Ausgabe 
17.12.1937
 
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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1957

Zreitag, den 17. Dezember

Nummer 98

Die Insel öer fünf Millionen Pinguine Don Lherrg kearion

Deutsche Rechte durch 3. Engelhorns Nachf., Stuttgart

Nachdruck verboten

3. Fortsetzung.

Fünftes Kapitel.

Honigmond. Das erste Ei. Der vorbildliche Familienvater. Schutz vor den Feinden. Wunder der Schöpfung. Fütterung und Er­ziehung. Erster Gang ans Meer. Aller Anfang ist schwer. Jeder geht seinen Weg.

Das Schlimme an der friedlichen Honigmondstimmung pflegt zu sein, daß sie nicht von Dauer ist.

Zuerst ist alles wunderschön. Selbst wenn wie bei den Pinguinen Mann und Frau so häuslich und besorgt vor Einbrechern sind, daß sie nicht beide miteinander ausgehen, gewährt doch das neue Heim und überhaupt das ganze Leben so viele Freuden, daß das kaum mitspricht. Die kurzen Trennungen scheinen das Glück sogar eher noch zu erhöhen, weil sie doch einmal ein Ende nehmen müssen und dann die Wieder­sehensfreude bevorsteht. So macht sich zum Beispiel Herr Pinguin nach dem Strand auf, um dort zu Abend zu speisen, während die junge Frau daheimbleibt und im Halbschlaf über die Wonnen des Ehelebens nach­sinnt. Sie ist sehr glücklich und denkt sich vermutlich, daß ihr nichts zu wünschen bleibt, wenn nur das Leben immer so fortgeht. Ebenso zufrieden ist Herr Pinguin, bei dem zudem in diesem Augenblick noch das Vergnügen des Seebads und eines saftigen Fischfangs hinzukommt. Er hat heute Glück bei der Jagd und hält eine Mahlzeit, die rot im Kalender vermerkt werden müßte. Er kommt zurück, klimmt den Fels hinan und beginnt den Abhang hinauszuwatscheln, ein bißchen mühselig vielleicht, weil er, um die Wahrheit zu gestehen, wirklich außergewöhnlich, ja übermäßig vollgefressen ist. Aber langsam zwar, doch sicheren Schritts geht er auf sein Haus zu, froh, bald sein junges Weib wiederzusehen.

Er versucht Laufschritt zu machen, purzelt in seiner Hast beinahe hin, hält kurz vor dem Nest einen Augenblick inne, um sich wieder einmal davon zu überzeugen, wie reizend sie doch ist, und beugt sich, sobald er angelangt ist, zärtlich nieder, um seinen Kopf an den ihren zu legen. Dann steigt er zu ihr ins Nest, liebkost sie und umarmt sie mit feinen Flossen. Wie gut, wieder daheim zu fein und nach einem so delikaten Mahle von einem liebenswerten Weib empfangen zu werden!

Natürlich weiß ich nicht besser als jeder andere, inwieweit es den Pinguinen möglich ist, sich miteinander zu verständigen. Beobachtet man aber ein solches Pärchen, bann scheint es ganz sicher, daß sie das irgend­wie bewerkstelligen. Jedenfalls spielt die Liebe eine große Rolle in ihren Leben, und zwar eine äußerst gefühlsselige Liebe. In solchen Augen­blicken hat der Pinguin einen ganz bestimmten Ausdruck. Seme Hals­federn plustern sich auf, er zieht den Kopf in sie zurück, so daß er wie ein Fragezeichen aussieht. Auch feine Augen treten etwas scharfer herum, er legt den Kopf ein wenig auf die Seite, und sein Mienenspiel gleicht in jeder Einzelheit dem eines liebeskranken Niggers.

Ich bin sicher, daß er wirkliche Liebe empfindet. Er ist kein Oppor­tunist, der feine Zärtlichkeit auf die Zeit der Begattung beschrankt, sondern zeigt sie während seines ganzen Ehelebens, und wenn er feine Frau küßt und umarmt, will er oft nur feiner Freude über fie Ausdruck geben. Fast jede Trennung endet mit einer Umarmung, und oft sieht man, wie Herr und Frau Pinguin plötzlich aus dem hellsten Nichtstun heraus zu Liebkosungen übergehen.

Doch wenngleich die Freude aneinander fortbauert, tritt doch, wie ich schon sagte, eine Störung von Ruhe und Frieden em. Mit andern Worten: unser Pinguinpärchen, das so jungverheiratet ist undgern noch etwas von feinem Leben hätte", sieht sich plötzlich ernsten Ehe­pflichten gegenüber.

Das Ei, das die erste dieser Pflichten birgt, erscheint gewöhnlich in der zweiten Woche nach der Eheschließung, manchmal auch ein wenig früher ober später. Kommen aber tut es säst mit Bestimmtheit, und feine Ankunft ruft große Aufregung hervor. Frau Pinguin mag Zwar em wenig überrascht fein, läßt sich aber natürlich nicht aus der Fa fung bringen und weih genau, was mit dem Ei zu geschehen hat. Behutsam

läßt fie sich daraus nieder, damit ihre Federn es warm bedecken. Doch so etwas erfordert Uebung; es ist nicht leicht, das Ei in die richtige Lage zu bringen, und fie muh es fortwährend mit dem Schnabel hin und her schieben. Inzwischen fühlt Herr Pinguin das Bedürfnis, sich über den Vorfall gründlich auszufprechen. Er scheint unablässig zu plappern, wobei er zweifellos feine Weisheit auskramt und allen Zuhörern auseinander­setzt, dah er allerhand mit dem Ei zu tun hat! Auch erteilt er sicher seiner Frau Ratschläge über die richtige Sitzmethode und die beste Art und Weise, das Ei in die gehörige Lage zu bringen. Während er s» schnattert, wackelt er mit dem Kopf, und Frau PingiM, die sich nicht ausstechen läßt, wackelt mit ihrem.

