' „Er würde uns beide töten."
„Vielleicht hat er uns schon vergeb'n." -
„Alte Leute sind hitzig; sie schlagen erst und überlegen dann.
„Manchmal aber küssen sie auch, bevor sie schlagen."
-„Wollen wir zur Hütte zurückkehren, Guzla?"
„Nein. Wenn er nur mir vergäbe und dir nicht? Laß uns suchen, Severin!" , _ ,
Der alte Mann erhob sich vom Boden. Die erste Bewegung der Liebenden war, daß sie sich eng umklammerten, als wollten sie einander schützen; dann aber, da sie ihn ansahen, stürzten sie in seine Arme, und ihre Tränen der Reue mischten sich mit seinen Tränen verzeihender Liebe. Süß ist es, Verzeihung zu empfangen — süßer noch, sie zu gewähren. Der alte Mann erlebte die schönste Stunde seines Lebens, als er zwi chen Guzla und Severin, auf ihre sorgsam führenden Arme gestützt, durch Wälder und Waldwiesen zur Hütte zurückkehrte, wo der gute Fischer ihrer wartete.
Die Glücklichen blieben noch eine Weile beisammen; schließlich aber wollte der Fischer zu seinem Boot zurückkehren. „Nein", sagte Boukor. „Wir wollen uns nicht mehr trennen. Ich will an dieser schönen Stätte eine Stadt erbauen und meinen Reichtum dazu verwenden, sie groß und prächtig zu machen." Und also hieß er all seine Schätze herbeischaffen; er warb überall rings im Lande Arbeiter an und ließ sie eine Stadt erbauen; und sie empfing den Namen „Boukor Aske", das bedeutet „Stadt des Boukor". Man kennt sie noch heute unter dieser Bezeichnung, die von der Zeit zu dem Namen „Bukarest" verstümmelt wurde, und sie ist die Hauptstadt des walachischen Landes.
Oie Hochzeit auf Runöe.
Von Friedrich Freksa.
Auf der „Alten Liebe" in Cuxhaven, wo ich den Dampfer erwartete, der den Strom hinauf nach Hamburg fahren sollte, sah ich einen Herrn mit frischem rotem Gesicht in Marineblau, auf dem Kopf eine weiße Seglermütze, am Arm eine hübsche Frau in weißer Bluse und blauem Drellrock. Ich äugte erst zur Frau hinüber und dann sah ich den Mann an und dachte: Dunerstag, das ist doch Kapitän Hanne Maukenbrand!
Und dann sah er mich, und unsere ersten Worte waren ganz gleich: „Denkst du noch manchmal an den alten Stievens und an Runöe?"
Runöe ist nämlich eine Insel, die so zwischen Zingst und Seeland liegt, und der Stievens war ein Käpten, öer’s zu was gebracht hatte und auf feine alten Tage auf Runöe eine Navigationsschule errichtet hatte und auf seinen zwei Segelschiffen praktischen Unterricht in der höheren Steuermannstunft gab. Er war der Mann für die Praktiker, die wie Hanne Maukenbrand sich schwer mit der Mathematik taten, und außerdem war er sehr gesucht bei den jungen Sportsleuten, die die Segelkunst auf der See ernst nahmen und nicht abhängig bleiben wollten von ihrem Maat.
Das gab ein sehr gutes Schülergemisch. Wir verstanden uns untereinander prächtig und hielten zusammen wie Pech und Schwefel.
Nun hat Runöe einen Badeort und das alte Dorf. Im Badeort waren drei Hotels, darin lebten die feinen Leute: wir Nautiker hatten nur mit dem Dorf zu tun. Ins Dorf gingen wir Samstag abends tanzen, und es spannen sich sehr viele zarte Fäden an zwischen der Navigationsschule und dem Dorf. In jedem Jahr gab es ein paar heftige Hochzeiten von Schülern und hübschen jungen Bauerntöchtern, da ging's hoch her.
Nun tauchte im Badeort eines Tages ein junger Mensch auf, elegant, reich, er hatte ein eigenes Boot mitgedracht mit sechzig Quadratmeter Segelfläche. Er trat mit unserer Schule in Verbindung, weil fein „Mann" an einer Darmvergiftung erkrankt war und er Aushilfe brauchte. Wir (prangen also der Reihe nach ein, und dieser Henry Henniksen war ein ganz netter feiner Kerl, nur ein bißchen scharf auf Mädchen. Aber was ging uns das an!
