Ausgabe 
18.1.1937
 
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Aber glücklicherweise dauerte dieser Zustand bei Asra nicht lange. Ek war ja so klug. Sie gewöhnte sich sehr rasch in das sie umbrausende Stadt­leben. Nun geht sie mit einem eleganten grünen Lederhalsband unangeleint aus dem Kursürstendamm spazieren. Sie suhlt sich geliebt und scheint restlos glücklich zu sein. Nur wenn sie schläft, ist es manchmal, als träume sie noch von den weiten Havelwiesen, über die wir gemeinsam im Mondschein wanderten. Sie knurrt im Traum, und ihre Beine bewegen sich, als wolle sie hinter einem Hasen herjagen, wie ein Pfeil davon schnellend in der lange zurückgedämmten Kraft ihres nervigen Körpers.

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Zur Bewertung von alten und seltenen Büchern.

Von Hans Borstorfs.

Die Frage, wie ein altes Buch bewertet ist, welchen Preis man dasür anlegen oder sordern muh, ist für den Laien, für die breite Masse im allgemeinen einBuch mit sieben Siegeln". Dennoch ist es für weite Kreise von großer Bedeutung, etwas um die Bewertung alter Buchschätze und Seltenheiten zu wissen. Diele haben in ihren Bibliotheken, die aus Erb- schasten, Nachlässen usw. überkommen sind, Werke, deren Wert sie über­haupt nicht kennen oder aber was wohl ebenso häufig vorkommt deren Wert sie überschätzen! So wie der Laie nicht in der Lage ist, die seinen Unterschiede zwischen den verschiedenen Edelsteinen, Perlen usw. preis- und wertmäßig zu beurteilen, ebenso befindet er sich dem Wert alter Bücher gegenüber im Ungewissen.

Ist z. B. von einem Buch nur ein Exemplar bekannt oder von einer Handschrist nur ein Kodex auf uns überkommen, so glaubt man allgemein, daß das einmalige Vorkommen unbedingt einen besonders hohen Preis rechtfertige bzw. daß es überhaupt unmöglich fei, eine entsprechend icfiere Bewertung vorzunehmen. Diese Ansicht unterliegt einem Irrtum- Nicht die Seltenheit an sich ist es, die den Wert eines Werkes bestimmt, sondern im wesentlichen wird er aus der Nachfrage, aus dem Interesse, das einem Buch gegenüber besteht, geregelt. Weitere preis- bestimmenden Momente ergeben sich aus der fast stets vorhandenen V er» gleichsmöglichkeit mit ebenso gearteten anderen Seltenheiten. Es gibt saft immer einen Vergleichsmahstab.

So zeigten die Preise vor dem Kriege im Durchschnitt ein ziemlich fest­stehendes Bild, und es war auch dem Nichtkenner leicht, sich bei den ährenden Antiquaren über den Wert seltener Bücher oder Handschriften ziemlich genau zu unterrichten. Allerdings mit einer gewissen Einschrän­kung, die eben auf dem alten Grundsatz von der Preisbestimmung durch Angebot und Nachfrage fußte. Das Verständnis für bie Preis- und Marktentwicklung erhellt am besten aus der Geschichte der Bibliophilie. Etwa um das Jahr 1900 begann In Deutschland eine W i e d e r geb urt des Büchersammelns. Wesentlichen Anteil an diesem Wieder­erwachen, mit dem auch die Herstellung des schönen Buches Hand m Hand ging, nahm der Begründer und Vorsitzende der großen Weimarer Gesell­schaft für Bücherfreunde, Feodor von Zobeltitz, der 1897 die Zeit­schrift der Bücherfreunde begründete. Hiermit war em Mittelpunkt für alle geschaffen, die Bücher, Handschriften, schöne Einbände usw. sammelten. Cs folgte die Zeit der Privatpressen, der großen buchtechnisch vorbildlichen Verlage und hiermit verbunden eine Neubelebung des Versteigerungs- roe<5ammlungen, die lange geschlummert hatten, kamen ans Licht. Die Besitzer solcher Bibliotheken nahmen die Gunst der sich bietenden Gelegen­heit wahr, und es entstand ein neues Geschlecht ernsthafter, bedeutender Sammler und auch Antiquare. Cs war nur natürlich, daß sich die deutsche Sammlerwelt dem Sammeln der deutschen Literatur zuwandte. Die Preise stiegen infolgedessen auf verschiedenen Gebieten beträchtlich an

Dann kam die Zeit des Krieges, in der naturgemäß die Anteilnahme erlahmte und die Preise wieder entsprechend fielen. Etwa Anfang 1919 letzte eine neue Bewegung ein, die bald zu einem allgemeinen Mangel an bibliophilen Sammelwerken führte. Besonders die vom großen Publikum begehrten Muster- und V o r z u g s d r u ck e wurden «m Markt selten weil ihre Herstellung unter den Zeitverhältnissen und dem Mangel an Material gelitten hatte. Die Preise stiegen in den Nachkrtegsiahren nicht zuletzt auch infolge der Inflation ins Ungemeffene^ Auf den Versteigerungen wurden geradezu phantastische Preise erzielt. Parallel zu dieser plötzlichenSammlerkonjunktur" stieg auch die Zahl der Antiquare.

