Ausgabe 
18.10.1937
 
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iin Sterbender seinem Testamentsvollstrecker vermacht. Farry, Breitmann L- Co. haben einen sehr bequemen Reisewagen für mich gebaut, aber noch icht geliefert: erreiche von ihnen, daß sie ihn behalten, ohne eine Ent- tzädigung von mir zu beanspruchen; wenn sie sich weigern, aus diesen Zerschlag einzugehen, vermeide alles, was unter den Umständen, in denen 3) mich befinde, einen Makel auf meine ehrenhafte Gesinnung werfen Bunte. Ich habe fechs Louis Spielschulden an den Insulaner, vergiß ja ächt, sie ihm...«

Lieber Vetter", sagte Eugenie, ließ den Bries liegen und begab sich lmgsam in ihr Zimmer mit einer der angezündeten Kerzen.

(Fortsetzung folgt.)

Oer Sänger.

Von I. W. von Goethe Was hör ich draußen vor dem Tor, Was auf der Brücke schallen? Laß den Gesang vor unserm Ohr Im Saale widerhallen!" 2er, König spracht, der Page lief; Der Knabe kam, der König ries: Laßt mir herein den Alten I" Gegrüßet seid mir, edle Herrn, Gegrüßt ihr, schöne Damen! Welch reicher Himmel! Stern bei Stern! Wer kennet ihre Namen?

Im Saal voll Pracht und Herrlichkeit Schließt, Augen euch, hier ist nicht Zeit, Sich staunend zu ergötzen."

Der Sänger drückt die Augen ein Und schlug in vollen Tönen; Die Ritter schauten mutig drein, Und in den Schoß die Schönen. Der König, dem das Lied gefiel. Ließ, ihn zu ehren für sein Spiel, Eine goldne Kette reichen.

Die goldne Kette gib mir nicht, Die Kette gib den Rittern, Vor deren kühnem Angesicht Der Feinde Lanzen splittern; Gib sie dem Kanzler, den du hast, Und laß ihn noch die goldne La ' Zu andern Lasten tragen.

Ich singe, wie der Vogel singt, Der in den Zweigen wohnet; Das Lied, das aus der Kehle dringt, Ist Lohn, der reichlich lohnet. Doch darf ich bitten, bitt ich eins: Laß mir den besten Becher Weins In purem Golde reichen."

Er fetzt ihn an, er trank ihn aus: 0 Trank voll süßer Labe!

O wohl dem hochbeglückten Haus, Wo das ist kleine Gabe!

Ergeht's euch wohl, so denkt an mich, Und danket Gott so warm, als ich Für diesen Trunk euch danke."

Oas Wiedersehen.

Von Karl Ude.

Als wir am Mittag eines der ersten Novembertage 1914 von ber k-chule nach Haufe kamen, stand für uns beide schon das Essen dampfend «uf dem Tische und daneben lag eine gelbliche Feldpostkarte, die sehr *1 »ß mit Bleistift beschrieben war. Die Mutter, in Mantel und Hut uns invartenb, mahnte zur Eile, noch bevor sie uns begrüßte, wies bann auf e zerknitterte Karte mit ber kleinen blassen Schrift und sagte, eben habe >*r Vater geschrieben, sein Regiment sei nach Rußland befohlen und er r erbe uns noch an diesem Nachmittag während der Durchreise auf dem k adnsteig begrüßen. , . ,

Freudig erschrocken über solche Botschaft, griffen wir nach der Karte Jnb versuchten selber die kleine Schrift zu entziffern, aber die Mutter *'ängte unablässig, so daß ihre Erregung bald auch auf uns Übergriff, I" legte unsere Sonntagskleidung zurecht, helle graue Mäntelchen und * tue Matrosenmützen mit langen schwarzen Bändern, deren flatternde toben wir meistens zwischen den Zähnen kauten, sie kämmte uns, kiahrend wir noch die letzten Bissen herunterschluckten, unb bann rannten t 't zu Britt zum Bahnhof, nicht ohne Furcht, schon zu spat zu kommen > nn ber Vater hatte die Ankunftszeit nicht mitgeteilt, da sie ihm fetvfl lu>dl nicht bekannt gewesen. , ,

