Ausgabe 
19.7.1937
 
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daß alle unsere Taten, sogar unsere Worte, sa selbst das nur Gedachte Körper annehmen und uns umgeben, begleiten und an entscheidenden Punkten unseres Daseins aus uns Einsluß nehmen. Aber hast du nicht auch Mächte ins Leben gerufen, die sich allem Düsteren und Unheil­vollen entgegenstellen? Deine Kunst: Francesco ...I"

War das, was er da sagte, nicht ganz ähnlich dem, was Siebold schon gesagt hatte, ja vielleicht dasselbe? Ich wollte entgegnen aber da entstand ein Geräusch an der Tür, der Schlussel kreischte im Schloß, und dann schob Siebold einen Kapuziner vor sich her in die Zelle.

fierr Graf", sagte er schwer atmend,wir haben angenommen, daß" Ihnen geistlicher Beistand nicht unwillkommen sein wird, und haben den frommen Bruder Barnabas geholt, um Sie mit Gott zu versöhnen." , .. .,

Der Bruder Barnabas stand regungslos an der Stelle, auf die ihn Siebold geschoben hatte. Ein Strick umgürtete seine Kutte, die Kapuze war tief ins Gesicht gezogen, so daß seine Züge unkenntlich im Dunkel lagen Er stand wie ein Steinbild, leblos, nicht einmal em Atmen scbien seine Brust zu heben, er wartete wohl, bis wir die Zelle ver­lassen hatten, um mit seinem frommen Zuspruch zu beginnen.

Miguel richtete seinen Blick auf ihn und dann aus Siebold.Ich wäre wohl mit Gott auch so zurechtgekommen", sagte er nut milder Ueberlegenheit,aber da der Bruder Barnabas nun einmal da ist, so soll er mir willkommen sein." m

Es bleibt Ihnen eine Viertelstunde Zeit, Herr Graf , sagte Sie- bold mit rauher Stimme und etwas schwerer Zunge.

Ja, die Zeit, die Zeit das Schicksal Zeit", lächelte mir Miguel zu, als wir hinausgingen. . v ,, .. ,

Draußen auf dem Hof faßte ich Siebolds Arm und riß ihn herum. Siebold, was wird geschehen?"

Fuentes muß hingerichtet werden. Zum Schein: verstehst du? Es ging nicht mehr anders. Endeslant muß seine Pflicht getan haben.

Um Gottes willen, was wird geschehen?" bedrängte ich ihn.

Er gab mir keine Antwort. Er hörte mich wohl gar nicht. Wir waren an einer Säule angelangt, die mitten im Hof stand, einem Schandpfahl vielleicht, oder einem Stein, an dem Geißelungen der Mönche stattgefunden haben mochten. Siebold hatte sich an die Säule gelehnt und war in dieser Stellung erstarrt. Sein Kops war scharf nach hinten abgebogen und dem Himmel zugewendet, auf dem ein blasser Mondschein durch Wolken glitt. Er hatte die Augen geschlossen, und sein Gesicht war das einer Leiche. Wenn nicht bisweilen das Zit­tern eines Krampfes durch seinen Körper geflossen wäre, so hätte man meinen können, er sei da, an diese Säule gelehnt, gestorben.

Gebannt von diesem fürchterlichen Anblick stand ich selbst wie ge­lähmt, und die Zeit um mich schien zu einem zähen Brei geronnen, m dem mein Körper wie in einer schweren Masse steckte, so daß mir das Jagen des Blutes in meinen Adern schmerzhaft gehemmt erschien.

Stimmen, Klirren von Waffen und Fackellicht stießen meine Be­täubung fort. Eine Halbkompanie der bayrischen Chevauxlegers kam über den Hof. Mit Endeslant schritten der Generalauditor und die drei Beisitzer des Kriegsgerichtes, ein General, ein Hauptmann und ein Ge­meiner voran, der Profoh und sein Gehilfe folgten.

Die Halbkompanie nahm vor dem Klostergebäude Stellung, die Offi­ziere traten ein. Ich wandle mich nach dem Doktor um. Er war an der Säule halb zusammengesunken, völlig erschöpft und schweißüber- strömt, aber die Augen waren übernatürlich groß offen, und um seine Lippen zuckte ein dünnes Lächeln. Es hing wie zwei kleine Nattern an seinem Mund.

Sei tapfer, Francesco", sagte er, indem er sich aufrichtete,nimm dich zusammen. Er ist gerettet."

Für eine Sekunde durchfuhr mich der Gedanke, Siebold könnte irr­sinnig geworden sein. Wie konnte Fuentes gerettet werden, da jetzt die Hinrichtungskommission mit Fuentes in den Hof kam, da Miguel jetzt von den Soldaten in die Mitte genommen wurde und der Zug sich in Bewegung setzte, zu einem Weg, der gar nicht anders als mit Fuentes Hinrichtung enden konnte.

