nicht viel
verantwortlich Dr. Hans Thhriot. — Druck und Derlag: Drühl'sche Univerlitäts-Buch» und Steindruckerei, R. Lange, Giebea.
klein und reparatur- die Stadt, in der ich
Heimkehr in die Jugend.
Von Per Schwenzen.
bin älter ... r .., _
Und geht die Treppe hinan. Das Treppenhaus ist frisch gemalt. Der Pinsel ging über die gekreuzten Schwerter hinweg, die Wilhelm und ich in die Wand kratzten, als wir an meinem zwölften Geburtstag unser Blut zu unverbrüchlicher Treue mischten. Drei Jahre darauf stahl Wilhelm meine Skier und schrieb mir später aus Afrika, er habe sie verkauft, um die ersten Zehrpfennige für ein Wanderer- und Abenteurerleben zu beschaffen, er habe genug in Büchern gelesen, er wolle ein Tramp werden, und ich möge ihm verzeihen. Ich habe ihm verziehen und ihn ben-ibet. Später hat mir eine Dame, die aus dieser Kleinstadt nach Alerm - len heiratete, berichtet, daß sie ihn abgerissen und elend in Kairo wieder-
Jch°ösfm'ben alten Bücherschrank. Da hat die gute Mutter alle Hefte und Bücher, Dokumente und Waffen meiner Jugend verstaut. Da liegt der Zündplätzchenrevolver, mit dem ich gefangengenommene Häuptlinge erschoß und den Startschuß zum Prüfungssprint für die Kandidaten des „Atlantic" gab. Da liegen die mühevollen Uebungsheste, Ringkamps mit der Hydra der Wissenschaften, begonnen im sechsten Jahr meines Erdenwallens, Ausgang ewig ungewiß. „Der Storch hat lange Beine. Damit geht er im Salat. Und Frösche, er ißt sie." Liebe, ungelenke Zeilen, zwanzig Jahre und mehr vergingen, aber jetzt geht ihr den nie gehofften Weg in die Oeffentlichkeitl Da liegen die Versdramen des Tertianers, die Liebesbriefe des Sekundaners, es liegen die tausendjährigen Familien- photoqraphien: Mutter und Vater, das Aufgebot der Tanten und Onkels in greisenhaft wirkenden Röcken und Hüten, Bärten und Turnüren, mit lieben, jungen Gesichtern. Eine Botanisiertrommel ist da. Ich öffne sie. Ein Schmetterling. Ich blase ihn an, und er zerweht zu Staub ...
bis zur Badewanne, dampfenden Wasser-
es: — So sehe i ch jetzt aus ...
in eine Stadt, die unsere Kindheit
spiegel untere Flotte schwamm, und die uns nun bedürftig von unten anblickt.
So ungefähr empfing mich vor ein paar Tagen .
meine erlle Schulzeit verlebt hatte. In meiner Erinnerung stand sie großartig wie die Burg der Burgunden, alle Straßen waren geheimnisvolle Kriegspfade gewesen, die Kartosfelkeller im Johannisviertel waren geheime Versämmlungsplätze des schwarzen Gerichtes, in denen nichtsahnende Strebertugend zu" martialischen Strafen verurteilt wurde. So wurde ein verräterischer Quintaner dazu verurteilt, mit einer Zweigroschenrolle Bindfaden umwickelt, zwanzig Minuten im Bach zu liegen. Er bekam einen Schnupfen und wir drei Stunden Karzer.
Da lagen nun die Heerstraßen unserer Kriegszüge und sahen nach gemeinem Kopfpflaster aus, da waren alle die Stützpunkte unserer Ver-
Wie jung man einmal war und wie alt man eigentlich ist, läßt sich nur in wenigen Augenblicken der Erschütterung erleben. Zeit ist wie die Fläche des Meeres, die jede Streckenschätzung des Auges täuscht. Nur hin und wieder, wenn ein Segel leuchtet, eine schreckliche Klippe starrt, ein Windstoß dunkle Furchen zieht, ermessen wir Abstände.
Nur wenn ein Weggenosse aus der Reihe sank, wenn wir vor einem Grabhügel plötzlich begreifen, daß der fröhliche Jargon des Lebens, blankes Lachen und Händedruck, nicht über die Erde reichten — befallt uns kindliches Befremden, und wir haben das beklemmende Gefühl, bald eine neue Sprache lernen zu müssen ...
