Ausgabe 
18.10.1937
 
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geben", sagte Eugenie. . , ,,

Sie setzte ihre Lektüre fort, nachdem sie sich bte Tranen ab gewischt hatte.

, Ich hatte nie zuvor an die Leiden der Armut gedacht. Wenn ich bte zur Ueberfahrt unerläßlichen hundert Louis habe, werde tch nichts einen I Sou übrig behalten, um mir eine Ladung auszurüsten. Aber nicht doch, ich werde weder hundert Louis noch einen Louis haben, ich weiß nicht, was mir an Geld bleibt nach der Regelung meiner Schulden in Parts. Wenn ich nichts behalte, werde ich ruhig nach Nantes geheü, ich werde mich dort als einfacher Matrose einschiffen und da unten anfangen, tote Manner I von Energie angefangen haben, die in ihrer Jugend keinen Pfennig hatten 1 und reich aus Indien zurückgekommen sind. Seit heute morgen fasse ich mein Schicksal kaltblütig ins Auge. Es ist für mich schrecklicher als für leben anbern, für mich, bet ich von einer Mutter verhätschelt würbe, bte mich vergöttert hat, von bent besten bet Bätet geliebt toutbe, unb bet tch bet meinem Eintritt in bie Gesellschaft bet Liebe einer Anna begegnet bin! Ich hatte nur bie Blumen bes Lebens tennengelernt: dies Glück konnte nicht dauern. Ich habe nichtsdestoweniger, meine liebe Annette, mehr Mut, als man einem sorglosen jungen Mann zutraut, noch dazu einem jungen Mann, der an die Liebkosungen bet entzückenbsten Frau von Parts gewöhnt ist, ben bie Freuden eines Heims gewiegt haben, in bem ihn alles anlächelte, unb bessert Wünsche Gesetze waten für einen Vater ach, mein Steter,, Annette, er ist tot... Nun wohl, ich habe über meine Lage nachgebacht unb habe auch über bie Deine nachgebacht. Ich bin viel älter geworden in vierundzwanzig Stunden. Liebe Anna, wenn Du, um mich bei Dir zu behalten, in Paris, aus alle Genüsse Deines Luxus verzichten würdest, auf Deine Garderobe, Deine Loge in der Oper, so würden Wtr doch noch nicht den Betrag der notwendigsten Ausgaben für mein nun einmal den Zer­streuungen gewidmetes Leben erreichen; und ich könnte solche Opfer nicht annehmen. Wit scheiden also heute für immer voneinander."

Er nimmt Abschied von ihr, Heilige Jungfrau! welch Glück!

Eugenie tat einen Freudensprung. Charles machte eine Bewegung; sie erstarrte vor Schreck; aber zum Gluck für sie erwachte er nicht. Sie las weiter: Wann werde ich zutückkommen? Ich weiß es nicht. Das Klima in Indien läßt einen Europäer schnell altern, zumal einen Europäer, der arbeitet. Nehmen wir an, in zehn Jahren. In zehn Jahren wird Deine Tochter achtzehn Jahre alt sein, sie wird Deine Begleiterin sein, Deine Spiomn. Die Welt würde grausam zu Dir sein, mehr vielleicht noch Deine Tochter. Wir kennen ja Beispiele von diesen Urteilen der Gesellschaft und von der Undankbarkeit der jungen Mädchen; ziehen wir Nutzen daraus. Bewahre auf dem Grund Deines Hetzens, wie auch ich es bewahren werde, das Andenken an diese vier Jahre von Glück, und sei Deinem armen Freund treu, wenn Du kannst. Jedoch kann ich es nicht fordern, denn siehst Du, meine liebe Annette, ich muß mich meiner Lage anpassen, das Leben bürger­lich ansehen, eine möglichst richtige Bilanz ziehen. Daher muß ich an eine Heirat denken, die eine der Notwendigkeiten meiner neuen Existenz ist; und ich muß Dir gestehen, daß ich hier in Saumut bei meinem Onkel eine Cousine gefunden habe, deren Benehmen, Aeußetes, Verstand und Herz Dir aefaUen würden, und bie. wie mir scheint, außerbem.."

