Ausgabe 
19.3.1937
 
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Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger

Jahrgang 195Z Zreitag, den 19. März Nummer 22

Derr GteOlin

Vornan von Theodor Soutane

15. Fortsetzung.

Unter dieser Empore, quer durch den Saal hin, stand ein für das Komitee bestimmter länglicher Tisch mit Tischdecke, während auf den links und rechts sich hinziehenden Bänken einige zwanzig Vertrauens­männer saßen, denen es hinterher oblag, im Sinne der Komiteebeschliisse weiter zu wirken. Die Vertrauensmänner waren meist wohlhabende Stech­liner Bauern, untermischt mit offiziellen und halboffiziellen Leuten aus der Nachbarschaft: Förster und Waldhüter und Vormänner von den ver­schiedenen Glas- und Teeröfen. Zu diefen gesellte sich noch ein Torf­inspektor, ein Vermessungsbeamter, ein Steueroffiziant und schließlich ein gescheiterter Kaufmann, der jetzt Agent war und die Post besorgte. Na­türlich war auch^Landbriefträger Brose da samt der gesamten Sicherheits­behörde: Fußgeidarm Uncke und Wachtmeister Pyterke von der reitenden Gendarmerie. Pyterke gehörte nur halb mit zum Revier (es war das immer ein streitiger Punkt), erschien aber trotzdem mit Vorliebe bei Ver­sammlungen der Art. Es gab nämlich für ihn nichts Vergnüglicheres, als feinen Kameraden und Ämtsgenosfen Uncke bei solcher Gelegenheit zu beobachten und sich dabei seiner ungeheuren, übrigens durchaus berech­tigten Ueberlegenheit als schöner Mann und ehemaliger Gardekürassier bewußt zu werden. Uncke war ihin der Inbegriff des Komischen, und wenn ihn schon das rote, verkupferte Gesicht an und für sich amüsierte, so doch viel, viel mehr noch der gefärbte Schuhbllrstenbackenbart, vor allem aber das Augenspiel, mit dem er den Verhandlungen zu folgen pflegte. Pyterke hatte recht: Uncke war wirklich eine komische Figur. Seine Miene sagte beständig:An mir hängt es." Dabei war er ein höchst gutmütiger Mann, der nie mehr als nötig aufschrieb und auch nur selten auflöste.

Der Saal hatte nach dem Flur hin drei Türen. An der Mitteltür standen die beiden Gendarmen und rückten sich zurecht, als sich der Vor­sitzende des Komitees mit dem Glockenschlng sieben von seinem Platz er­hob und die Sitzung für eröffnet erklärte. Dieser Vorsitzende war natürlich Oberförster Kassier, der heute, statt des bloßen schwarz-weiße» Bandes, sein bei St. Marie aur Ehenes erworbenes Eisernes Kreuz in Substanz eingeknöpft hatte. Neben ihm saßen Superintendent Koselcger und Pastor Lorenzen, an der linken Schmalseite Krippenstapel, an der rechten Schulze Kluckhuhn, letzterer auch dekoriert, und zwar mit der Düppelmedaille, trotzdem er bei Düppel in der Reserve gestanden. Er scherzte gern dar­über und sagte, während er seine beneidenswerten Zähne zeigte:Ja, Kinder, so geht es. Bei Alse» war ich, aber bei Düppel war ich »ich, und dafür hab ich nun die Düppelmedaille."