Ich fühlte, wie eine dunkle Macht in mir wuchs und wuchs und immer mehr von mir Besitz ergriff. Gewiß ,p>ar dieses schwarze Un­getüm, das da in mir emporkroch, nichts anderes als die Verzweif- lung, und gewiß trübte sie mir Urteil und Besonnenheit so sehr, daß ich nicht weit davon war, etwas Törichtes und Nutzloses zu begehen. Ich konnte doch nicht ruhig mit ansehen, wie Miguel da zum Tod ge­führt wurde? Trotz des Gleichmutes, den er mir gezeigt hatte wohl ebensosehr zu meinem Trost wie zu seiner Selbstbehauptung muhte er doch die bitterste Enttäuschung an mir ins Unbekannte mit hinüber- nehmen.

Gleichzeitig aber rüttelte eine zornige Empörung an mir, die sich gegen Siebold richtete. Was hatte er da immerfort von Rettung ge­faselt, hatte mir zuversichtliche Hoffnung gegeben, daß er Miguel würde befreien können? Warum hatte er meine Mitwirkung ausgeschaltet, als könne er alles allein machen? Warum hatte er mich in Sicherheit ge­wiegt, wenn fein Plan auf so schwachen Füßen stand, daß ihn ein unbedeutender zufälliger Umstand, wie der Wechsel der Wachmannschaft, über den Haufen werfen konnte? Hätte er nicht mit allen Möglich­keiten auch diese schon vorher erwägen und gegen sie Vorsorgen müssen?

Wenn Siebold aber in einem vollkommen zuverlässigen Bescheid wußte, so war es in seinem Wissen um meinen Seelenzustand. Er merkte wohl auch diesmal, was in mir vorging, er erriet, daß ich un­mittelbar vor einem Ausbruch stand, der die ganze Lage nur ver­schlimmern konnte.

Plötzlich packte er meinen Arm mit hartem Griff.Halt einen Augenblick still!" raunte er mir zu. Er schob mir rasch den Aermel des Rockes bis zum Ellenbogen zurück, und ich verspürte einen kleinen, jähen Schmerz wie von einem Nadelstich. Siebold hatte mir eine winzige Spritze mit der nabelfeinen Spitze ins Fleisch gerannt und drückte nun den Kolben nieder. Sogleich verspürte ich eine angenehme

ihr wollt", sagte der Doktor,aber ich glaube, es gehört nicht zum Dienst, einem zum Tod Verurteilten die Tröstungen der Religion oor- zuenthalten. Im übrigen ist auch einem Geistlichen der Zutritt zu Fuentes

Endeslant überlas den Befehl noch einmal. Ja, da stand - was er vorher übersehen haben mochte daß auch ein Geistlicher zuzulaßen fei.

Ich will selbst rasch einen Bruder holen", sagte Siebold,Francesco mag indessen zu Fuentes vorausgehen, er wird noch vieles mit ihm zu sprechen haben."

Endeslant selbst sührte mich zu Fuentes.

Wir überschritten einen Hof und im gegenüberliegenden Flügel des Kkostergebäudes wanderten wir durch ein Labyrinth von feuchten Gangen, bis wir zuletzt etwa ein Stockwerk tief hinabstiegen. Hier lag eine Reihe von Zellen nebeneinander, in denen vielleicht einmal unbotmäßige Mönche ihre Strafe abgebüht hatten. Bon Zeit zu Zeit waren wir an Posten vorbeigekommen, und zwei vierfchrötige Bayern an einer der Zellentüren ließen mich erraten, daß wir am Ziel waren.

Ich bitte Sie, es nicht mir anzurechnen", sagte Endeslant gedruckt, indem er stehenblieb und meine Hand faßte.Sie dürfen mir glauben, daß mir in meinem Leben wenig so Schreckliches begegnet ist, als diese überslüsstge Grausamkeit vollstrecken zu müssen. Wenn es nach mir ginge, so ließe ich Fuentes frei, schon deshalb, weil er Ihr Freund ist. Nun, es ist Ihnen wenigstens vergönnt, ihm das Letzte zu erleichtern."

Ich drückte Endeslants Hand, der Schließer, ein Franzose, öffnete und ließ mich ein. Die Zelle war kahl und eng, die spitzen Gewölbe bogen sich schwer herab auf den Mann, der an einem winzigen Tischchen sah und beim Licht zweier schon tief herabgebrannter Kerzen schrieb.

Fuentas stand auf.Ich habe gewußt, daß du kommen würdest."

