innern, wenn man Gestalt und Dichtung des „Studenten der Medizin aus Darmstadt" überschaut,
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Als er starb, war er 23 Jahre alt und Privatdozent der Universität Zürich, die ihm im September 1836 auf Grund der von chm eingereichten Schrift „Memoire sur le Systeme nerveux du barbeau" die philosophische Doktorwürde zuerkannt hatte. Diese französisch geschriebene Dissertation ist ebenso unbekannt geblieben oder vergessen worden wie die übrigen naturwissenschaftlichen und philosophischen Arbeiten Büchners, die Züricher Probevorlesung über Schädelneroen, die umfangreichen Abhandlungen über Cartesius und Spinoza, und die Uebersetzungen der beiden großen historischen Schauspiele „Lukretia Borgia" und „Maria Tudor" von Victor Hugo. Ein Drama Büchners, „von dem in der Familie ... die Sage geht, daß es jein bestes gewesen sei", handelte von dem Florentiner Pietro Aretino und ist verloren gegangen. Minna I ä g l e, Büchners Braut, besaß das Manuskript und hat es, wegen der darin enchaltenen atheistischen Stellen und aus Feindschaft gegen die Familie Büchner eine Auslieferung und Veröffentlichung ablehnend, ebenso wie die meisten der an sie gerichteten Briefe ihres Verlobten später verbrannt.
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Minna hat den Dichter um viele Jahre überlebt, hat ihm ein Leben lang die Treue gehalten und nie geheiratet. Als 18jähriger Student hat er sie, die Tochter des Pfarrers Iägle in der Rue Saint-Guillaume in Straßburg kennengelernt; als er krank wird, pflegt sie ihn; als er gesundet, verlobt er sich mit ihr. Als er dann, wenige Jahre später in Zürich, vom Typhus befallen, auf den Tod liegt, kommt sie zu spät, ihn wiederum gesund zu pflegen, aber früh genug, um — wenige Stunden vor dem Ende — von dem schon halb bewußtlos Phantasierenden noch einmal liebevoll erkannt zu werden. Ihr galten auch seine letzten Briefe (vom Januar 1837).
„Mein lieb Kindl ... Ich zähle die Wochen bis zu Ostern an den Fingern ... Das beste ist, meine Phantasie ist tätig, und die mechanische Beschäftigung des Präparierens läßt ihr Raum. Ich sehe Dich immer so halbdurch zwischen Fischschwänzen, Froschzehen etc. Ist das nicht rührender als die Geschichte von Abälard, wie sich ihm Heloise immer zwischen die Lippen und das Gebet drängt? ... Der arme Shakespeare war Schreiber den Tag über und muhte nachts dichten, und ich, der ich nicht wert bin, ihm die Schuhriemen zu lösen, hab's weiter besser ... Lernst Du bis Ostern die Volkslieder singen, wenn's Dich nicht angreift? ... Du bist voll zärtlicher Besorgnis und willst krank werden vor Angst; ich glaube gar, Du stirbst — aber i ch habe keine Lust zum Sterben und bin gesund wie je. Ich glaube, die Furcht vor der Pflege hier hat mich gesund gemacht; in Straßburg wäre es ganz angenehm gewesen, und ich hätte mich mit dem größten Behagen ins Bett gelegt, vierzehn Tage lang, Rue St. Guillaume Nr. 66, links eine Treppe hoch, in einem etwas Überzwergen Zimmer, mit grüner Tapete! Hält ich dort umsonst geklingelt? ... Du kommst bald? Mit dem Jugendmut ift's fort, ich bekomme sonst graue Haare; ich muß mich bald wieder an Deiner inneren Glückseligkeit stärken und Deiner göttlicher Unbefangenheit und Deinem lieben Leichtsinn und all Deinen bösen Eigenschaften, böses Mädchen. Adio piccola mia!" —
Das ist am 27. Januar, wenige Wochen vor seinem Tode, der letzte der uns erhaltenen Briefe an Minna Iägle. Auch ihr Bild, nach einer zeitgenössischen Zeichnung, ist uns überliefert: ein feines, merkwürdig anziehendes Gesicht; wenn man es betrachtet, fallen einem jene andern Pfarrerstöchter ein, die in der deutschen Literatur berühmt geworden sind, Friederike in Sesenheim vor allem; schon in einem Gießener Brief vorn März 1834 singt Büchner der Braut die Verse aus entern „alten Wiegengesang", die wir als „Die Liebe auf dem Lande" unter den wenigen Gedichten von Lenz wiederfinden:
„... War nicht umsonst so still und schwach, Verlass'ne Liebe trug sie nach.
