Die Liebe auf -em Lande.
Von Jakob Michael Reinhold Lenz.
Ein schlechtgenährter Kandidat Der oftmals einen Fehltritt tat Und den verbotnen Liebestrieb In lauten Predigten verschrieb, Kehrte einst beim Pfarrer ein. Den Sonntag sein Gehils zu sein.
Der hat ein Kind, zwar still und bleich, Von Kummer krank, doch Engeln gleich. — Sie hielt im halberloschnen Blick Noch Flammen ohne Maß zurück;
Als itzt in Andacht eingehüllt. Schön wie ein marmorn cheil'genbild. —
War nicht umsonst so still und schwach, Verlassene Liebe trug sie nach. In ihrer kleinen Kammer hoch Sie stets an der Erinnerung sog;
An ihrem Brotschrank an der Wand Er immer, immer vor ihr stand, Und wenn ein Schlas sie übernahm, Im Traum er immer wieder kam.
Für ihn sie noch das Härlein stutzt. Sich, wenn sie ganz allein ist, putzt, All ihre Schürzen anprobiert Und ihre schönen Lätzchen schnürt. Und vor dem Spiegel nur allein Verlangt, er soll ihr Schmeichler sein. Kam aber etwas Fremd's ins Haus, Tat sie sich schlecht und häuslich aus.
Denn immer, immer, immer doch Schwebt ihr das Bild an Wänden noch Von einem Menschen, welcher kam Und ihr als Kind das Herze nahm. Fast ausgelöscht ist sein Gesicht, Doch seiner Worte Kraft noch nicht Und jener Stunden Seligkeit Und jener Träume Wirklichkeit, Die, angeboren jedermann. Kein Mensch sich wirklich machen kann.
Ach, Männer, Männer, seid nicht stolz. Als wärt nur ihr das grüne Holz. Der Weiber Güt' und Duldsamkeit Ist grenzenlos wie Ewigkeit.
Stimme des Ostens.
Von Erich Langen buche r.
Grenzwacht im Osten zu fein war seit Jahrhunderten die Aufgabe der Menschen, die Ostpreußen ihre Heimat nennen. Im Buck der Geschichte schrieben sie sich ein stolzes Kapitel; heute noch stehen die Burgen der deutschen Ritter, Zeichen großer Zeit, achtunggebietend und schön die Städte, die die Bürger des Landes erbauten. Preußens Schicksale sind ewig mit denen Ostpreußens verbunden, voll Not blickte Deutschland nach dem Osten, als im großen Krieg die Grenzen bedroht waren, befreit war das Gedenken an dieses Land, als der Feind aus ihm gewichen war. Sehnsuchtsvoll ist die Stimme der Menschen wie das Lied Agnes Miegels, der größten lebenden Dichterin des Ostens, „lieber der Weichsel drüben, Vaterland, höre mich an", es ist heute noch heilige ernste Bitte, wie damals, als es in einer Stunde schwerster Gefahr zum erstenmal gesprochen worden ist.
Das Werden und das Geschehen, das mit dem Namen Ostpreußen immer verknüpft sein wird, verpflichtet. So sind die Stimmen der Dichter, die sich für das Land erheben, immer mächtig gewesen im Chor der Dichtung um die Heimat. Es wären viele Namen zu nennen, wollten wir sie alle erfassen. Simon Dachs „Aennchen von Tharau" ist heute ebenso wenig vergessen, wie es die Lieder Agnes Miegels find. Heute schon wissen wir, daß ihr Werk zum Bestand deutscher Dichtung gehören wird lwß sie Besitz des Volkes geworden sind, die Dichtungen einer Frau, die i*' Heimat und deren Geschichte Hebt, die die Brücke schlägt von der Vergangenheit in die Gegenwart des neuen Reiches. Agnes Miege! ist letzt achtundfünfzig Jahre alt, 1879 wurde sie in der Stadt, in der sie heute noch lebt, geboren. Vielgestaltig das Erbe, das in ihr wirkt: Von Friesland kamen die Vorfahren, andere vom Schwarzwald, die Mutter war ein Kind von Salzburger Protestanten, die Friedrich Wilhelm I. in Ostpreußen ansiedelte. Frühe schon entstanden ihre ersten Lieder, durch Jahrzehnte diente sie dem Werk, das heute vor uns liegt, mit immer gleicher Demut. 1936 ehrte sie das neue Reich mit der Verleihung des zum erstenmal verliehenen Herder-Preises, die NS.-Kulturgemeinde stiftete zu ihrem Geburtstag eine Agnes-Miegel-Plakette.