Wir umarmten einander, und ich will nicht verhehlen, daß mir das Kerzenlicht zu einem Flimmern auseinanderfloß. Fuentes mochte meine Tränen auf feiner Wange gespürt haben, denn er klopfte mir begütigend den Rücken.Ja, alter Freund", wiederholte er,ich habe gewußt, daß du kommen würdest." Er wies nach dem mit Briefen bedeckten Tischchen. Du siehst, ich habe an alle geschrieben, nur nicht an dich, weil ich es wußte daß ich dich noch sprechen würde."

Wir haben dich retten wollen, Miguel", flüsterte ich,Siebold hatte einen Plan. Nun ist etwas dazwischen gekommen. Ich weiß nicht, ob es noch gelingen wird."

Mein Freund Fuentes war um einige Jahre jünger als ich, aber er ah wohl älter aus. Vielleicht war er in der letzten Zeit rascher gealtert, ler Kummer über das Schicksal Spaniens, das zermalmende Erlebnis einer Gefangennahme und Verurteilung mochten feine Kraft verzehrt haben. Aber er war dabei fo gefaßt und beinahe heiter, daß ich mich selbst an ihm ausrichtete.

Nein", sagte er kopfschüttelnd,ich habe abgeschlossen, und ich will nicht, daß ihr euch meinetwegen in Gefahr bringt. Ich bin den Fran­zosen ein zu bedrohlicher Gegner. Es ist natürlich ein vollkommener Un­sinn, wenn fie-mir zur Last legen, ich hätte eine Verschwörung gegen das Leben Murats auf dem Gewißen." Er lachte ein wenig auf.Dazu ist öiefer Murat wahrhaftig etwas zu unbedeutend."

Ich war bei ihm, aber er hat nichts von Gnade wißen wollen. Und weil er weiß, daß Joseph auf dem Weg nach Madrid ist, hat er sich beeilt"

Ich wollte sagen: deine Hinrichtung vollziehen zu lassen, aber meine Stimme verweigerte sich dem Wort.

Ader Miguel vollendete, mir mit hellem, wachen Blick in die Augen schauend:... meine Hinrichtung vollziehen zu lassen. Ja, ich kann mir denken, daß sich Joseph die Spanier wird gewinnen wollen und daß sein erstes eine Begnadigung aller politischen Verbrecher fein wird. Darum beeilt sich Murat, mich noch vorher aus dem Weg zu räumen. Ja, die Zeit ... die Zeit, Francesco. Ein paar Tage auf oder ab entscheiden ein Schicksal. Wenn wir vorn Schicksal sprechen, so könnten wir ebensogut sagen: die Zeit. Darin ist alles beschlossen. Hast du schon einmal darüber nachgedacht?"

Mein Freund Miguel war seit jeher ein wenig Philosoph gewesen. Ich aber hatte immer etwas geringschätzig auf die Gewohnheit herab- gesehen, Menschen, Dinge und Ereignisse mit der Hefe des Gedankens zu versetzen, bis sie wie ein Kuchenteig aufgingen. Mir war das Leden wichtiger gewesen, die Kunst, was unmittelbar mit den Sinnen zu fassen ist: die Welt strömte durch meine Augen in mich ein. Nun aber sah ich, welche eine Macht die Philosophie war, da sie diesen» zum Tod Verur­teilten eine solche heitere Gefaßtheit zu geben vermochte.

Fuentes zog mich auf das harte Bettgestell herab, auf dem zwei löcherige, schmichftarrende Decken tagen.Nun, Francesco ... und wie hat diese letzte Zeit dein Schicksal gestaltet?"

Ach, wo sollte ich beginnen, was sollte ich voranstellen, in welche Ordnung sollte ich mein Erleben bringen? Wirr durcheinander erzählte ich. was mir gerade einfiel, Rofalbas Tod, die Reife nach Bayonne, die Feindschaft des Volkes gegen mich und den heutigen Ueberfall, den Verlust Martinas, und immer deutlicher tarn mir dabei zum Bewußt­sein, daß von allem Ungemach, das mich betroffen hatte, dies das quälendste und verzehrendste war, Miguel kannte Martina nicht, aber er wußte, wie ich sie liebte, und verstand, was ich um sie litt.

Er nahm meine Hand und streichelte sie sanft mit feiner Linken. Mein armer Freund!" sagte er.

Da saßen wir, der Mann, der zum Tod verurteilt war, und ich, der ich ins Leben zurückkehren würde-, und ich, der ich gekommen war, um ihn zu trösten, empfing Trost von ihm.

Nein", sagte ich, heftig aufstehend,und schließlich ist das alles meine Schuld. Auch daß du hier sitzt und die Franzosen dir ans Leben wollen. Alles ist meine Schuld. Es wird mir vergolten, was ich ein­mal verbrochen habe. Blandina .. ."

Miguel unterbrach mich. In meinem Leben war ihm nichts ver­borgen, auch um jene fo weit in meiner Vergangenheit zurückliegende Schuld wußte er.Francesco", fagte er nachdenklich,gewiß ist es fo,