3<n auf dem Murray.
Von Heinrich Hauser.
Der Dichter Heinrich Hauser befindet sich zur Zeit auf einer Fahrt durch Australien. Den Murray, den größten Fluß des fünften Kontinents, „eroberte" er sich im Faltboot mit Außenbordmotor. Dabei hatte er mancherlei Erlebnisse und Abenteuer, vor allem mit Tieren, von denen er im folgenden Bericht erzählt.
Am Morgen sah ich mir den Murray-Fluh und seine Ufer an. Platz zum Aufbau meines Faltbootes war reichlich da. Ich entschied mich für den Badestrand, zu dem ein großer camping-Platz gehörte. Mehrere Wohnwagen und Zelte standen dort; „camping“ ist ein großer Sport in Australien, Zeltplätze gibt es in jeder Stadt. Man zahlt einen Schilling am Tag für eine Familie von bis zu sieben Köpfen und hat dafür den Vorteil einer Wasserleitung und anderer sanitärer Einrichtungen.
Beim Garagenbesitzer mietete ich mir ein Auto, denn ein Faltboot mit Motor und mit der ganzen Ausrüstung ist für einen einzelnen Mann doch nicht leicht zu transportieren. Außerdem war Proviant für eine Woche zu besorgen. Das meiste gab es beim „grocer“, der einen erstaunlich großen und reichhaltigen Laden hatte. Fertige Mahlzeiten in Dosen, Tornisterproviant wie bei uns, hatten sie nicht, aber Konservenfleisch, Fisch und Suppen. Mit Tee, Zucker, Salz war ein wesentlicher Teil des Proviants schon beschafft. Die größeren Laden haben fast immer eine höchst komplizierte Drahtseilbahn, an der entlang Rechnung und Wechselgeld hin und zurück zur Kasse sausen. Das spart Arbeit, und auch der Kunde braucht nicht erst zur Kasse zu gehen.
Petroleum für den Primuskocher gab es im „hardwarestore". Das ist ein wundervoller Laden, in dem es einfach alles gibt, was der Farmer an Werkzeug, an Werkstoff, an Maschinen und an Haushaltsgegenständen braucht. Eine große Auswahl von Petroleumlampen bewies, daß das elektrische Licht noch nicht Überallhin vorgedrungen ist.
Am Lager schafften wir das ganze Gepäck und die Benzinkannen ans Ufer: es konnte losgehen. Ich hatte gehofft, die kleinen Jungen würden um diese Tageszeit in der Schule sein, aber nein: da waren sie. Sie hatten große Ferien. Acht Wochen haben sie große Ferien, diese Glücklichen. Immerhin verhielten sie sich schweigsam und zurückhaltend, wenn auch schnaufend vor Spannung, als aus Stäben und Hüllen das Boot sich formte. Wie aber der Motor zum Vorschein kam, war es um ihren Stoizismus geschehen — so einen winzigen Motor hatten sie noch nicht gesehen, und auch, daß er seitwärts am Boot sah, war neu. Es war glutheiß. Schweiß floß in Strömen, die Reihen der Zuschauer schlossen sich immer dichter, und ich mar heilfroh, als ich endlich das Boot ins Wasser schob. Natürlich sprang der Motor zuerst nicht an, und die kleinen Jungen meinten bereits, ich hätte wohl vergessen, „einen Groschen in den Schlitz zu werfen" — aber endlich knatterte er, und ich sauste los. An Autos mehr gewöhnt als an Faltboote mit Zwergmotor, kam ich mir an dem winzigen Sleuerrad unendlich komisch vor. Die Geschwindigkeit schien indessen hochbefriedigend, weil man so niedrig über Wasser saß.
Zahlloses Wassergeflügel hauste in dem Weidendickicht, schwarze Kormorane saßen im Gezweig, Wasserhühner tauchten erschrocken beim Heransummen des Motors, große schwarze Taucher mit roten Köpfen schwammen mit zuckenden Hälsen ins Dickicht. Millionen und Aber- miUionen von febrigen Samen — ähnlich den Samen unserer Pusteblumen, aber größer — trieben auf dem Wasser. Im schrägen Licht des späten Nachmittags leuchteten sie wie Sterne. Ich fuhr durch eine wundervolle Milchstraße hindurch.