Et muß feht mübe gewesen sein, baß et aufgehört hat, ihr zu schreiben, sagte sich Eugenie, als sie sah, baß bet Brief mitten in biesem Satz abbrach.

Sie rechtfertigte ihn. Aber wat es nicht unmöglich, baß bieses unschulbige Mäbchen bie Kälte merken konnte, bie sich in biesem Brief ausprägte. Den fromm, unwissenb unb rein erzogenen jungen Mäbchen ist alles Liebe, obalb sie nur ben Fuß in bie von bet Siebe verzauberten Gebiete setzen. Dort toanbeln sie, umgeben von bem himmlischen Licht, bas ihre Siebe ausstrahlt unb das schimmernd über ihren Geliebten hmstromt; sie lassen ihn mit der Glut ihres eignen Gefühls glühen und leihen ihm ihre schonen Gedanken. Die Irrtümer der Frau entspringen fast immer ihrem Glauben an das Gute ober ihrem Vertrauen auf bas Wahre. Für Eugenie sanden bieie WorteMeine liebe Annette, meine Vielgeliebte" einen Widerhall in ihrem Herzen wie bie süßeste Sprache bet Siebe unb sie umschmeichelten ihre Seele, wie in ihrer Kindheit die göttlichen Töne be8 Vernte, adoremus von der Orgel aufgenommen, ihr Ohr umschmeichelt hatten. Außerdem sprachen ihr die Tränen, die noch Charles' Augen netzten, von allen edlen i Gesinnungen des Herzens, durch die ein junges Mädchen verführt werben , muß. Konnte sie wissen, baß, wenn Charles fernen Vater fo seht liebte, unb ihn so aufrichtig beweinte, biefe Siebe weniger von bet Gute seines Herzens als von bet Güte feiner Eltern herkam? Jnbem Herr unb : rau Guillaume Gründet alle Wünsche ihres Sohnes befriedigten, ihm alle Ver« gnüqungen des Reichtums gewährten, hatten sie , ihn verhindert, diese schrecklichen Berechnungen anzustellen, durch bte tn Paris bie meisten Kinbet sich versünbigen, wenn sie angesichts bet Pariser ^reuben Wunsche hegen unb Pläne fassen, bie sie mit Bebauern so^währenb durch bas Seben bet Eltern aufgehoben unb verzögert sehen. Die Verschwendung bes Va ers ging also so weit, im Hetzen seines Sohnes eine wirkliche kindliche Siebe ohne Hintergedanken zu säen. Dennoch war Charles em Pariser Kind, durch die Pariser Sitten, durch Annette selbst daran gewöhnt, alles zu berechnen, er war schon ein Greis unter der Maske eines Jünglings. Er hatte die schreckliche Erziehung dieser Welt bekommen, in der an einem Abend in Gedanken und Worten mehr Verbrechen begangen werden, als die Justiz in den Schwurgerichten bestraft, Wo Witzworte bte größten Ge« bauten morben, Wo man nur soweit für stark gilt, Wie man ben richtigen Blick hat, unb ben richtigen Blick haben, heißt ba, an nichts glauben, webet an Gefühle noch an Menschen, nicht einmal an Ere,gmsfe; man macht da künstliche Ereignisse. Dort muß man, um den richtigen Bück zu haben, ,eden Morgen die Börse eines Freundes Wägen, weltklug über allem zu stehen wissen, was geschieht; zunächst einmal nichts bewundern, weder Kunstwerke noch edle Taten, und als Beweggrund für alle Dinge den persönlichen Nutzen anfetzen. Nach tausend Torheiten hatte die große Dame, bte schone Annette, Charles genötigt, ernst zu beuten; sie sprach ihm von feiner zu­künftigen Stellung, inbem sie ihm mit einer parfümierten Hand durch das Haar strich; indem sie ihm eine Socke zurechtlegte, ließ sie ihn das Seben berechnen; sie machte ihn weibisch unb machte ihn materiell. Ste verdarb ihn nach zwei Seiten hin, aber diese Verderbtheit wat elegant unb fein unb gehörte zum guten Ton.

