feine Mühe hie üblichen fünf Satang geben wollen, ntmmf er das Geld nicht an und sagt: „Du hast ja meine Kröte nicht genommen!" Und wenn wir den Kindern aus Versehen einmal mehr als die vereinbarte Summe geben, reichen sie sofort den Ueberschuß zurück.
So lernten wir sie alle kennen und haben die beste Gelegenheit, unsere kinderpsychologischen Versuche durchzuführen. Alle Kinder erfüllen gern die Aufgaben, die wir ihnen stellen, und nur mit traurigen Gesichtern, doch ohne Zögern folgen sie dem Ruf der Eltern, wenn es gilt, nach Hause zu gehen. Bald aber rücken sie wieder an und umgeben uns wie ein munterer Bienenschwarm. Nur abends herrscht Stille, wenn alle zur Ruhe gegangen sind Dann liegen die Menschen unbekümmert aus dem Bambusboden ihrer luftigen Pfahlhütten, eingehüllt von warmer Nachtluft, in den Schlaf gewiegt vom Konzert der Grillen, dem trommelnden Rus der Frösche und dem Rauschen des Flusses.
Da ertönten plötzlich inmitten einer dieser sternklaren Tropennächte, fernab vom Getöse der Welt, die kreischenden Laute eines Grammophons. Eine siamesische Frauenstimme quetschte gepreßte hohe Töne hervor, die jedes Wohlklanges entbehrten. Wir können es kaum glauben — trotz Fehlen des Dreivierteltaktes und der verzerrten Melodie erkennen mir den Donauwellenwalzer. Der einzige Händler des Dorfes, ein Chinese, läßt uns zu Ehren aus seinem Klapperkasten „macke in Japan im Dschungel das Wienerlied erklingen.
Elegie auf den Wind.
Von Josef Weinheber.
Sanfter Bruder des Frühlings! Einsame Flöte, die du irr um die Hügel klagst.
Einmal noch, eh du entsagst, steige, sterbender Flug, in den Purpur der Abendröte! Tief im Gezweig wirst du stumm: o Schwermut der Stille! Die Kinder am Mondweg fürchten sich sehr.
Lautlos hält sich ein Efeu her.
An dem verwitterten Gittertor
eine Pappel starrt erzern empor:
Herr, wie du willst, so geschehe dein Wille!
Aus der Weide, darinnen du schliefest, schmerzvoll erwacht, steigst du nun, daß du die Toten riefest, hoch in die Mitternacht.
Die große Wanderung.
Von Theodor Heinz Köhler.
Es waren unglückliche Jahre, die nach dem Krieg. Aber der kleine Martin spürte davon nichts. Er fegte mit den anderen Jungen der Straße über den Albertplatz, wild lärmend, er hielt das Holzschwert in die Höhe, und aus seinem Kopf verrutschte der weihe Papierhelm. Seine Backen glühten, wenn er heimkam.
Einmal aber hatte einer der Jungen anstatt des Papierhelms einen richtigen Helm, einen, der glänzte und aufstrahlte, wenn das Sonnenlicht darüber hinwegglitt.
„Woher hast du den?" fragte Martin.
„Von meinem Vater ...", kam es zurück.
„Und ich ...?" fragte Martin......wo krieg ich einen her ...?"
Der Junge zuckte mit der Schulter. „Geh doch zu deinem Vater!" Und damit wandte er sich ab. Aber Martin stand ganz still. Er sah dem Jungen nach, der über den Platz ging, und er ließ das Holzschwert sinken. Die anderen waren beisammen und plauderten, manchmal lachten sie auf. Und Martin harrte nun hier und dachte nach, sann und grübelte. Da nahm er seinen weißen Papierhelm ab und trottete heimwärts.
Sonst brach er lärmend in die Stille der Wohnung ein, in der die Mutter behutsam einherging, da und dort etwas anrührend mit ihren sanften Händen. Aber nun kam Martin ganz still, Helm und Schwert in der einen Hand.
Er trat vor die Mutter, hob den Kopf auf und fragte mit leiser Stimme: „Die anderen, die haben alle einen Vater, von dem können sie bekommen, was sie wollen ... und ich ...?" und er schluckte.
Die Mutter sah ihn an und ihre hellen Augen ertranken in Tränen. Die Mutter sah immerzu ihren Jungen an und griff sich an ihre Bluse, da, wo man fühlen konnte, daß etwas schlug, ganz sacht und trauernd. Aber Martin übersah das, die Tränen wie die Hand, er hatte noch keinen Blick für derlei Dinge.