Ein frischer Wind hatte sich aufgemacht; er kam stromabwärts, mir entgegen, und es war merkwürdig: wie der Strom sich wand und drehte — der Wind kam stets von vorn. War er im Flußtal gefangen? Die Hügel enfernten sich von den Ufern. Ich sah Farmen liegen am Hang, in Gärten, Dbftplantagen und Felder gebettet. Beinahe zu jedem etwas größeren Haus gehörte ein Tennisplatz. Ich dachte an Deutschland — wie seltsam würde es uns Vorkommen, hätte jeder Erbhof feinen Tennisplatz. Zu jeder Farm gehörte eine Windmühle am Ufer; man sah Rohre in den Strom tauchen; da wurde also das Wasser zur Farm heraufgepumpt.
Breiter und breiter\rourbe der Fluß, breit jetzt wie der Rhein bei Koblenz. Auf Strecken wichen die Weiden dem Schilf, und dahinter erblickte man die knorrigen Stämme alter Gummibäume. Wie soll man einen Gummibaum beschreibcm? Er hat den Wuchs einer Eiche, die Blätter einer Weide. Die Rinde blättert wie die der Platane; im Atter gleicht sie der Rinde von Pappeln. Das Holz ist weich.
Ich suchte einen Lagerplatz, frühzeitig, aber, es war noch eine Menge im Boot zu richten. Ich wählte den ersten, wie ich jetzt weiß, nicht sehr geschickt. Der in den Fluh gestürzte Stamm eines alten Baumes gab Gelegenheit anzulegen, er durchbrach die Schilfmauer. Dahinter war ein Streifen Land mit hohem Gras und Gestrüpp, und dahinter dehnte sich weit ein Sumpf bis zu den fernen Hügeln. Zwischen die riesigen Wurzeln eines verdorrten Gummibaumes breitete ich mein Gepäck, den Primuskocher im Windschatten. Allmählich begann der Chaos sich zu ordnen, der Tee dampfte und die erste Suppe aus Fleischextrakt. Die starke Sonne und der starke Wind hatten den Körper ausgedörrt; ich war sehr durstig. Der Abendhimmel zeigte den orangeroten Streif im Westen, wie man ihn von Sonnenuntergängen in der Wüste kennt. Als
die Sonne verschwunden war, wurde es sofort sehr kühl. Ich ebnete in Hast meinen Schlafplatz, breitete die Hängematte, legte den Schlafsack daraus und kroch hinein. Stern für Stern brach durch das kahle Ast- werk über mir, ein wolkenloser, mondloser Nachthimmel, schwärzer und schwärzer werdend mit immer mehr und immer strahlender funkelnden Sternen.
Ich war fo glücklich, so erfüllt von Abenteuer, daß ich lange, lange wachlag, eine Zigarette nach der anderen rauchend. Rings um mich war die Natur lebendig, wie ich das noch nie erlebt hatte. Scharen von schwarzweißen Kuckucks-Vögeln bäumten in der Dämmerung auf im Gezweig, kreischend wie die Häher daheim. Reiher segelten ihren Nestern zu. Aus dem Schilf tarnen die seltsam glucksenden Laute der Wasservögel, man hörte sie plätschern, ab und zu auch einen schrillen Schrei. Im Fluß sprangen große Fische. Fern von den Hügeln kam ängstliches Blöken von Schafen, und ganz, ganz fern, drei Stunden hinter mir, hörte ich den Melbourner Nachtexpreß über die Brücke rollen.
Es wurde so falt, daß ich mehrmals aufstand, um alles Erdenkliche zum Zudecken zusammenzusuchen. Endlich schlief ich, zusammengerollt wie ein Igel, den Kopf in den Mantel gewickelt, denn die Moskitos gaben kaum Ruhe.
In tiefer Nacht schrak ich hoch. Etwas hatte geschnauft, dicht an meiner Seite. Etwas hatte schnell gequiekt, war mit einem Satz über mich weg- gefprungen und hatte mich angerührt. Das war nicht schön; ich ließ die Taschenlampe spielen, sah aber natürlich nichts. Gefährliche wilde Tiere gab es meines Wissens nicht, was konnte es fein? Frostfchauernd erwachte ich wieder in der ersten Dämmerung. Die Thermosflasche stand neben meinem Lager — ja, so raffiniert sind wir nun einmal — und ich flößte mir belebend heißen Tee ein. Da hörte ich wieder das Schnüffeln, das seltsame schrille Quieken ganz nahe. Ich fuhr hoch, und nun war Licht genug: zwei gelbe Tiere mit weißer Brust und funkelnden Augen tauchten auf aus dem hohen Gras. Füchse? Tatsächlich! In Sprüngen suchten die beiden das Weite; der nächtliche Besuch war erklärt, — nicht mir, nur dem.Proviant hatte er gegolten. Beruhigt kroch ich. in den Schlafsack zurück und sah zufrieden, wie die Spitzen der Bäume über mir schon leuchteten, vom Sonnenaufgang angerührt.