Eines Tages segelte er mit Hanne Maukenbrand hinaus, und es zog ein Wetter auf, durch das [ein Boot „Viktoria" sehr mühsam zurückkämpfen mußte. Am Strande schauten die Menschen zu und fragten sich: Wird er kentern, wird er nicht kentern?
Aber Hanne steuerte die „Viktoria" geschickt durch die Brandung, und wir standen bereit, sprangen ins Wasser und zogen den Kahn auf den Sand. Bei uns war Martha Brodersen. Sie half beim Ziehen, denn sie war voller Angst um ihren Hanne gewesen und mußte sich nun die Angst aus dem Leibe herausarbeiten. Sie war sehr hübsch anzuschauen mit ihrem glühend roten Gesicht, den blonden aufgelösten Haaren, den freien Armen. Das Wasser hatte ihr die Kleider so auf den Körper geleimt, daß man sehen konnte, was für ein hübsches Mädchen die Martha war.
Das fiel nun leider auch dem jungen Henniksen auf, und, was soll ich euch sagen, er war hinter der Martha her wie der Teufel hinter einer armen Seele. Unser Hanne sah vor seinen Aufgaben, die er in Vorbereitung auf das Steuermannsexamen machen sollte, und kam nicht weiter, denn er dachte an Martha und nicht an feine Winkel, Zahlen und Logarithmen.
Das ging uns allen nahe, denn wie kam der Kurgast dazu, sich um ein Dorsmädchen zu kümmern? Das Dorf gehörte uns. Wir überlegten den Fall hin und her. Schließlich sagte der AeUeste von uns, der Dr. Christian Weddersiröm: „Ich sehe schon, ich muß euch mit meiner ärztlichen Kunst helfen."
Wedderftröm machte niemals viele Worte, er rauchte lieber seine Pfeife. Er war Schifssarzt gewesen, und seine ganze Sehnsucht war eine Polarexpedition. Nun ging er hier auf die Nautikschule, um sich neben seiner Wissenschaft auch Seesahrerpraxis zu erwerben, woran jeder sehen kann, wie vernünftig der Mann war.
Darum hatten mir auch Achtung vor ihm. und als er sagte „helfen", da sagten wir: „Top, Doktor!"
Und dann luden mir den Henry Henniksen zu einem Abschiedsfas bei uns ein. Da gab es Füertang-Bomle mit echtem indischem Rohr, zucker auf der Feuerzange, der mit einem herrlichen sünfunbsiebzigpro. genügen Rum abgebrannt mürbe, und angesetzt mit einem guten spa. Nischen Rotwein. Und bann ging bas Singen unb Zechen los. Henr, würbe von bem reinen Fünfunbsiebzigprozentigen immer noch extra was ins Glas gegossen, unb bann natürlich, bann würbe er sanft buit unb schlief ein. Als er am nächsten Tage aufwachte, kam er sich ein büschen spanisch vor; er konnte nämlich bie Beine nicht bewegen unb wußte gar nicht recht, wo er war. Er lag nämlich im Zimmer von Seybvld, ben wir weggefeiert hatten unb bas nun leerftanb Unb bann kam unser Doktor unb sagte zu ihm: „Es ist ja nicht so schlimm, Herr Henniksen, es ist ganz gutartig verlausen. Sie waren gestern 'n büschen dun unb sinb bie Treppe runtergefallen unb haben sich bas Wabenbein links unb bas Knie rechts verletzt. Ich habe Sie in Gips getan. Ader bie Brüche finb glatt, es wirb nicht allzulange bauern. Wir werben alles tun, um Ihnen bas Leben schön zu machen."
Henniksen hörte mit verglasten Augen zu. Er war noch immer etwas bun unb aß barum gern einen kräftigen Haferbrei mit einem Salzhering. Dann legte er sich auf bie anbere Seite und schlief weiter Er wachte erst auf, als ihm unser würdiger alter Käpten Stieven- feinen Beileidsbesuch machte. „Ja", sagte Stievens, „ich habe mir in Schanghai auch mal beide Beine gebrochen, aber Sie sehen, ich stehe ganz fest in meinen Stiefeln."
Bei feinem zweiten Aufwachen war Henniksen viel ungemütlicher Er fragte, wie lange er wohl liegen müsse. „Oh", sagten wir, „wohl zehr Tage ober vielleicht ging’s auch früher." Wir ließen ihn in feinem Gips liegen unb besuchten ihn, erzählten ihm Geschichten und fanger zum Schifferklavier. Er hatte es ganz gut, der Henniksen. Wir machten uns gar keinen Vorwurf, daß er fest in seinem Gips saß wie ein alter Fuchs im Eisen.
