Gießener ZamilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Siehener Anzeiger
Jahrgang <937 Montag, den 18.Januar Nummer 5
Klick aus dem Spielzeugladen
Roman für das große und kleine Volk
Von Friedrich Schnack
Copyright by Insel-Verlag zu Leipzig
(Schluß.)
Herr Bodenweber hatte zu spielen ausgehört, nur der Stieglitz schmetterte noch.
„Was schwadronierst du da?" fragte der Bater hinter den Käfigstäben.
Klick machte die Schallröhre wieder fest, das Telephongesprüch war zu Ende.
„Vater", sagte er, „könntest du mir nicht etwas Geld für Butter geben? Damit das Abendessen nicht so mager ausfällt."
„Sei froh, daß du noch trockenes Brot haft!"
„Bin ich auch", erwiderte Klick. „Ich bin aber auch über etwas ganz anderes froh. Das kannst du dir beim besten Willen nicht denken."
„Zum Kuckuck!" rief der ungeduldig gewordene Vater. „Heraus mit deinen Neuigkeiten. Was für Geld willst du morgen holen? Bist über« geschnappt?"
Klick, der seinen Vater genügend in Spannung versetzt sah, entnahm seiner Brieftasche das fleckige Los, das Los mit dem Treffer, zerrte aus der Rocktasche eine Gewinnliste und legte die Papiere wortlos dem Vater vor.
„In Zahlen bist du ja bewandert", meinte er. „Bitte, vergleiche die Nummern!"
Der Vater blickte von der einen Zahl zur andern, sagte nichts. Der Stieglitz verstummte. Stille im Zimmer.
„Klick, ist es dein Los" fragte der Vater gedämpft.
„Ja, ich habe es mit einem anderen vor Weihnachten von meinem Trink« gelb gekauft", sagte er und erzählte, aus welche Weise er es eingebüßt und wiedererhalten hatte.
Der Vater hatte den Bericht ruhig angehört. Klick fügte hinzu, er habe durch die Wiederbeschaffung des Loses zehn Mark Schulden gemacht, fünf bei Ali und ebensoviel beim Hustenonkel.
„Wenn es dein Los ist, Klick", meinte der Vater, sich erhebend und mit langen Schritten das Zimmer durchmessend, „wenn es so ist, mein lieber Junge, dann enthält die Liste einen Drucksehler."
„Nein, nein, das ist kein Druckfehler, die haben mir doch geschrieben!"
Der Vater sagte nichts darauf. Er lief nur unruhig im Zimmer aus und ab.
Nachts konnte Herr Bodenweber nicht schlafen. Er lag in seinem Bett und überdachte das Glück seines Jungen, das nun auch sein Glück war. Wie legte man am besten das Geld an? Er begann zu rechnen und laut zu reden. Die Tür zu Klicks Stube stand offen. Er hörte den Jungen atmen und in seinen Kissen sich auf die andere Seite wälzen.
Zahlen gingen ihm durch den Kopf. Er überlegte, wieviel die Lager- ergänzung des Spielzeugladens koste würde: das Geschäft ist gut; die Lage auch; es ernährt seinen Mann — nur an Kapital fehlt es und an einer straffen, neuzeitlichen Führung. Immer lautex redete er, von seinen lieber« legungen gepackt.
„Wir müssen das Geschäft übernehmen, Frau Trockenhut soll Mitinhaberin bleiben, ganz auszahlen kann man sie ja doch nicht, mit sünfzehn- tausend Mark wird sich das machen lassen. Was meinst du, Klick?"
Klick war einverstanden, er hatte nichts zu erwidern, er sagte nichts. Er schlief.
„Später trittst du in die Firma ein, da ist auch für dich am besten gesorgt. Liegen lassen kann man das Geld nicht, da frißt man es bloß auf. Eine andere Beteiligung hat keinen Sinn, davon verstehe ich nichts. Im Spielzeughandel kenne ich mich aus. Glaubst du nicht auch?"
Stille.
„Klick!" flüsterte der Vater.
Es rührte sich nichts. Da merkte Herr Bodenweber, daß er keinen Zuhörer gehabt hatte ober nur einen schlafenden. Er sann für sich allein weiter und schlief erst ein, als schon die erste Morgendämmerung in die Webergasse kroch und der Stieglitz in seinem Käsig sich zu regen begann. In bas Schweigen zwitscherte ber frühe Vogel laut.
Klick hilft bem Geschäft.
„Klick", sagte am Morgen der Vater, „das Geld gehört dir, du hast es von deinem selbstverdienten Einsatz gewonnen. Was soll damit geschehen?"
Klick betrachtete seinen Vater verwundert.