Die Mutter wandte schließlich den Kopf weg und sagte, gleichsam ins Leere: „Er ist tot." Und sie ging.
Martin lief weg. Aber er konnte sich nicht niederlegen und sich auf dem Erdboden wälzen, wie er es sonst tat, er konnte nicht, auf dem Teppich liegend, nach den Gardinen langen und mit den Fransen spielen, er konnte nur laufen, immerzu laufen . . Er lief über den Albertplatz, aber er achtete nicht auf die Jungen, die spielten, er lief nur. Und er dachte nichts anderes als das: Er ist tot. Bei jedem Schritt, den er tat, rief es in ihm: Er ist tot. Und jene Frau, die ihrem Buben etwas nachschrie, hatte sie nicht gemeint: Er ist tot?
Er hatte keine rechte Vorstellung vom Todsein, aber die Mutter hatte Sezittert, als sie es gesagt hatte, es mußte etwas Gewaltiges, etwas Grau- ames sein. Als er am Abend in seinem Bett lag und die Nacht ihn finster umgab, da fragte er in die Dunkelheit: Warum? Den anderen Jungen ist er doch auch nicht gestorben? Aber die Nacht gab keine Antwort, sie schwieg.
lieber der Kommode in Mutters Schlafstube hing ein Bild. Cs hatte einen einfachen Rahmen, er war aus Holz. Aber aus diesem Rahmen sah ein Mann in die Stube: in feldgrauen Kleidern, da und dort geflickt.
nein, er
Er wußte nun, daß eine glänzende aus Silber nichts war gegen diese, wenigstens für ihn. Es war merkwürdig mit dieser Uhr. Manchmal waren die Fragen um den Vater zurückgetreten vor anderen Gedanken. Doch nun stiegen diese Fragen von neuem auf, stärker und fordernder als zuvor. Und eines Abends nach dem Essen fragte er die Mutter: „Und du weißt
nicht, wo er liegt?" . .
Er hatte mit keinem Wort erwähnt, daß er den Vater meinte, doch die Mutter wußte es sofort. Sie schüttelte leicht den Kopf, und aus ihren Augen rannen zwei dicke Tränen.
„Sieh", sagte sie, „das ist es ja gerade. Sie schrieben einen fremden Namen. Was soll eine Frau wie ich mit solch fremden Namen?"
„Darf ich ihn sehen?" fuhr er auf, „bitte, Mutter!"
Da erhob sie sich und schlappte gebückt aus der Stube. Sie schloß wieder die Kommode auf und brachte einen Schein hervor. Auf dem stand der Name, und auch Martin wußte nichts damit anzufangen. Doch er prägte ihn sich ein. Er sprach ihn oft, wenn er allein war, ganz so, wie man ihn schrieb. Und einmal suchte er sogar auf der Landkarte. Er fand den Ort.
Sie saßen wieder einmal sttll beisammen nach dem Abendessen. Die Wohnung lag still, von der Straße her klangen tapsende Schritte Vorübergehender herauf. Da sagte leise die Mutter, so, als spreche sie gar nicht zu Martin: „Ich hätte es gern einmal gesehen, wo er liegt, bevor ich selbst einmal ..." Sie sprach nicht weiter, sie dachte wohl an Martin.
Der sann oft darüber nach. Er rüstete im stillen, und als er Ferien bekam, sagte er zur Mutter: „Ich gehe zu ihm, und dann erzähle ich dir, alles."
Sie hatte Angst, sie begriff: er wollte nach Frankreich. Sie hielt die Tränen noch zurück, aber am Abend, als sie allein war, da meinte sie. Genau so war der Vater davongezogen: lachend und doch irgendwie schon bedrückt, gesund und doch schon gezeichnet. Sie war allein und hatte Angst, es tastete etwas an ihrem Körper hinauf, kalt, schmerzend, während die Uhr teilnahmslos tickte und ihr Geräusch die Stube erfüllte.
Martin war weit gefahren. Nun wanderte er. Es waren viele Straßen, auf denen er zog, trockene und aufgeweichte, einsame und solche, auf denen ihn viele Autos überholten. Es kamen Städte und Dörfer, aber es waren ihm alle fremd, er konnte mit niemandem sprechen. So sagte er leise den Namen vor sich her, der ihm den Vater genommen hatte.
