Waage des Lebens.

Von Wilhelm Suetjens. Sage, was der Tag dir gab! MÄH' und Sorgen, ungebeten, Blüten, die im Wind verwehten, junges Sprießen in den Beeten gartenauf und gartenab.

Sage, was die Nacht dir schenkt! ^unkles, strömendes Vergessen, Träume, tief und uncrmessen, Leben, das ich nie besessen, das der neue Tag verdrängt.

Aber Tag und aber Nacht: Beide halten in der Waage Lebens Lust und leise Klage, alle Fülle, alle Frage, die mich reich und traurig macht.

Kapa, das Oschungeldorf.

Von Dr. Hugo Adolf Bernatzik.

In mühevoller Arbeit haben Menschenhände dem Urwald ein Stück Land abgerungen. Aus Bambus und Palmblättern erbauten sie einfache Hütten, rodeten Land und legten Reisfelder an. Kinder wuchsen auf, immer mehr Menschen siedelten sich an, und immer größer wurde das Dorf. Heute besteht Kapa aus etwa 40 Hütten, die von einem fruchtbaren Streifen Land umgeben sind. An dieses bebaute Land aber schließt ohne Uebergang der tropische Urwald an, dessen mächtige Baumriesen und üppig wuchernde Pflanzenwelt von keiner Axt je berührt, die Berge und Täler der Westküste der Halbinsel Siam bedecken. Auch innerhalb des Dorfes hat er noch manche Spuren hinterlassen. Hohe Urwaldbäume, mächtige Bambusstauden, buschige Farne und schlanke Palmen umgeben jede Hütte wie ein grüner Wald, und halten die Blicke des Nachbarn fern. Die spärlich eingezäunten Gärten grenzen aneinander an. Da wachsen Bananen, Mango, Lemonen, Ananas, Mangostin, Betel- und Kokos­palmen und viele andere Pflanzen, die köstliche Früchte und Gemüse liefern. Alles überragen die weitausladenden Kronen der Durianbäume. Ihre nach Aas riechenden, kopfgroßen Früchte enthalten wohlschmeckende Fruchtkerne, die ein Hauptnahrungsmittel der Menschen und Tiere des Dschungels bilden.

Alles wächst, gedeiht, blüht, trägt Früchte das ganze Jahr hindurch, fast ohne Pflege. Die Menschen haben hier keine Not zu leiden. Fast alle Bewohner von Kapa sind Reisbauern, und ihre Arbeit gilt den Feldern, dem Anbau des Reiskornes in Saatbeeten, dem Aussetzen der jungen Pflanzen auf die Felder, der Ernte und nicht zuletzt der Zucht der Wasserbüffel als Arbeitstiere. Während aber in den großen Reisfeldebenen i)es jahreszeitlich geregelten Monfumklimas die künstliche Bewässerung der Felder viel Arbeitskräfte fordert und das Gedeihen der Ernte von der alljährlichen Menge des aus den Flußbetten austretenden Ueberfchwem- mungswaffers abhängt, sind die Reisbauern hier inmitten der tropischen Regenwälder dieser Sorgen enthoben. Es regnet hier im Westen das ganze Jahr hindurch, und der Himmel sorgt dafür, daß der Reis ohne jedes Zutun der Menschen die zu seinem Wachstum nötigen Wassermengen erhält. Die Gegend von Kapa weist die gewaltige Niederschlagsmenge von 4 Meter im Jahr auf! Nicht selten kommt es vor, daß diese Wassermengen den Menschen zum Verhängnis werden. Wenn während der besonders starken sommerlichen Regen viele Tage und Nächte hindurch ununter­brochen schwere Wolkenbrüche über den nahen Gebirgen niedergehen, dann können die von den Bergen herabströmenden ungeheuren Fluten die ganze Ebene überschwemmen und alles niederreißen, was Menschen­hände errichtet haben. Doch die Bauern von Kapa sind schicksalsergeben, und kein drohendes Unheil kann sie daran hindern, sich ihres Lebens zu freuen, das zwar nicht reich an äußeren Glücksmöglichkeiten ist, in dem es aber keinen Daseinskampf, keinen Neid, kein Elend gibt. Die ange­borene Anspruchslosigkeit des Volkes, die hier noch nicht wie in anderen Teilen Siams, wo der von Jahr zu Jahrmoderner" werdende Staat mit immer wachsenden Forderungen, Rechten und Pflichten an das Individuum herantritt, künstlich erhöht wurde, gibt den Menschen die beste Gewähr, das Glück des bloßen Daseins zu empfinden. Auch die buddhistische Religion, deren Hauptgebot es ist, Menschen und Tieren nichts zuleide zu tun, die die Unwichtigkeit der kurzen Sebensfrift des einzelnen «hrt, der erst nach zahlrichen Wiedergeburten in das Nirwana eingeht, ibt auf die Menschen der abgelegenen Dörfer noch einen ungestörten Ein­guß aus.