Doch, wenn er auch ein wenig geschwätzig ist und seinen natürlichen Vaterstolz vielleicht übertreibt, ist der Pinguin doch ein vorbildlicher Familienvater. Er Hilst brüten und fitzt ebensolange und oft auf dem Ei wie das Weibchen, und mit fortschreitender Zeit entwickelt er so gut wie dieses das hervorstechende Merkmal aller Pinguineneltern: eine Art Einbuchtung, die sich in der Mitte der unteren Körperhälfte hinzieht und in der die Eier warm zwischen den Federn liegen. Jeder von den Eltern sitzt etwa zwölf Stunden lang, dann findet mit einer gewissen Feierlich­keit die Ablösung statt.

Derjenige von beiden, der dienstfrei war und vom Besuch des Futter­platzes zurückkommt, eilt die letzten zehn oder zwanzig Meter ganz sichtlich in seinem Eifer, sich zu vergewissern, daß daheim alles zum Besten steht. Er (oder auch sie) schiebt den Kopf mit einer ganz eigentümlich zittrigen Bewegung, die ich für ein Zeichen der Freude oder des Stotzes halte, über den Rand des Nistlochs, und dann oollführen Vater und Mutter gemeinsam einen Lärm, der ein Bericht über alles, was sich den Tag über ereignet hat, fein kann oder auch nicht. Zuweilen wird dieser Teil der Begrüßung mehrmals wiederholt. Dann verläßt der brütende Pin­guin das Ei, und beide Tiere bleiben einen Augenblick am Rande des Nistlochs stehen, um sich einer weiteren Liebkosung zu überlassen, die häufig mit einem stürmischen Kuß endet.

Doch darf selbstverständlich das Ei selbst um einer so reizvollen Zeremonie willen nicht vernachlässigt werden, und so steigt nun die Ab­lösung ins Nest und setzt sich, während der abgelöste Posten, nachdem er noch ein paar Augenblicke gewartet hat, um sich zu versichern, daß alles in Ordnung ist, nun seinerseits zum Strand watschelt zweifellos mit dem Gefühl treuerfüllter Pflicht.

Zwei bis drei Tage nach dem ersten Ei kommt ein zweites; mitunter auch ein drittes oder gar viertes, allein das ist ziemlich selten. Zwei Kinder sind auch gerade genug. Mehr aufzuziehen ist für die Eltern schon recht schwierig, bedenkt man die Schwierigkeiten des Haushalts in den heutigen Zeiten, und Herr und Frau Pinguin haben ganz genug zu schaffen, um späterhin nur zwei solcher ewig hungrigen Kücken zu füttern, die den ganzen Tag mit offenem Schnabel hin und herfahren, damit ihnen nur ja auch kein Bissen verloren geht.

Vorläufig freilich hat es bis dahin noch gute Weile vorläufig handelt es sich nur darum, die kostbaren Eier mit vereinten Kräften warmzuhalten und sie vor den Feinden zu schützen, die beständig auf der Lauer sind. Das ist eine äußerst aufregende Zeit für die Eltern, denn es besteht höchstens sechzig Prozent Wahrscheinlichkeit dafür, daß die Eier auch wirklich ausgebrütet werden alle andern Eier holen die Möwen oder Ibisse. Jedermann hat es wohl schon gesehen, wie in einer engen Grohstadtstraße ein seiner Beinchen noch kaum mächtiges Kind, während die Mutter einen Augenblick den Rücken kehrte, ganz allein in die Fahrbahn lief, mitten hinein unter Autos und Omnibusse. So schlimm das ist, es ist nichts gegen die Gefahren, die dem künftigen Pinguinkinde drohen. Eine Sekunde lang nur dreht sich die Mutter um, vielleicht um den heimkehrenden Gatten zu begrüßen, und im Nu schießt eine Möwe aus der Luft herab, faßt ein Ci mit dem Schnabel und fliegt auf uni» davon. Nachher läßt sie das Ei auf einem Stein zerschellen und ver­zehrt geschwind feinen Inhalt*. Oder auch zwei Möwen lassen sich ganz nahe am Nest nieder, und während die eine mit den Flügeln nach den Eltern schlägt, so daß diese schließlich die Vorsicht außer acht lassen und hinausfahren, um sie zu verscheuchen, stößt wie der Blitz die zweite in das Nest und ergreift das nur einen kurzen Augenblick lang unbewacht« Ei. Oder es kommt ein Ibis zum Räubern und das geschieht un­weigerlich, wenn Herr und Frau Pinguin nicht unabläffig auf ihrer Hut sind.

Das Brutgeschäft, das vier Wochen dauert, bedeutet also für di« Pinguineltern eine schlimme Zeit, während welcher jedes zwölf Stunden Dienst und zwölf Stunden frei hat.

Endlich aber stellt sich das äußer« sichtbare Zeichen des Wunders

* Ebenso öffnen die Möwen auch Muscheln, die sie auf dem Fels­boden auflefen, rädern sie sie von hoch herabfallen lassen.