Oer Mutier.
Don Georg Büchner*. Gebadet in des Meeres blauer Flut Erhebt aus purpurrotem Osten sich Das prächtig-strahlende Gestirn des Tags, Erweckt, gleich einem mächt'gen Zauberwort, Das Leben der entschlafenen Natur, Von der der Nebel wie ein Opferrauch Empor zum unermeßnen Aether steigt.
Der Berge Zinnen brennen in dem ersten Strahl, Von welchem, wie vom flammenden Altar, Der Rauch des finstren Waldgebirges wallt — Und fernhin in des Ozeans Fluten weicht Die Nacht. So stieg auch uns ein schöner Tag Vom Aether, der noch oft mit frohem Strahl Im leichten Tanz der Horen grüßen mag Den frohen Kreis, der den Allmächt'gen heut Mit lautem Danke preist, da gnädig er Uns wieder feiern läßt den schönen Tag, Der uns die beste aller Mütter gab. Auch heute wieder in der üppigsten Gesundheit, Jugendfülle steht sie froh Im frohen Kreis der Kinder, denen sie Voll zarter Mutterlieb ihr Leben weiht.
O! stieg' noch oft ihr holder Genius An diesem schönen Tag zu uns herab, Ihn schmückend mit dem holden Blumenpaar Der Kindesliebe und Zufriedenheit! —
oleles glücklicherweise verklang. An die Suppe hatte sich ein Fisch und an diesen ein Linsenpüree mit gebackenem Schinken gereiht, und nun wurden gespickte Rebhuhnflügel in einer pikanten Soße di° Zugleich Küchengeheimnis der Domina war, herumgereicht. Czako, trotzdem er schon dem gebackenen Schinken erheblich zugesprochen Hatte nahm em zweites Mal auch noch von dem Rebhuhngericht und fühlte das Bedürfnis, dies zu motivieren.
„Eine gesegnete Gegend, Ihre Grafschaft hier", begann er. „Aber freilich Heuer auch eine gesegnete Jahreszeit. Gestern abend be, Dubslav von Stechlin Krammetsoögelbruste, heute bei Adelheid von Stechlin Reb- huhnslu^et^s $.^en @ie DOr?« f^gte die Schmargendorf.
„Im allgemeinen, mein gnädigstes Fräulein, ist die Frage wohl zugunsten ersterer entschieden. Aber hier und speziell für Mich ist doch wohl der Ausnahmefall gegeben."
„Warum ein Ausnahmesall?"
„Sie haben recht, eine solche Frage zu steilem Und ich antworte, so gut ich kann. Nun denn, in Brust und Flügel ..."
„Hihi."
In Brust und Flügel schlummert, wie mir scheinen will, ein großartiger Gegensatz von hüben und drüben; es gibt nichts Diesseitigeres als Brust, und es gibt nichts Jenseitigeres als Flügel. Der Flügel tragt uns, erhebt uns. Und deshalb, trotz aller nach der andern Seite hin liegenden Verlockung, möchte ich alles, was Flügel heißt, doch hoher stellen."
Er hatte dies in einem möglichst gedämpften Tone gesprochen. Aber es war nicht nötig, weil einerseits die links ihm zunächst sitzende Triglasf aus purem Hochgefühl ihr Ohr gegen alles, was gesprochen wurde, verschloß, während anderseits die Domina, nachdem der Diener allerlei kleine Spitzgläser herumgereicht hatte, ganz ersichtlich mit einer Ansprache be- schäfttgt w Ihnen noch einmal aussprechen", sagte sie, während
sie sich halb erhob, „wie glücklich es mich macht, Sie in meinem Kloster begrüßen zu können. Herr von Rex, Herr von Czako, Ihr Wohl.
Man stteß an. Rex dankte unmittelbar und sprach, als man sich wieder gesetzt halle, seine Bewunderung über den schönen Wem aus. „Ich vermute Monteftascone."