Keine Streitigkeiten, keine Mißgunst störten die Harmonie des Dorfes, bas wir nach mehrtägiger Reise auf Clesantenrücken erreichten. Wir i ewohnen ein kleines, auf hohen Pfählen ruhendes Häuschen, dessen weit- rberhängendes Blätterdach über einer großen Veranda ruht. Viele kleine, linke Eidechsen und auch ein großer (Beto, dessen Anwesenheit Glück «edeutet, sind unsere Mitbewohner, und draußen im Hellen Grün zwit- Idjern bunte Sänger ihre Lieder, huschen Eichhörnchen eilig auf und ab. hinter dem alten Tamarindenbaum, der den Platz vor unserer Hütte beschattet, schlängelt sich glitzernd der Klong Pa durch sein schmales, von irünen Ufern eingeschlossenes Bett. Er entspringt irgendwo in den Sergen, die Ausläufer der Zentralkordilleren sind, plätschert durch die Stille des Urwaldes, fängt zahlreiche kleine Rinnsale auf, stüpft über Cteinblöcke und bildet bei Kapa seine letzte größere Stromschnelle. Dann tiefct er langsam, in der Ebene immer breiter werdend, durch Mangroven- Umpfe hindurch, bis er schließlich einem breiten Meeresarm gleich, etwa 40 Kilometer hinter Kapa in den Golf von Bengalen mündet.

_ Noch in Kapa machen sich die Gezeiten stark bemerkbar, und nur bei Hut ist es möglich, in einem der kleinen Flußboote die Früchte unseres artenborfes, vor allem Durian, zu verschiffen.

Klong Pa istder Fluß" des Dorfes. In seinem klaren Wasser flehen junge Mütter und baden lachend ihre Kinoecschar. Schon die nur wenige Tage alten Säuglinge werden dreimal des Tages in [eine Fluten getaucht. In langen Bambusrohren wird sein Wasser in die Hütte getragen. An seinen Ufern werden Geräte und Kleidungsstücke gewaschen, dabei gibt es Gelegenheit zum Plaudern, da schwimmen und tauchen die Knaben, da stehen die Arbeitselefanten, kleine brauneMogli" auf ihren Rücken tragend, und bespritzen sich aus vollen Rüsseln, da pilgern die Dorf­bewohner ihn ruhiger Gelassenheit hin, um vor Sonnenuntergang ihr Bad zu nehmen, solange die Krokodile noch nicht gefährlich sind. Im Bereiche des Buddhatempels sitzen kleine Mädchen im Wasser und füttern die heiligen Fische, die, stets geschont, sich zu ungeheuren Mengen ver­mehren und zu gewaltiger Größe entwickeln.

lieber den Fluß führt eine Hängebrücke an das andere Ufer. Nur von hier aus sind die fernen Berge sichtbar, kann man festftellen, ob sie frei oder von Regenwolken umhüllt sind, nur hier spürt man den kühlen Wind, der von den Höhen ins Tal weht.

Seit unserer Anwesenheit jedoch hat der Fluß etwas von seiner An­ziehungskraft verloren. Man zieht es vor, die Stunden der Mußebei den Weißen" auf der Veranda zu verbringen. Lachend kommen die Frauen die Stufen herauf und öffnen verschämt ihre Bündel, die Ge­schenke für uns enthalten, wie Eier, Ananas, Bananen und andere Früchte. Dann fetzen sie sich zu uns und plaudern mit erschreckend kreischenden Stimmen.

Junge Männer mit aufgeweckten Gesichtern kommen und berichten uns vom Kriegsschauplatz", d. h. von den Taten des Tigers, des gefürchtetsten Feindes der Dschungelbewohner. Vor acht Tagen hat ein Tiger einen weidenden Büffel zerrissen, vor kurzem ein Wildschwein. Ein anderer wieder schlug eine Kuh in unmittelbarer Nähe einer Hütte, und in der vergangenen Nacht wurde wieder eine Büffel die Beute, der die blut­dürstige Katze zwar noch abschüttelte, aber wenige Schritte vor dem Hause des Eigentümers tot zusammenbrach. Abenteuer mit dem König des Dschungels werden erzählt, Jagdpläne geschmiedet, doch weder uns noch den Eingeborenen gelingt es, einen der schlauen Räuber zu überlisten.