, Als mir den Bahnsteig erreichten, ein wenig atemlos voll großer toroartung, trafen wir dort mit vierzehn oder fünfzehn Kneg^ftauen Wammen, die ebenfalls eine kurze verheißungsvolle Nachricht aus Frankreich erhalten hatten. Da sie alle die gleiche Hoffnung trugen, aber vielleicht auch, um hinter ber Karnerabschaft ihrer Manner nicht zurück pstehen, von der in manchem Brief aus dem Felde zu lesen war, wurden i bald vertraut miteinander, auch wenn sie sich vorher nicht gekannt Wien. Sie verglichen die Karten, die ihre Manner heute ari |ie ! schrieben, sie erwogen, wann der Zug kommen und wieviel Minuten men für das Wiedersehen wohl gegönnt fein wurden, sie taten erleicifter

Sorge der letzten Wochen von sich ab unb chienen da sie nun mit toem Leid nicht mehr allein waren, voll Zuversicht und guten Muts . Wir Jungens standen dabei, nur wenig beachtetz wachten artige Ber- 1Bungen, wenn man uns die Hand reichte, und schauten angespannt d.e

Gleise entlang, ob der Zug noch nicht nahe. Einstweilen aber blieb die Strecke leer, und so bedrängten die Frauen mit immer neuen Fragen den Fahrdienstleiter; ber aber zog bie Achsel hoch und ging verschwiegen in sein Büro, bald hörte man ihn kurbeln und telegraphieren, und bann schellte es irgendwo, unb er lief mit langen Schritten bavon, bie rote Mütze tief in die Stirn gezogen. Alle sahen ihm nach, weiten Blicks, denn er schien wirklich die Macht zu haben, den erwarteten Zug herbei­zuholen, aber er tat es nicht, sondern verschwand aufs neue hinter einer dienstlichen Tür, und nur ein scharfer Wind zog durch die hochgewölbte Halle und machte die Novemberkälte fühlbar.

Später brauste ein erster Zug mit Soldaten an uns vorüber; erschrocken traten mir einige Schritte zurück, bann hingen unsere Augen groß an den Fenstern, ob der Vater irgendwo herausschaute. Wir sahen ihn nicht, und so fragten wir, wo auch immer ein Feldgrauer zu erreichen war, nach dem Regiment des Vaters unb ob niemand wisse, wann cs hier einträfe. Die Soldaten schüttelten den Kopf, nannten einen unbekannten, sehr fremd klingenden Ort, der läge in Norbsrankreich unb barin sei außer dem ihrigen kein anderes Regiment gewesen, sie wandten sich hieraus in das Innere des Abteils, und wir hörten fte unsere besorgte Frage an die Kameraden weitergeben. Wenn sie sich ins Fenster zurück- lehnten, wußten wir schon ihre Antwort, denn wir hatten die Worte bereits aus dem Wagen heraus vernommen. Lachend fuhren sie weiter, harmonikaspielend, und wir winkten ihnen nach, bewunderten bie über­mütigen Kreidezeichnungen, mit denen sie ihre Wagen außen geschmückt hatten, unb staunten barüber, baß sie bie Türen auflassen unb manch­mal sogar auf dem Trittbrett sitzen bürsten, obwohl ber Zug doch längst wieder in Fahrt war.

, Der Nachmittag dehnte sich ungeheuer, ber Wind wurde frostig, unb bie Halle dämmerte grau. Zwischen den vielen Frauen drängten wir uns um eine Wartebank, die über einem Heizungskeller sich befand und ein wenig Wärme zu geben vermochte. Die Mutter bangte, daß wir uns erkälten möchten, sie legte jedem von uns ein Ende ihres langen schwarzen Pelzes um den Hals und rang mit dem Entschluß, nach Hause zu gehen und wärmere Kleidung zu holen; wenn fte aber den Beamten fragte, ob es gewiß fei, daß in ber nächsten Stunde ber erwartete Zug nicht eintreffe, zuckte er tvieberum mit den Schultern und meinte, dies fei nicht ausgeschlossen, denn noch viele Sonderzüge mit Militär nach dem Osten seien für heute gemeldet. So harrten wir aus, die Kälte fraß sich an uns hoch, Hunger, machte sich spürbar, und die Zeit stand still. Jedoch wenn ein neuer Zug in den Bahnhof einlief, wurden die Augen hell, die Mutter nahm uns bei den Händen und alle, die vielen fremden Frauen und di« Mutter unb wir Jungens, brängten dem haltenben Zuge entgegen unb fragten von neuem, welches Regiment nun angekommen fei (Ihr", sagten die Frauen zu den feldgrauen Männern) und ob es draußen schlimm zugehe, unb was man wohl in Rußlanb plane, ba so viele Truppen nach dort verlegt würben. Die Soldaten schienen unbekümmert und ohne Sorgen, mit mancherlei Scherzen gingen sie um die bangen Fragen herum, sprangen aus dem Zuge, so daß ihre schweren Stiefel auf den Steinen Funken schlugen, füllten hastig ihre Feldflaschen an der Wasser­leitung, und bevor man mehr von ihnen erfahren hatte, zog bie Loko­motive an, unb bie lange Wagenkette ächzte bavon.

