Jahrgang 1957

Montag, den 19. April

Nummer 50

GiehenerZamilienbliitter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Der GteElin

Roman von Theodor Kontane

23. Fortsetzung.

So bilden sich Renommees", lachte Melusine.Der Papa hat das auf gut Glück hin gesagt, hat bloß ein beliebiges Beispiel herausgegriffen. Und nun diese Tragweitei Lassen wir das aber und sagen Sie mir lieber: was ist Waltham-Abbey? Und wo liegt es?"

Es liegt ganz in der Nähe von London und ist eine Nachmittags­fahrt, etwa wie wenn man das Mausoleum in Charlottenburg besucht, oder das in der Potsdamer Friedenskirche."

Hat es denn etwas von einem Mausoleum?"

Ja und nein. Der Denkstein fehlt, ober die ganze Kirche kann als ein Denkmal gelten."

Als ein Denkmal für wen?"

Für König Harald."

Für den, den Editha Schwanenhals auf dem Schlachtfelds von Hastings suchte?"

Für denselben."

Ich habe während meiner Londoner Tage das Bild von Horace Bernet gesehn, das den Moment darstellt, wo die schöne Colde Cygne zwischen den Toten umherirrt. Und ich erinnere mich auch, daß zwei Mönche neben ihr herschritten. Aber weiter weiß ich nichts. Und om wenigsten weiß ich, was daraus wurde."

Was daraus wurde, das ist eben der Schlußakt des Dramas. Und dieser Schlußakt heißt Waltham-Abbey. Die Mönche, deren Sie sich erinnern und die da neben Editha herschritten, das waren Waltham- Abbeymönche, und als sie schließlich gefunden hatten, was sie suchten, legten sie den König auf dichtes Baumgezweig und trugen ihn den weiten Weg bis nach Waltham-Abbey zurück. Und da begruben sie ihn."

Und die Stätte, wo sie ihn begruben, die haben Sie besucht?"

Nein, nicht sein Grab; das existiert nicht. Man weiß nur, daß man ihn dort überhaupt begrub. Und als ich da, die Sonne ging eben unter, in einem uralten Lindengange stand, zwischen Grabsteinen links und rechts, und das Abendläuten von der Kirche her begann, da war es mir, als käme wieder der Zug mit den Mönchen den Lindengang herauf, und ich sah Editha und sah auch den König, trotzdem ihn die Zweige halb verdeckten. Und dabei (wenn auch eigentlich der Papa schuld ist und nicht Sie, Gräfin) gedacht ich Ihrer in alter und neuer Dankbarkeit."

Und daß Sie mich besiegt haben. Aber das söge nur ich. Sie sagen es natürlich nicht, denn Sie sind nicht der Mann, sich eines Sieges zu rühmen, noch dazu über eine Frau. Waltham-Abbey kenn ich nun, und an Ihre Phantasie glaub ich von heut an, trotzdem Sie mich mit Traitors Gate im Stich gelassen. Daß Sie nebenher noch, und zwar Armgard zu Ehren, in Martins le Grand waren, dessen bin ich sicher und ebenso, daß Sie Papas einzige Forderung erfüllt und der Kapelle Heinrichs VII. Ihren Besuch gemacht haben, diesem Wunderwerk der Tudors. Welchen Eindruck hatten Sie von der Kapelle?"

Den denkbar großartigsten. Ich weiß, daß man die herabhängenden Trichter, die sie ,Tromben' nennen, unschön gefunden hat; aber ästhetische Vorschriften existieren für mich nicht. Was auf mich wirkt, wirkt. Ich konnte mich nicht satt sehen daran. Trotzdem, das Eigentlichste war doch noch wieder ein andres und kam erst, als ich da zwischen den Sarko­phagen der beiden feindlichen Königinnen stand. Ich wüßte nicht, daß etwas je so beweglich und eindringlich zu mir gepredigt hätte wie gerade diese Stelle."

Und was war es, was Sie da io bewegte?"

. Das Gefühl: ,zwischen diesen beiden Gegensätzen pendelt die Welt­geschichte'. Zunächst freilich scheinen wir da nur den Gegensatz zwischen Katholizismus und Protestantismus zu haben, aber weit darüber hin­aus (weil nicht an Ort und Zeit gebunden) haben wir bei tiefer­gehender Betrachtung den Gegensatz von Leidenschaft und Berechnung, von Schönheit und Klugheit lind das ist der Grund, warum das Inter­esse daran nicht ausstirbt. Es sind große Typen, diese feindlichen Köni­ginnen."

Beide Schwestern schwiegen. Dann sagte Melusine, der daran lag, wieder ins Heitere hinüberzulenken:Und nun, Armgard, sage, für welche von den beiden Königinnen bist du?"

Nicht für die eine und nicht für die andre. Nicht einmal für beide. Gewiß sind es Typen. Aber es gibt andre, die mir mehr bedeuten, und, um es kurz zu sagen, Elisabeth von Thüringen ist mir lieber als Elisabeth won England, Andern leben und der Armut das Brot geben darin «llein ruht das Glück. Ich möchte, daß ich mir das erringen könnte. Aber man erringt sich nichts. Alles ist Gnade."

Du bist ein Kind", sagte Melusine, während sie sich mühte, ihrer Bewegung Herr zu werden.Du wirst noch Unter den Linden für Geld gezeigt werden. Auf der einen Seite die .Mädchen von Dahomey', auf der andern du."

