die Welt zu betrachten. Wieder, wie im „Lenz", der kühle, sezierende Medizinerblick, der den Menschen bis ins geheimste Innere ihrer Seele zu schauen trachtet, nach den verstecktesten Triebkräften ihres Handelns forscht; wieder, wie im „Danton", der knappe, kurze, zusammengedrängte, vorwärtstreibende Balladenton, aber noch gedrängter, noch mehr verkürzt, zusammengerafft in einem spukhaften Tempo, das erst eine viel spätere Entwicklung auffängt und weitertrügt. Wieder mischen sich Volksliedstrophen in die gespenstisch vorllberhuschenden Szenen.
Auch „Woyzeck" ist, in sonderbarer stofflicher Analogie zum Drama Lenzens, ein Soldatenstück. Aber dessen „Soldaten", von denen eine ungebrochene Linie zu Büchners Torso führt, waren im Grunde ein „moralisches" Stück mit starker Betonung des Ständischen und Sozialen, mit einer Nutzanwendung zuletzt und einem erstaunlichen Vorschlag zur Güte; bei Büchner hingegen ist am Ende doch der menschlich-psychologische Fall stärker als das soziale Problem. Die Handlung entwickelt sich aus triebhaft dunklen Seelenkräften, aus dem ewig zwischen Haß und Liebe gespannten Verhältnis der Geschlechter. Und hier erweist sich der „Woyzeck" als motivische Umkehrung der „Soldaten", die das Mädchen ins Verderben hetzen; Woyzeck geht ‘in erster Linie am Weibe zugrunde, an seinem eigenen Weibe. Freilich sind beide schon gewissermaßen dafür reis und vorherbestimmt: das Bürgermädchen Marie bei Lenz durch Leichtsinn und falsche Erziehung, der arme Soldatenbarbier bei Büchner durch die irrsinnigen Experimente eines verbohrten Mediziners, durch die Kameraden, seinen apoplektischen Hauptmann und den brutalen Tambourmajor. „Er ist ein interessanter Kasus", sagt der Doktor zum Füsilier. „Subjekt Woyzek, Er kriegt Zulage, halt Er sich brav! Zeig Er seinen Puls. Ja." — *
Das ist nun alles ein rundes Jahrhundert alt geworden, aber es ist wohl noch nicht einmal zwei Jahrzehnte her, seit die Entwicklungslinien,, die von Büchner in unsere Zeit weisen, klar erkannt worden sind, seit man bewußt und ungetrübt zu überblicken und zu erkennen vermochte, wie vielfältig Gegenwart und nahe Vergangenheit an ihn anknüpfen, daß er nicht nur zu früh gestorben, sondern zu früh und seiner eigenen Zeit weit voraus zur Welt gekommen war. In Büchners Geburtsstunde klang noch der Kanonendonner der Völkerschlacht; als er starb, waren noch nicht K Jahre seit Goethes Eingang in die Unsterblichkeit verstrichen. In die
andzwanzig Jahre seines unruhigen, unsteten und gehetzten Lebens ist eine wahrhaft erstaunliche Fülle geistiger Aktivität, menschlichen Einsatzes, dichterischen und wissenschaftlichen Schaffens gepreßt. Und mag uns das Ganze auch unvollendet, abgebrochen, fragmentarisch anmuten .. Dokument eines Daseins, das zu außerordentlichen Erwartungen und Hoffnungen berechtigen mußte: der dichterische Teil seines Werkes ist heute lebendig wie je. Diese Erkenntnis schließt — ein Jahrhundert nach Büchners Tode — eine tiefe Verpflichtung ein, deren sich vornehmlich das deutsche Theater unserer Zeit bewußt sein sollte.
Schneider und Oachs.
Ein fröhliches Tiermärchen von Hans Friedrich Blunck.
Der Dachs ist unter den Tieren als Schneider bekannt. Er hält viel auf fein Gewerbe und kann bitterböse werden, wenn Leute, die eine Nadel zu führen wissen, in fein Gehege kommen. Ich will zur Warnung erzählen, wie es einem spindeldürren Schneidergesellen ergangen ist, der mit ihm zusammengeriet.
Einmal, wie dieser Schneidersmann abends vor die Tür seines Hauses tritt, um feine Gänse einzutreiben, wollen die Tiere nicht den rechten Weg laufen. Er ergreift deshalb, ohne sich dabei etwas Böses zu denken, zwei von ihnen bei den Flügeln. Da bekommen die Tiere Angst, sie streichen hoch in die Luft, und der spindeldürre Schneider wird, was glaubt ihr, von ihnen über einen großen, großen Wald, wohl eine Stunde weit, von bannen getragen.