„Vornehmer, Herr von Rex", sagte Adelheid in guter Stimmung, „eine Rangstufe höher. Nicht Monteftascone, den wir allerdings unter meiner Amtsvorgänger auch hier im Keller hatten, sondern Lacrima Christt. Mein Bruder, der alles bemängelt, meinte freilich, als ich ihm vor einiger Zeit davon vorsetzte, das passe nicht, das sei Begräbniswein, höchstens Wein für Einsegnungen, aber nicht für heitere Zusammenkünfte." ,, _
„Ein Wort von eigenartiger Bedeutung, dann ich Ihren Herrn Bruder durchaus wiedererkenne."
„Gewiß, Herr von Rex. Und ich bin mir bewußt, daß uns der Name gerade dieses Weines allerlei Rücksichten auferlegt. Aber wenn Sie sich vergegenwärtigen wollen, daß wir in einem Stift, einem Kloster sind .. - und so meine ich denn, der Ort, an dem wir leben, gibt uns doch auch ein Recht und eine Weihe." .
„Kein Zweifel. Und ich muh nachträglich die Bedenken Ihres Herrn Bruders als irrtümlich anerkennen. Aber wenn ich mich so ausdrücken darf, ein kleidsamer Irrtum ... Auf das Wohl Ihres Herrn Bruders.
Damit schloß das etwas diffizile Zwiegespräch, dem alle mit einiger Verlegenheit gefolgt waren. Nur nicht die Schmargendorf. „Ach", sagte diese, während sie sich halb in den Vorhängen versteckte, „wenn mir von dem' Wein trinken, dann hören wir auch immer dieselbe Geschichte. Die Domina muß sich damals sehr über den alten Herrn von Stechlin geärgert haben. Und doch hat er eigentlich recht; schon der bloße Name stimmt ernst und feierlich, und es liegt was drin, das einem Christenmenschen denn doch zu denken gibt. Und gerade wenn man so recht vergnügt ist." . ,
.Darauf wollen wir anstoßen", sagte Czako, völlig im Dunkeln lassend, ob er mehr den Christenmenschen oder den Ernst oder das Ver- gnügtsein meinte. t .
„Und überhaupt", fuhr die Schmargendorf fort, „die Weine mutzten eigentlich alle anders heißen, oder wenigstens sehr, sehr viele."
„Ganz meine Meinung, meine Gnädigste", sagte Czako. „Da sind wirklich so manche ... Man darf aber anderseits das Zartgefühl nicht Überspannen. Will man das, so bringen wir uns einfach um di« reichsten Quellen wahrer Poesie. Da haben wir beispielsweise, so ganz allgemein und bloß als Gattungsbegriff, die Milch der Greife' — zunächst ein durchaus unbeanstandenswertes Wort. Aber alsbald (denn unsre Sprache liebt solche Spiele) treten mannigfache Fort- und Weiterbildungen, selbst Geschlechtsüberspringungen an uns heran, und ehe wir's uns versehen, hat sich die Milch der Greise' in eine .Liebfrauenmilch' verwandelt."
„Hihi ... Ja, Liebfrauenmilch, die llinken wir auch. Aber nur selten.
Und es ist auch nicht der Name, woran ich eigentlich dachte."
„Sicherlich nicht, meine Gnädigste. Denn war haben eben noch andere, dezidiertere, denen gegenüber uns dann nur noch das Refugium der französischen Aussprache bleibt."
„Hihi ... Ja, französisch, da geht es. Aber doch auch nicht immer, und sedesmal, wenn Rentmeister Fix unser Gast ist und die Triglaff die Flasche hin und her dreht (und ich habe gesehen, daß sie sie dreimal herumdrehte), dann lacht Fix ... Uebrigens sieht es so aus, als ob die Domina noch was auf dem Herzen hätt«; sie macht ein so feierliches Gesicht. Oder vielleicht will sie auch bloß die Tafel aufheben."
Und wirklich, es war so, wie die Schmargendorf vermutete. „Meine Herren", sagte die Domina, „da Sie zu meinem Leidwesen so früh fort wollen (wir haben nur noch wenig über eine Viertelstunde), so geb ich anheim, ob wir den Kaffee lieber in meinem Zimmer nehmen wollen oder draußen unter dem Holunderbaum."
(Fortsetzung folgt.)
Georg Büchner.