Schulze Kluckhuhn war überhaupt eine humoristisch angeflogene Per­sönlichkeit, Liebling des alten Dubslav, und trat immer, wenn sich die alten Kriegerbundleute von sechsundsechzig und siebzig aufs hohe Pferd setzen wollten, für die von vierundsechzig ein.Ja, vierundsechzig, Kinder, ito fing es an. Und aller Anfang ist schwer. Anfängen ist immer die Hauptsache: das andre kommt bann schon wie von selbst." Ein alter Globsomer, der bei Spichern mitgestürmt und sich durch besondere Tapfer­keit hervergetan hatte, war denn auch, bloß weil er einer von Anno siebzig war, ein Gegenstand seiner besonderen Bemängelungen. ,Zch will ja »ich sagen, Tübbecke, daß es bei Spichern gar nichts war: aber gegen Düppel (wenn ich auch nicht mit dabei gewesen), gegen Düppel war es gar nichts. Wie war es beim bei Spichern, wovon du so viel redst, als ob sich vierundsechzig daneben verstecken müßte? Bei Spichern, da waren Menschen oben, aber bei Düppel, da waren Schanzen oben. Und ich sag dir, Schanzen mit'm Turm drin. Da pfeift es ganz anders. Das heißt, van Pfeifen war schon eigentlich keine Rede mehr." Eine Folge dieser Aiü Kauung war es denn auch, daß in den Augen Kluckhuhns der Pionier Klinke, der bei Düppel unter Opferung seines Lebens den Palisadenpfahl von Schanze drei roeggesprengt hatte, der eigentliche Held aller drei Kriege war und alles in allem nur einen Rivalen hatte. Dieser eine Rivale stand aber drüben auf Seite der Dänen und war überhaupt kein Mensch, sondern ein Schiff und hieß Rolf Krake. Ja, Kinder, wie wir nu da so rüber gondelten, da lag das schwarze Biest immer dicht neben uns und sah aus wie'n Sarg. Und wenn es gewollt hätte, so wäre es auch alle mit uns gewesen und bloß noch plumps in den Alsenstmd. Und weil wir das wußten, schossen wir immer drauflos, denn wen» einem so zumute ist, bann schießt ber Mensch immerzu."

Ja, Rolf Krake war eine fatale Sache für Kluckhuhn gewesen. Aber dasselbe schwarze Schiff, das ihm bamals soviel Furcht unb toorge gemacht hatte, war doch auch wieder ein Segen für ihn geworden, und man durste sagen, sein Leden stand seitdem im Zeichen von Rolf Krake. Wie Gundermann immer der Sozialdemokratie basWasser abstellen

wollte, so verglich Kluckhuhn alles zur Sozialbemokratie Gehörige mit bem schwarzen Ungetüm im Alsensund.Ich sag euch, was sie jetzt die soziale Revolution nennen, bas liegt neben uns wie bamals Rolf Strafe; Bebel wartet bloß, unb mit eins fegt er dazwischen."

Schulze Kluckhuhn war in ber ganzen Slechliner Gegend sehr ange­sehen, und als er jetzt mit feiner Medaille fo dafaß, dicht neben Koseleger, war er sich dessen auch wohl bewußt. Aber gegen Krippenstapel, den er als Schulpauker und Bienenvater eigentlich nicht für voll ansah, tarn er bei dieser Gelegenheit doch nicht an; Krippenstapel hatte heute seinen ganz großen Tag, so sehr, daß selbst Kluckhuhn seinen Ton herabsliinmen muhte.

Katzler, ein entschiedener Nichtredner, begann, als er sich mit seinem Notizenzettel, auf dem verschiedene Satzanfänge standen, erhoben hatte, mit ber Versicherung, bah er ben so zahlreich Anwesenden, unter benen vielleicht auch einige Andersdenkende seien, für ihr Erscheinen banke. Sie wüßten alle, zu welchem Zweck sie hier seien. Der alte Kortschäbel sei tot, er ist in Ehren hingegangen", und es hanble sich heute barum, bem alten Herrn von Kortschäbel im Reichstag einen Nachfolger zu geben. Die Graf­schaft habe immer konservativ gewählt; es sei Ehrensache, roieber konser­vativ zu wähle».Unb wenn bie Welt voll Teufel wär'". Es liege ber Grafschaft ob, bieser Welt des Abfalls zu zeigen, baß es nochStätten" gäbe. Unb hier sei eine solche Stätte.Wir haben, glaub ich", so schloß er niemanb an diesem Tisch, der das Parlamentarische voll beherrscht, wes­halb ich bemüht gewesen bin, das, was uns hier zusammengeführt hat, schriftlich niederzulegen. Es ist ein schwacher Versuch. Jeder tut, soviel er kann, unb ber Brombeerstrauch hat eben nur seine Beeren. Aber auch sie könne» ben durstigen Wanderer erfrischen. Und so bitte ich den» unfern politische» Freund, dem wir außerdem für die Erforschung dieser Gegenden so viel verdanken, ich bitte Herr» Lehrer Krippenstasiei, uns das von mir Aufgesetzte vorlesen zu wolle». Ein pro memoria. Man kann es vielleicht so nennen."

