Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühlsche Universitätsdruckerei R.Lange. Gießen.
Einzig solcherlei Erwägen und Ueberlegen und Sichbescheiden vermochte nun noch nachdem aller Glaube versagt hatte und aller Mut verbraucht mar mit den langen bangen und mühsamen Stunden des 2Lartens zu versöhnen. Noch einmal schauten die Frauen in die Nacht hinaus, sahen nur die zitternden roten und grünen Lichter über den glitzernden Schienen, wandten sich ab, gewaltsam allen Schmerz zurückdämmend, und stiegen wortlos die Treppen zur Straße hinab. Als sie sich vor dem Bahnhof verabschiedeten, bedauerten sie uns Jungens, sie faßten uns streichelnd unters Kinn und drückten voll Mitleid unsere kalten Hande. „Ihr battet fieber gern den Vater gesehen!" sagten sie, und ihre Augen glanzten feucht. Wir aber sentten den Bück und antworteten nicht, da w.r nicht wußten ob er uns nun in Wahrheit noch ersehnt war, nun, am Ende eines Tages, an dem wü zum erstenmal die Grenzen seiner Macht, d.e Leere se.nes ^^Fllns^Tage^später°erhi>>lten wir abermals eine Karte sie war aus Rußland, und der Vater schrieb, er liege unweit vom Feind, aber noch gehe es ihm gut, und er grüße herzlich und hoffe im übrigen, man habe uns neulich noch rechtzeitig davon unterrichten können, daß der Zug mit seinem Regiment leider eine andere Strecke gefahren sei.
ftrauenmut
Bon Alexander von Keller.
Als der Dampfer aus dem gelben Jangtsekiang in den kafseesarbenen Wanapu einbog, sprachen wir noch Über den wahrscheinlichen Preis des Silber-Dollars und die Hongkonger Kurse Plötzlich schrie jemand gellend auf, Menschen stürzten an die Reling, und als wir uns vorbeugten, sahen wir eine junge Chinesin nach ihrem Kmd tauchen, das über Bord gefallen war. Die junge Fru war tapfer denn sie kümmerte sich w»der um den reißenden Fluß noch um den Sog der Schraube, za sie tauchte so knapp neben der Schraube, daß der Kapitan die Maschinen abstellte. Als sie ihr Kind wieder glücklich an Bord hatte, sprach man natürlich nur über sie und ihre Tat. „ . „
Dr Brandtner — derselbe Brandtner, der dreimal den Versuch unternahm/ den Mount Everest zu besteigen - meinte, diese Frau wäre weder besonders tapfer noch besonders opferfreudig gewesen, und als ihm Endler, ein etwas überschwenglicher Mann energisch widersprach, sagte er lächelnd: „Diese Frau ist dem Ruse ihres Herzens gefolgt, als sie ihrem Kind nachsprang. Jede andere Frau der Erde hatte dasselbe getan. Sie hatte aber keine Zeit zur Ueberlegung, und ohne Ueber- legunq gibt es eigentlich keine Tapferkeit." . ,
Sie wollen doch nicht behaupten", meinte Endler heftig, „daß es Frauen gibt, die angesichts einer Gefahr, die sie voraus ehen, tapfer und ruhig sind?" Als Brandtner nickte, forderte er ihn aus, ihm emen Beweis für seine Behauptung zu geben. So ersuhr ich die Geschichte der jungen Frau Marie Orville, der Frau, die, wie Brandtner fagte^m ent» cheidenden Augenblick mehr Mut gezeigt hatte, als irgendein Mann.
, Eigentlich hieß sie nicht Orville", sagte Brandtner, „sondern Marie Hill'ersloh. Sie war keine Engländerin, sondern eine Mecklenburgerin, schlank, blond und ein wenig scheu. Der Zufall führte sie nach Englano, und dort heiratete sie Henry Orville und kam mit ihm nach Indien. Ich sah sie zum erstenmal in Delhi, mitten unter den starkknochigen Engländerinnen, die damals ein wenig hochmütig aus die Deutsche herabsahen, und sie machte aus mich den Eindruck einer schwachen, zartbesaiteten Frau, die sich vor Indien fürchtete.
Nun gibt es in Indien Städte, in denen man genau so gut leben tonn wie in irgendeiner Stadt Westeuropas, es gibt aber auch Städte, von denen man nicht gerne spricht, und zu diesen gehörte die Stadt Chotan, bewohnt non sünfhundert Weißen und zweihunderttausend fanatischen Eingeborenen. Sie können sich vorstellen, was für ein Leben die Weißen in dieser Stadt führen. Ich kam eines Tages nach Chotan und ein älterer Verwaltungsbeamter führte mich umher und zeigte nur die Sehenswürdigkeiten, unter anderem auch den europäischen Friedhof. Es war der größte Friedhof, den ich in meinem Leben gesehen hatte.
