Eichener ZamilieiiWikr
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1957
Montag, den 18. Oktober
Nummer 81
Eugenik Hrandet
ROMAN
von Honore de Balzac
10. Fortsetzung.
„Ich habe viel mehr Vertrauen 311 Ihnen als zum Präsidenten", sagte er zu ihm; „und es steckt noch etwas hinter dem Busch", fügte er hinzu und bewegte sein Geschwür. „Ich will mich auf Staatsrenten verlegen, ich will für einige taufend Franken Renten kaufen lassen und nicht mehr als achtzig Franken geben. Diese Geschichte fällt gegen Ende des Monats, fagt man? Sie kennen jich darin aus, nicht wahr?"
„Weiß Gott! Ich soll also einige tausend Franken Rente für Sie erstehen ..."
„Ist nicht viel für den Anfang. Halt noch! Ich will dies Spiel spielen, ohne daß man irgend etwas davon erfährt. Sie können einen Kauf für mich abschließen für Ende des Monats; aber sagen Sie nichts den Cruchots davon, das würde sie ärgern. Da Sie ja nach Paris gehen, können wir da gleichzeitig für meinen armen Neffen zusehen, welche Farbe Trumpf ist."
„Gut, abgemacht. Ich reise morgen mit der Post", sagte laut Herr des Grassins, „und ich werde mir Ihre letzten Instruktionen holen, um... um wieviel Uhr?"
„Um fünf Uhr, vor dem Essen", sagte der Winzer und rieb sich die Hände.
Die beiden Parteien standen sich noch einige Minuten gegenüber. Rach einer Pause sagte des Grassins und schlug Gründet auf die Schulter:
„Das ist fein, wenn man solche guten Verwandten hat."
„Ja, ja", antwortete Grandet, „ohne daß es so scheint, bin ich ein guter O ... O ... Onkel. Ich liebte meinen Bruder, und ich werde es auch beweisen, wenn ... wenn ... die K ... K ... Kosten nicht..."
„Wir wollen gehen, Grandet", sagte der Bankier zu ihm und unterbrach ihn glücklicherweise, ehe er seinen Satz vollendete. „Wenn ich meine Abreise beschleunige, muß ich noch einige Sachen in Ordnung bringen."
„Gut, gut. Ich selbst will mich, d . . . d... dem zu Liebe, was Sie w ... w ... wissen, i... i... in mein Be ... Be ... Beratungszimmer, wie Präsident Cruchot sagt, z ... z ... znrückziehen."
Teufel! ich bin nicht mehr Herr von Bonfons, dachte trübselig der Präsident und bekam einen Gesichtsausdruck lute ein Richter, den ein Plädoyer verdrießt.
Die Häupter der beiden rivalisierenden Familien gingen zusammen sort. Sie dachten nicht mehr an den Verrat, den Grandet am Morgen gegen das weinbauende Land verübt hatte, sondern sie forschten sich gegenseitig aus, aber vergeblich, um herauszukriegen, was der andre über die wirklichen Absichten des Alten in dieser neuen Angelegenheit dachte.
„Kommen Sie mit uns zu Frau d'Orsonval?" sagte des Grassins zum Notar.
„Wir wollen später hingehen", antwortete der Präsident. „Wenn's meinem Onkel recht ist, habe ich Fräulein von Gribeaucourt versprochen, ihr auf einen Sprung guten Abend zu sagen, uird wir gehen zuerst dahin.
„Dann auf Wiedersehen, meine Herren", sagte Frau des Grassms.
Kaum daß die des Grassins ein paar Schritt von den beiden Eruchot.- entfernt waren, sagte Adolph zu seinem Vater:
„Die haben 'ne schöne Stinkwut, was?"
„Halt doch den Mund, Junge", antwortete ihm seine Mutter, „sie können uns noch hören. Uebrigens ist dein Ausdruck nicht geschmackvoll, rechter Studentenjargon." ,, t s .,
„Na, lieber Onkel", rief der Richter aus, als er die dev Grassuw wett genug weg sah, „da habe ich damit angefangen, der Präsident von Bonsons SU sein und atlfgehört ganz einfach als ein Cruchot." .
. «Ich hab' wohl gemerkt, daß dich das geärgert hat, aber der Wind blie. für die des Grassins. Bist du dumm, mit all deinem Geist ! Laß du sie nur sich einschiffen aus ein ,Das-wird-sich-finden' voni alten Grandet hm und sei ganz ruhig, mein Junge: Eugenie wird deshalb deine Frau.
In wenigen Minuten verbreitete sich die Nachricht von dem hochherzigen Entschluß Grandets in drei Häusern zugleich, und es war m oer ganzen Stadt von nichts anderm die Rede, als von dieser brüderlichen Aufopferung. Jedermann verzieh Grandet den Verkauf, den er unter Verachtung des Ehrenworts abgeschlossen hatte, das die Weuwergsbesltzer einander gegeben, und rühmte den Edelmut, den inan ihm nicht zugetraut hatte. Es liegt im französischen Charakter, sich zu begeistern, sich »ESFU ereifern, sich leidenschaftlich einzufetzen für den Meteor des Augenblicks für die Seifenblasen des Tages. Sollten die Kollektivwefen, die Volker kein Gedächtnis l)eiben? . m
Als Vater Grandet die Haustür verschlossen hatte, rief er Nanon:
„Mach nicht den Hund los und geh nicht schlafen. Wir haben zusammen was zu tun. Um 11 Uhr soll Cornoiller vor meiner Tür sein mit der Kutsche von Froidfond. Paß ihm auf, damit er nicht klopft, und sag' ihm, er soll ganz sacht eintretcn. Die Polizeivorschriften verbieten nächtliche Ruhestörung. Außerdem braucht das Haus nicht zu wissen, daß ich verreise."
