Ausgabe 
18.1.1937
 
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sammelt, ist da» Interesse des anderen auf Romantiker, Geschichtswerke ober Märchenbücher gerichtet. Alle erdenklichen Spezialgebiete werden teils aus persönlichen, teils aus wissenschaftlichem Interesse ju jammengetragen. Nehmen wir an, eine Sammlung, dieSonnenuhr-" oderBrillen- literatur" umsaht, wird aufgelöst, so ist die Möglichkeit der Veräußerung unter Umständen sehr beschränkt. Es kann der Fall eintreten, daß der Sammler seine vielleicht einmalige und kulturell hochwertige Sammlung weit unter dem Erstehungspreis abgeben muß. m ...

Aus allem ist zu ersehen, daß selbst der innere Wert des Buches für den zu erzielenden Preis keineswegs allein ausschlaggebend ist. Die Frage, welcher Preis nur für gute oder seltene Bucher überhaupt erreicht wird ober werben kann, ist bei ber unenblichen Vielseitigkeit des Marktes im einzelnen nicht zu beantworten. Dennoch sollen einigeSpitzenbeispiele aufgeführt werden. So wurde z. B. die 42zeilige G u t e n b e r g - B l b e l, das erste Dokument der Buchdruckerkunst und wohl bas herrlichste Buch überhaupt (gedruckt etwa 1450), bereits mit rund einer Million Mark bezahlt! hierbei ist zu erwähnen, daß die Gutenberg-Bibel auchschon" für 200 000 bis 250 000 Mark ihren Besitzer gewechselt hat. Ein ebenfalls sehr wertvolles Werk, das man heute vielleicht mit etwa einer Viertel- million Mark veranschlagen kann, ist das Psalterium von 1457, bas erste datierte Buch, bas Druckort, Jahr unb Namen enthalt. (Das zwei Jahre später erschienene Psalterium von 1459 befinbet sich im Besitz ber Preußischen Staatsbibliothek.) Der Einblattdruck der Thesen von Martin Luther wurde vor Jahresfrist in London für etwa 4000 Mark versteigert. Flugschriften, in denen über die Entdeckung Amerikas berichtet wird (log. C o l u m b u s - B r i e f e), und die um 1493 erscheinen sind, wurden vor dem Kriege bis zu 20 000 Mark bewertet, heute dürste ihr Preis fe nach Seltenheit bis auf die Hälfte ge­sunken sein. , . ,

Diese wenigen Beispiele im Zusammenhang mit den zuvor gegebenen Ausführungen lassen erkennen, daß die Beurteilung des Buchwertes nur einem mit der Sache vollkommen vertrauten Antiquar ober Sachverstän­digen möglich ist.

Scott am Südpol.

Die Forscherlragödie vor 25 Zähren.

Van Knud Rasmussen.

Am 18. Januar 1912 erreichte Robert Falcon Scott den Südpol, hier fand er einen Bries Roald Amundsens an den norwegischen König vor. Nachdem ber Sübpol jahrhunberte- lang sein eisgepanzertes Geheimnis bewahrt hatte, war Roalb Amunbsen betn englischen Sübpolforscher um einen einzigen Monat zuvorgekommen. Von der Tragödie des Zuspätgekom­menen, von seinem Untergang auf der Rückreise, gibt Knud Rasmussen in seinem bei F. A. Brockhaus in Leipzig er­schienenenheldenbuch ber Arktis" eine ergreifende Schilderung.

