Günther Isenburg, seines römischen Aussehens wegen von den Lehrern und Mit chülern „Cato" genannt, pfiff leise durch die Zahne und blätterte achtlos in dem hübschen, braunen Lederband. Es waren Shakespeare- Sonette. Dann legte er vorsichtig seinen Arm um Erichs Schultern.
„Alter Junge", sagte er nur, „alter Junge ..." Und nach einer kleinen Pause: „Kommst du mit?" , , . . , nr,„_
Erich schüttelte den Kopf. In seine Augen trat em ungewohnter Aufdruck der Entschlossenheit. „Nein, ich habe noch zu arbeiten. Ich habe noch sehr viel zu arbeiten ..." . , ,
Er gab Cato die Hand und ging allein nach Hause. Mehr und mehr Lichter flackerten hinter den Fenstern auf, die Uhr am Rathaus schlug halb acht, und es begann zu schneien.
Baron Taugenichts.
Eine Weihnachtsgeschichte um Josef von Eichendorfs.
Von G u st a v Christian R a s s y.
Dezember 1820.
Der Konsistorial- und Schulrat Freiherr Joses von Eichendorff, der bis in den Nachmittag hinein auf seinem Amt in Danzig gearbeitet hatte, ging im Dämmern in seine nicht weit entfernte Wohnung. Er stand nun schon im vierten Jahrzehnt seines Lebens und hatte gelernt, mit feiner Zeit hauszuhalten. Wie rasch war immer eine Woche vergangen, wie schnell verstrich ein Monat, und wie bald war immer wieder die Zeit dieser stillen, verschneiten Wintertage da, die ihn jedesmal so sehr an seine Jugend erinnerten, ihm freilich auch schmerzhaft zum Bewußtsein brachten, wie wenig von dem, was er sich vorgenommen hatte, fertiggeworden war. t .
Er war ein etwas wunderlicher Beamter, und seine Vorgesetzten mochten mit Recht den Kopf über ihn schütteln, wenn sie von ihm bearbeitete Akten in die Hand bekamen und feststellen mußten, daß er sich um die Schulhauswünsche der Gemeinde zu X nicht einen Deut gekümmert und lediglich ein Gedicht als handschriftliche Arbeit in dem hoch- amtlichen Faszikel hinterlassen hatte.
Was war das überhaupt für eine Art, als ausgereifter Mann Gedichte zu schreiben! Darin mochte die Jugend den Ueberschwang ihrer Gefühle ausdrücken. Wie jemand wie er in die gesetzten Jahre gekommen war und sogar den Posten eines höheren Beamten bekleidete, sollte er, wenn er das Schreiben schon gar nicht lassen konnte, politische Leitartikel verfassen oder einen handfesten Roman nach dem anderen veröffentlichen, der ihm wenigstens Geld einbrächte, Geld, das dieser verarmte Baron von Eichendorff doch so gut gebrauchen konnte. Aber nein — er schrieb Gedichte und dazu noch während der Dienststunden.
So redete man über ihn, und wenn man es sagte, so war es noch freundlich. Es gab auch Leute, die seinem Tun eine ganz andere Deutung beilegten und ihn im Ministerium in Berlin anzuschwärzen suchten.
Er wußte von alledem, hatte es sich aber niemals recht zu Herzen genommen. Außerdem wehrte sich seine Natur gegen alle Beamtenregel- mäßigkeit Wie manchen Versuch hatte er gemacht, sich genau nach der Vorschrift zu verhalten. Zwischen die juristischen Gedanken aber, zu denen er von Amts wegen verpflichtet war, hatten sich immer wieder andere Vorstellungen gedrängt: grüne Wälder, blaue Berge, silberglänzende Ströme, Brücken und Burgen, reifende Felder und verträumte Dörfchen.
Ja, und dann hat er immer wieder vergessen, daß das Schulhaus in D. einen neuen Dachstuhl haben müsse und bet* Lehrer X. auf der Orgelbank eingejchlafen war, weil er vor der Kirchzeit einen über den Durst getrunken hatte.
Eichendorfs, der langsam gegangen war, spürte, wie ihm die Kälte durch den Mantel drang. Er schlug den Kragen hoch und schritt eiliger aus. Da begegnete ihm vor dem Eingang zu einem Keller, in dem er gelegentlich seinen Schoppen trank, der Laternenanzünder Lemke, der ihn zutraulich upd herzlich grüßte: „Ah, guten Tag, Herr Baron! Kaltes Wetter heute, was? Da müssen der Herr Baron einen Grog trinken, Grog ist immer gut, im Sommer und im Winter.",
Eichendorff lächelte den Schnauzbärtigen an und sagte: „Das können wir machen, wenn Sie mitgehen und auf meine Kosten auch einen trinken."