Mitunter treffen wir einen Freund, den wir lange Jahre nicht sahen, neugierig forschen wir in seinem Gesicht, finden Bekanntes wieder, entdecken völlig neue Lebensfurchen und Schicksalslinien, denken: Ach, so siehst du jetzt aus — und plötzlich, mit untrüglicher Sicherheit, spiegeln wir uns in seinen Augen und wissen rr~ s~'~~ * "a'1
Mitunter kommen wir vielleicht ... ----- ------- , . .
beherbergte oder sonst eine wichtige Station unseres Bebens war. Wir gehen verwundert durch die Straßen, die damals viel abenteuerlicher und steiler waren, der Löwe vor dem Rathaus ist zusammengeschrumpst, die Welt scheint kleiner geworden, vom Kirchturm " ---------*
in die wir mit Mühe tjineintietterten, auf deren
keidlgungen, Vorgärten und Hausflure-, diesen Kanaldeckel hat e ich einst aeaen dreifache Uebermacht gehalten. Und rote phantasielos steht das alles heute aus, wie die schlechte Kopie eine- himmlischen Kunstwerkes . Ist diese Stadt eingeschrumpft? Prospekte und Artikel sagen, siesei gewachsen. Televbon-cellen sind aus dem Pflaster gesprossen, die drei alten Benz- waqen bü> seit Menschengebenken vor bem Bahnhof stauben, haben Junge Miegt die Linie 7 der Straßenbahn heißt jetzt Linie 9. Das .st doch immerhin Fortschritt? Ah, ich erinnere mich der aufgeregten Freude, die mir eine Fahrt auf dem Vorderperron der Lime 7 bedeutete! Den Frankfurter Berg hinunter und vor allem bei Regenwetter Möglichst dicht beim Schaffner. Die Tropfen prasselten M rascher Abfahrt m mem Gesicht und erhöhten das Glücksgefühl rasender Geschwindigkeit. Und dann kurz vor der Kurve, wo an einem Draht Über die Straße ein rundes Blechschild mit einem „H" hing, Urzelle aller Verkehrsampeln kreischten die Bremsen, der tollkühne Schaffner spielte mit unser aller Leben allem das Schild warnte, und langsam entließ er den Wagen aus Bremsenhaft in schnell und schneller werdender Talfahrt. Diese Fahrten waren damals für mich der Superlativ aller Geschwindigkeit. Ich sehe sie wieder, die alte, gelbe Linie 7 alias 9. ...,.
Ach Himmel, dieser langsam heranlärmende Wagen, diese vorsichtig bergab rutschende Tram, ist das elektrische Sturmgefährt meiner Jugend? Bin ich selbst etwa schneller geworden? Schlug das Knabenherz nicht rascher, rannte man nicht hinter jedem Hunde drem atmete man nicht den halben Tag mit aufgeregt aufgesperrtem Mund? Nein, wir sind langsamer geworden, wir sitzen in Auto und Flugzeug, wir rasen bedächtigen Herzens hinter donnernden Motoren durch die Welt, aber wir sind aus dem Rhythmus der Körpergeschwindigkeit gefallen und von Kindern und Hunden durch eine weltanschauliche Kluft getrennt! .
Ich ging den Frankfurter Berg zu Fuß hmab, ich verlor , Zeit dabei. Und sah die lieben Läden wieder, die Gummitorten der Frau Poliqkeit, den dunklen Papierlaben von Bunsenbahi, wo wir die Oktav- bestchen, Stundenpläne und Abziehbilder von märchenhafter Schönheit erstanden Hier um die Ecke wohnte der Sohn des reichen Hollanders van Keerel. Er fuhr unvorsichtigerweise mit seinem Ziegengespann durch unser Hoheitsgebiet, wurde vom Bock gehoben und mußte im Hof bei Zacharias Pabst Stecken zuschneiden, während unser Generalkommando eine Spritztour unternahm. .
Und dort oben, hinter dem schmalen Fenster in Nummer 18, gründeten mir den Verein „Atlantic". Mitglied konnte werden, wer das dreizehnte Lebensjahr vollendet hatte, ein selbstverfaßtes Gedicht einreichte und die hundert Meter unter vierzehn Sekunden lief. Es war dies die physische und geistige Elite des Viertels und die erste saftige Schmockerei mit der ich mich je geschmückt habe. Ich weiß, daß mein Gedicht „Der Klabautermann" hieß und daß meine Zeit 1334 war.