Katzler, unter Verneigung, setzte sich wieder, während sich Krippen­stapel erhob. Er blätterte wie ein Rechtsanwalt in einer Anzahl von Papieren und sagte dann:Ich folge ber Aufforderung des Herrn Vor­sitzende» und freue mich, berufen zu fein, ein Schriftstück zur Verlesung zu bringen, das unser aller Gefühlen ich bin dessen sicher und glaube von den Einschränkungen, die unser Herr Vorsitzender gemacht hat, ab­sehen zu dürfen, zu kräftigstem Ausdruck verhilft."

Und nun setzte Krippenstapel seine Hornbrille auf und las. Es war ein ganz kurzes Schriftstück und enthielt eigentlich dasselbe, was Kassier schon gesagt hatte. Die Betonungen Krippenstapels sorgten aber dafür, daß ber Beifall reichlicher war, und baß bie Schlußwendung,und so vereinigen wir uns denn in bem Satze: was um ben Stechlin herum wohnt, bas ist für Stechlin", einen ungeheuren Beifall fand. Pyterke hob feinen Helm unb stieß mit bem Pallasch auf, währenb Uncke sich uni- fah, ob doch vielleicht ein einzelner Uebelroollcnber zu notieren sei. Nicht um ihn direkt anzuzeigen, aber doch zur Kenntnisnahme. Brose, ber (wohl eine Folge feines Berufs) unter bem ungewohnten langen Still» Ki gelitten hatte, nahm im Vorflur, wie zur Niederkämpfung seiner neroofität, eine Art Probegeschwinbschritt rasch roieber auf, während Kluckhuhn sich von feinem Stuhl erhob, um Katzler erst militärisch und dann unter gewöhnlicher Verbeugung zu begrüßen, wobei seine Düppel- mebaille bem Katzlerschen Eisernen Kreuz entgegenpenbelte. Nur Koseleger unb Lorenzen blieben ruhig. Ilm bes Supermtenbntn Munb war ein leiser ironischer Zug.

Dann erklärte ber Vorsitzende bie Sitzung für geschloffen; alles brach auf, unb nur Uncke sagte zu Brose:Wir bleiben noch, Brose; morgen wirb es Lauferei genug geben."

Denk ich auch. Aber lieber laufen als hier fo stilleftehn."

18. Kapitel.

Draußen unter bem Gezweig ber alten ßinben standen mehrere Kaleschwagen, aber ber bes Superintcnbenten fehlte noaj, weil Koseleger eine viel längere Sitzung erwartet unb baraufhin seinen Wagen erst zu zehn Uhr bestellt hatte. Bis bahin war noch eine hübsche Zeit; ber Super­intendent indessen schien nicht unzufrieden darüber, unb feines Amts- brubers Arm nehmenb, sagte er:Lieber Lorenzen, ich muß mich, wie Sie sehe», bei Ihnen zu Gaste laben. Als Unverheirateter werde» Sie, fo hoffe ich, über bie Störung leicht Hinwegkommen. Die Ehe bebeutet in ber Regel Segen, wenigstens an Umbern, aber bie Nichtehe hat auch ihre Segnungen. Unsere guten Frauen entschlagen sich bieser Einsicht, und dieser unbedingte Glauben an sich unb ihre Wichtigkeit hat oft was Rührendes."

Lorenzen, ber sich bet voller Würdigung der Gaben seines ihm vorgesetzten unb zugleich gern einen spöttischen Ton anschlagenden Amts- brubers im allgemeinen nicht viel aus ihm machte, war diesmal mit allem einverstanden und nickte, während sie, schräg über den Platz fort, auf die Pfarre zuschritten.

Ja, diese Eindildungenl" fuhr Koseleger fort, zu dessen Lieblings-