In ihrer kleinen Kammer hoch Sie stets an der Erinnerung sog; An ihrem Brotschrank an der Wand Er immer, immer vor ihr stand, Und wenn ein Schlaf sie übernahm, Er immer, immer wiederkam."
Und weiter:
„Denn immer, immer, immer doch
Schwebt ihr das Bild an Wänden noch Von einem Menschen, welcher kam Und ihr als Kind das Herze nahm. Fast ausgelöscht ist sein Gesicht, Doch feiner Worte Kraft noch nicht, Und jener Stunden Seligkeit, Ach jener Träume Wirklichkeit, Die, angeboren jedermann. Kein Mensch sich wirklich machen kann."
In der höchst vorbildlichen kritischen Ausgabe der sämtlichen Werke und Briefe Georg Büchners (Insel-Verlag, Leipzig 1922), die Fritz Bergemann besorgt hat, nehmen die Dichtungen, die Büchners Namen berühmt gemacht haben, nur den kleinsten Teil ein. Da ist „Santons T o d", das genialste und vollkommenste seiner Dramen, em feurig glühender Bilderbogen aus der französischen Revolution, sicher unter dem verehrten Gestirn des großen Shakespeare geschrieben, aber doch völlig aus Büchners Hand und Herze.i, und genährt vom heißen Mein einer anderen, kleineren, näheren Revolution, deren Wogen damals auch nach Hessen hineinschlugen; es ist, als ob man schon im Paris von 1794 die aufrührerische Stimme jener geheime.: „Gesellschaft der Menschenrechte vernähme, der Büchner und seine Freunde angehörten, und die anklage- rische Fanfare des „Hessischen Landboten".
Dem Dichter ist die hessische Polizei auf den Fersen; er kann ebefl noch fliehen, indes die weniger glücklichen Freunde Minnigerode, Pfarrer Weidig in Butzbach, Klemm und der „Rote Becker" verhaftet werden. Mit einem lesenswerten, für Büchner sehr charakteristischen Brief schickt der junge Student sein Drama an Gutzkow und bittet ihn, sich nicht zu wundern, „wie ich Ihre Türe aufreiße, in Ihr Zimmer trete, Ihnen ein Manuskript auf die Brust setze und ein Almosen abfordere ..." Gutzkow wundert sich nicht, ist vielmehr begeistert, schafft dem Stück einen Verleger und tut überhaupt fortan für Büchner, was in feinen Kräften steht. Aber auch er kann niemanden zwingen, das junge Genie zu erkennen, das sich da auf die bewegte Bühne der Zeit schwingt, weit hinausweisend über die Zeit mit einem flammenden Schauspiel.
Die in stürmischem Tempo abrollende unregelmäßige Folge knapper, oft überraschend verkürzter Bilder und Szenen im „Danton" entfaltet sich vielleicht erst auf dem Theater der Gegenwart in ihrer ganzen hinreißenden Leidenschaft und Sprachgewalt. Aber damals, vor hundert Jahren, haben außer Gutzkow nur wenige geahnt, daß hier zum ersten Male der Versuch zu einem ganz neuen Dramenstil in Deutschland unternommen und eine Entwicklung begonnen wurde, die erst sehr viel später wieder aufgegriffen und folgerichtig ausgebildet wurde. Merkwürdig ftemd und merkwürdig vertraut zugleich klingen (ähnlich wie später im „Wvyzeck") die abgerissenen heimatlichen Dolksliedstrophen über den düsteren Pariser Revolutionsplatz, und gespenstisch verhallen die wüsten Stimmen der singenden Henker, als ob es hessische Fuhrleute wären:
„Und wann ich harne geh,
Scheint der Mond so scheh ..."
„Den 20. Hartung ging Lenz durchs Gebirg" — die einzige Novelle Büchners, das einzige Stück epischer Prosa, das wir von ihm kennen, ist dem verzweifelten Ende des jungen Straßburger Goethefreundes gewidmet, beffen Spuren wir hier immer wieder begegnen. Wenn Büchner da von einem Menfchenuntergang berichtet, von den verdüsterten Tagen und Nächten des hervorragend begabten, im Wahnsinn früh und glanzlos endenden Dichters erzählt, so geschah dies gewiß aus einer Wahlverwandtschaft, einer nachklingenden Seelenbeziehung heraus, die sich in Büchners letztem Drama noch beutlicker erkennen läßt; es ist aber auch hier schon, wie später im „Woyzeck , der Naturwissenschaftler und Mediziner zu spüren, in der sachlichen Knappheit des Stiles, und in der eindringenden Objektivität der Beobachtung, welche die Novelle stellenweise wie einen Krankheitsbericht, eine seelische Vivisektion wirken läßt.