Darauf stieg Grandet in sein Laboratorium, wo Ranon ihn rumoren, stöbern, gehen und kommen hörte, aber behutsam. Augenscheinlich wollte er Frau und Tochter nicht wecken und vor allem ja nicht die Aufmerksamkeit seines Neffen erregen, den er geradezu verwünscht hatte, als er Licht in seinem Zimmer bemerkte. Mitten in der Nacht glaubte Eugenie, die iich ausschließlich mit ihrem Vetter beschäftigte, den Klagelaut eines Sterbenden zu hören, und für sie war dieser Sterbende Charles; er hatte sie so bleich, so verzweifelt verlassen, vielleicht hatte er sich etwas angetan. Schnell warf sie eine Art Pelerine mit Kapuze um und wollte hinausgehen. Da jagte ihr ein heller Lichtschein, der durch die Ritzen ihrer Tür drang, Furcht vor Feuer ein; aber gleich darauf wurde sie beruhigt, als sie die schweren Schritte von Nanon hörte und außer ihrer Stimme das Gewieher von mehreren Pferden.
„Sollte mein Vater meinen Vetter entführen?" sagte sie zu sich selbst und öffnete die Tür vorsichtig genug, sie am Knarren zu verhindern, aber jo, daß sie sehen konnte, was im Flur vor sich ging.
Plötzlich traf ihr Auge das ihres Vaters, dessen Blick, obwohl er ganz ziellos und unbekümmert war, sie vor Schreck erstarren ließ. Der Alte und Nanon waren durch einen großen Knüttel verbunden, dessen Eyden auf ihrer rechten Schulter ruhten und der ein Seil trug, an dem ein Tönnchen befestigt war, ähnlich denen, die Vater Grandet zu feinem Vergnügen in müßigen Augenblicken in seiner Werkstatt verfertigte.
„Heilige Jungfrau! drückt das, Herr!" sagte Nanon mit leiser Stimme.
„Jammer, daß es nur Zwei-Sous-Stücke sind", erwiderte der Alte. „Gib acht, daß du nicht den Leuchter umstößt."
Diese Szene wurde nur durch ein Talglicht erhellt, das zwischen zwei Stäbe des Treppengeländers gestellt war.
„Cornoiller", sagte Grandet zu seinem Waldhüter in partibus, „hast du deine Pistolen mit?"
„Nein, Herr! Donnerkiel, was gibk's denn für Ihre Zwei-Sous-Stücke zu fürchten?"
„Ach, nichts", sagte Vater Grandet.
„Außerdem fahren wir schnell", versetzte der Waldhüter. „Ihre Pächter haben die besten Pferde für Sie genommen."
„Gut, gut. Du hast ihnen nicht gesagt, wohin ich gehe?"
„Ich wußt's ja nicht."
„Gut. Ist der Wagen stark?"
„Der, gnädiger Herr? Na, ich glaub's, der kann dreitausend tragen. Was wiegen die denn, Ihre verdammten Fäßchen?"
„Donner", sagte Nanon, „ich weiß es als! Bald an die achtzehnhundert!" „Wirst du den Mund halten, Nanon. Du sagst meiner Frau, ich bin aufs Land gegangen, ich würde zum Essen zurück fein; Fahr zu, Cornoiller, müssen in Angers vor neun Uhr ankommen."
Der Wagen fuhr ab. Nanon verriegelte das große Tor, machte den Hund los, legte sich mit ihrer geschundenen Schulter zu Bett, und niemand im Viertel ahnte die Abreise Grandets, noch das Ziel seiner Fahrt. Der Alte war vollkommen verschwiegen. Kein Mensch sah je einen Sou in diesem Haus voll Gold. Als er am Morgen aus den Hafengesprächen erfahren hatte, daß infolge von zahlreichen Rüstungen in Nantes das Gold ums doppelte gestiegen war, und daß Spekulanten in Angers angekommen waren, um welches zu kaufen, konnte es der alte Winzer ermöglichen, dadurch, daß er sich bei seinen Pächtern Pferde lieh, fein Gold dort zu verkaufen und so die für den Rentenkauf nötige Summe in Wechseln vom Generalschatzmeister aus den Staatsschatz zurückzubringen, vermehrt um das Agio.
„fDlein Vater ist sort", sagte Eugenie, die oben auf der Treppe alles gehört hatte. Das Schweigen im Haus war wiederhergestellt, und das ferne Nollen des Wagens, das nach und nach aufhörte, hallte schon nicht mehr durch das schlafende Saumur. In diesem Augenblick vernahm Eugenie mit dem Herzen, noch ehe sie ihn mit dem Ohr hörte, einen Klagelaut, der die Wände durchbrach und aus dem Zimmer ihres Vetters kam. Ein Lichtstreifen, fein wie die Schneide eines Säbels, drang durch die Spalte der Tür und durchschnitt horizontal das Geländer der alten Treppe.
„Er leidet", sagte Eugenie und erklomm zwei Stufen.
Ein zweites Stöhnen brachte sie bis zum Treppenabsatz des Zimmers. Die Tür war angelehnt, sie stieß sie auf. Charles schlief, den Kopf von außen an den alten Sessel gelehnt; seine Hand hatte die Feder fallen gelassen und berührte fast den Boden. Die stoßweise Atmung, die durch die Körperlage des jungen Mannes bedingt war, erschreckte Eugenie, und He ging rasch hinein.
„Er muß sehr müde geworden sein", sagte sie sich, als sie etwa zehn versiegelte Briefe sah. Sie las die Adressen darauf: An die Herren Farry, Breilmann & Co., Magenmacher. — An Herrn Buisfon, Schneidermeister uiw.