Er wanderte und dachte daran, daß sie hier vielleicht auch gezogen seien, daß sie da im Straßengraben gelegen, daß sie solches Brot gegessen, daß es geregnet hatte wie jetzt, und daß sie naß gewesen wie er. Und daß sie alle daheim jemanden gehabt hätten, der meinte, gerade mie er.
Und Martin kam an die große Ebene, in der dieser Ort tag. Martin montierte still daraus zu.
Es begann zu regnen. Cs mürbe trüb und trüber. Die Wolken zogen tief und rauschend über die Erde. Nebel quoll auf. Niemand kam, nur manchmal streifte Martin im Borübergehen ein tropfendes Gebüsch am Wegesrand. Er sand kein Haus, in dem er hätte übernachten können, er lies nur immerzu auf seinem Weg, er dachte nur an den Mann, der daheim aus dem Bildrahmen sah, so ernst und so fragend.
Gegen Morgen brach aus dem Nebel plötzlich etrnas Schrnarzes und rneithin Sichtbares. Der Junge erschrak, er blieb stehen. Es fröstelte ihn plötzlich, es griffen kalte, feuchte Hände an feinem Körper hoch — ein Kreuz ragte auf, es breitete feine Arme über unzählige Kreuze, die sich dahinzogen, so meit man sehen konnte. Lange stand Martin und blickte über das Feld. Nichts als Kreuze, nichts als Väter, dachte er.
Er vergaß haltzumachen, etwas von dem Brot zu nehmen, das er im Tornister trug, er dachte auch nicht daran, daß er die ganze Nacht hindurch gewandert war, daß er nun ruhen müßte. Er schritt auf die Kreuze ZU, und die Kreuze nahmen ihn auf. Er ging von Kreuz zu Kreuz. Er bückte sich jedesmal, er fuhr über das nasse Holz, aber er sah nur fremde Namen. Und er suchte doch den feinen ... ,
Er suchte lange, und dann richtete er sich auf, sah über die Kreuze hm, wischte sich mit feinen nassen Händen in den Augen. Er schluckte, wie damals, als er noch klein war.
Er würde Mutter nichts erzählen können, kein Wort davon, wie Vaters Grab aussehe, aber er würde ihr sagen können, wie d i e Gröber aussehen, und er wußte, daß hinter jedem Kreuz eine Mutter stand, schwarz verhüllt, und er sah auch die Kinder, die aufblickten aus fragenden Augen und immerzu fragen: Wo? Warum? Weshalb?
Und so wanderte er still wieder heim. Er sagte nie wieder: Tae anderen, die haben ... Er war ganz ruhig hinfort. Er hatte gesehen. Er wußte genug.
Martin stand oft davor. Früher war er vorbeigegangen, es war ihm nicht aufgefallen, daß die Mutter manchmal lange hier faß und unverwandt in das Gesicht schaute, das dieses Bild zeigte.
„Ich will zu ihm", sagte einmal Martin. Aber die Mutter schüttelte den Kops. m ... v
„Wo ist er ...?" fragte Martin und faßte nach Mutters Händen. Aber sie schüttelte sanft die Hände ab und sagte: „Ich weiß es nicht..."
Die Zeit verstrich. Martin wurde aus der Schule entlassen. Und an diesem Tage nahm die Mutier ihn mit zur Kommode. Sie schloß den oberen Kasten auf, und Martin sah, daß ihre Hände zitterten, als sie eine Schachtel hervorlangte, aus der sie eine Uhr nahm.
„Du sollst sie haben", sagte sie leise und sah weg. Er starrte die Uhr an und schluckte. Sie war aus Eisen.
Die anderen Jungen in seiner Klasse, die hatten welche aus Silber, die glänzten ... es war roie mit dem Helm. Er aber hatte eine schwarze llhr, mit zersprungenem Glas. Er sah fragend die Mutter an und sie empfing offen seinen Blick.
„Vom Vater ...", sagte sie leise, „man schickte sie heim mit dem
Totenschein
Da schwieg er und hielt die Uhr fest von seiner Hand umspannt.
Er trug die Uhr nicht wie die anderen, so, daß man sie sehen konnte, versteckte sie, aber nicht aus Scheu und weil sie schwarz war. e nun, daß eine glänzende aus Silber nichts war gegen diese.
verantwortlich vr. HansTbhriot. — Druck un dB erlag:Brühl'scheUni versitäts»Buch-undEteindruckerei. R.L an ae. Gieße«.


