Ausgabe 
18.6.1937
 
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Sweifet, daß er Ferdinand zur Abdankung zwingen arls hat er wohl schon in der Tasche, und dann

die Pastrana vor langen Jahren unter dem verdacht der Hexerei der I Inquisition in die Hände gefallen war und daß ihr die Tortur die Knochen so verdreht und die Gelenke zerrissen hatte.

Man mochte gegen die Franzosen sagen was man wollte, vor In­quisition und Tortur wenigstens war man sicher, solange ste die Herren

Äeits"de" Flusses kam uns eine Geihlerprozession entgegen. Fah­nen wurden vorangetragen, dann folgten Mönche, die eineßfarui langen und dann die Geißelbrüder, die den Oberkörper entblößt hatten und die Geißeln schwangen. Immer im Takt, immer auf leben siebenten Schritt, einmal rechts über die Schulter, einmal links über die Schulter. Mit ihren Geißeln aus sieben ßeberftreifen, m die Bleiklumpen und Nägel eingeflochten waren, zerfleischten sie ihre Ruckern ?azu riefen sie:Für Christi Blut!"Für Christi Wunden!Für Christi Lanzen­stich!"Für Christi Dornenkrone!', für jedes blutige Mal der Pas­sionsgeschichte rissen sie Feßen aus der eigenen Haut.

Ich trat zur Seite und zog den Hut. Ich hatte nichts für die Mönche übrig, die faul und gefräßig in Schwärmen das Land aussogen, ich war ein Feind des Aberglaubens, der das Denken des Volkes ver­finsterte; aber ich glaubte mich nicht berechtigt, einer religiösen Hebung meine Mißbilligung zu zeigen, auch wenn ich sie für einen Unsinn ns verdroß mich, daß drüben an der Straßenecke ein Häuflein fran­zösischer Soldaten sich über die Prozession lustig machte. Sie zeigten mit den Fingern auf die Geißler, machten einander auf die Dinge aufmerksam, die sie für besonders komisch hielten, und ahmten die kläglichen Rufe der frommen Bruder nach, und dann lachten sie alle zusammen ganz unbändig. Sie, die Eindringlinge, wagten es, die Herren dieses Landes zu verhöhnen. .

Plötzlich klatschte scharf über den Köpfen der Franzosen ein Stein an die Hauswand, und Mörtelstaub rieselte aus die Uniformen. Sie hörten zu lachen auf, sahen sich um und schnatterten dann aufgeregt durcheinander. Es hatte den Anschein, als wollten sie über die Geißler herfallen, um den Schuldigen zu ergreifen.

Ich beeilte mich, weiterzukommen, ich hatte die Pasttana aus den Augen verloren, nun fah ich sie an der Tür eines Hauses lehnen und mir durch em Zeichen bedeuten, daß wir am Ziel seien. Es war em einstöckiges Haus, das sich in nichts von den anderen Hausern dieses Stadtteils unterschied. Hier standen lauter einstöckige Häuser, wohl noch aus der Zeit der Bauordnung Philipps II. Er hatte sich die Verfügung über die zweiten Stockwerke aller Madrider Häuser vorbehalten, und seine treuen Madrider Bürger hatten es daraufhin vorgezogen, sich, wenn sie bauten, mit einem Stockwerk zu begnügen.

Im Flur des Hauses wartete die Pastrana.

Sie führte mich in ein Zimmer und bat mich, ich möge mich hier ein wenig gedulden, die Herrin des Hauses werde sogleich erscheinen.

Das Aeuhere des Gebäudes war nichtssagend gewesen, Flur und Treppen waren kahl und dürftig, aber der Raum, in dem ich mich nun befand, zeigte, daß die Besitzerin einigen Kunstverstand besaß. Die Teppiche, Spiegel und Bilder bewiesen einen guten Geschmack, und besonders zog mich der Gekreuzigte über dem Betschemel an, eine rohe und barbarische, aber zu mächtigem Ausdruck des Leidens gesteigerte Arbeit eines gotischen Meisters. Nachdem ich sie eingehend betrachtet hatte, wollte ich mir die Bilder genauer ansehen.

Da bekam ich einen kleinen Schlag auf das Herz. War das nicht ... diese gerahmte Sepiazeichnung, die da hing, war das nicht eines meiner eigenen früheren Werke aus meiner römischen Zeit? Es war das Grab­mal der Caeellia Metella, gewiß, das Grabmal der Caecilia Metella, wer je in Rom gewesen war, mußte sie erkennen; aber da war zugleich noch etwas anderes, ein Geheimnis, eine verliebte Spielerei. Jetzt ent­sann ich mich: wenn man dieses Bild richtig betrachtete, mit seitlicher Neigung des Kopfes, so ergaben sich aus zusammenfließenden Linien des Grabmals, einiger Bäume und der fernen Berge die Umriffe eines Kopfes, eines Frauentopfes. Jeder Unbefangene sah nur das Grabmal der Caecilia Metella, für mich aber und die eine Frau, die darum wußte, wie diese Zeichnung entstanden war, enthielt sie auch dieses süße und bittere Geheimnis, das Geheimnis dieses Kopfes.