Einen ähnlichen Prosastil finden wir dann nur noch einmal: im „Hessischen Landboten", Darmstadt, im Juli 1834, der unter der berühmt gewordenen Devise „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!" — schon nicht mehr zum dichterischen Werke Büchners zählend — eine unerhört aufwühlende, dabei überraschend sachliche Anklageschrift bar» stellt; hier erleben wir ben Dichter des „Danton" als politischen Menschen, als Reformer und Sozialrevolutionär. Der „Landbote" ist bis aktuellste Schrift, bie aus feiner Feber geflossen ist, unb eine ber mo- bernften, die damals geschrieben werden konnten: erst Jahrzehnte später war ein solcher Ton wieder zu vernehmen, wurden bie Anklage und ber Kampf, zu bem ber „Landbote" aufrief, über die hessischen Grenzpfähle hinaus allgemein. *
So gegenwärtig, frühreif, seherisch und vorweggenommen vieles, ja das Meiste in Büchners Dichtung uns heute anmutet — die politische Grundhaltung; das ausgeprägt soziale Empfinden; fein flammendes, vom Herzen kommendes Mitgefühl mit den Armen, Unterdrückten, Entrechteten; feine naturwissenschaftliche Klarheit; der seelenkundige Spürsinn; der neue, aufgelöste und auflösende Dramenstil — so sehr ist er doch auch Kind seiner Zeit, den Mächten und Strömungen der Vergangenheit, des verklungenen 18. Jahrhunderts noch verhaftet. Das spürt man nirgends deutlicher als in feinem einzigen Lustspiel „ß e o n c e undLena", in welchem nicht nur das Motto von Shakespeare ist:
„P, wär ich doch ein Narr!
Mein Ehrgeiz geht auf eine bunte Jacke."
(„Wie es euch gefällt.")
Das Erbteil einer schon abgestorbenen Romantik in den drei knappen Akten des zeitlos spielenden unb verspielten Stückes nimmt sich bei Büchner merkwürbig genug aus; es klingt roeber mit bem „Lenz" noch mit ben beiben anberen Dramen zusammen, es steht gleichsam außerhalb seines Werkes unb feiner Entstehungszeit, ohne sichtbare ober spürbare Beziehung zu ihr, und man hat das Gefühl, als habe ber Dichter aus dem inneren unb äußeren Aufruhr, ber ihn zeitlebens unb eben bamals umfing, sich in bie stille unb träumerische Welt- und Lebensferne reiner Phantasie flüchten wollen — wie er zuvor schon in das schweizerische Asyl geflüchtet war.
In keinem Werke wird der fragmentarische Charakter von Büchners dichterischer Hinterlassenschaft so offensichtlich wie in dem genialen Dramentorso „W o y z e ck". Selbst die Form, in der wir das Stück heute lesen unb spielen, wird vermutlich immer ein Annäherungswert bleiben: es ist in einer höchst fragroürbigen, völlig aufgelösten und ungeordneten lleberlieferung auf uns gekommen. Die Bruchstücke der Handschrift waren, als man sie ausfand, vergilbt und unnummeriert, die Schrift verblaßt und stellenweise ganz unleserlich; erst eine unendlich liebe- und mühevolle textkritische Kleinarbeit hat aus ber wirren Hinterlassenschaft bas immerhin folgerichtig gerundete Ganze zusammengefügt, das wir heute gesichert besitzen.
Der Stoff geht auf einen tatsächlich belegten Kriminalfall zurück, über ben in ber „Zeitschrift für Staatsarzneikunbe" berichtet würbe: es handelte sich um einen Mord aus Eifersucht; 1821 erstach in Leipzig der Friseur Johann Christian Woyzeck seine Geliebte, die Witwe eines Chirurgen namens Woost. Der Fall mußte Büchner reizen — um feiner psychologischen unb seiner sozialen Eigenart willen; er machte daraus das Stück,das ihm angemessen schien, nach seiner Weise, bie Menschen unb