„Ach, wissen Sie, Herr Baron, ich bin ja im Dienst, und bann ist ja halb Weihnachten, und ich arbeite doch was für meinen kleinen Jungen — ein Schloß! Nichts für ungut, Herr Baron, ein andermal gern-"
Er hatte inzwischen die Laterne entzündet und war weitergegangen. Eichendorfs fand sich allein mit feinem Schatten, der im rötlichen Lichtkreis stand, den die Lampe auf die Straße warf. Aus dem Keller klang Gesang. Sauter junge, kräftige Stimmen. — „In einem kühlen Grunde." Sein Lied! Wie lange war es doch schon her, daß er es geschrieben hatte. Der Gedanke, zu den jungen Burschen hinunterzusteigen, war verflogen. Er spürte zum erstenmal, daß er nicht mehr zu ihnen paßt« und allein bleiben mußte.
So kam er bald nach Hause und machte es sich in seinem geräumigen Zimmer behaglich. In seiner Stimmung fühlte er sich seltsam verändert, und er hatte in dem Raum, in dem er zur Miete wohnte, und in dem ihm kaum ein Stück zu eigen gehörte, das Gefühl, ganz geborgen und zuhause zu fein. Er setzte sich an den Schreibtisch, auf bvm bie Petroleumlampe wie ein zusriebener Kater vor sich hinschnurrk«. Jebenfalls kam {ie ihm ganz fo vor, unb er mußte leise lachen, als er sah, baß er einem Bücherschrank das Buch eines Dichters entnommen hatte, den er besonders liebte und bewunderte, den „Kater Murr" von E. T. A. Hoffmann. „Da sind denn ja die Richtigen beisammen", sprach er vor sich hin und begann in der Lebensphilosophie des unsterblichen Katers zu lesen. Aber seine Gedanken waren bald wieder abgeirrt, weil er an den Mann denken mußte, der bas schöne Buch geschrieben hatte.
Was hatte ber boch aus seinem Leben gemacht, unb wie halte er seine
dichterische Arbeit Jahr um Jahr gesteigert! Und dabei war das Leben mit diesem Hoffmann doch gewiß nicht glimpflich umgegangen. Staats, stellung verloren, bann ein Musikanten- unb Vagantenleben geführt, wieder Beamter am Kammergericht in Berlin geworden, die Nächte bei Lutter unb Wegener Derbrauft, verjubelt, verzecht, dabei noch ein guter, gewissenhafter Jurist, auf, dessen Urteil auch bie Gegner etwas geben mußten, unb neben aUebem eine bichterische Arbeit, wie kaum em anderer sie aufzuweisen hatte. , , . , . .
Eichendorff fühlte sich bei dieser Uebertegung recht unbedeutend, und er hielt sich vor: was hast du denn geschaffen, was hast du geleistet? Wo bleibt das große Werk nach den kleinen Gedichten? Was hat es schon zu bedeuten, daß die Jugend ein paar von deinen Liedern singt? Sollte am Ende jener Freund aus Wien doch recht gehabt haben, ber ihm vor einem Jahre geschrieben halte, er müsse sich zu etwas Großem auf- rassen. Es schoß bie Hitze in ihm auf unb er hatte keine Ruhe mehr an seinem Arbeitsplatz. Mit großen Schritten ging er in seinem Zimmer auf unb ab unb durchforschte sich, ob da etwas in ihm sei, was nach Ausdruck und Gestalt verlangte. Ja, wenn er es mit dem Verstand« nahm, hätte er nicht übel Luft, ein Buch aus feiner Soldatenzeit wah- renb ber Freiheitskriege zu schreiben, aber im selben Augenblick sah er all die grauen Perücken vor sich, die jedes Wort auf bie Golbwaag« legen unb ihm jede ehrliche Begeisterung für bie Freiheit seines Volkes mißbeuten würben. Nein, bas war nicht seine Aufgabe. Er wußte, baß er weber berufen war, Geschichte zu machen, noch Geschichte zu schreiben, unb in biefer Stunbe überkam ihn bie Angst, daß es bei ihm nicht einmal zum Geschichtenschreiben reiche; benn je tiefer er in sich hinein- horchiö, um so mehr Hörle er eine stille, leistlingenbe Welt. — Musik, Klang war bas alles, aber es geschah nichts, es würbe nicht gehanbelt.
