Ausgabe 
19.4.1937
 
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Wer kaust Liebesgötter?

Bon I. W. v o n Goethe.

Bon allen schönen Waren, Zum Markte hcrgesahren. Wird keine mehr behagen, Als die wir euch getragen Aus fremden Ländern bringen. O höret, was wir singen I Und seht die schönen Bügel! Sie stehen zum Verkauf.

Zuerst beseht den großen, Den lustigen, den losen! Er hüpfet leicht und munter Bon Baum und Busch herunter; Gleich ist er wieder droben, Wir wollen ihn nicht loben, O seht den muntern Bogel! Er steht hier zum Verkauf.

Betrachtet nun den kleinen, Er will bedächtig scheinen, Und doch ist er der lose, So gut als wie der große; Er zeiget meist im stillen Den allerbesten Willen. Der lose, kleine Vogel, Er steht hier zum Verkauf.

O seht das kleine Täubchen, Das liebe Turtelwcibchen! Die Mädchen sind so zierlich, Verständig und manierlich; Sie mag sich gerne putzen Und eure Liebe nutzen. Der kleine, zarte Vogel, Er steht hier zum Verkauf.

Wir wollen sie nicht loben. Sie stehn zu allen Proben. Sie lieben sich das Neue; Doch über ihre Treue Verlangt nicht Brief und Siegel! Sie haben alle Flügel.

Wie artig sind die Bügel, Wie reizend ist der Kauf!

Oer Apfel vom Baum der Erkenntnis.

Bon Albrecht Schaeffer.

Ein König in Persien, der dem Tode erlag, bevor er «Inen männ­lichen Erben zeugte, hinterließ eine einzige Tochter von großer Schon- heit, namens Gülnare. Nun sollte nach dem Gesetz die Krone mit der Hand der Prinzessin demjenigen gehören, der in gefährlichen Kampf­spielen sich als der erste an Kraft und Kühnheit erwies. Das Schicksal aber wollte es, daß, als diese 'Turniere vollzogen wurden, vier 'Jhtter verblieben die ununterscheidbar waren an Arm- und Herzkraft. In ihrer Ratlosigkeit erinnert« sich nun die Priezessin einesfrüheren Wortes ihrer lange verstorbenen Mutter: daß sie dem Rus ihres Kindes aus der Seligkeit folgen würde, wenn er aus einer großen Not zu ihr dränge. Also ging Gülnare bet Nacht in die Einsainkeit des Gartens, und sie hatte raum den Namen der Toten gerufen, so quoll ein Schein aus dem Dunkel, und die Verstorbene stand vor ihr in blühender Ge­ste' als ob sie lebte, an ihren Busen mit den Armen druckend vier fdji, c rnde Aepfel:Ich kenne", sprach sie,deine Verlegenheit, mein Kind nimm dies: Aepsel an dich, die sie dir losen werden. Es sind Früchte vom Baum der Erkenntnis, und alle sind sie von gleicher Krast. jeder verzehrt den, der ihn verzehrt, wenn er nicht berufen ist.

Wie kann ich aber", sprach die Tochter, sich fassend,vier Männer

^^,Du"si>llst es nicht tun. Weil sie vielleicht dir nicht glauben würden, so lasse jeden geheim, daß niemand es weiß, in eine Kammer gehn, nachts, und ich werde selber hineingehen zu jedem, ihm einen Apfel hinlegen und ihm sagen, daß er essen mag wenn er sich berufen> glaub, und sterben wird, wenn er es nicht ist. Morgens komme ich dann zu dir und führe dich hin." Die Mutter lächelte, nickte und

Und am Morgen nach der Nacht, in der die vier Ritter die.Kammer betreten hatten, erschien die Mutter ihrer Tochter, und sie gingen .zur ersten. Sie war ganz leer; der Apfel hatte seine Kraft bewahrt und die Mutter sagte: ^.Dieser war rasch wie ein Held. Nicht einen Nu kamen ihm Zweifel an seiner Berusenheit; er griff zu, und wurde ver ^Sie betraten die zweite Kammer, in der nichts war wie: mder ersten.Dieser", sprach die Mutter,wurde bleich; aber er erwürgte

feine Zweifel mit der Schlinge des Hochmuts, und wurde verzehrt." Leer war auch die dritte Kammer.Wenn du", sagte die Mutter, ,chas Antlitz von diesem gefehn hättest, als er ah, so hättest du das deine darin gesehn wie im Spiegel. Zum König war er daher nicht berufen. Komm in die letzte Kammer!"