Am 11. November 1911 brach Scott zum Südpol auf. Er nahm Ponys und Hunde mit, wollte sie aber nur so lange bei sich behalten, als es ohne Tierquälerei möglich war. Am 15. November war er beimTonnendepot", 200 Kilometer von Kap Evans, und wanderte zum Beardrnoregletfcher weiter. Dort ließ er die Ponys erschießen, um frisches Fleisch zu haben, und schickte die Hunde zum Schiff zurück. Beim Anstieg zum Gletscher kam er in einen gewaltigen Schneesturm, ber vom 5. bis zum 9. Dezember anhielt. Nachher lag hoher Schnee, ber das Vorwärtskommen außer­ordentlich erschwerte. Der Poltrupp bestand aus Scott, Wilson, Kapitän Oats und dem Matrosen Evans, ferner aus zwei hilssschlitten mit je vier Mann. Der Anstieg über den Gletscher ohne Zugtiere war überaus müh­selig, ber 2400 Meter hohe Gipsel erst nach zwölf Tagen bezwungen. Dort legte Scott seinen zweiten großen Vorratsplatz an, schickte den einen Hilfstrupp zurück und setzte seinen Weg mit zwei Schlitten bis nahezu an ben 87. Breitengrad fort. Dort errichtete er ein Lager mit Lebensmitteln, auf eine Woche für beide Trupps berechnet. Am 2. Januar 1912 war die höhe van 3200 Meter und die Breite von 87 Grad 32' erreicht, hier kehrte ber letzte hilssschlitten um. Leutnant Bowers schloß sich bem Trupp Scotts an, so baß sich nunmehr fünf Mann in die Last bes schweren Schlittens teilen konnten. Der Sübpol war noch 225 Kilometer entfernt. Die Lebensmittel auf dem Schlitten reichten für vier Wochen, für die Heimreise standen weitere Vorräte in ben drei Zwischenlagern bereit. Am 4 Januar hatte der Trupp die höhe von 3425 Meter erstiegen. Die fünf Mann haben größte Mühe, ihren Schlitten durch ben tiefen Schnee zu bringen. Am 7. Januar ist die höhe von 3525 Meter erreicht. Von hier aus fällt bas Land sanft ab. Am 16. Januar nachmittags, bei 89 Grab 42", entdeckt Scott weit voraus einen dunklen Gegenstand. Es ist eine Flagge, die von einem Schlittenhorn weht. Das muhte ein verlassener Lagerplatz fein. Ringsherum waren Spuren von Hunden und Skiern zu erkennen. Die Norweger waren Scott zuvorgekommen. Die Enttäuschung drückte ihn schwer nieder, nicht nur an diesem Tage, sondern auf ber ganzen Rückreise. Das Wetter war brohenb, ber Winb fegte über das Eis, unb es würbe bitter kalt. Scott schreibt:Dies ist eine Stätte des Grauens. Das Schlimmste ist, daß wir uns bisher gequält haben und nun um ben Preis betrogen sind, die Ersten zu sein." Er richtete am Sübpol eine Warle auf unb hißte die englische Flagge. Scotts guter Freund und eifriger Gönner Elemens Markham schildert den Verlauf mit folgenden Worten:

Der Rückmarsch begann am 19. Januar. Eine harte Zeit lag vor Scott und seinen Begleitern. Oats litt mehr als die anderen unter der Kälte ^oans erschien wie ausgewechselt, seitdem ber Sübpol hinter ihnen lag. Es m-r ein gefährliches Zeichen, baß die beiden so leicht froren. Am 31. Jo"'mr kamen sie zum Threedegreedepat. Der 9. Januar war ein stolzer T-m. Der Wea ging auf eine Moräne zu Füßen des Mount Buckley zu. Scott beschloß, hier einen Tag mit geologischen Untersuchungen zu

verbringen. Wilson fand Pstanzenverstelnerungen und ein Stück Kohle mit bem zarten Abdruck von Blättern. Er lud 16 Kilogramm Verfeine­rungen, deren hoher Wert sich erst später herausstellte, auf den Schlitten. Dann ging es weiter heimwärts. Am 16. Februar brach der arme Evans seelisch und körperlich zusammen. Das gab viel Verspätung. Die Kameraden fühlten, daß sie in einer verzweifelten Lage waren, wenn sie nun noch einen Kranken so weil mitschleppen mußten. Die Kette der Lebensmittel­lager war nicht für so erhebliche Verzögerungen berechnet, die Abstande waren nicht kurz genug. Evans starb am 17. Februar in feinem Zelt, unb gerade er hatte als der Zäheste von allen gegolten. Am 18. Februar kam Scott mit den übrigen zur Niederlage am Fuß des Beardmoregletschers unb konnte nun bie Fahrt über die Eismauer antreten. Von nun an aßen sie Pferbefleisch. Die Ueberlebenben machten furchtbare Leiben durch, weil die Kälte in einer für diese Jahreszeit ganz ungewöhnlichen Art zunahm. Die schlechte Fahrbahn verursachte weitere Verspätung. Erst am 2. Marz tarnen sie zum VorratsplatzEismauermitte", hier stellte sich heraus, daß ber Petroleumkanifter leck war. Der Brennstoff reichte kaum bis zur nächsten Nieberlage. Dabei hatten sie 40 Grab Kälte. Oats rückte damit heraus, baß es um feine Füße schlecht ftanb, er litt an schweren Frost- wunden. Alles ging verkehrt. Die Gefahr wuchs ständig. Der Weg wurde immer schlechter, bie Verspätung täglich größer.Wenn wir miteinander sprechen", so schreibt Scott,stellen wir uns hoffnungsvoll. Was jeder von uns denkt, kann ich nur erraten." Oats war vom 6. März ab außer­stande, am Schlitten mitzuziehen. Er litt unsägliche Schmerzen. Es wurde zusehends schlimmer mit ihm, doch hielt er sich tapfer und klagte ie. Am 17. März machte er Schluß. Während eines Sturmes sagte er:Ich gehe weg, vielleicht bleibe ich einige Zeit draußen." Er wußte, daß die andern ihn nicht freiwillig verlassen würden, daß er aber bie Gefahr für sie alle erhöhte.Er hat gehandelt wie ein tapferer Mensch unb englischer Ebelmann. Wir alle hoffen, bem Tobe so entgegenzugehen wie er. Es ist nicht mehr lange bis dahin." Die Zuversicht auf eine glückliche Heimkehr schwand mehr unb mehr. Am Sonntag, bem 21. März, waren sie nur noch 18 Kilometer vom Tonnenbepot entfernt, aber sie tarnen mit jebem Kilometer langsamer vorwärts. Trotzbem schleppten sie immer noch als wahre Entdecker und Helden ihre 16 Kilogramm Versteinerungen mit. Scott war jetzt in ebenso schlechter Verfassung wie ehedem Oats. Man richtet ein Zeit auf. Wilson und Bowers wollten zum Vorratsplatz vor- ausgehen und Petroleum holen. Ein furchtbarer Sturm vereitelte ihr Vorhaben. Der Sturm dauerte mehrere Tage an. Das war das Ende. Scott schrieb Briefe an Freunde und Verwandte, bis ihm der Tod den Stift aus der Hand nahm. Jeder Satz, den er schrieb, war Trost und Beruhigung für bie Hinterbliebenen. An seine Lanbsleute richtete er einen ergreifenden Aufruf. Er starb, wie er gelebt hatte, einer der edelsten Charaktere unserer Zeit.

