Ausgabe 
18.6.1937
 
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SietzenerZamilienbliitter

________Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang 1937 _______Zreitag, den 18. Juni Nummer 46

GOYA

UND DAS LÖWENGESICHT

ROMAN VON KARL HANS STROBL

1. Fortsetzung.

Nun aber war es mit meiner Selbstbeherrschung zu Ende. Nun wollte ich dem Martincho meine Meinung sagen. Ich erhob mich und sagte, ob er, der stinkige Kerl von Stierschlächter, glaube, daß er seine schmutzigen Pfoten nach mir ausstrecken dürfe, weil ich mit ihm zeche. Ich fragte ihn, ob er sich jemals klar gemacht habe, wer er sei und was ich sei? Ich sei Stierkämpfer gewesen wie er, aber ich sei ein Maler geworden, wie die Welt wenige gesehen hat; er aber werde ewig Stierkämpfer bleiben, so einer, von denen zwölf ein Dutzend ausmachen. Nicht ich sei dem König nachgelaufen, sondern er mir. Und alle liefen sie mir nach, -erzöge und Minister, selbst der allmächtig gewesene Godoy, um sich von mir malen zu lassen. Aber wem ich diesen Vorzug erweisen wolle, der müsse schon eine gewichtige Empfehlung mitbringen. Und wenn Martincho überhaupt ein Bild von einem Topfdeckel unterscheiden könnte, so solle er sich einmal ansehen, wie ich den König und die königliche Familie gemalt habe. Ob ich ihnen etwa geschmeichelt habe? Ob man nicht jedem durch die Maske seines Gesichtes bis auf den Grund der Seele sehe? Ob dem König nicht die Dummheit aus den Augen schaue, und dieser alten Dirne, der Königin, nicht das Laster aus jeder Falte des Lederbeutels, den sie ihr Gesicht nenne. Menschengesichter, sagte ich, seien für mich nur Larven für Tiergesichter, hinter jedem von ihnen sehe ich das Tier, dem es eigentlich zugehört, ich sehe die Schweine und Böcke und Schafe und Esel, die sie eigentlich seien.

Hinter deinem Gesicht, Martincho!", schloß ich,hinter deinem Ge­sicht aber sehe ich das des eitlen Affen, als den dich alle sehen würden, wenn du dich nicht verkleidet hättest."

So ungefähr sprach ich zu Martincho. Er hatte mich lang genug her­ausgefordert. Nun hatte er meine Meinung zu hören bekommen, und ich denke, ich habe sie ihm gründlich gesagt.

Die anderen hatten sich geduckt und waren zurückgewichen, in einem weiten Kreis von schreckerfüllten Gesichtern standen Martincho und ich uns gegenüber. Martincho sah mit einem tückischen Blick aus blutunter­laufenen Augen um sich, es war die Miene eines wütenden Stieres, die er mir nun zeigte. Aber vielleicht hätte er im letzten Augenblick noch eingelenkt, wenn nicht jemand jetzt plötzlich hell aufgelacht hätte.

Es war die Celeftina, die da lachte.

Da sah ich auch schon das Messer in Martinchos Hand, er riß das Halstuch herab, wand es um die linke Faust und kauerte sich mit einem liefen Knurren zum Sprung zusammen.

Auch ich zog das Messer aus der Innentasche meines Frackes und schleuderte ihn von mir. In meinen Träumen sah ich manchmal die Zwei in Zaragossa und den Mann in Madrid, die mit meinem Messer Be­kanntschaft gemacht hatten, als es mir noch sehr locker saß. Es waren keine guten Träume. Der Mann in Madrid war gegen eine Haustreppe gefallen, er lag mit dem Gesicht auf den Stufen, er wand sich hin und her, und unter feinem Körper, aus der Wunde, die man nicht sah, kam ein dünnes Rinnsal von Blut hervor und floß dem Rinnstein zu. Ich bin seither nie mehr durch diese Gasse gegangen.

Nun hatte ich wieder ein Messer in der Hand, und mir gegenüber duckte sich einer zum Sprung. Was sollte ich, Gott helfe mir, anderes tun, als ihn den anderen nachfchicken?

Zwanzig Büros auf Francesco!" schrie der Cachetero Narvaez.

Halt", rief da der Doktor Siebold, der plötzlich auf dem Tisch stand,schaut einmal alle hierher!" Alle Köpfe wandten sich ihm zu Und wenn es den andern erging wie mir, so geschah ihnen folgendes Zuerst sahen sie die dunkeln Augen des Doktors immer tiefer und größer werden, sie wurden zwei Löcher, durch die man in unergründliche Tiefen zu blicken meinte, bann flössen die zwei Löcher in eines zusammen, wurden zu einem saugenden schwarzen Schlund, der alles in fid> zog.

Was ist denn das?" fragte der Doktor langsam und wie aus weiter Ferne,wo sind denn eure Köpfe?"

Wahrhaftig, alle Menschen in Tiburcios Posada hatten mit einemmal feine Köpfe mehr. Jedermann hörte einfach oberhalb der Schultern mit einem Stückchen Hals auf, obzwar sich sonst nichts verändert hatte und die Körperhaltung dieselbe war, als trüge jeder noch feinen Kopf Wie es sich mit mir verhielt, ob ich auch keinen Kopf hatte und auf welche Weise ich dann sah, daß die andern keinen hatten das weiß ich nicht LU sagen.