Drei Kreise bildet ihr Werk: die Geschichte, die Menschen und die Landschaft Ostpreußens. Es würde zu weit führen, alle näher zu beschreiben, genannt seien einige wenige: die „Gesammelten Gedichte" (wie alle Bücher bei Eugen Diederichs), eine Gesamtausgabe ihrer Balladen und Gedichte, die durch den Band „Deutsche Balladen" ergänzt werden, neu hinzugekommen ist der Band „Herbstgesang", ein Buch, wurzelnd in der Gegenwart mit dem heldischen Glauben an die Zukunft. Dichterisch ebenso schön sind die Prosawerke der Dichterin, so die „Alt- preußischen Geschichten", in denen sie die Schicksale aus ostpreußischer
Geschichte gestaltet, das Heldenlied von der „Fahrt der sieben Ordensbrüder" steigt vor uns aus wie ein Mythus des ostpreußischen Landes, von Kindheit und Jugend erzählt sie in dem Bändchen „Unter hellem Himmel", einen Höhepunkt ihres Schaffens bilden die Erzählungen „Gang in die Dämmerung." Ihr Werk ist das große Bekenntnis Ostpreußens zum Reich, ift der Rus zur Ausgabe der Landschaft und der Menschen für das Reich, ist Mythus und Verkündigung, Glauben an das Heldenlied der Treue.
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Ganz der ostpreußischen Landschaft, aus der seine Menschen herauswachsen, verschrieb sich der junge Ottfried Graf Fincken st ein. Sein Werk ist noch schmal, aber es wiegt schon schwer. Auch er ist ein Kind Ostpreußens: in der alten Ordensburg Schönberg, nahe Marienwerder, geboren, wuchs er auf zwischen Seen und Wäldern fern den Städten. Sechzehnjährig meldet er sich freiwillig zum Kriegsdienst und kämpft im Südosten und an der Westfront. Reisen führen ihn in die Welt, mächtiger aber ist das Gesetz des Blutes, das ihn zur Heimat zurllckführt, der er in (einem Werke bient, schaffend „aus dem Glauben an die Landschaft und ihre schöpferische formbildende Kraft für Volk und Menschen". Aushorchen ließ er durch ein Bändchen in der „Deutschen Reihe", „Fünf Männer am Brunnen", einer Erzählung aus dem Alltag, die aber so unmittelbar und stark anspricht, wie wir es selten vorher erlebten. In dieser Geschichte besitzen wir eine Erzählung von der Arbeit, die trotz Not und Härten schön ist. Ottfried Graf Finckensteiu wird dem arbeitenden Menschen seiner Heimat in seinen Dichtungen einmaligen Ausdruck geben. Zu mächtiger Einheit wachsen Menschen und Landschaft zusammen in dem großen Roman „Fünfkirchen", der Name eines Dorfes, das sich vor uns ausbreitet als tätige, schaffende Lebensgemeinschaft. Sind es im Werk Agnes Miegels Vergangenheit und Geschichte des Landes, der Tag der Stadt, die uns begegnen und festhalten, so sind es in Finckensteins Werk die Menschen der Dörfer, der Bauer und der Arbeiter, die beide Diener sind an der Erde ihrer Heimat. Zwei neue Werke werden demnächst von Finckensteiu erscheinen, ein Novellenkreis „Das harte Frühjahr", Novellen vom Gesetz und Sinn des Lebens dieser Menschen, und die Erzählung „Der Kramchschrei", hier ist die hintergründige Landschaft der Seen und Wälder der Rahmen, in dem der Kamps dreier Menschen ausgefochten wird. Finckensteiu ist ein Dichter, der die große Tradition der schöpferischen Menschen Ostpreußens aufgreift und sie weitersühren wird.