Hinterm Wald aber, es ist so gegen Sonnenuntergang, stehen gerade viele Tiere und schauen Grimbart, dem Dachs, beim Tanzen zu. Der Arme bat nämlich das Reißen, und die Leute haben ihm im Scherz gesagt, er müsse um Sonnenuntergang einen Reigen ausführen, das hülfe dagegen. Nun kichern sie hinter allen Bäumen und Büschen und lachen und schauen dem armen Geplagten zu, wie er sich auf der Waldwiese gleich einem Junggesellen um sich selbst dreht, um das Reißen loszuwerden.
Gerade auf dieser Wiese landet nun der Schneider zwischen den zwei Gänsen, und wie er sich umsteht und nichts als einen tanzenden Dachs erblickt, muß auch er laut meckern über den Spaß, wie Schneider es leicht einmal tun. Das erbost den armen Grimbart aber gewaltig, er packt gleich zu, zieht mit einem Ruck den beiden unschuldigen Gänsen das Federkleid aus, so daß sie frierend und nackt dastehen und ihren Herrn nicht weitertragen können, und stellt den Schneider. Der darf sich nicht mehr vorn Platz rühren, ohne daß der Dachs ihm die Zähne zeigt.
Dann verhört Grimbart den Gefangenen und will wissen, töte er in sein Reich gekommen ist, wie er das Fliegen fertiggebracht hat und anderes mehr.
Dabei erfährt der Dachs ja nun auch, daß dieser spindeldürre Kerl ein Schneid r sein will, das verdreifacht feinen Zorn. Für zwei Schneider sei im Wald nicht genug zu tun, faucht er, und einer von ihnen müsse von binnen. Ja, er ergrimmt so gewaltig über den neuen Nachbarn, er fordert ihn zu einem Wettlauf heraus. Und der Hagemann, verlangt er, solle den zu Tode stoßen, der das Laufen verliert. — Der Hagemann vermag das ja, es ist der Riefe, braun wie altes Laub, den wir alle schon einmal im Herbstwald sahen.
Run der arme Schneider muß das böse Spiel annehmen, es bleibt ihm nichts anderes übrig. Er soll wirklich mit dem Dachs um bie Wette rennen, die Tiere drängen sich schon am Ablauf und am Ziel, und manche geben den armen Spindeldürren verloren, denn solch ein Dachs kann gewaltig taufen, wenn es ums Leben geht.
Und bann geht es los, und kaum daß sie zehn Schritt hinter sich haben: „Meck, meck, meck!" schreit der Schneider vor Aufregung.
„Was sagst du?" fragt der Dachs und bleibt mitten im Lauf stehen.
Der Schneider antwortet nicht, er rennt, was er kann. Und auch der Dachs läuft wieder und ist ihm gleich voran. „Meck, meck, meck!" schreit der Schneider, um sich selbst Mut zu machen. Der Dachs dreht sich wieder um, aus den Ruf müssen nämlich alle Schneider stehenbleiben. Und dis Tiere merken es und beginnen zu lachen, alle rufen: „Meck, meck!" in den Wettlauf hinein, und der Dachs kann nicht anders, er muß sich immer wieder umsehen auf den Ruf, genau wie der Schneider auch.
So kommt es, daß bie beiben Wettläufer zu gleicher Zeit anlangen; ber Hagemann, ber am Ziel steht, kann nicht sagen, wer von ihnen bet Erste geworben ist.
Der Dachs ist sehr mißgelaunt. Dann wolle er sich nut bem Schneidet um die Wette durch den Sand kratzen, verlangt er, das Lausen gelte nicht« Und er zeigt einen Hügel, an dem sie sich beide versuchen können. Wev zuerst auf der anderen Seite wieder herauskomme, ber habe gewonnen, sagt er. Und die Hagefrau solle diesmal Schiedsrichter fein, verlangt er auch; der Dachs ist ja wütend, daß der Hagemann ihm nicht den Sieg zugefprochen hat. Dann fängt er auch schon an, sich ein Loch zu scharren, und ist gleich mit dem halben Leib drinnen.
Die Hagesrau, die nun entscheiden soll, ist indes gar nicht so gut auf den Dachs zu sprechen, wie der wohl meint. Er hat ihr einmal bie Heirat versprochen, so um ben Herbst herum. Aber bann hat Grimbart sich zum Winterschlaf gelegt unb hat im Frühling von nichts mehr wissen wollen. Wie beshalb ber fpinbelbürre Schneiber verzweifelt bie Hände ringt und nicht weiß, wie er sich um Gvtteswillen durch einen Hügel Sand ein» und auswühlen soll, blinzelt sie ihn mit dem linken Auge an unb bretjt das anbere gerabe auf einen Fuchsbau zu. Nun, ber Schneiber begreift, er stürzt sich, schlank wie er ist, kopfüber hinein, um ben Hügel zu burch- kriechen. Es hat schon fein Gutes, so spindeldürr zu sein!
Wie er aber unten in den Kessel kommt, gehen da viele Rohren ast; und er weiß nicht mehr, wo er sich hinwenden soll. Auch sitzt bie Füchsin im Bau, sie faucht ben Schneiber an unb fragt, was er wolle.
