Ausgabe 
19.2.1937
 
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SietzeimZamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 195Z______________________ Freitag, den 19. Februar Nummer H

Der GiechSin

Vornan von Theodor Kontane

8. Fortsetzung.

Die kleine Rundliche geriet in eine momentane Verlegenheit, Czako selbst aber kam ihr mit großer Courtoisie zu Hilfe.

Lieber Stechlin", begann er, ,/ich beschwöre Sie um sechsundsechzig Schock sächsische Schuhzwecken, kommen Sie doch nicht mit solchen Kleinig­keiten, die man jetzt, glaub ich, Velleitäten nennt. Wenigstens hab ich bas Wort immer so übersetzt. Czako, Baczko, Baczko, Czako wie kann man davon soviel Aufhebens machen. Name, wie Sie wissen, ist Schall und Rauch, siehe Goethe, und Sie werden sich doch nicht in Widerspruch mit d e m bringen wollen, Dazu reicht es denn doch am Ende nicht aus."

Hihi."

Außerdem, ein Mann wie Sie, der es trotz seines Liberalismus fertig bringt, immer seinen Adel bis wenigstens dritten Kreuzzug zurückzu­führen, ein Mann wie Sie sollte mir doch diese kleine Verwechslung ehrlich gönnen. Denn dieser mir in den Schoß gefallene "Baczko, ... Gott sei Dank, daß auch unsereinen noch was in den Schoß fallen kann ..."

Hihi."

Denn dieser mir in den Schoß gefallene Baczko ist doch einfach eine Rang- und Standeserhöhung, ein richtiges Avancement. Die Baczkos reichen mindestens bis Huß oder Ziska, und wenn es vielleicht Ungarn sind, bis auf die Hunyadis zurück, während der erste wirkliche Czako noch keine zweihundert Jahre alt ist. Und von diesem ersten wirklichen Czako stammen wir doch natürlich ab. Erwägen Sie, bevor es nicht einen wirklichen Czako gab, also einen steifen grauen Filzhut mit Leder oder Blech beschlagen, eher kann es auch keinen .von Czako" gegeben haben; der Adel schreibt sich immer von solchen Dingen seiner Umgebung oder seines Metiers oder seiner Beschäftigung her. Wenn ich wirklich noch mal Lust verspüren sollte, mich standesgemäß zu verheiraten, so scheitre ich vielleicht an der Jugendlichkeit meines Adels und werde mich dann dieser Stunde wehmütig freundlich erinnern, die mich, wenn auch nur durch eine Namensverwechslung, auf einen kurzen Augenblick zu erhöhen trachtete."

Woldemar, seiner Philisterei sich bewußt werdend, zog sich wieder zurück, während die Schmargendorf treuherzig sagte:Sie glauben also wirklich, Herr von ... Herr Hauptmann ..., daß Sie von einem Czako herstammen?"

Soweit solch merkwürdiges Spiel der Natur überhaupt möglich ist, bin ich fest davon durchdrungen."

In diesem Moment, nach abermaliger Passierung des Platzes mit der Glaskugel, erreichte das Paar die Bank unter dem Pflaumenbaum­zweige. Die Schmargendorf hatte schon lange vorher nach zwei großen, dicht zusammensitzenden Pflaumen hinübergeblickt und sagte, während sie jetzt ihre Hand danach ausstreckte:Nun wollen wir aber ein Viel­liebchen essen, Herr Hauptmann; wo, wie hier, zwei zusammensitzen, da ist immer ein Vielliebchen."

Eine Definition, der ich mich durchaus anschließe. Aber, mein gnä­digstes Fräulein, wenn ich vorschlagen dürfte, mit dieser herrlichen Gabe Gottes doch lieber bis zum Dessert zu warten. Das ist ja doch auch die eigentliche Zeit für Vielliebchen."

Nun, wie Sie wollen, Herr Hauptmann. Und ich werde diese zwei bis dahin für uns aufheben. Aber diese dritte hier, die nicht mehr so ganz dazu gehört, die werd ich essen. Ich esse so gern Pflaumen. Und Sie werden sie mir cm-b gönnen."

Alles, alles. Eine Welt."

Es schien fast, als ob sich Czako noch weiter über dies Pflaumen­thema, namentlich auch über die sich darin bergenden Wagnisse ver­breiten wollte, kam aber nicht dazu, weil eben setzt ein D"'ner in weißen Vaumwollhandschuhen, augenscheinlich eine Gelegenheitsschöpfung, in der Hoftür sichtbar wurde. Dies war das mit der Domina verabredete Zeichen, daß der Tisch gedeckt fei. Die Schmargendorf, ebenfalls einge- weiht in diese zu raschen Entlchlüssen drängende Zeichensprache, bückte sich deshalb, um von einem der Gemüsebeete rasch noch ein großes Kohlblatt abzubrechen, auf das sie sorglich die beiden rotgetüpfelten Pflaumen legte. Gleich danach aber aufs neue des Hauptmanns Arm nehmend, schritt sie, unter Vorantritt der Domina, aus Hof und Flur und ganz zuletzt auf den Salon zu, der sich inzwischen in manchem Stücke verändert hatte, vor allem darin, daß neben dem Kamin eine zweite Konventualin stand, in dunkler Seide, mit Kopfschleifen und tiefliegenden, starren Kakadu­augen, die in das Wesen aller Dinge einzudringen schienen.

Ah. meine Liebste", sagte die Domina, auf diese zweite Konven- tualin zuschreitend,es freut mich herzlich, daß Sie sich, trotz Migräne,

noch herausgemacht haben; wir wären sonst ohne dritte Tischdame ge­blieben. Erlauben Sie mir vorzustellen: Herr von Rex, Herr von Czako ... Fräulein von Triglaff aus dem Hause Triglaff."