hier ein Auszug aus Scotts Aufruf an das englische Volk:

Die Ursache unseres Unglücks liegt nicht in Fehlern des Planes ober Mängeln ber Ausrüstung, fonbern barin, baß uns überall, wo auch nur bie kleinste Gefahr beftanb. bas Unheil hartnäckig verfolgt hat.

1. Der Verlust vieler Ponys im März 1911 verzögerte unteren Ausbruch und zwang uns, so wenig Lebensrnittel wie möglich nach Süden voraus- zubringen.

2. Das Wetter war auf dem ganzen Wege zum Pol gegen uns, namentlich der anhaltende Sturm beim 83. Breitengrad brachte erhebliche Verspätung.

3. Der weiche Schnee auf bem unteren Teil des Gletschers ließ uns nicht die berechnete Geschwindigkeit erreichen.

Mir kämpften guten Mutes gegen die Ungunst der Verhältnisse und setzten uns durch, aber unsere Lebensmittelvorräte wurden zu stark in Anspruch nenommen. Nur 18 Kilometer trennen uns noch vomTonnen­bepot". Wir haben noch Brennstoff für eine Mahlzeit und Lebensmittel für zwei Tage. Seit vier Tagen heult hraußen ber Sturm. Wir find onßer- ftanbe. bas Zelt zu verlassen. Ich bin so ersckiönst. daß ich nur mit Müde schreiben kann. Dennoch bereue ich diele Gefahr nicht. Sie wird ein unvergänglicher Beweis dafür sein, daß wir Engländer jeder Unbill gewachsen sind, einander helfen und gleich unfern Vorfahren bem Tod ins Auge zu sehen wissen. Wir kannten bie Gefahr, haben sie aus uns genommen, unb die Umstände haben gegen uns entschieden. Darüber wollen wir uns nicht beHaaen. Wir beugen uns der Vorsehung und sind entschlossen, bis zum letzten Atemzuge das Unsere zu tun. Wir waren bereit, das Leben für bie Sache eincusetzen unferm Lande zur Ehre. So richte ich jetzt an unsere Landsleute hie Bitte: Laßt die Menschen, die in uns ihre Versorger verlieren, keine Not leiden.

Wäre es uns vergönnt, länaer zu (eben, so hätte ich eine lange Ge­schichte von der Ausdauer, der Kühnheit unb bem Mut meiner Kom»raben zu erzählen, eine Geschichte, die jedes Engländers Herz Höher frhfaaen ließe. Jetzt müssen meine zufälligen Aufzeichnunaen und unsere Leichen davon berichten, was wir erlebt Haben. Aber wahrhaftig ein grobes unb reiches Volk, wie das unsere, wird die nicht der Entbehrung preis­geben, die in uns ihre Ernährer verlieren.

R. Scot t."

Ans dem Briefe an seine Familie:

Gott hat mich zu sich gerufen. Ich fühle wohl, daß mein Tob ein furchtbarer Schlag für Dich fein wirb, bie Du schon so viele Soraen um mich getraaen hast. Laß es Dir aber ein Trost sein, baß ich im Frieben mit der Welt und mit mir selbst sterbe unb vor bem Letzten nicht bange bin "

Acht Monate später würben Scott und seine Begleiter von einem Nachforschungstrupv gefunden. Wilson und Bowers lagen in ihren Schlaf­sacken. Sie hatten die Klappen über den Kopf gezogen, genau so, als wären sie schlafend aestorben. Scott hat die beiden andern überlebt. Das Oberteil seines Schlassackes war zurückaeschlagen. Die kleine Tasche mit den Notiz­büchern hat*e er unter seine Schulter gelegt, den einen Arm um Wilsons Leiche geschlungen.

ran«w örtlich- Dr jfanS Thyriot. Druck und Verlag: Drühl'sche Universität S-Vuch- und Steindruckerei. R. Lange. Gieße«.