„Werden denn alle toten Engländer Indiens in Chotan begraben?
fragte ich erstaunt , . ,
„Natürlich nicht", entgegnete mein Begleiter, ,N aber täglich sechs Europäer in dieser lieblichen Stadt ermordet werden, wächst der Gottesacker ununterbrochen. Jeden dritten Monat kommt ein neuer Gouver- neir. drei Monate später tragen ihn sechs schweigende Männer aus seinem Heim. Keiner ist noch in seinem Belt gestorben."
An dieses kleine, aber aufschlußreiche Gespräch mußte ich denken, als mir Frau Orville eines Abends mitteilte, ihr Mann wäre als Gouverneur nach Chotan versetzt worden.
„Mein Mann will, daß ich in Delhi zurückbleibe", sagte sie lebhaft, „aber ich will nicht. Ich bitte Sie, was soll ich allein in Delhi anfangen? Außerdem sind Männer in Indien so unpraktisch."
„Sie würden gut daran tun, in Delhi zu bleiben", sagte ich ernst.
„Chotan ist eine etwas unruhige Stadt."
„Wirklich?" Frau Marie ergriff meinen Arm. „Man erzählt sich schreckliche Dinge in Delhi, aber ich glaube sie nicht. Nein, nein, das kann doch nicht möglich fein." Sie versuchte zu lachen. „Es wird in Indien so viel geklatscht."
Welchen Wert hätte es gehabt, diese Frau anzulügen? Ich erzählte ihr alles, was ich wußte, und sie weinte, denn es waren keine schöne Gefchichten. Es waren Geschichten, die einen starken Mann unruhig machen konnten, und dabei verschwieg ich einige Kleinigkeiten, denn die junge Frau tat mir schrecklich leib. Ich hoffte auch, Orville würde es durchsetzen, daß er nicht nach Chotan kam, denn er war in Delhi gut ungeschrieben. Aber am nächsten Tage sagte er mir selbst, daß er den Posten annehmen müsse, denn er sei sehr ehrenvoll und was dergleichen Dinge mehr sind.
Henry Orville war der richtige Kolonialengländer. Als er den Gouverneurposten in Chotan übernahm, wußte er genau, daß sein Leben
JU Gerade um diese Zeit kam aber in London ein neues Ministerium ans Ruder und der neue Minister für Indien — der Indien so gut kannte — verfügte, daß das Gouvernement in Chotan aufzulosen und durch eine kleine Abteilung eingeborener Polizei zu ersetzen wäre. Al» ich es erfuhr, rannte ich spornstreichs zu •Drmlte. Er war sehr froh- bat mich aber, die Verfügung noch geheimzuhalten. „Wir wollen bett Leuten sagen, daß ich einen Urlaub antrete', sagte er, »und ich werd- so unauffällig als möglich aus die Bahn fahren. Ich will nicht emmal meine Frau mltnehmen." Er sah mich ernst an. „Wollen Sie mit Mar, am Abend die Stadt verlassen? Ich habe meine Grunde für diese Trennung." *
Orville sollte am Donnerstagfrüh sortsahren. Als ich gegen neun Uhr zum Gouvernementspalais ging, sah ich ZU meinem Schrecken, daß di« Straßen schwarz von Menschen waren. Der Pollzeiches tat, was et konnte, säuberte die linken Gehsteige und erlaubte den Leuten nur, sich auf dem rechten aufzuhalten, ritt mit seinen wenigen Polizisten ununter, brochen auf und ab, aber — was sind zwölf Manner gegen hiinder. taufend fanatische Teufel? Es war wirklich scheußlich. Als ichi zuni Pal«■ kam, waren die Wagen bereits vorgefahren Im ersten Wagen sollie Orville allein fahren, im zweiten sollte ich mit Frau Mary folgen und alles war schon bereit, als ein eingeborener Diener hastig zu Fra» Orville eilte und ihr etliche Worte zuflüsterte. Die junge Frau sah m ihrem blahblauen Kleid wunderschön aus; jetzt lachte sie herzlich, und ich atmete auf, denn das Flüstern des Dieners hatte mich erregt. Stal» aber in den zweiten Wagen zu steigen, trat ste zu ihrem Mann um legte ihm eine Hand auf den Arm. „Mein Lieber', sagte sie fröhlich, ich muß deine Verfügungen leider umstoßen. Wie sieht das aus, roenm der Gouverneur allein in einem Wagen fährt und fome Frau m einem zweiten? Du hast doch nichts dagegen, wenn ich nut dir fahre? Atz sah, wie Orville bleich wunde, aber Frau Mary sah schon tm Wagen und Orville blieb nichts übrig, als sich neben sie zu setzen. Was solli« er auch tun? Dann fuhren wir los.