Charles War zu sehr aufs Aeußere gerichtet, zu dauernb glücklich burch seine Eltern, zu verwöhnt butch bie Hulbiguugen bet Gesellschaft, als baß er tiefe Gefühle hätte haben können. Das Gran Gold, bas ferne, Mutter ihm ins Herz gesenkt hatte, War auf bet Pariser Drahtziehbank ausemanber« gezogen worben; et hatte es für bie Oberfläche gebraucht unb mußte es abnutzen durch Reibung. Aber Charles war erst einundzwanzig Iahte alt. In diesem Alter scheint die Frische der Jugend uuzertreunlich von der Rem- beit des Herzens; die Stimme, der Blick, der Gesichtsausdruck scheinen m Uebereinftimmung mit ben Gefühlen. Daher zögert sogar bet härteste Richter, der ungläubigste Anwalt, bet unbeugsamste Wucheret an die Greisenhaftigkeit des Herzens, an die Verderbtheit der Berechnungen zu 1 glauben, wenn die Augen noch klare Brunnen sind und bte Stirn noch keine Falten trägt. Charles hatte nie Gelegenheit gehabt, bte Grundsätze der Pariser Moral anzuwenden, und bis zu diesem Tag war er edel aus Unerfahrenheit. Aber ihm unbewußt war ihm die Selbstsucht emgeimpst worden. Die Samenkörner der Staatsklugheit für den Gebrauch °e* Parisers, die noch in feinem Herzen verdeckt lagen, mußten alfobalb aut* gehen, wenn er vom müßigen Zuschauer handelnde Person tm Drama des wirklichen Sebens wurde. Fast alle jungen Mädchen vertrauen den süßen Versprechungen der Außenseite, und sollte Eugenie eine kluge Beobachterm fein können, wie es gewisse Mädchen in der Kleinstadt sind, sollte ste ihrem Vetter mißtrauen können, da doch bei ihr noch die Sitten, Worte uno Handlungen mit den Gesinnungen des Herzens überemftimmten? Ein jur sie verhängnisvoller Zufall ließ fie die letzten Tränenströme emer wahren Empfindung trocknen, bie bies junge Herz noch aufbrachte, unb sozusagen Die letzten Seufzer bes innern Gefühls hören. So ließ sie ben Brief liegen, bet nach ihrer Meinung voll von Siebe War, unb betrachtete nach Herzensmg ihren eingeschlafenen Vetter; bie jungen Hoffnungen bes Sebens umspielten für sie noch feine Wangen; jetzt schwor sie sich, ihn immer zu lieben. Dann richtete sie ihren Blick auf ben anbern Brief, ohne btefer Jninskretwn Biel Gewicht beizulegen, und als sie zu lesen anfing, fand sie neue Beweise tut die edlen Eigenschaften, bie sie wie alle Frauen bem lief), ben sie erroaim

Sicher hat er alle feine Angelegenheiten geordnet, um Frankreich halb ^Jhtt Augen'fielen auf zwei offene Briese. Die Worte, mit denen d« eine begann,Meine liebe Annette", riefen einen Schwmbel bet ihr hervor. Ihr Herz klopfte, ihre Füße waren am Boben wie angenagelt.

** Seine liebe Annette ! Er liebt, er Wirb geliebt. Keine Hoffnung mehr ...

Mein lieber Alphonse, wenn Du biefen Brief liest, habe ich keine Freunde mehr. Aber ich bekenne Dir, daß, wenn ich an den Kindern der Welt zweitie, die gewöhnt sind, mit diesem Namen Mißbrauch zu treiben, ich nicht an Deiner Freundschaft gezweifelt habe. Darum bitte ich Dich, meme Ange legenheiten zu ordnen, und rechne auf Dich, daß Du eine gehörige Si aus dem allen, Was ich besitze, herausschlägst. Du sollst setzt meine Sag kennenlernen. Ich habe nichts mehr unb will nach 3nbten abretfen. habe foeben an alle bie Personen geschrieben, benen ich Gelb zu schwor glaube, unb Du finbeft anbei bereu Liste, bie fo genau ist, als ich sie aus dem Kopf machen konnte. Meine Bücher, Möbel Wagen, Pferbe usw. werden, denke ich, genügen, um meine Schulden zu bezahlen. Ich Will für mich den wertlosen Kram zurückbehalten, der geeignet 'st, den Anfang Warenladung zu bilden. Mein lieber Alphonse, Werbe ®tr wn fr« tu bieten Verkauf eine regelrechte Vollmacht schicken, für ben Fall von Stren g feiten. Alle meine Waffen fällst Du mtr fenben. Ferner sollst bu »ttton fu Dich behalten. Denn niemanb Würbe den richtigen Pre's sm bies wnno volle Tier zahlen, unb ich schenke ihn Dir lieber als ben üblichen Rmg,