Immer tiefer, mit jedem Schritt auf diesem Pflaster der Erinnerung, gehe ich in meine Jugend hinein und wundere mich dabei, daß ich mich dessen so haarklein erinnere und daß ich eigentlich nicht mehr ergriffen bin Viele meiner damaligen Freunde sind tot. Viele habe ich auch wiedergetrofsen. Manche sind fast unverändert, bis auf Ausmaße und Bartwuchs, manche haben sich gänzlich von ihrer Jugend losgelost und sind das Gegenteil ihrer früheren Skizze. Zarte Gesichter sind weich oder grob verschwemmt, derbe, pralle Kindergesichter zu feinen, präzis gezeichneten Köpfen geworden. Ich traf sie in Berlin, in Hamburg, im Ausland wieder Ich versuche den Schicksalslinien meiner Freunde in Gedanken zu folgen, und komme immer wieder, wie auf Seitenwegen, die eine Heerstraße umflechten, zu mir und meinem eigenen Weg zurück. Hier stehe ich Stirn gegen Stirn mit meiner Jugend. Ich stehe wie in einem Zentrum und blicke auf mein Leben, das wie ein tonender, farbenmischender Kinderkreisel um meinen Kops summt. Das Summen wird leiser und leiser. Lärm und Scheingewinn des tagtäglichen Lebens fallen ins Wesenlose. Die wahren, die echten, die Forderungen und Ziele der Jugend stehen auf aus der Erde, auf der sie geträumt und beschworen wurden und fragen: Wie weit kamst du? — Und langsam geht man weiter und steht auf einmal vor einem Baum im Garten, vor einem alten Haus, vor dem Bild einer Mutter und fühlt nur dieses: Das Haus war größer, der Baum war mächtiger, das Bild war stärker, und ich
Von der Grenzmark führt der Weg in den Südosten nach Schlesien in die Berge der Märchen und Sagen, in das Land fi.ernl“" Stehrs Sein Werk ist zu bekannt, als daß es hier eine nähere Deu- tuna erfahren müßte; eine Deutung, die auf geringem Raum überhaupt nicht mögllch ist' Schlesiens lebende Dichter traten em reiches Erbe an Hermann Stehr hat es sortgeführt zu einer Hohe, vor der wir heute staunend stehen. Es ist gleichgültig, welches seiner Bücher wir m die^and nehmen sei es der „Meister Cajetan" ober sein „Nathanael Moechler , der große Volksroman „Der Heiligenhos' und der Roman „Die Nachkommen" Alle diese Werke sind dichterische Erlebnisse Mensch und Landschaft darstellenb und mit weiser Ueberlegenheit deutend.
Es ist schön zu wissen, daß gerade heute dort schon junge Kräfte beginnen mit ihrer Arbeit, junge Dichter die mit ihren ersten Arbeiten be wiesen haben, baß es sich lohnt aus sie zu achten. So schrieb Erwin P. Close seinen aufrüttelnben Roman „Dominium und «te f an Sturm den Roman des Arbeitsvienstes aus Schlesien ,^Mensch auf dem Amboß", dem demnächst ein neues Buch folgen wird, ^Zahlungen aus der schlesischen Heimat zulammensassenb. Erich H o l n k l s bient mit seinen Dichtungen seiner schlesischen^Heimat.
Ein reifes, abgeschlossenes Werk bescherte den deutschen Lesern der Dichter Hans Christoph Kaerge l Berge und Taler, Bauern und Arbeiter sind der Inhalt dieser Bucher, so m dem Roman „Em Mann stellt sich dem Schicksal", auch er ist em Schlesier, fern „rotes Haus könnte überall in diesem Land stehen; dieses Haus ist arm. Aber- aus dieser Armut erwächst eine Gemeinschaft im Glauben an die Heimat und an das Volk. Zwei Romane sollen noch genannt sein: das „Be- kenntnisbuch einer schweren Jugend", „Des Heilands Zweites Gesicht und Heinrich Budschiak", ein Raman, über den Hermann Stehr schrieb.
Du "sckmsst Heinrich Bubschigkh den Narren in Gott! Er ist Dir in seiner Lebenspfablosigkeit ..., seiner fteiligteit unb der Inbrunst feiner Frömmigkeit gelungen". Kaergels dramatische Arbeiten können in diesem Rahmen nicht behandelt werden, sein „Hockewanzel" ist allgemeiner Besitz des deutschen Theaters.
Bor Ostern.
Bon Hermann Claudius.
Wenn die Erde im März wieder aufbricht, und du ihn witterst, jenen schweren, verhaltenen Duft an einem nebelverhangenen Morgen über den Acker hin, daß du stillstehst, als wärest du selber ein Kraut, das treiben (oll, als müßtest du selber Erde atmen — daß du wie trunken stehst: Wirf dich über den Acker und presse dein Herz an den Herzschlag der Erde und frohlocke: es ist Frühling geworden! Es ist wahrhaftig Frühling geworden.


