ihm mit seinen fast unbesiedelten Ufern, in der Weite des Alpen- i°rlanbes sehr gefiel. Von der Landwirtschaft verstand er aus Jugend- uhren genug, um meine Schwester beraten zu können. ®r felber vergeb sich die Zeit im Sommer mit der Zucht von Rosen, Dahlien und -delobst, mästete auch ein Schwein, hielt Hühner, Enten — dazu die ^uh was alles nebst einem kleinen Gemüseacker ihn mit seiner alten Aagb eben ernährte. Im Winter schrieb er an seinem Werk über Die
Kriegskunst von Marathon bis zur Marne. Vor einem Jahr ist er acht» undsechzigjährig zu unserm großen Kummer gestorben.
Der General war zwei Meter und einige Zentimeter hoch und sehr hager, aufrecht bis in seine Sterbestunde. In einer langen, schwarzen Lodenpelerine, die er außer in der wärmsten Jahreszeit vorwiegend trug, eine weithin fabelhafte Erscheinung, wenn er über die Höhen am See wandelte, und Ehrfurcht gebietend aus der Nähe. Sein Heines, immer sauber rasiertes, faltig hageres Gesicht war erdbraun in einem Kranz weißer Haare, die er sommers und winters barhaupt trug. Mein Erstaunen erregte immer wieder seine Stirn, die eine fast vollkommene Halbkugel war, glatt wie Bein und braun wie schön angerautster Meerschaum. Unter ihr ruhten zwei große blaue Augen von so leuchtender stiller Milbe, daß sie kaum zu ertragen war und einem den Atem verschlug, wenn sie sich unverhosft aus ihrer Höhe senkte. Seine Oberlippe war lang, mehr zum Schweigen gebraucht als zum Reden.
Er war ein Feldherr, der nie eine Schlacht geführt hatte. Er hatte im Leben nichts gewonnen als eine Erkenntnis und hatte fie ausgesprochen mit der Geradheit und Gewissenhaftigkeit seines niedersächsischen Stammes, obwohl sie niemand willkommen war, am wenigsten ihm felber.
Ich erinnere noch gut fein letztes monologisches Gespräch mit uns, da wir die Rede aus die Möglichkeit eines neuen Krieges — wegen der Unmöglichkeit des vorhandenen Friedens — gebracht hatten; und er sagte: „Bei Kunaxa war es so — wie es immer bis heute war: linker Flügel, rechter Flügel und Zentrum. Denn eine Armee ist von Gott fixiert wie ein Mensch — Rumpf und die beiden Arme. Auf dem rechten Flügel siegte Klearchos mit den Griechen — wie Kluck — so weit, daß zwischen ihm und dem weichenden Zentrum, wo Kyros fiel, kein Gott mehr eine Verbindung Herstellen konnte. Schliessens letztes Wort war: Macht mir den rechten Flügel stark! — und was haben sie getan? Sie haben ihn zu stark gemacht, und die Folge war — wie bei Kunaxa."
Nun fragte meine Schwester nach Schlieffens Plan und — nachdem sie ihn kurz erklärt bekommen — ob dieser Plan wirklich der beste gewesen sei. Daraus sagte er trübe:
„Die besten Pläye sind nur ein unvermeidbares Uebel. Schlieffens Plan war der beste — aber nur für Schlieffen. Denn daß ein Feldherr den Plan eines anderen übernimmt, ist so menschenunmöglich, wie daß ein Mann die Liebe eines anderen Mannes übernähme. Ader", fuhr er erregter fort, „mit den Plänen ist heute weniger getan als je. Friedrich ober Napoleon machten vielleicht auch Pläne, aber bann machten sie so viel Fehler, bis sie nicht mehr wußten, wo ihnen ber Kopf ftanb. Durch Fehlerlosigkeit siegten sie nicht, fonbern den Sieg erfocht ihre große Natur mit dem Geist ihrer Truppe. Heute aber ist es so gemorben, baß ein einziger und geringster Fehler unabsehbar sich auswirkt; denn die Massen von heute sind nach Plänen nicht mehr zu regeln."
Zweifelnd und leise wiederholte meine Schwester:
„Eine große Natur..."
„Ja", sagte er blau aufleuchtend, „eine große Natur, die immer nur sein kann, wenn die des Volkes in der sieghaften Schwingung ist: im Steigen. Da kommt mir", fuhr er fort, „gleich einer in den Sinn, der mir oon jeher besonders lieb war, obwohl sein Name unter den großen Heerführern kaum genannt wird — der Engländer Cromwell Seine Nation hat ihm noch immer nicht verziehn, daß er aus dem geraden Entwicklungsgleis eine große Kurve hinausfuhr. Und doch war sein Geist zu seiner Stunde ganz eins mit dem Geiste Englands. Darum brauchte er keinen Plan; er hatte nur eine Idee, die freilich — bei Licht betrachtet — nichts anderes war als er selbst. Ich habe", schloß er leicht lachend, „als Sekundaner einen Aufsatz darüber verfaßt, den ich, glaub ich, noch besitze."
„Und was war seine Idee?" fragte ich; er versetzte: „Angriff. Dieses war sie zuerst. Und in der Ausführung war sie bann weiter: Eingreifen rechter ober linker Hand mit allem Elan, den Feind schlagen — aber nur bis zum vollen Erfolg. Dann sich ablösen voll seiner Flucht und rechts ober links gewanbt einhauen aufs feindliche Zentrum. Letztlich aber, nach erfochtenem Sieg: nicht abtaffen, nicht ablaffen, nicht ablaffen — bis zum letzten Hauch der Verfolgung. Mit solchen Flügelschlägen erhob sich Englands Stern, der schon fast am Erlöschen war — aber wir? Nun", schloß er sich sammelnd, „sind wir untergegangen, so können wir immer noch wieder aufgehn. Die große Sonne tut es ja auch."
Den erwähnten Aufsatz, die Drei-Tage-Schlacht bei Preston behan- belnd, sand ich im Nachlaß des Generals. Er trägt den roten Vermerk: „Eine musterhaft klare Arbeit, bis auf die Orthographie. Warum fo nicht immer?"
Auch davon werben wir etwas hören. Ich muß aber sehr um Entschuldigung bitten, wenn auf den folgenden Blättern — zunächst eine Kuh und auch später ganz andere Dinge erscheinen werden und ein ganz anderer Mensch als der General — nämlich ein Bild feiner Jugend. Das Bild feines Alters davorzustellen — und auf diese Weise das mir