Das dauerte eine gute Weile, vielleicht ein halbes Vaterunser lang, dann sagte der Doktor Siebold:Merkwürdig, jetzt habt ihr eure Köpfe wieder!" - '

Und wirklich, da hatte jeder feinen Kopf wieder, und alles war wieder in Ordnung wie bei jedem Christenmenschen. Alle sahen einander an und lachten verlegen, daß sie sich so hatten anführen lassen.

Der Cachetero Narvaez wischte sich mit einem Zipse! seines Hals- tuches den Schweiß ab, der ihm während der Zeit der Unsichtbarkeit seines Kopfes auf die Stirn getreten war.Bei Christi Blut Doktor!" grinste er,das war ein starkes Stück. Die Indios, bei denen Ihr das gelernt habt, müssen verdammte Zauberer gewesen sein!"

Ich verstand, welchen Zweck der Doktor mit seinem Blendwerk ver­folgt hatte. Seine Freundschaft zu mir hatte es ihm eingegeben. Nein, nachdem man ein halbes Vaterunser lang ohne Kopf dagestanden hatte, konnte man die unterbrochene Messerstecherei nicht gut wieder auf­nehmen. Der Schrecken hatte in die Seelen eine Oeffnung gerissen, durch die der Zorn abgeflossen war. Es wäre lächerlich gewesen, jetzt noch einmal anzufangen. Martincho schaute verwirrt um sich, er war zur Besinnung gekommen. Warum hielt er eigentlich das Messer noch in der Hand? Fort damit!

Ja, wir haben schon recht gesehen", sagte der Espada Vidriera, wir hatten den Kopf verloren. Es ist nur gut, wenn man ihn so rasch wiederkriegt.

Ich warf das Messer in die Lust, fing es im Fallen beim Griff und damit hatte auch ich bekundet, daß ich auf den Kampf verzichte.

Dann zog ich meinen Frack wieder an, versorgte das Messer in seiner Innentasche und wandte mich zum Gehen.

Sie riefen meinen Namen hinter mir her.Francesco, das Ferkel!"

Aber ich ließ mich nicht halten und schritt die Gasse hinab, an deren Ende man ein Stück des Manzanares sah, der auf seinen Wellen die Bilder rosiger Abendwolken mit sich trug.

Ms ich eben in den Uferweg einbiegen wollte, hörte ich eine heisere Stimme hinter mir:Exzellenza! Exzellenza!"

Gs war die Pastrana, die alte Bettlerin, die da hinter mir drein­kam. Jämmerlich anzusehen, wie ihr Körper bei jedem Schritt in den Hüften stieß und wie sie mit dem Stock arbeitete, um sich vorwärts zu bringen, während sie die andere dürre, verkrümmte Hand gegen die Häuserwände stemmte. Mitleid bewog mich, stehen zu bleiben und die Alte zu erwarten.

Was willst du?" fragte ich.

Exzellenza", keuchte sie und hob ihre Triefaugen von unten zu meinem Gesicht,Exzellenza, ich habe eine Bitte an Sie, einen Auf­trag ..."

Was gibt's?"

Es ist die Bitte einer schönen Frau ... eine" inständige Bitte, Meister."

Ach was! Kuppelst du auch, Pastrana? Es muß schon eine sehr schöne Frau sein, die dich schickt, wenn es wahr ist, daß die Frau um so schöner ist, je häßlicher die Kupplerin aussieht."

Es ist eine schöne Frau, Exzellenza! Aber es ist nichts dergleichen ... sie will Sie sprechen und läßt Ihnen sagen, es solle sich nicht um Liebe handeln."

Um was dann?"

Ich weiß es nicht. Aber es soll etwas sehr Ernstes und Wichtiges sein, soll ich sagen. Und Sie würden es bedauern, wenn Sie nicht kämen, Exzellenza, soll ich sagen. Und ich bin nun schon feit Tagen hinter Ihnen her."

Ich hatte tausend Frauenabenteuer genossen, und es wäre an einem tausendundersten nichts gelegen gewesen, obzwar sie alle so ziemlich gleich verliefen. Aber gerade jetzt verlangte es mich nicht nach einem neuen, damit hatte ich abgeschlossen, mein Herz war ruhig und fest und aller Unrast des Suchens enthoben. Ich wollte die alte Hexe schon abschütteln, aber da war auf einmal das sonderbare Gefühl, ich dürfe nicht nein sagen; es war eine plötzliche Angst, die sich nicht abweisen ließ. Nichts von der früheren leichtfertigen Besorgnis des Lieblings der Frauen, der ich gewesen bin, es könnte mir etwas besonderes ent­gehen, sondern eher die Ueberzeugung, etwas dunkel Drohendes ab­wehren zu müssen.

Aus den Triefaugen der Alten funkelte mir ein böser Strahl ins Gesicht.Sie würden es bedauern, wenn Sie nicht kämen soll ich Ihnen sagen", wiederholte die Pastrana.

Gut, ich komme!" entschied ich nach kurzem Besinnen.

Es ist gut! Folgen Sie mir!" sagte die Alte und torkelte mir voran, und ich schritt in einiger Entfernung hinter ihr, gebannt durch den schrecklichen Anblick dieses zerbrochenen Körpers, der sich unter Qualen zu weiden und zu hüpfen schien, um mühsam weiterzukommen. Plötzlich entsann ich mich, von irgendjemandem gehört zu haben, daß