Rex und Czako verbeugten sich, während Woldemar, dem sie keine Fremde mar, an die Konventualin herantrat, um ein Wort der Be­grüßung an sie zu richten. Czako, die Triglaff unwillkürlich musternd, war sofort von einer ihn frappierenden Aehnlichkeit betroffen und flüsterte gleich danach dem sein Monokle wiederholentlich in Angriff nehmenden Rex leise zu:Krippenstapel, weibliche Linie."

Rex nickte.

Während dieser Vorstellung hatte der im Hintergründe stehende Diener den oberen und unteren Türriegel mit einer gewissen Ostentativ» zurückgezogen; einen Augenblick noch, und beide Flügel zu dem neben dem Salon gelegenen Eßzimmer taten sich mit einer stillen Feierlich­keit auf.

Herr von Rex", sagte die Domina,darf ich um Ihren Arm bitten?"

Im Nu war Rex an ihrer Seite, und gleich danach traten alle drei Paare in den Nebenraum ein, auf dessen gastlicher und nicht ohne Ge­schick hergerichteter Tafel zwei Blumenvafen und zwei silberne Doppel- leuchier standen. Auch der Diener war schon in Aktion; er hatte sich inzwischen am Büfett in Front einer Meißner Suppenterrine aufgestellt, und indem er den Deckel (mit einem abgestoßenen Engel obenauf) ab- nahm, stieg der Wrasen wie Opferrauch in die Höhe.

Achtes Kapitel.

Tante Adelheid, wenn sich nichts geradezu Verstimmliches ereignete, war, von alten Zeiten her, eine gute Wirtin und besaß neben anderm auch jene Direktoralaugen, die bei Disch so viel bedeuten; aber eine Gabe besaß sie nicht, die, das Gespräch, wie's in einem engsten Zirkel doch fein sollte, zusammenzusassen. So zerfiel denn die kleine Tafelrunde von Anfang an in drei Gruppen, von denen eine, wiewohl nicht absolut schweigsam, doch vorwiegend als Tafelornament wirkte Dies war die Gruppe Woldemar-Triglaff. Und das konnte nicht wohl anders sein. Die Triglaff, wie sich das bei Kakadugesichtern so häufig findet, verband in sich den Ausdruck höchster Tiefsinnigkeit mit ganz ungewöhnlicher Um­nachtung, und ein letzter Rest von Helle, der ihr vielleicht geblieben sein mochte, war ihr durch eine stupende Triglaffvorstellung schließlich doch auch noch abhanden gekommen. Eine direkte Deszendenz von dem gleich­namigen Wendengotte, etwa wie Czako von Czako, war freilich nicht nachzuweisen, aber doch auch nicht ausgeschlossen, und wenn dergleichen Überhaupt Vorkommen oder nach stiller Uebereinfunft auch nur allgemein angenommen werden konnte, so war nicht abzusehen, warum gerade s i e leer ausgehen oder auf solche Möglichkeiten verzichten sollte. Dieser hoch­gespannten, ganz im Speziellen sich bewegenden Adelsvorstellung ent­sprach denn auch das gereizte Gefühl, das sie gegen den Zweig des Hauses Thadden unterhielt, der sich, nach seinem pommerschen Gute Triglaff, Thadden-Triglaff nannte, eine Zubenennung, die ihr, der einzig wirklichen Triglaff, einfach als ein Uebergriff oder doch min­destens als eine Beeinträchtigung erschien. Woldemar, der dies alles kannte, war dagegen gefeit und wußte seinerseits seit lange, wie zu ver­fahren sei, wenn ihm die Triglaff als Tischnachbarin zufiel. Er hatte sich für diesen Fall, der übrigens öfter eintrat als ihm lieb war, die Namen aller Konventualinnen auswendig gelernt, die während feiner Kinderzeit in Kloster Wutz gelebt hatten und von denen er recht gut wußte, daß sie seit lange tot waren. Er begann aber trotzdem regelmäßig seine Fragen so zu stellen, als ob das Dasein dieser längst Abgeschiedenen immer noch einer Möglichkeit unterläge.

Da war ja hier früher, mein gnädigstes Fräulein, eine Drachen­hausen, Aurelie von Drachenhausen, und übersiedelte dann, wenn ich nicht irre, nach Kloster Zehdenick. Es würde mich lebhaft interessieren, in Er­fahrung zu bringen, ob sie noch lebt ober ob sie vielleicht schon tot ist."

Die Triglaff nickte.

Czako, dieses Nicken beobachtend, sprach sich später gegen Rex dahin aus, daß das alles mit der Abstammung der Triglaff ganz natürlich Zu­sammenhänge.Götzen nicken bloß."

Um vieles lebendiger waren Rede und Gegenrede zwischen Tante Adelheid und dem Ministerialassessor, und das Gespräch beider, das nur sittliche Hebungsfragen berührte, hätte durchaus den Charakter einer ge­mütlichen, aber doch durch Ernst geweihten Synodalplauderei gehabt, wenn sich nicht die Gestalt des Rentmeisters Fix beständig eingedrängt hätte, dieses Dominaprotegss, von dem Rex, unter Zurückhaltung seiner wahren Meinung, immer aufs neue versicherte, ,chaß in diesem klöster­lichen Beamten eine seltene Verquickung von Prinzipienstrenge mit Ge­schäftsgenie vorzuliegen scheine."

Das waren die zwei Paare, die den linken Flügel beziehungsweise die Mitte des Tisches bildeten. Die beiden Hauptfiguren waren aber doch Czako und die Schmargendorf, die ganz nach rechts hin faßen, in Nähe der dicken Fenstergardinen aus Wollstoff, in deren Falten denn auch