Stechlin ging. Armgard gab ihm das Geleit bis auf den Korridor. Es war eine Verlegenheit zwischen beiden, und Woldemar fühlte, daß er etwas sagen müsse.Welche liebenswürdige Schwester Sie haben."

Armgard errötete.Sie werden mich eisersüchtig machen."

Wirklich, Komtesse?"

Vielleicht ... Gute Nacht."

Eine halbe Stunde später saß Melusine neben dem Bett der Schwester, und beide plauderten noch. Aber Armgard war einsilbig, und Melusine bemerkte wohl, daß die Schwester etwas auf dem Herzen habe.

Was hast du, Armgard? Du bist so zerstreut, so wie abwesend." Ich weiß es nicht, aber ich glaube fast ..." Nun was?"

3d) glaube fast, ich bin verlobt."

26. Kapitel.

Und was die jüngere Schwester der älteren zugeflüstert hatte, das wurde wahr, und schon wenige Tage nach diesem ersten Wiedersehen waren Armgard und Woldemar Verlobte. Der alte Graf sah einen Wunsch erfüllt, den er seit lange gehegt, und Melusine küßte die Schwester mit einer Herzlichkeit, als ob sie selber die Glückliche wäre.

Du gönnst ihn mir doch?"

Ach, meine liebe Armgard", sagte Melusine,wenn du wüßtestl Ich habe nur die Freude, du hast auch die Last."

An demselben Abende noch, wo die Verlobung stattgefunden hatte, schrieb Woldemar nach Stechlin und nach Wutz; der eine Brief war so wichtig wie der andre, denn die Tante-Domina, deren Mißstimmung so gut wie gewiß war, mußte nach Möglichkeit versöhnlich gestimmt wer­den. Freilich blieb es fraglich, ob es glücken würde.

Zwei Tage später waren die Antwortbriefe da. von denen diesmal der Wutzer Brief über den Stechliner siegte, was einfach daran lag, daß Woldemar von Wutz her nur Ausstellungen, von Stechlin her nur Ent­zücken erwartet hatte. Das traf aber nun beides nicht zu. Was die Tante schrieb, war durchaus nicht so schlimm (sie beschränkte sich auf Wiederholung der schon mündlich von ihr ausgesprochenen Bedenken), und was der Alke schrieb, war nicht so gut oder doch wenigstens nicht so der Situation angepaßt, mies Woldemar gewärtigte. Natürlich war es eine Beglückwünschung, aber doch mehr noch ein politischer Exkurs. Dubslav litt als Briefschreiber daran, gern bei Nebensächlichkeiten zu verweilen und gelegentlich über die Hauptsache wegzusehen. Er schrieb:

Mein lieber Woldemar. Die Würfel sind nun also gefallen (früher hieß es alea jacta est, aber so altmodisch bin ich denn doch nicht mehr), und da zwei Sechsen obenauf liegen, kann ich nur sagen: ich gratuliere. Nach dem Gespräch übrigens, das ich am 3. Oktober morgens mit Dir führte, während wir um unfern Stechliner Springbrunnen herumgingen (seit drei Tagen springt er nicht mehr; wahrscheinlich werden die Mäuse das Röhrenwerk angeknabbert haben) seit jenem Oktobermorgen hab ich so was erwartet, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Du wirst nun also Karriere machen, glücklicherweise zunächst durch Dich selbst und dann allerdings auch durch Deine Braut und deren Familie. Graf Barby mit Rübenboden im Mc»gdeburgischen und mit Mineralquellen im Grau- bündischen höher hinauf geht es kaum. Du müßtest Dich denn bis ins Katzlersche verirren. Armgard ist auch schon viel, aber Ermyntrud doch mehr und für den armen Katzler jedenfalls zu viel. Ja, mein lieber Woldemar, Du kommst nun also zu Vermögen und Einfluß und kannst die Stechlins wieder raufbringen, und wenn Du dann hier einziehst und statt der alten Kate so was in Chateaustil bauen läßt und vielleicht sogar eine Fasanenzucht anlegst, so daß erst der Post-Stephan und dann der Kaiser selbst bei Dir zu Besuch kommen kann, ja, da kannst Du möglicherweise selbst das erreichen, was Dein alter Vater, weil Feilen­hauer Torgelow mächtiger war als er, nicht erreichen konnte: den Ein­zug ins Reichshaus mit dem freien Blick auf Kroll. Mehr kann ich in diesem Augenblick nicht sagen, auch meine Freude nicht höher spannen, und in diesem relativen Ruhigbleiben empfind ich zum erstenmal eine gewisse Familienähnlichkeit mit meiner Schwester Adelheid, deren Glau­bensbekenntnis im letzten darauf hinausläuft: Kleinadel über Hochadel, Junker über Graf. Ja, ich fühle. Deinen Gräflichkeiten gegenüber, wie sich der Junker ein bißchen in mir regt. Die reichen und vornehmen Herren find doch immer ganz eigene Leute, die wohl Fühlung mit uns haben, unter Umständen auch suchen, aber das Fühlunghalten nach oben ist ihnen schließlich doch viel, viel wichtiger. Es heißt wohl immer .wir Kleinen, wir machten alles und könnten alles', aber bei Lichte besehn, ist es bloß das alte: ,Du glaubst zu schieben und du wirst geschoben'. Glaube mir, Woldemar, wir werden geschoben und sind bloß Sturmbor*.