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Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger
Jahrgang 1957 Montag, den 19. Juli Nummer 55
GOYA
UND DAS LÖWENGESICHT
ROMAN VON KARL HANS STROBL
10. Fortsetzung.
Auch zu diesem Häuschen besaß Siebold den Schlüssel und stieß unseren Gefangenen vor uns her über die Schwelle. Der Schuppen diente wirklich der Aufbewahrung der Werkzeuge, aber auch die fertigen Arbeiten des Steinmetzen hatten hier Aufstellung genommen. Es war eine schweigende, fast unheimliche Versammlung von steinernen Königen und Heiligen, in der wir uns befanden, und ich erriet, daß dies hier die Bauhütte einer Kirche war, deren vom Wetter mitgenommener Steinbildschmuck durch neuen ersetzt wurde.
Siebold, der hier ganz zu Hause schien, hängte seine Laterne an einen Wandhaken, und das runde Glasauge warf fein gesammeltes Strahlenbündel quer durch den Raum. In seinem Schein trat ein großer Steinblock aus weißem, rotgeäderten Marmor hervor, der keine andere Verzierung trug als in runder Umfassung eine Rose und ein Kreuz. Die Rose und das Kreuz, die Zeichen des geheimen Ordens der Rosenkreuzer! War der Marmorblock etwa ein Altar, und standen wir hier vielleicht auf der Versammlungsstätte des Bundes, von dem man sich die seltsamsten Dinge erzählte, und von dem doch niemand etwas Gewisses zu sagen wußte?
Siebold hatte sich auf eine Bank niedergelassen. „In wessen Auftrag haben Sie gehandelt?" fragte er nach kurzem Schweigen.
Gil Argensola schien im Halbdunkel, unbelästigt vom grellen Laternenlicht, mit sich zu Rate zu gehen, wie er sich verhalten solle.
„Ich frage Sie, in wessen Auftrag Sie gehandelt haben", wiederholte Siebold, „und ich rate Ihnen, zu antworten."
„Im Namen Spaniens!" sagte Argensola endlich.
Siebold knurrte dumpf. „Reden Sie kein Blech!" stieß er heftig hervor.
Dann erhob er sich ungeduldig. „Wir haben jetzt keine Zeit, uns mit Ihnen abzugeben. Aber wir werden Sie noch zum Sprechen bringen, verlassen Sie sich darauf."
Als der Gefangene sah, daß Siebold die Laterne vom Haken nahm und sich anschickte, den Schuppen zu verlassen, trat er rasch auf meinen Freund zu. Ich merkte, daß seine gespielte Frechheit einer schlotternden Angst gewichen war.
„Was beabsichtigen Sie mit mir zu tun?" fragte er bebend.
„Das werden Sie schon sehen, bis wir Zeit haben, uns mit Ihnen zu beschäftigen. Warten Sie nur so lang auf uns, mein Schatz!"
Wir gingen, und Siebold schloß sorgsam die Tür des Häuschens.
Als wir jenseits des Mauerpförtchens in dem Engpaß waren, sagte Siebold: „Ich hoffe, daß du,nun auch nicht mehr im Zweifel fein wirst, wem wir diese nette Ueberraschung verdanken."
„Das Löwengesicht ...?"
„Wer sonst? Isabel ... die Singdogma."
*
Wir tarnen um zehn Uhr am Eingang des Klosters Monserrat an, um elf Uhr sollte die Hinrichtung stattfinden. Soviel hatte mir Siebold mitgetei(t, aber in feinen Plan hatte er mich noch immer nicht ein- geweiht, und ich hatte ihn auch nicht dazu gedrängt. Er würde mir schon meine Rolle zuweisen und mir sagen, was zu tun war, sobald er die Zeit für gekommen hielt.
Das Kloster Monserrat war ein weitläufiges düsteres Gebäude. Die Franzosen hatten die Mönche daraus entfernt und einfach in andere Klöster gesteckt, es gäbe deren genug in Madrid, meinten sie. Jetzt war es Kaserne und Gefängnis, und die Nacht des zweiten Mai hatte auch diesen Wohnort frommer Brüder mit dem Blut der Erschießungen be-
Wir gaben das Einlaßzeichen und sagten dem öffnenden Soldaten, einem Deutschen, daß wir zum Torkommando geführt zu werden wünschten. Das ehemalige Pförtnerzimmer war zur Wachtstube umgewandelt worden, und im Begriff, sie zu betreten, fragte Siebold: „Wer hat die Wache?"
„Der Herr Leutnant Endeslant!" antwortete der Mann.
Siebold blieb stehen, wie plötzlich zurückgehalten. Mein durch die @r= regung heute geschärftes Ohr hörte ihn murmeln: „Was soll das heißen.
Die braven Bayern saßen in einem dicken, stinkenden Qualm von Pfeifentabak, der Siebolds schwarzem Nebel wenig nachgab, und spielten Karten mit Blättern, deren Bilder vor Schmutz kaum zu erkennen waren. Tine ganze Anzahl von ihnen hatte sich auch um einen Tisch versammelt,
an dem zwei Soldaten ihre Kraft gegeneinander maßen. Sie taten dies in der Weise, daß sie, jeder an einer anderen Seite des Tisches sitzend, ihre Fäuste auf die Platte gelegt hatten und nun, Knöchel gegen Knöchel stemmend, einer die Faust des andern über den Tisch zu schieben suchten. Dieses Spiel hatte offenbar den lebhaftesten Anteil der Zuschauer und erregte sie zu stärkster Spannung, in der sie mit lauten Rufen jeder den Mann seines Vertrauens zum Einsatz aller Kraft anfeuerten.