Mit den ständig wechselnden wirtschaftlichen Verhältnissen ging nun bie Festigkeit der Buchpreise aus ber Vorkriegszeit verloren. Hanbler, denen die Erfahrung fehlte, sahen häufig genug ebenso wie die neueren Sammler in jedem älteren Buch eine Kostbarkeit. Bei Musterdrucken der neueren Zeit sagten sich viele, wenn ein Buch nur in 200 Exemplaren gedruckt wird, bann muß es unbebingt eine Seltenheit sein. Sie dachten nicht daran, daß die Spekulation dazu übergegangen war Werke mit kleinen Auslagen herauszubringen, um hierdurch künstlichSeltenheiten 3U schaffen Als Folge der Ueberproduktion, verbunden mit den Schwierigkeiten der Jahre 1929/30 usw., ergab sich ein starkes Schwanken in der Bewertung der Bücher. So wie sich die Preise vor 1929 weit über dem wirklichen Wert der Bücher bewegten, so fielen sie nachher unter den tatsächlichen Wert. Muster- und Pressedrucke, bie_ in kostbaren Embanben mehrere hunbert Mark gebracht hatten, sanken häufig auf einen Bruchteil ihres einstigen Preises. .. ,

Da ber Markt, wie hier gekennzeichnet würbe, erheblichen Schwankungen unterliegt, ist es schon für ben anerkannten Sach- pcrftänbigen nicht immer leicht, ben augenblicklichen Verkaufswert eines Buches ober einer Hanbfchrift ohne weiteres festzustellen, denn ausschlag­gebend ist für die Preisgestaltung im freihändigen Buchverkauf die Absatzmöglichkeit. Die Sammlungen großer Bücherfreunde sind keine wahllos zusammengetragenen General-Sammlungen, Ladern be­schränken sich in den meisten Fällen (foroett cs sich nicht um staatliche Bibliotheken usw. handelt) auf bestimmte, abgegrenzte Spezmlgebiete Während ber eine Klassiker ober auch nur einen bestimmten Klassike

Dorfstraße war mehr seines Lebens sicher. Es kamen Klagen und Erfatz- forberungen ohne Enbe. Als ich in ben Umkreis dieses Hundelebens trat, faß Afra bereits seit Monaten angeleint an einen Baum im Garten, ber Freiheit beraubt.

Die Liste bes von ihr gemorbeten Feberviehs war erschütternb, sie enbete mit bem Zuchtputer, ber für ewig zu kollern aufgehört hatte. Afra, von dem abwechslungsreichen unb geschäftigen Lanbleben ausgeschaltet, führte nun ein höchst trauriges Dasein, bas sich auch in ihren Gestchtszugen aus­prägte. Niemanb hatte Zeit für sie. Ihr Futternapf ftanb lieblos in ber prallen Sonne, bas Fressen trocknete ein ober verwandelte sich, da es diesen Sommer meistens regnete, in eine Wassersuppe. Die Hühner aber gingen unbekümmert in nächster Nähe spazieren. Afra lachte nicht mehr. Sie war verärgert und unliebenswürdig geworden. Das Tier tat mir leid. Unb da Mitleid immer ber erste Schritt zur Liebe ist, suchte ich mich mit Afra angufreunben, ihr Leben aufzuheitern. Ich erlangte bie Erlaubnis, das Tier auf meinen Spaziergängen mitzunehmen, auf meine Beteuerung bin, es keinesfalls loszulassen. Das zweite Mal erfaßte Afra jedoch einen Augenblick, in dem ich, mit meinem Schuhband beschäftigt, die Seine locker ließ Sie war in einer Sekunde auf und davon. Nie hab ich einen Hund so davonjagen sehen wie ein Pfeil schnellte sie fort, gewaltig war der Schwung, den ihr die solange zurückgedämmte Kraft verlieh. Sie stob kläffend hinter einem Kaninchen her, wie in einem Urwald verschwand ihr kleiner schwarzer Körper im hohen Gras. Rufen? Pfeifen. Verlorene Liebesmüh! Beschämt kehrte ich allein nach Hause zurück. Afra erschien spät abends aufgeregt und erhitzt und stürzte sich auf den Wassernapf. Wieder feftgelegt, heulte sie laut. Aber sie war ein kluges Tier und Er­klärungen zugänglich. Auf mein Trostwort hin: wenn sie ganz ruhig wäre, würde ich sie am nächsten Tage wieder mitnehmen, hörte sie auf zu heulen. Und allmählich bildete sich Afra zu einem ganz gesitteten Mitspazierganger aus Sie versuchte nicht mehr, an ber Seine zerrenb unb wütend klaffend jedem Radfahrer an die Beine zu fahren. Sie nahm es nicht mehr m wilder Kampfeslust mit den auf der Chaussee vorbeirasenden Autos auf. Sie ging wie ein vernünftiger Hund neben mir, unb wir begannen beide unsere eigenen Spaziergänge über Sanb zu genießen.