Und inzwischen hatte Hanne Maukenbrand die Martha ganz für sieh. Na, fo schwerfällig er sonst war bei der Mathematik und auch beim Nachbenken, jetzt faßte er fest zu, unb nach acht Tagen war er mit Martha verlobt. Denn bie Briefe, bie Henniksen an sie schrieb, bie kamen nicht an. Wozu sollten wir bem Mäbchen bas Herz schwer machen? Sie gehörte zum Dorf, unb bas Dorf gehörte uns.
Dann hielt Henniksen es nicht länger aus unb ließ sich ins Hotel bringen. Da war er nun furchtbar neugierig, wie es mit feinen Knochen ftünbe, unb ließ sich aus Hamburg einen Arzt kommen, mit einem Röntgenapparat. Der röntgte feine Beine unb schüttelte ben Kopf, als er bie Platten sah: ,Mer hat Sie behanbelt?" fragte er.
„Ein junger Schiffsarzt aus ber Navigationsschule", antwortet biefer.
Der Hamburger wollte den Arzt kennenlernen, unb Henniksen fragte ganz besorgt: „Sinb benn bie Beine schlecht behandelt worben?"
„Nein", sagte der Hamburger, „ben Beinen fehlt nichts, da tönnem wir ben Verbanb abnehmen; sie find sogar fast zu gut geheilt."
„Zu gut?"
„Ja, ich muß mal mit bem Schiffsarzt sprechen."
Dann suchte ber gelehrte Hamburger Arzt unseren Dr. Webberström auf unb fragte ihn auf ber Kurterrasse: „Sagen Sie mal, sind benm nun bie Knochen gebrochen gewesen ober nicht? Hier sehen Sie bem photographischen Befund. Ich kann nichts erkennen."
„Oh", sagte Webberftrörn, „es gibt ungewöhnliche Fälle. Es mac ein Präventivverband". Wenn ber nicht angelegt wordern wäre, Herr Sanitätsrat, bann wären bie Beine viel eiliger geknickt! worden, dann hätte ich vielleicht sogar nicht für bas Durchkommen des Patienten einstehen können."
„So", sagte ber Sanitätsrat und schaute ihn groß an. „So, eim Präventivverbanb. Und wie lange wollten Sie den Mann noch bariiu liegen lassen?"
„Herr Sanitätsrat, wir hätten ihn heute abgemacht, denn jetzt ist dis Sache fest. Der Hanne hat die Martha, unb wenn bie Martha ihr' Wort gegeben hüt, bricht sie es nicht. Nun kann ber Fuchs aus beim Eisen gelassen werben ober ber Henniksen aus bem Gips, eins wie basi anbere." ,
Der Hamburger Arzt hatte auch Seefahrerblut in ben Abern. „3dji verstehe, Herr Kollege", sagte er. Unb bann schrieb er feine Rechnunzi für Henniksen. Der war froh, daß seine Beine so gesunb waren nm- früher. Natürlich klagte er etwas über Steifigkeit, aber bas ist immer: fo bei langem Liegen in Gips.
Im Oktober war dann Hochzeit auf Runöe. Unb nun fuhr ich mit: ben beiben zehn Jahre später ben Strom nach Hamburg hinauf, um' wir dachten an die Insel, an Stievens unb an Webberström.
„Was ist eigentlich aus ihm geworben?" fragte ich Hanne.
„Oh", sagte er, ber steckt irgenbmo ba oben im Eise hinter Spitz" bergen, unb wir hoffen noch immer, baß er eines Tages zurückkommt
Da würben wir ein wenig still. Wir ließen Punsch kommen und Martha sagte:
„3d) bin ja immer froh gewesen, baß ich Hannes Frau geworbeiu bin, aber auf ben Webberström, ben Doktor, war ich lange Zeit faW bis ich eines Tages in ber Zeitung las, sie hätten ben Henniksen roegen betrügerischen Bankrotts eingesperrt. Gott, habe ich gebucht, „bas Uwglück, wenn ich mich von dem bamals hätte beschwatzen lassen."
Als wir in Hamburg festmachten, würbe ein Extrablatt ausgerufem „Der „Norbstern" unter Führung von Dr. Webberström ist nach acy^ zehn Monaten Driftens burchs Polarmeer freigekommen. Nachricht uoe Hammerfeft."
Verantwortlich: Dr. HanS Thhriot. — Druck und Verlag: Vrühlfche Univerf itätsdruckerei A. Lange, Gießen.