Wir sitzen noch beim Frühstück, da kommen schon braune, nackte Kinder daher, halten zwischen ihren Fingerchen Kröten, Eidechsen, Fledermäuse, Schnecken, Tausendfüßler, Würmer und viele andere Kleintiere, die sie mit großem Eifer für unsere zoologische Sammlung eingefangen haben. Die großen Jungens bringen Eichhörnchen und Vögel, die sie mit ihren Schleuderbogen erlegen. Erwachsene Burschen rücken mit größerer Beute an, Waranen, fliegenden Hunden oder den verschiedenartigsten Gift­schlangen. Welche Angst und Aufregung bewegt bann den Menschen­schwarm, der unsere Veranda erfüllt, wenn eine der großen Kobras ober herrlich gefärbten Tigerschlangen von ihren Fesseln befreit wirb unb trotz heftigen Wehrens in einem unserer Spiritusgefäße einem raschen Tob entgegengeht.

Auch unsere Apotheke bietet Anlaß, uns zu besuchen. Da hat sich ber kleine Tainong, ein munterer Knabe von elf Monaten, ber immer weint unb schreit, wenn feine große Schwester ihn nicht zu uns bringt, bas Aermchen gebrochen. Er ist heruntergefallen, was nicht rounbern kann, ba bie größeren Kinber mit ben Säuglingen überaus lebhaft herumturnen. Ein Bursche zeigt uns hilfeflehend seine blutüberftrömte Hand, er hat sich mit bem Dschungelmesser drei Finger abgehackt. Ein alter Mann klagt über Schulterschmerzen, eine schwer fiebernde Frau über Kälteschauer. Viele leiden an Ringwurm und anderen Hautkrankheiten, aber auch Ge­sunde verlangen eine Medizin ober auch Lebenstränke, umbei guten Kräften zu bleiben", wie sie sagen. Sie alle hocken gern ein Weilchen bei uns, wollen dies unb jenes wissen unb erzählen uns von ihrem Leben.

Währenb wir uns in irgenbeinem Winkel mit einem ber Kinber beschäftigen, gleicht unsere Veranda meistens einem Kindergarten. Da kriechen lustige, nackte Säuglinge am Boden herum, stecken alles in ben Mund und verursachen nicht selten kleine Ueberfdjmemmungen. Hier sitzen Kleinkinder beisammen und spielen mit bem von uns mitgebrachten Spielzeug. An einem Kettchen hängt ein silbernes Herz, dort wo Eva das Feigenblatt trug, und in der Mitte des glattrasierten Köpfchens steht lustig ein schwarzes Haarbüschel weg, mit einem Silberring ober einem Wollfaben zusammengebunden. Dort wieder verfolgt eine Gruppe Fünf- bis Siebenjähriger neugierig unser Tun ober es sitzt ein kleiner Einsamer in einer Ecke über ein Zeichenpapier gebeugt. Manchmal raufen bie Knaben, oft gibt es auch leibenschaftliche Raufereien, blutige Nasen unb Beulen werben helbenhaft ertragen.

Der fünfjährige So ist ber Liebling meiner Frau. Er ist nicht nur sehr intelligent unb löst den psychologischen Schulreifetest, der für europäische Kinder dieses Alters ausgearbeitet ist, mit Leichtigkeit, sondern ist auch von ganz besonderer Zutraulichkeit unb Anmut. Reizenb sinb seine zahl­reichen Spitzbübereien, wenn er z. B. bas rote Pantöffelchen seiner kleinen Schwester versteckt unb währenb diese weinend danach sucht, mit auf bem Rücken verschränkten Armen und der unschuldigsten Miene der Welt einherspaziert. Er istunser Kind", denn ben ganzen Tag weicht er nicht von unserer Seite. Der zehnjährige Tsabubn ist nicht größer als ber fünfjährige So unb nicht nur körperlich, fonbern auch geistig zurück­geblieben. Trotz seines großen Malariabäuchleins unb feines kleinen Aften- gesichts ist er lieber zutraulicher Kerl unb erzählt uns lange Geschichten, bie wir kiber nicht verstehen.

Unter ben vielen Kindern ist die 2%jäf)rige Tochter unseres Nachbarn bie einzige, bie unsere Sympathie nicht gewinnen kann. Sie folgt nie- manbem, reißt ihren Kameraben bas Spielzeug aus ber Hanb, schreit unb tobt, wenn ihr Wille nicht geschieht, läuft immer roieber heulenb zur Mutter, um sich über irgenb etwas zu beklagen. Die Mutter erfüllt ihr augenblicklich jeden Wunsch, und wenn sie gerade mit uns spricht, eilt sie mitten im Satz davon, wenn der kleine Quälgeist zu wünschen geruht, nach Hause zu gehen.

In allen anderen Kindern aber lebt derselbe friedfertige Geist, dieselbe Ehrlichkeit, die wir an den Erwachsenen zu schätzen lernten.

Drei Jungens bringen uns Tiere: die Beu^ des einen ist ieboch für uns unbrauchbar, und wir geben sie ihm zurück. Als wir auch ihm für