Och, stottert ber, ihr Mann ließe bestellen, bas Wetter sei draußen so schön. Und dann fragt er, wo es nach ber anberen Seite bes Hügels hinausginge, er wolle sehen, ob ba auch bie Sonne scheine.
Da freut sich bie Füchsin, baß schön Wetter geworben ist, sie ist bem fonberbaren Besuch gefällig und zeigt ihm bie Richtung. Aber bie Fragerei hat ben Schneiber hoch so lange aufgehalten, er kommt nicht früher als Grimbart aus ber anberen Seite heraus. Genau um bie gleiche Zeit stecken sie beibe bie Nase aus bem Heibekraut.
Der Dachs kann kaum begreifen, baß er nicht ber Erste geworden ist, er gerät außer sich vor Zorn, daß er diesem Spindeldürren nicht überkommt. Er verlangt deshalb — und weil gerade der Böse vorbeikommt, ruft er den zum Schiedsrichter an — er verlangt deshalb: Wer von ihnen beiden, Dachs und Schneider, bis Mitternacht den besten Rock genäht habe, der allein habe das Recht zum Handwerk im Wald. Wer aber unterliege, ber müsse enbgültig mit bem Leben bezahlen. Er blinzelt dabei dem Bosen zu, er glaubt ja, der sei ein Schiedsrichter, dem an einer armen Seele gelegen sei.
Nun, aus ein Zeichen hin schneidern die beiden nach besten Kräften darauslos. Der Dachs näht aus den Federn ber beiben gefangenen Gänse ein herrliches Schwanenkleid; ber arme Schneiber aber muß nehmen, was bie Tiere ihm an Febern und Lappen zuwerfen. Weil er dabei soviel kleine bunte Zipfel erhält, beschließt er, einen Hahnenrock zu nähen, den hat man schon einmal zu einem Fastelabend bei ihm bestellt.
Er ist aber ein so flinker unb geschickter Hcmbwerker, unser Freund Schneider: wie sie um Mitternacht beide ihre Arbeit hochhalten und alle Tiere neugierig näherkommen und das Werk prüfen, da kann der Teufel vor so viel Leuten nicht anders als zugeben, daß beide Röcke gleich prächtig geworoen sind. Aber der Böse ist ja auf die Schneiderseele ans unb fügt beshalb hinzu: Da nun niemand wisse, welcher Rock ber schönste sei, müsse man erfahren, in welchem sich am besten fliege, im Schwanen- ober im Hahnenkleib. Er bentt insgeheim, jetzt werbe ber Schneiber gewiß verlieren, weil so ein Halmenrock nicht auf große Flügel geschnitten ist.
„Einverstanben!" schreit ber Dachs auch gleich. „Aber wie sollen wir wissen, in wessen Rock sich am besten fliegen läßt?"
„Ich kann es ja erst mit bem einen unb bann mit bem anderen Rock versuchen", schlägt ber böse Berlocker vor.
Die Tiere im Wald halten indes auf Gerechtigkeit und auf gleiche Bedingungen. Sie trauen ihm nicht. Da sind aber noch die zwei Gänse, an denen kann man sehen, in welchem Rock sich am besten fliegen läßt. Man holt also bie beiden her, obwohl sie sich in ihrer Nacktheit entsetzlich zieren, und Dachs und Schneider legen ihnen bie Kleiber an, das schöne Schchanengefieber ber einen unb ben Hahnenrock ber anbern. Nun soll sich ergeben, wer von ben beiben am besten fliegen fcmn.
Der arme Schneiber aber weiß wohl, wie es ungefähr ausgehen wirb. Ach, im Hahnenrock fliegt es sich nicht weit! Er streicht und streicht deshalb, so lange es noch ‘angeht, seiner Gons ben Rock zurecht unb mag gar nicht aufhören; er weiß, biefe letzte Weste wird er verlieren. Unb er hält sich noch immer fest, als feine Gans im Ha!m"nkleib schon zu flattern versucht, unb kriegt in seiner Furcht sogar noch einen Jlüael ber andern Gans im Schwanenkleid zu fassen. Und auf einmal sind sie, weist Gott, alle drei wieder in der Luft und streichen auf und davon, rechts eine Gans mit Hahnen-, links eine Gans mit' Schwanenfstigeln. Und her fpinbelbürre Schneiber zappelnd unb stramvelnd in ber Mitte.
Ich habe nicht mehr gehört, wo bie drei aefanbef sind. Ich weist nur, bem bösen Berlocker ist vor Erstaunen ber schlimme Wunfch roegaeblieben, unb auch bie anberen Tiere haben nicht hinterbrein können, sie haben zuviel über ben betrogenen Teufel unb ben verdutzten Dachs lachen müssen.
•eranttoortltdr Dr. Hans Tbtzriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche Universitäts-Buch, und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