Solange mir im europäischen Viertel waren, ging alles gut. Dann bogen die Wagen in das EingeborenemJBlertel, in eine enge Straff in 'öer die Leute auf der rechten Seite dichtgedrängt standen, Leute m finsteren Gesichtern und geballten Fäusten. Gerade als wir in BW Straße einbogen, öffnete Frau Mary ihren Sonnenschirm und beugt* sich zu Orville und fchien ihn auf etwas aufmerksam zu machen, toi* lehnte sich an ihn und legte schließlich ihren linken Arm um Jein* Schulter. Es war ein wenig komisch; wenn man einen Mann auch nett hat, fo zeigt man es doch nicht öffentlich. „
Rach einer Viertelstunde kamen wir wohlbehalten zum Bahnhof um standen gleich darauf vor dem wartenden Zug. Orville bekam Ifl* Blumen, 'einige Händedrücke und der Zug fuhr ab. Als er aus der Ha li war» sagte einer der Diener erschrocken „Sahib Doktor helfen toic bitte Milady ist ohnmächtig geworden". Ich wandte mich erschrocken um I» lag Frau Mary, die Äugen geschlossen und totenblaß. Als wir uns nofli um sie bemühten, meldete der Polizeichef, er habe kurz vor der Ab sahn einige Hindus verhaftet, die den Auftrag gehabt hatten, den Gom »erneur zu ermorden. ' .
„Liebliche Gegend", sagte ich wütend, „warum haben sie ihn öeinti nicht erschossen?" „ _ ..... ... ,,,
Der Polizeichef, ein Bengale, berichtete, Frau Orville hatte sich !> gefetzt, daß die Verschwörer den Gouverneur gar nicht sehen konnten Sie hätten zuerst die Frau in den Rücken schießen müssen, und M wollten sie nicht tun. Sie behaupteten, Frau Orville habe alles o» sichtlich getan, weil ihr jemand ihren Plan verraten hatte.
„Unsinn", sagte ich und wandte mich an Frau Mary, „das war oom, reiner Zufall?" . , ... , .....
Einen Augenblick herrschte tiefe Stille, und In dieser Stille lag Mary Orville' ruhig: „Es war kein Zufall, Doktor. Als wir sortfahr wollten, verriet mir mein Diener, daß man meinen Mann am -uw erschießen wollte. Deshalb stieg ich zu ihm. Ich wußte mcht, ob mm mich verschonen würde, aber ich hosfte es. Man hat mir gesagt, datz o !■ Leute noch niemals eine Frau ermordet hätten — aber ich batte rein Hoffnung." Sie begann hilflos zu meinen. Wir aber waren ZU benn-8" um ein Wort sagen zu können."
Dr. Brandtner sah den kleinen Endler an und lächelte.
,Zch gebe zu, daß auch andere Frauen fo gehandelt Hatten, av, keine hätte die ungeheure Kraft aufgebracht, nach Empfang der toemerm Botschaft heiter und gelassen zu bleiben und zu lachen, keine hatte Krast aufgebracht, dem 9)1 ann bis zum letzten Augenblick em lache Gesicht zu zeigen. Und das, sehen Sie, dos ist Heldenmut ...
Ein paar Dutzend Dschonken umschwärmten den Dampfer, der Kap» ließ die Sirene aufheulen, und im Johlen der Sirene ertranken weiteren Worte des Doktors.
keinen Penny wert war, er sah aber den kommenden Dingen mit ruhiger Gelassenheit entgegen. Als ich ihn drei Wochen spater in Cho an besuchte, war er wohl etwas unruhig, bemühte sich aber, seine Ausregung zu verbergen, besonders vor seiner Frau, die er abgöttisch liebte. Nur einmal, eine Woche später, verlor er etwas die Nerven Es waren wieder etliche Europäer erschossen worden, unter diesen auch der erste Sekretär Orvilles, der junge Wlnsloe, und als wir allein beim Tee saßen, jagte Orville leise „Brandtner, wenn mir etwas »usGßen sollte, nehmen Sie sich meiner Frau an. Sie finden in meinem Schreibtisch einen Bries. Gleich darauf lachte er und sprach über lächerliche Nervenkrisen, die feder Mensch in dem heißen Klima durchmachen müsse. Als er aber seine Teeschale zum Munde führte, sah ich, wie seine Hand zitterte
Am nächsten Tage fand man zwei Beamte erschoffenin ihren Woh. nungen und als ich mich bei Frau Orville melden ließ, fand ich st« weinend in ihrem Zimmer und halb irr vor Angst um ihren Mann, und es bedurfte meister ganzen Kraft, um die arme Frau einigermaßen