Gegen Abenb traf ein Lazarettzug ein; es sah sehr feierlich aus, wie er mit feinen großen Hellen Wagen unb ben vielen roten Kreuzen auf Wänben unb Dächern vorüberglitt, unb poch bevor er sehr behutsam zum Stillstanb gelangte, hatte sich ber Bahnsteig mit Aerzten und Sani­tätern und Krankenschwestern gefüllt, bie sogleich erregt hin unb her zu laufen begannen, unb ber Rauch ber fyrte schmeckte miteinemmal nach Karbol. Die roartenben Frauen würben sehr still, nur wenn eine Bahre mit einem Verwundeten vorübergetragen wurde, sagten sie flüsternd: Der arme Kerl!" und hielten die Taschentücher vor den Mund. Wir indessen, der Bruder und ich, schauten unverwandt in bie weißen Gesichter unter ben weißen Berbänben, liefen ein paar Schritte neben ben Trägern her unb konnten uns nicht vorstellen, wie es fein mochte, so auf einer Bahre getragen zu werben, unb ob man Angst habe ober viele Schmerzen ober gar in Wahrheit so gleichgültig sei, wie bie weißen Gesichter es zu sagen schienen.

Tiefer sank währenbbesien ber Tag in die herausziehenbe Nacht, stechenbe gelbe Campen würben auf ben Bahnsteigen eingeschaltet, unb außerhalb ber Halle erkannte man rote unb grüne Signallichter, die in ber Ferne seltsam zitterten. Die Gespräche unter ben Frauen waren verstummt, nur manchmal, wenn sie die wenigen Sitzplätze austauschten, fielen ein paar Worte. Immer noch hockten sie in einer engen dunklen Gruppe zusammen, längst aber fühlten sie sich wieder sehr allein, sie halten unablässig bie Taschentücher in ben Hänben, unb wenn sie sich schnäuzten, wußte man nicht, ob sie nicht zugleich auch scheue Tränen von ber Backe wischten. Die Eisenbahner unb auch bie Postbeamten, bie von Zeit zu Zeit mit ihren gelben Karren vorüberpolterten, schüttelten bie Köpfe, wenn sie uns alle noch bastehen sahen.Die kommen boch nicht mehr!" riefen sie herüber,geht ruhig nach Haus!" Aber bie Frauen blickten bann empört auf; ihre Männer hätten es geschrieben, erroiberten sie, unb kämen bestimmt noch, unb so warteten wir weiter. Das Frösteln fügte tief zwischen ben Schultern, bie Mübigkeit wühlte in ben Knien, unb von ber Schokolade aus dem Automaten wurde uns übel.

Noch einmal blinkten schwankende Lichter auf in der braunen Nacht und ließen die Hoffnung auferstehen, als er bann aber nur ein fahrplan­mäßiger Zug war, ber in die Halle donnerte, sank die Enttäuschung mächtiger in bie Herzen, unb als schließlich eine ber roartenben Frauen von einer Ohnmacht befallen wurde unb zwei andere sie roeggeleiten mußten war alle Zuversicht erschüttert, unb bie Sinnlosigkeit weiteren Wartens schlich sich ins Bewußtsein. Ja, man würbe nun sogar irre an bem was solches Wiebersehen hätte schenken können. Ob man bie Manner nicht bebrücfe unb ihnen eine anbere, bunflere Erinnerung an die Heimat mitgäbe, fragte man sich, wenn man ihnen so, burch Källe unb Müdigkeit und Enttäuschung erschöpft, entgegentrete, unb ob man nicht ihnen unb sich selber bas Herz schwer mache burch eine flüchtige Wieberholung des ersten, gültigen Abschieds ...