Ium 100. Todestage des Dichters am 19. Februar.
Von Hans T h y r i o t.
Im Jahre Christi 1813, am 17. Oktober, früh um halb sechs Uhr, rmude dem Herrn Ernst Karl Büchner, Doctor und Amtschirurgus dahier zu Goddelau und seiner Ehefrau Louise Caroline geb. Reuh, das erste Kind, der erfte Sohn geboren und am 28. Oktober getauft, wobei er den Namen Karl Georg erhielt ..." — „Zum Gedächtnis an den Dichter von Duntons Tod", Georg Büchner, geb. Darmstadt, d. 17. Okt. 1813, gest. als Docent der Universität Zürich d. 19. Febr. 1837 ..."
Die Eintragung im Geburts- und Taufprotokoll der Pfarrei Godd^au bei Darmstadt und die Marmor-Inschrift der letzten Ruhestätte unweit des Züricher Sees bezeichnen mit dokumentarischer Knappheit Anfang und Ende eines außerordentlichen Lebens. Noch ein drittes, höchst ungewöhnliches Dokument muß hinzugefügt werden; es ist der im Sommer 1835 hinter dem politischen Flüchtling Buchner erlassene Steckbnef und hat olgenden Wortlaut: .
Der hierunter signalisierte Georg Büchner, Student der Medizin aus" Darmstadt, hat sich der gerichtlichen Untersuchung seiner indizierten Teilnahme an staatsverräterischen Handlungen durch die Entfernung aus dem Vaterland« entzogen. Man ersucht deshalb die öffentlichen Behörden des In- und Auslandes, denselben im Vetretungsfalle festzu- nehmen und wohlverwahrt an die unterzeichnete Stelle abttefern zu lasten.
Darmstadt, den 13. Juni 1835.
Der von Grotzh. Hess. Hofgericht der Provinz Oberhessen bestellte Untersuchungsrichter, Hofgerichtsrat Georgi.
Personal-Beschreibung:
Alter- 21 Jahre, Größe: 6 Schuh, 9 Zoll neuen Hessischen Maßes, Haare: blond, Stirn: sehr gewölbt, Augenbrauen: blond, Augen: grau, Nase: stark, Mund: klein, Bart: blond, Kinn: rund, Angesicht: oval, Gesichtsfarbe: frisch, Statur: kräfttg, schlank, Besondere Kennzeichen: Kurz- sichttgkeit." — *
Der so peinlich beschriebene Student der Medizin ist, wie sich später herausstellte, einer der bedeutendsten Geister gewesen, die das Lund Hessen je hervorgebracht hat. Sein Werk ist längst in die Geschichte der deutschen Dichtung eingegangen und wird dort stets seine eigentümliche Stellung behaupten; ein Werk, das zwar die mancherlei Beziehungen und Bindungen an die Zeit seiner Entstehung nie verleugnet hat, das zugleich aber auch über diese Zeit hinausreichte und kommende Entwicklungen überraschend vorwegnahm, wie kaum ein anderes Werk zuvor. Büchner gehört zu jenen Genies, an denen die Geschichte des deutschen Geistes nie arm war, deren unruhiges, frühvollendetes Leben meteor- gleich auffteigt und jäh erlischt, Frucht und Ernte des Daseins zuruck- lastend als einen Torso, dessen erstaunliches Ausmaß von den Zeitgenossen nur wenige ahnten, dessen eigentliches Gewicht erst eine spatere Zeit zu erkennen und zu würdigen imstande war. Man denkt an den schlesischen Christian Günther, dem Goethe einen berühmt gewordenen Nachruf gewidmet hat, man denkt an Goethes unseligen Straßburger Juqendsreund Jakob Michael Reinhold Lenz, dem Büchners einzige Novelle gewidmet ist; an Grabbe, und selbst an Kleist darf man sich er-
* Nur in einer Abschrift von Büchners Schwester Luise erhalten, die dazu bemerkt: „Ein Jugendgedicht von Georg, das er zu einem Geburtstag der Mutter verfaßt. Es trägt leider kein Datum, aber schwerlich war er damals über sechzehn Jahre."