„Wer von uns beiden Ist Buchhalter? Du ober ich?" fragte er. „Ich brauche das Geld nicht, ich muh nur so viel haben, daß ich meine Schulden an Ali und den Hustenonkel bezahlen kann. Auch will ich meinen Freunden etwas geben, sie haben sich bemüht, die Mütze zu finden. Wenn es ihnen auch nicht gelungen ist, so haben sie doch eine Belohnung verdient. Weiterhin möchte ich der Bundeskasse vom .Herznierenblick' einige Mark stiften. Ich will dir sagen, was für einen Plan ich mir ausgedacht habe. Nimm fünfzehntausend und werde Teilhaber im Spielzeugladen. Den Rest des Geldes legen wir zurück für die Zukunft. Und wenn wir den Gewinn noch durch ein Effen in der Bärenschenke feiern, mit Ali natürlich, der Tante Mittwoch, dem Hustenonkel, Frau Trockenhut ... das wäre mir lieb! Vielleicht läßt sich auch der Kapitän dazu einladen, sobald er erst weih, was für einen Schnitt ich gemacht habe."
„Ein feiner Plan", sagte der Vater. „Ich werde mit Frau Trockenhut sprechen."
„Siehst du", sagte Klick, „ich wußte ja, daß wir uns miteinander verständigen werden. Gib mir, bitte, das Geld, damit ich es auszahlen kann."
Der Bater zahlte, und Klick verließ das Zimmer.
„Du wirst dir noch den Hals brechen!" rief ihm Frau Schwall aus dem zweiten Stock nach, als er auf dem Geländer blitzschnell an ihr vorbeisauste, während sie ihre Türklinke putzte. Am Schnürsenkelmanii huschte er hin.
„Schnürsenkelmann", sagte er zu dem Blinden, „mein Vater braucht neue Senkel. Wenn er herunterkommt, mußt du ihn damit angehn."
Fort war er. Die Webergasse strotzte, obwohl es sommerlich heiß war, von Würsten, Geflügel und Konserven. Wenn er gewollt hätte, all die Schinken und Braten hätte er sich taufen können. Aber Würste sind keine Spielsachen. Würste kriegt man satt, Spielsachen nie. Mit einem verliebten Blick streifte er bas Fenster ber Fra» Trockenhut, barin eine rehenbe Sommerwelt aufgebaut ftanb, zusammengesetzt aus Rollern, Eisenbahnen, Lanbschaften, Viehherben, Hirten auf ber Weibe, Bäumen unb Häusern. Hoch darüber schwebten Zeppeline und Flugzeuge.
„Es tut nicht weh", rief ihm der grüne, nun Ricka heißende Papagei entgegen, als er beim Hustenonkel eintrat. Pong tanzte, die Springmaus bauschte ihre Backentaschen, in den Glasbehältern schwammen die Fische munter durch das Geschling der Wasserpflanzen, in den Käfigen hüpften die wirr durcheinander zirpenden Vögel.
„Onkel, ich bring dir das Geld zurück. Danke!" sagte Klick. Nun wolle er ihm berichten, fuhr er fort, welcher Art feine dunklen Geldgeschäfte waren.
lind während der Tierhändler feine großen Schildkröten aus Madagaskar mit Fußbodenwachs einfalbfe und ihre Riickenfchilde bohnerte, malaiische Worte dazu brummend, holte Klick mit seiner Erzählung aus.
Im Geist kaufte er noch einmal seine zwei Lose, steckte sie in die Mütze und verlor die Kopfbedeckung bei der Schneeballschlacht auf dem Altmarkt, als er einen Ball gegen eine Autotaxe schmiß. Der Kraftfahrer verfolgte ihn. Klick floh mit Ali. Er meldete den Verlust der Lose im Lottenegefchäft, unb bestänbig war er auf ber Jagb nach feiner Mütze. Er hat sich oft getäuscht, oft fatsche Mützen für richtige gehalten. Und er sagte: zweiter Haupttreffer gewonnen, zwanzigtausend Mark, neue Miitzen- jagd, der ganze Lehrlingsbund von Dresden hinter der verlorenen her. Polizei, Bims von Chlörodont, Zeitungsanzeige auf Alis Anraten ... er erzählte und erzählte ...
So war der Hergang, und nun wußte der Hustenonkel die ganze Geschichte.
„Klick!" rief der Tierhändler, der während der Erzählung seine Schildkröten vergessen hatte unb langsam erstarrt war. „Klick, bu bist ein Teufelskerl. Deine Finger möchte ich haben. Komm mit, ich will dir was zeigen!"
Er führte ihn in fein Wohnzimmer, klappte den Deckel eines Schreibpultes auf und deutete in das Behältnis. Klick schaute hinein und verwundert auf den Tierhändler zurück.
„Ja, was ist denn das? Lose, lauter Lose!" Er sah Bündel von Losen, Lose von Kirchenbau- unb Brückenlotterien, Lose der preußischen, der hamburgischen und der sächsischen Staatslotterien, braune, gelbe, grüne Zettel — eine Unmenge.
„Lose", sagte der Onkel betrübt, „lauter Nieten."
„Die hast du alle gespielt?"
Der Hustenonkel nickte. „Alle habe ich verspielt, Klick. Der Erfinder des Pechs könnte ich fein."
„Dafür hättest du dir ja ein Haus kaufen können!"
„Ich habe ein Kartenhaus gekauft. Für siebentaufenbdreihundert und etliche Mark ..."
„Weshalb hebst du denn die wertlosen Zettel auf?'
Der Hustenonkel klappte das Pult zu.
„Ich will mir mein Zimmer damit belieben, zur Erinnerung eine