Schwester Blandina!

Ich hatte die Zeichnung vergessen gehabt, nun entsann ich mich, sie war entstanden am Morgen nach jenem Tag, an dem ich im Uebermut die Kuppel der Peterskirche erklettert hatte, um meinen Namen dort ein­zukratzen, wohin mir niemand nachkam.

Dort oben, auf einer Quader in der Kuppel, stand mein Name, dem Himmel naher als der irgendeines anderen Sterblichen im ewigen Rom ober sonstwo. Genau so, wie auf dem Riesenbau der Kunst mein Name ganz obenan eingegraben war, auf dem Scheitelpunkt der Kunst neben ganz wenigen größten Meistern. Diese Sepiazeichnung aber, aus deren bräunlichen nten, recht betrachtet, der Umriß eines Frauenkopfes ent- gegentra1 nein, dieses Geheimnis, das sie barg, so heiter und kühn es in seinem . ginn gewesen war, jetzt war es nur eine düstere und pein­liche (Erinnerung.

Der M-'ster bewundert sein Werk!", sagte eine Stimme hinter mir.

Die grau, die das Zimmer lautlos betreten hatte, war mir nicht un­bekannt. Ich war ihr schon öfter begegnet, in Zwischenschichten der Ge­sellschaft, zu denen die seinen Kreise gerne herabsteigen, um dort jene zu treffen, die von unten emporsteigen. Schauspieler und Schauspiele­rinnen verkehren in diesen Zwischenschichten. Spieltische stehen da, man langweilt sich weniger als anderswo. Wenn ich nicht irrte, so hieß diese Frau Isabel Calderana. Sie war nicht gerade anrüchig, aber doch etwas fragwürdig, eine der Damen, deren Gefälligkeit jeder erwartet und die ihre Gunst doch nicht öffentlich vergeben. Sie nahm auch gelegentlich an Kartenspielen teil, und es gab Leute, die behaupteten, daß sie vielleicht dem Glück ein wenig nachhelse; aber man behauptete es nicht mit einer Entschiedenheit, die ihre Stellung gefährdet hätte. In ihrer Begleitung land man oft einen etwas geckenhaften, nicht mehr ganz jungen Mann, ber dessen eigentlichen Beruf man völlig im Unklaren war. Aber nicht

er aalt als Isabels Freund, sondern, wenn man einen solchen überhaupt bezeichnen konnte, ebfr der Herzog von Alba, mein alter Feind. War es so, dann war hier Vorsicht am Platz. , .

Das war die Frau, in deren Haus ich von der Pasttana gesuhrt

worden war.

Es ist leider der einzige Goya, den ich besitze , sagte ste.

Woher haben Sie diese Zeichnung?" fragte ich.

Isabel lächelte seltsam.Sie ist em Geschenk! antwortete sie kurz.

Sie lächelte ein wenig, denn sie hatte wohl bemerkt, daß ich sie mit Maleraugen betrachtete. Warum soll ich verhehlen, daß ich von ihrer Erscheinung entzückt war? Wie sie da vor mir stand: im schwarzen Kleid mit dem roten, von Goldspitzen umrandeten Jäckchen, em Geslirr seiner Spitzen um die Handgelenke, die kleinen Füße in roten Schuhen dazu das Elfenbein ihrer Haut und der gefährliche Reiz ihres Gesichts auf dem Hintergrund des hochgezogenen schwarzen Schultertuches ich hatte sie trotz meiner Abneigung, die auf irgendeinem unerkennbaren Grund beruhte, vom Fleck weg malen mögen. nofirn

Und nun wollen Sie wohl wißen, warum man Sie hierher gebracht hat?" fragte Jfabel.

Ich meinte, es wäre an der Zeit, das endlich zu erfahren.

Nicht ich habe Sie gerufen es ist Spanien, das Sie gerufen Sofa1 al^SpcnUen hatte mich gerufen, nun, ich war neugierig, was es von mir wollte.