Indessen wozu schildere ich, lieber Freund, hier Bilder, die dir im Laufe deines Soldatenlebens zur Genüge, vielleicht bis zum Ueberdruß vertraut geworden sind.
Ja, es war wirklich mein junger Freund Endeslant, der die Wache befehligte. Er faß mit einem andern jungen Mann, einem Fähnrich, auf einem etwas erhöhten Platz in einer Fensternische, und sie betrachteten einen alten Schmöker, den Endeslant bei einem Trödler aus der Plaza del Rastro erstanden hatte.
Erstaunt blickte uns der Leutnant entgegen, als wir aus dem Pfeifenqualm feiner Soldaten auftauchten.
„Ich dachte", sagte Siebold, „daß die zweiten Chevauxlegers dem König Joseph entgegengeschickt worden sind."
„Wir waren auch dazu bestimmt", erwiderte der Fähnrich von Grol- mann, ein Verwandter des badischen Majors, der sich später so ausgezeichnet hat, „. . aber bann hat es im letzten Augenblick eine Umwälzung gegeben. Daubrai, der den Dienst hier haben sollte, hat die Ausgabe bekommen, den König zu empfangen und mir sind an seiner Stelle hier." Er lachte ein wenig verärgert. „Cs scheint, daß die Franzosen sich gerne die angenehmeren Rollen geben lassen. Rosetti hat nicht schlecht über Murats Launen geflucht."
„Wir sind gekommen, um mit Fuentes zu sprechen", sagte Siebold.
Sogleich legte sich das Gesicht Endeslants in die strengen soldatischen Falten. Er war im Dienst, wir waren nicht Oheim und Freund, wir standen vor dem Offizier, der für einen Gefangenen die Verantwortung trug.
„Ja, das kommt nun zu allem Uebrigen noch dazu", sagte der Fähnrich, „daß wir das Vergnügen haben, diese peinliche Sache auf uns nehmen zu müssen. Wir laden den Haß der Spanier auf uns. Die Franzosen haben den Mann verurteilt, und mir können die Henkersdienste tun. Dann mird es heißen, es sind die Deutschen gewesen, die ihn hingerichtet haben."
„Ich habe nicht den Auftrag, Besuche des Verurteilten zu gestatten", fügte Endeslant hinzu.
In diesem Augenblick kam ein Soldat in voller Rüstung und überbrachte Endeslant eine schriftliche Meldung. Endeslant las sie durch, fetzte sich an den Tisch, rief den Fähnrich herbei und beriet mit ihm.
„Dieser verdammte, starrsinnige Esel verdirbt mir meinen ganzen Plan", raunte mir Siebold zu. „Alles war glänzend vorbereitet und wäre ohne Schwierigkeiten gegangen. Und nun steht mein teurer Nesse da und versperrt uns den Weg, und wir können ihn auch gar nicht in die Patsche bringen. Was einem Franzosen durchgeht, könnte ihm den Kragen kosten."
Ich kannte meinen Freund gut genug, um zu sehen, wie erregt er war und wie es in seinem Kopf wühlte. Sein erster Plan war offenbar vereitelt, und er war dabei, in aller Eile einen neuen zu ersinnen.
„Was ist zu tun?" fragte ich beklommen.
In seinem Blick war ein starrer grausamer Glanz gekommen, und seine Stirn nahm eine erschreckende Blässe an, als sei durch die rasende Arbeit dahinter der Haut alles Blut entzogen. „Es geht nun nicht anders. Ich tue es ungern, aber es muß fein ... es muß fein. 6w ... immer wieder sie! Nun gut ... nun wollen wir's darauf ankommen lasten. Gib acht, Francesco! Sag zu allem Ja, was ich jage, tu alles ohne Widerfpruch, wundere dich über nichts und fürchte nichts — was auch geschehen mag."
Endeslant hatte die Ordonnanzen abgefertigt und trat wieder zu uns. Er schien zu erwarten, daß wir uns nun verabschieden würden.
„Hier ist ein Beseh! Murats", sagte Siebold ruhig, „der uns den Zutritt zu Fuentes gestattet und der uns erlaubt, ihn auf feinem letzten Gang zu begleiten."
Mißtrauisch nahm Endeslant das Schreiben entgegen, das ihm Siebold hinhielt. Er überflog es, las es noch einmal gründlich, es stimmte, es war uns gestattet, die letzte Stunde des Verurteilten mit ihm zu teilen. Wie hatte sich Siebold diese Erlaubnis verschafft? Wie immer er es auch angefteUt hatte, ich würde Fuentes noch einmal sehen, ich würde ihm beistehen können.
„Ist schon der Geistliche bei Fuentes?" fragte Siebold.
Der Geistliche? Davon war bisher nicht die Rede gewesen. Daran batte niemand gedacht, Fuentes selbst hatte keinen verlangt, er saß in seiner Zelle und schrieb Abschiedsbriefe.
Mißbilligend schüttelte Siebold den Kopf, und Endeslant wurde ein wenig unruhig und verlegen. „Ihr mögt ja selbst darüber denken wie