Ein schlechter Beqmter, ein mäßiger Dichter — ein rechter Taugenichts war er geworden uftb sah keine Möglichkeit, diesen Zustand zu ändern. Jahr um Jahr ging er in seiner Erinnerung zurück unb stanb schließlich roieber als Knabe, ber seinem Steckenpferd mit ber Peitsche um bie Ohren knallt, auf ber beblümten heimatlichen Erbe. Bilb reihte sich an Bilb, unb bie Menschen, an bie er sich erinnerte, begannen zu reben, zu hanbeln, bie Schauplätze wechselten unb in einem unfaßbaren Glück erkannte er eine märchenbunte Welt, von ber er würbe erzählen können. Was er noch nie erlebt hatte: es überkam ihn ein Arbeitsfieber, und bis tief in bie Nacht beschrieb er bei ber schnurrenben Lampe Bogen um Bogen.
Am nächsten Tage ging er unter irgenbeinem Vorwand eine Stunde vor der Zeit aus seinem Büro eilig nach Hause, um bas Begonnene fortzusetzen, unb fo hielt er es burch brei Wochen. An einem stillen Nachmittag, als brausten ber Schnee in bitten Flocken fiel, las er die Hand- fchrist feines ersten richtigen Buches, in dem alle Sommerfeligkeit schwingt: „Aus dem Leben eines Taugenichts" und hatte [eine Freude daran.
Er trat zum Schreibtisch, um Namen unb Datum an den Schluß zu setzen. Da gewahrte er, ber in biefen Wochen alles um sich vergessen hatte, auf dem Kalender, baß es ber 24. Dezember war — Weihnachten! Unb es überkam ihn bas süße Erinnern an ferne Kinberzeit, in ber im Festsaal bes väterlichen Schlosses ber mächtige Lichterbaum geftanben hatte, an biete Stunben glücklicher Feier, in ber bie Menschenaugen vom Freiherrn bis zum Hütejungen heller leuchteten als alle Kerzen und aller Herzen heißer brannten als bie Flammen im Kamin.
Nun war bas alles anbers, aber glücklich war er bennoch, ber Freiherr von Eichenborff, ber Baron von Taugenichts, unb es fiel ihm ein, baß bas Freubemachen auch jetzt noch möglich fei. Er nahm Mantel und Hut, ging in ein Spielwarengeschäft unb kaufte Steckenpferb unb Peitsche, so wie sie ihn beseligt hatten, als er noch ein Knabe gewesen war.
Als er zum Laternenmann Lemke kam, war biefer just bamit beschäftigt, bas Schloß, bas er feinem Jungen gebaut hatte, unter bcm bescheidenen Tannenbaum aufzustellen. — „Hier, Lemke, nehmen Sie bas noch dazu. Zu einem richtigen Schloß gehören auch Steckenpferb und Peitsche. Das war schon in meiner Jugenb so, unb ich freue mich, baß ich nun roieber alles beieinander sehe." — „Aber Herr Baron, herzlichen Dank! Wie können Herr Baron nur! Wollen Herr Baron vielleicht bei mir einen Grog? Grog ist —" „Ich weiß, LeMke, Grog ist immer gut im Sommer unb im Winter. Lassen Sie sich ihn schmecken unb trinken Sie einen für mich mit. Sie haben ihn oerbient.
Dann ging Eichenborff über ben weichen Schnee burch bie weihnachts- stille Stabt bis vor bas Tor, besonnener unb glücklicher als je zuvor in seinem Leben, unb ein Klingen hob in seinem Herzen an, unb in süßem Schauer fügte sich Wort an Wort:
„Markt unb Straßen stehen verlassen, Still erleuchtet jebes Haus, Sinnend geh ich durch die Gassen, Alles sieht so festlich aus.
An den Fenstern haben Frauen Buntes Spielzeug fromm geschmückt, Tausend Kindlein stehen und schauen, Sind so wundervoll beglückt.
Und ich wandre aus den Mauern Bis hinaus ins freie Feld.
Hehres Glänzen, heil'ges Schauern, Wie fo weit und still die Welt.
Sterne hoch die Kreise schwingen, Aus des Schnees Einsamkeit Steigt's wie wunderbares Singen — O du gnadenreiche Zeit."
Als er zu später Stunde nach Hause kam und das Gedicht ausgeschrieben hatte, strich er mit linder Hand über bas Papier und jagte: „Das schenkt ein gütiges Geschick bem Taugenichts zu Weihnachten.'
Verantwortlich: vr. Hans Thyrivt. — Druck und Verlag: Drühlfche Universitätsdruckerei L. Lange, Gießen.