Es war schön, das Erwachen der Tierwelt zu verfolgen. Ein riesiger Raubvogel, wohl ein Fischadler, bäumte auf, ganz nahe über mir, und der Morgenwind blies ihm ins Gefieder. Zwei Reiher stießen schreiend auf ihn herab, da lüftete er seine mächtigen Schwingen und strich ab. Fregattvögel mit langen, dolchspitzen Flügeln tanzten über dem Wasser, ein großer, grüner Papagei krakelte in den Zweigen, keine zehn Meter von mir. Es war ein unbeschreibliches Geschnatter und Gekreisch.
Beim Frühstück entdeckte ich, daß über Nacht eine Ameisenstraße geradewegs zu meinem gekochten Schinken erbaut worden war: es war. kaum mehr etwas davon übrig geblieben. Das soll mir eine Warnung fein. Ich schrieb, nahm mein Morgenbad, untersuchte den Motor, und packte mein Gepäck diesmal sorgfältiger und besser ein. Erst gegen Mittag fuhr ich los, diesmal mit der Kamera neben mir und im Badeanzug statt in der lächerlichen städtischen Bekleidung. Die Sonne brannte, alte Erinnerungen wurden wach, und ich formte mir einen Dreispitz aus Zeitungspapier. Mit Wasser getränkt, das im Fahrwind verdunstet, ist so ein Hut kühler als der teuerste Tropenhelm.
*
An diesem Abend fand ich den idealen Lagerplatz.
Da war ein sandiger Strand mit tiefem Wasser unmittelbar bis zum Ufer; da war ein Weidengebüsch als Windschutz, und eine riesige gestürzte Weide, an der man die Hängematte aufhängen konnte; sie lieferte außerdem zahllose natürliche Kochnischen und Kleiderhaken. Es gab viel Feuerholz, und diesmal baute ich mir ein schönes Lagerfeuer auf. Eine Farmerfamilie ruderte im Book vorbei, man grüßte freundlich, machte aber keinen Versuch der Annäherung, obwohl mein Boot überall Neugier erregt. Die Menschen hier schätzen über alles ihr ungestörtes privates Dasein, und darum achten sie es auch bei anderen, — ein entschieden sympathischer Zug.
In der Dämmerung regte und bewegte es sich allenthalben im Gestrüpp und in den Sandhügeln. Es erschien das sprichwörtliche australische Kaninchen. Es erschien zu Hunderten. Grau, schattenhaft hoppelten die Tiere zum Fluß, gar nicht gestört durch mein Lagerfeuer. Zu Dutzenden hätte ich sie schießen können. Sie ästen, Männchen machend, an dem dortigen Gestrüpp; es schien ziemlich rätselhaft, daß sie davon lebten. Aber vielleicht waren sie die Erklärung für die verlassenen Farmen? Das bleibt noch festzustellen.
Anderes, kleineres Getier umtanzte mein Lager, lautlos, blitzschnell bewegt: Springmäuse, tanzende Schatten. Trotz prächtig aufgehängter Hängematte wurde es nichts mit dem Schlafen; es war einfach zu kalt. Um Mitternacht zog ich mich um, wühlte mich in den warmen Sand neben meinem Lagerfeuer ein und schlief prachtvoll.
Als ich mir erwachend die Augen rieb, sagte ich, „Oh, pardon — das wußte ich nicht." Neben mir lagerte freundlich wiederkäuend eine Kuh. Sie war ein angenehmer Kamerad; auch die Spuren der Tanzmäuse und Kaninchen ringsum störten mich nicht. Weniger angenehm war die Spur von etwas scheußlich Großem, das mir auf dem Bauch gekrochen sein mußte. Eine Schlange? Es gibt einige in Australien, die giftig sind. Es kann aber auch eine Eidechse gewesen sein. Wie sie es fertigbrachten, weiß ich nicht: ich glaubte den Zucker in einem Topf mit verschlossenem Deckel so sicher wie in einem Banktresor, und trotzdem war er schwarz von Ameisen. Sie herauszulesen war hoffnungslos; es muhte ein ernsthaftes Exempel statuiert werden. Ich setzte den Topf mit der Zuckertüte aufs Lagerfeuer. Die Ameisen waren alarmiert; fluchtartig verließen sie den angenehmen Aufenthalt. Obwohl ich ihnen aus einem Weidenzweig eine goldene Brücke baute, starben viele auf dem heißen Topfboden; der Zucker war gerettet.
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