Gülnare aber zauderte vor dieser Türe, und über ihrem pochenden Herzen schwebte der Name Iussus zu ihren Lippen.Oessne", sagte die Mutter und löste sich in ein Lächeln aus. Die Tür sprang auf, im Lampenschein erblickte Gülnare auf dem Tisch einen Apsel, der keine Spur eines Bisses zeigte; im Schatten aber stand ein Mensch an der Mauer, bleich und mit brennenden Augen. Er sagte:Du, Gülnare, wirst es in alle Ewigkeit Feigheit nennen, und ich habe doch iin Kamps nicht vorm Tode gezittert. Aber", er stockte und sprach:ich wußte nicht und ich weiß nicht, ob ich berufen bin."

Er senkte den Kopf und schritt an ihr vorüber. Niemand im Land sah ihn mehr.

Die Prinzessin versuchte umsonst in der nächsten Nacht, ihre Mutter zu sich zu rufen. Weil nun ihre Ratgeber das geheimnisvolle Ver­schwinden der vier Prinzen so erklärten, daß es ein Zeichen Allahs an GUlnare sei, ihre Hand demjenigen zu reichen, der nach, den vieren sich als der beste gezeigt hatte, so folgte sie schweren Herzens und unüberzeugt. Sie behielt auch recht, denn jener wurde in der Braut- nacht ermordet, noch ehe er sie zu seinem Weibe machen konnte. Es war eine Verschwörung, aber die Mörder wurden uneins; es währte nicht lange, jo stand das ganze Reich im Flammen des Bürgerkrieges. Da erschien in einer Morgenfrühe, als Gülnare nach einer verzweifelten Nacht Kühlung im Garten suchte, ein Fremder vor ihr, bärtig, ver­wildert, in Felle gekleidet; aber eine Stimme ihres Herzens sagte ihr, ehe sie ihn erkannte, daß es Iussus war.3rfj bin es", sagte er;ich bin gekommen, denn mich lammert dos L-ond. 5)oft du den Äpsel noch, fo will ich jetzt essen".Ich will ihn holen", antwortete Gülnare leuchtend, denn ich habe ihn noch." Sic ging, aber nach hundert Schritten ver- sagte ihr Herz. Sie blieb stehen und sprach bei sich selber:Ich kann ihn nicht töten. Ich glaube aber ohne daß ich wüßte!" Die Not ihrer Völker stieg vor ihr aus, sie lies unwissend im Garten umher, und auf einmal sah sie aus einer Wiese einen sehr schönen Apfel liegen, und Apfel- bäume waren darüber. Sie hob ihn auf; er glich jenem andern wie ein Zwillingsbruder und sie dachte: diesen will ich ihm geben, Allah wird richten. Wenn es aber mißlingt, so bleibt mir immer noch der echte.

Und sie sandte die Schicksalssmcht durch den Gärtner zu Iussus, weil sie fürchtete, daß ihre Augen sie verraten könnten.