^SaT waren bie? ©ebanfen, bie ihr burch den Kopf unb burchs Herz gingen. Sie las jene Worte überall, selbst °uf bem Fußboden, m jammern schrist. Schon auf ihn verzichten müssen! Nein, ,ch Will diesen Brief lesen. Ich muß weggehen. Ob ich ihn doch lese? . _

Sie sah zu Charles hin, nahm sanft seinen Kopf, legte ihn auf die Sehne des Sessels, und er ließ es mit sich geschehen, wie em Kind, das selbst tm Schlaf seine Mutter erkennt, unb ohne aufzuwachen sich ihre Sorgfalt unb ihre Küsse gefallen läßt. Wie eine Mutter hob sie bte herabhangende H>and auf, und wie eine Mutter küßte sie leise fern Haar.Siebe Annette! Em Dämon rief ihr diese Worte ins Ohr. .... . ,, .

Ich weiß, daß es vielleicht unrecht ist, aber ich muß diesen Brief lesen ,

9 Eugenie wandte den Kopf ab, denn ihre vornehme Gesinnung schalt sie Zum erstenmal in ihrem Seben standen sich das Gute und das Bose in ihrem Herzen gegenüber. Bis dahin hatte sie nie über eme Handlung zu erröten gebraucht. Die Seidenschaft, die Neugierde rtffen sie fort. Bei jedem Satz hob sich ihr Herz höher, und bie prickelnde Glut, die wahrend dieser Seftüre fie in Erregung versetzte, ließ sie bte Freuben ber ersten Siebe noch süßer empfinben.

Meine liebe Annette, nichts hätte uns trennen sollen, außer bem Unglück, bas mich befallen hat unb das feine menschliche Weisheit hatte voraussehen tönnen. Mein Vater hat sich getötet, (em Vermögen und meines ist vollständig verloren. Ich bin Waise, tn einem Alter, in dem ich bei der Art meiner Erziehung noch als Kind gelten tonnte; unb ich muß mich nichtsbestoweniger als ein Mann aus bem Abgrunb erheben, in ben id) gestürzt bin. Ich habe eben einen Teil dieser Nacht bazu gebraucht, meine Berechnungen zu machen. Wenn ich Frankreich als Ehrenmann ver­lassen Will, unb bas ist selbstverständlich, behalte ,ch nicht hundert Franken, um in Indien oder Amerika neu zu beginnen. Ja, metne arme Annette, ich gehe, mein Glück unter den mörderischen Klimaten zu suchen. Unter jenen Himmeln, hat man mir gesagt, ist das Glück sicher und schnell. Was ich in Paris sollte, wüßte ich nicht. Weder mein Herz noch mein Gesicht ist dazu geschossen, die Beleidigungen, die Kälte, die Verachtung zu ertragen, die einen ruinierten Mann erwarten, den Sohn eines Bankrotteurs. Sieber Gott! Zwei Millionen Schulden!... Ich würde da in der ersten Woche tm Duell getötet werden. So werde ich nicht dahin zurückkehren. Deine Siebe, die zärtlichste und hingebendste Siebe, die jemals ent menschliches Herz geadelt hat, könnte mich nicht hinziehen. Ach, meine Vielgeliebte, ich habe nicht genug Geld, um dahin zu gehen, Wo Du bist, um emen letzten Kutz zu geben unb zu empfangen, einen Kuß, aus bem ich bte Kraft schöpfen Würbe, die für mein Unternehmen nötig ist..."

Armer Charles, gut, daß ich es las. Ich habe Gold, ich Werbe es ihm