.Sie wißen", begann Donna Isabel,wie die Dinge stehen. Unser König ist durch den Willen des Volkes Ferdinand und nicht mehr sein Vater Karl. Das Volk vergöttert den Prinzen, aber unter uns ge­sagt er ist nicht einer der stärksten Geister. Damit will ich ihn nicht herabsetzen. Ein König muß nicht starken ©elftes fein, dazu ift er ja König, um sich den Geist von anderen zu leihen. Schlimm ist nur, daß er vertrauensselig ist und am schlimmsten daß er es Napoleon gegen­über ist. Er hat seine Sache ganz aus den Kaiser gestellt. Er starrt ihn an wie der Vogel die Schlange. Diesem General Scwary ist es gelungen, den König auf französischen Boden zu locken, nach Bayonne, um dort Napoleon zu begrüßen und seine Gunst zu gewinnen. Es war eine Falle. Das Volk hat ihn nicht abreifen laßen wollen und feinen Pferden das Sattelzeug zerschnitten, aber Ferdinand hat nun einmal (ein Vertrauen auf Napoleon gefetzt. Nun hat Napoleon auch Godoy, nachdem ihn das Volk halbtot geprügelt hat, nach Bayonne bringen laßen, und jetzt sind auch Karl und Maria ßuife bei ihm.

Gut fo war es, Donna Jfabel machte offenbar in Politik. Aber ich war weit davon entfernt, ich sah noch immer nicht ein, was das alles mich anging. _ . .

Warten Sie. Nun sind also alle zusammen in Bayonne und in Napoleons Gewalt. Er hat unfern rechtmäßigen König bloß als Prinzen von Asturien begrüßt, hat die Revolution verurteilt und ihm Undank gegen feine Eltern vorgeworfen. Wir wißen, was Napoleon plant Es ift kein Zweifel, daß er Ferdinand zur Abdankung zwingen will, den Verzicht Karls hat er wohl schon in der Tasche, und dann wird Napoleon einen seiner Brüder oder seiner Generale zum König

über Spanien machen."

Gut", sagte ich,es sieht Napoleon ähnlich. Und ich?

Sie sind dazu ausersehen, Ferdinand eine Botschaft zu über» brm,3n roeffen Namen sprechen Sie?" erkundigte ich mich.

,;3m Namen des spanischen Volkes. Mehr zu sagen, ist unnohg und gefährlich." . . , ,

Ich hätte es lieber gesehen, wenn jemand mit mir gesprochen hatte, der dazu beglaubigte Vollmacht hat."

Die Männer, die bei uns Politik machen, sind den Franzosen ver­dächtig und werden von Spionen bewacht. Sie müssen im Hintergrund

, Und dann warum soll gerade ich der Bote sein?"

Sie? Sie sind Maler, Sie kümmern sich nichts um Politik. Der König ist Napoleons Gefangener, es versteht sich, daß Napoleon keinen Boten seines Volkes vor ihn läßt. Jeder andere würde abgefaßt wer­den und nie an fein Ziel gelangen. Aber Sie, Sie sind Maler, kein Mensch wird etwas daran finden, auch nicht Napoleon, wenn Sie nach Bayonne kommen, um den geschichtlichen Augenblick dieser Zu- fammenkunst durch Ihren unsterblichen Pinsel sestzuhalten."

Es war etwas an dem, was Isabel sagte. Ja, mein Pinsel war em Freipah, ein Schlüssel zu allen Türen, er führte mich mitten durch feindliche Armeen, er ebnete mir alle Schwierigkeiten. Napoleon war eine Macht; aber auch ich war eine Macht, und Napoleon würde mich nicht anzutasten wagen. Er konnte Throne stürzen, und Europa mußte es hinnehmen, aber er durste mich nicht antasten, ohne daß Europa aufschreien würde. Plötzlich aber erwachte ein Mißtrauen in mir. Warum strich mir diese Frau den Honig ihrer Schmeichelei so dick aufs Brot? War mein Malerstolz etwa der ßeim, aus den ich gehen sollte? _

Sie sollte sich verrechnet haben.Es tut mir leid, sagte ich kopf­schüttelnd,Ihnen nicht dienen zu können, Sennora, ich bin hier durch eine große Arbeit festgehalten."

Spanien ruft Sie. Es wendet sich an Ihr Herz und Ihren Mut.

Nun wurde ich ärgerlich, für fo dumm gehalten zu werden.Ich bin ein fo guter Spanier wie irgendeiner. Aber ich will Ihnen nur sagen, daß es mir vollkommen gleichgültig ist, wer hier König ist, ob dieser Schwächling Ferdinand, den das Volk zu seinem Götzen gemacht hat, oder der dicke Dummkopf Sari. Ich bin lange genug Hofmaler gewesen, um dieser Familie auf den Grund der Seele gesehen zu haben. Der Einzige, der etwas taugt, ist ja doch Napoleon."

Donna Isabel sah mich an, mit völlig unbewegten Mienen, deren Ausdruck mir undeutbar blieb. Dann sagte sie nur kurz:Schade!" Und als wollte sie einen Rückzug decken, trat sie vor das Bild mit der An­sicht des Grabmals.Eine gute Arbeit."

(Fortsetzung folgt.)