Ein Forsthaus, wie es in den weiten Wäldern Ostpreußens wohl viele geben mag, ist das Heimathaus des Dichters Ernst Wiechert. Zwischen „sehr vielen Tieren" und „unermeßlichen Wäldern" wuchs der Knabe auf in Verhältnissen, die nicht gut genannt werden können. Trotzdem war diese Jugend reich, sie hatte ja den ganzen Schatz des Waldes und alles, was in ihm webte, für sich. Das Land — der Wald und die Seen, die Felder und die Dörfer — wurden fo des Dichters ureigenstes ßebenselement, aus dem alle feine Werke tarnen. — Ernst Wiechert war vor dem Erscheinen seines Buches „Die Magd des Jürgen Doskocil" nicht das, was man hätte einen bekannten Dichter nennen können, obgleich eine Anzahl Arbeiten von ihm vorlag, fo die Novelle „Die Flucht", die sieben Novellen „Die Flöte des Pan", das Kriegsbuch „Jedermann" — Geschichte eines Namenlosen, der Roman „Der Toteuwols" und der Roman, der den Titel des Jugeuderlebens trägt „Der Wald". Das änderte sich mit einem Schlag, als „Die Magd des Jürgen Doskocil" im Herbst 1932 herauskam und gleichzeitig mit dem erstmals verteilten Volkspreis der Raabestiftung ausgezeichnet wurde. Der Knecht Doskocil und feine Magd und spätere Frau sind stpreuhische Menschen, hart, karg, schweigsam, mit einem Hang zum Grübeln und Besinnlichen. Aber es waren nicht allein die Menschen, die in diesem Werk fesselten, es war die Landschaft, die in ihm lebte und der er nun in seinen Jugenderinnerungen „Wäldev und Menschen" das schönste Denkmal setzte, die jetzt nach den Äücheru „Die Majorin" und der „Hirtenuovelle" erschienen.
Eine Dichterin Ostpreußens ist noch zu nennen, die hier nicht vergessen werden darf: Johanna Wolff. Obgleich sie schon lange fern der Heimat lebt, der ihr Sehnen gilt. Ihre Erinnerungsbücher aus Ostpreußen sind die schönsten Zeugnisse, der schönste Dank an diese Heimat. Wer sich einmal nur mit dem Mädchen Hanneken beschäftigte, wird dieses Mädchen nicht mehr vergessen! Ein Buch von Arbeit und Aufstieg nennt sie den ersten Teil „Das Hanneken", wir finden das Mädchen, barfüßig, arm, mit einer großen Sehnsucht im Herzen und vielen Wünschen des Kindes, die ihm alle nicht erfüllt werden. In Ostpreußens Dörfern lebt Hanneken, trauert um den Vater und hilft der Mutter. „Hannekens große Fahrt" führt dann das Mädchen aus der engeren Heimat hinaus ins große Vaterland. Einen Mann ihrer Heimat versucht sie in dem Roman eines deutschen Schicksals „Andreas Vertaten" zu gestalten. Ihre Gedichte gehören in den gleichen Kreis wie ihre Prosawerke. Zwei Bände nur seien genannt, die Sammlung „Du schönes Leben" und „Lebendige Spur". Auch jetzt noch, wo die Dichterin im Süden, außerhalb ihres Vaterlandes lebt, ist Ostpreußen das Ziel ihres Denkens, die Quelle ihres dichterischen Schaffens.
Zwei junge Dichter führen aus dem Osten ins Reich und schlagen die Brücke zur Gemeinschaft der Schaffenden. Herybert Menzel, dessen Heimatstadt Tirschtiegel hart an der Grenze liegt, schrieb (eine Bücher und Gedichte dem Volk an der Grenze. Die Balladen, Sagen und Erzählungen „Der Grenzmarkrappe" greifen ebenso in den deutschen Osten wie sie die dort Lebenden hineinweisen in die Gaue der Heimat, sein Roman „Umstrittene Erde" kündet in feiner knappen, erzählenden Form von der Kraft der Liebe zur Heimat, die mächtig genug ift, um Not und Gefahr zu ertragen. Seine Gedichte entsprangen dem Kampferlebnis des jungen Deutschland, wie die Lieder Herbert Böhmes. Heute noch überwiegen bei beiden die Lieder, die sie ihren Kameraden schenkten. Dazwischen aber schon finden wir viele unvergleichliche Gedichte an die Heimat Im Osten, die aus der Not der Stadt erwuchsen, die das Heimweh nach den Menschen und der Erde dieser Heimat schufen.