Es war Herbst. Wir gingen täglich in ber frühen Dämmerung weit hinaus, ber Havel zu, den golbnen Sonnenuntergang hinter uns lassend, in ben Abend hinein, über Wiesen, aus denen der Nebel stieg. Der Mond ftanb über ben Pappeln, bie ben Damm flankierten. Das Land lag wie im Traum, und es war fo friedlich, als könnte auf dieser Welt nie etwas Böses geschehen. Das Wild äugte zu uns herüber und sprang nur bet unserer Annäherung, mehr vorsichtig als furchtsam in ein paar Sätzen davon. Afra, bereits vorher bedroht, verhielt sich still. Sie war auch viel zu sehr mit den unzähligen kleinen Fröschen beschäftigt, die von unseren Schritten aufgescheucht wurden. Wenn ich es zugelassen hatte, wurde sie gewiß an einem Abend hundert totgebissen haben.

Wir tarnen an einem großen, bereits abgeernteten Kartosselacker vorbei, dessen Kraut als wertvoller Humus liegcngeblieben war. Dieses Kartoffelfeld bildete einen Tummelplatz der Fauna. Rehe asten barm, und unter dichtem Blattwerk verborgen rascheste und knisterte es geheimnisvoll. Feldmäuse füllten offenbar ihre Vorratskammern, Igel strebten eilig dorthin in Erwartung eines köstlichen Bissens. Hasen und Kaninchen ver­bargen sich geduckt im hohen Kraut, sobald wir in die Nähe kamen Jedes­mal geriet Sann Asra in zitternde Aufregung.Weh mir, daß ich dort im Kartoffelfeld nicht jagen kann", klagte sie auf, und oft ging sie, um bester sehen zu können, was dort im dürren Kraut raschelte, in ihrem bebenden Interesse ausrecht auf den Hinterbeinen neben mir. Die großen Schleiereulen jedoch, die mit weichem Flügelschlag aus einem Gebüsch an ber Havel tarnen unb sich wie Vögel bes Unheils bicht vor uns herflatternd auf dem Weg niederließen, erschreckten Asra. Sie fuhr vor diesen ge- spensterhasten Kreaturen zurück und knurrte leise. Auch die Schleiereulen strebten in der Dunkelheit zu jenem Kartosselacker und schwebten, nach Beute suchend. Darüber. Wir aber ließen diese Stätte des Existenzkampfes und der Nahrungssuche unb kehrten im schimmernden Mondlicht nach Haufe zurück.

Ich hatte bie Ausgabe, nun ba es nachts im Freien zu kalt wurde, Afta sogleich in einen Kellerraum einzusperren. Anfangs ging sie willig mit. Eines Tages aber weigerte sie sich, in ben buntlen Raum auf ihre Streu zu gehen. Sie stemmte sich gegen bie Wand unb war nicht von Der Stelle zu bekommen. Sie brannte mir durch, ich holte sie wieder, aber ich mußte den Kampf mit ihrer Entschlossenheit aufgeben. Es traf mich.em Blick aus ihren Augen, der mich überraschte, unb ber .etwas Menschliches unb Sprechendes hatte: Verzweiflung unb Bitte zugleich.Du kannst bei mir in meinem Zimmer bleiben, wenn bu artig bist .antwortete, unb mir gingen beibe herauf. Afra war artig, benahm sich tadellos unb blieb nun mein ftänbiger Gefährte.

Aber wie sollte bas werben, wenn ich roieber in die Stabt zurück mußte? Ich konnte sie nicht behalten, unb auf bem Lande war sie wegen ihrer Jagdpassion unmöglich. Ich gab mir alle erdenkliche Muhe^ Afra in der Stadt unterzubringen. Es gelang: eine Berliner Künstlerin wollte den Hund haben, unb zwar gerabe. weil Afra so klein war. Denn kleine Scotch-Terrier sind auf einmal Mode, sie müssen eigentlich nur noch ein langer Kopf auf vier 'Seinen sein. Nachdem sie den ersten Mernden Schreck in der Eisenbahn überwunden hatte, streifte mich ihr Blick voll Erkenntnis:Ich gehöre jetzt dir", glaubte sie schließen zu müssen und sprang in plötzlicher Zärtlichkeit an mir in die Höhe.

Ich aber lieferte sie ihrer beglückten neuen Herrin ab und schied so schnell ich konnte. Mir wurde der Abschied schwer. Sehr bald erhielt ich jedoch einen telephonischen Anruf, daß es mit der von mtr angegebenen Stubenreinheit nicht stimmte. Allerdings schien eine furchtbare Begriffs­verwirrung in Afra entstanden zu sein. Das Land kmd hielt °ifenbar die Stadt für einen einzigen großen Raum und die köstlich gepflaftert«, Straßen auf keinen Fall benutzbar, ba wählte sie schon lieber die Couch in ber unbestimmten Hoffnung, daß die Spuren hier nicht bemerkt wurden. Ich war tief beschämt über meinen Schützling.