Einige Monme waren vergangen, seitdem Iussus die Aufstände nieder­geschlagen und den Thron bestiegen hatte, da fragte Gülnare ihn in der Dunkelheit einer Nacht, in feinem Arm liegend:Iussus, bist du nun glücklich?" Er jagte:Ich bin es; dennoch fehlt mir mitunter eins Was ist das", fragte sie.Ich sehne mich ost", erwiderte er,noch einmal einen Apfel von solcher Süße zu sveisen wie jenen Apfel Denn er war über alle Maßen." Wie seltsam, dachte Gülnare, denn fie wie er überlegten sich nicht, daß jener Apsel allerdings unvergleichlich an Wohlgeschmack sein mußte. War er doch nach dem ersten Bissen, der dem Todbereiten das Leben verbürgte, die erste Speise des fußen Lobens. Dann aber beschlichen trübe Gedanken die Königin. Sie erinnerte sich, daß Iussus nach den Schlachten und Mühsalen der Reichsordnung sich einem sorglosen Leben und dem Dienst seiner Liebe mehr hingegeben hatte als dem der Völker. Deswegen hatte sie auch nach seinem Glück gefragt, und deswegen dachte sie nun: Es war nicht der echte Apfel; wie kann ich wissen, ob er wirklich berufen ist? Sie erbebte vor der Un- gewihheit der Zukunft, Mißtrauen vergiftete ihre Seele, ihre Liebe sogar schien ihr welk in der Brust. Als sie nach einiger Zeit spürte, daß Iussus schlief, löste sie sich von ihm, ging hin, wo der Apfel lag nahm den un- melkbaren aus der Truhe und brachte ihn Jusfuf. Sie schauderte aber sie weckte ihn, zeigte ihm den Apfel und sprach: Ich hobe dich be­trogen. Ich liebte dich und gab dir einen unrechten Apfel D es ist der echte". Er blickte sie schwermütig an und sagte:Das hattest du nicht tun sollen". Dann funkelte sein Auge und er fragte:Und warum tust du es nun?" Gülnare verbarg ihr Gesicht und gab keine Antwort. Sie fühlte den Apsel aus chren Fingern genommen und horte ihn svrechen' ,Ich werde essen, rote ich damals, obwohl es schwerer ist heute".Tu es nicht", schrie sie auf. Sie sahen sich lange an; bann lächelte Iussus und fragte:Glaubst du, Gülnare, daß ch es bin?

Acute rote damals", sagte Gülnare; darauf er. An seinen Knien hingestürzt, hörte sie ihn nach einiger Zeit sprechen:Es ist soiiderbar. An den Geschmack jenes irdischen Apfels erinnert dieser himmlische nun nicht Aber er erinnert mich an jenen Augenblick, in dem ich schwor, dasi mir von Stund an das Leben heilig sein und verflucht jeder Augen­blick sein sollte, den ich nicht verbrächte rote jenen: als ob er mein letzter fein könnte. Ich habe", sprach er davoneilend,viel nachzuholen

Da erfuhr Gülnare, daß fie Iussus verloren halte an das Land, und sie lächelte unter Tränen, indem sie sich sagte:Es ziemt sich auch mir zu opfern". ' ,

Aber nach Jahr und Tag, als Juffuf tödlich erschöpft von ber Steift feines Königstums, zum erstenmal wieder an ihrem Bufen entschlafen roar trat ihre Mutter aus der Nacht hervor in höherem Glanze und (urarfr .Nun fei gesegnet, mein Kind. Ihr seid ein Paar geworden und eurer wert, und nun darfst du die Wahrheit erfahren Jener Apfel den du im Garten fandst, war der echte Apfel. Ich selber legte ihn hin. Denn Gott läßt seiner nicht spotten und seiner Erwählten. Glaubst du daß Iussus nicht wahrlich zu wittern vermochte, daß der Apsel echt sei, und daß er anders die Königskrast aufgebracht hatte, die Gott verlangte? Auch du, meine Tochter, hast geglaubt; dann °ber hast du Erkenntnte gewollt, die es im Himmel gibt, aber nicht auf Erden! Oder - sprach himmlisch blickend die Mutter,da du inzwischen geprüft wurdest, hast du sie nun?' Bleib' Erde, liebe Erde! Mit Verlassenheit hast du gezahlt, nun schlafe in Frieden bei ihm, der dich wtedersand."