Oonaustrudel.
Volksweise.
Als wir jüngst in Regensburg waren, Sind wir über den Strudel gefahren, Da waren viele Holden, Die mitfahren wollten:
Schwäbische, bayrische Dirndel, juchhe! Muß der Schiffsmann fahren.
Und ein Mädel von zwölf Jahren Ist mit über den Strudel gefahren; Weil sie noch nicht lieben kunnt, Fuhr sie sicher übers Strudels Grund. Schwäbische, bayrische Dirndel juchhei Muß der Schiffsmann fahren.
Und vom hohen Bergesschlosse Kam auf stolzem schwarzem Rosse Adlig Fräulein Kunigund, Wollt mitfahren übers Strudels Grund. Schwäbische, bayrische Dirndel, juchhei Muß der Schiffsmann fahren.
„Schiffsmann, lieber Schisfsmann mein, Sollts denn so gefährlich sein!
Schisfsmann sag mirs ehrlich, Jsts denn so gefährlich?" Schwäbische, bayrische Dirndel, juchhe! Muß der Schisfsmann fahren.
„Wem der Myrtenkranz geblieben. Landet froh und sicher drüben;
Wer ihn hat verloren, Ist dem Tod erkoren." Schwäbische, bayrische Dirndel, juchhe! Muß der Schiffsmann fahren.
Als sie aus die Mitt gekommen, Kam ein großer Nix geschwommen, Rohm das Fräulein Kunigund, Fuhr mit ihr in des Strudels Grund. Schwäbische, bayrische Dirndel, juchhe! Muß der Schisfsmann fahren.
Legende um Bukarest.
Von Charles Dickens. Deutsch von Karl Lerbs.
Es lebte einmal vor langer Zeit in einer der Seestädte des Landes Bulgarien ein armenischer Kaufmann, berühmt durch seinen Reichtum «in Ländereien, Häusern, erlesenen Stossen und edlen Steinen, berühmter noch durch die Schönheit seiner Tochter, die Guzla hieß, unter dem jungen Volk des Landes aber „Stern des Ostens" genannt wurde. Schon feit ihren Kindertagen ging ihr Ruhm durchs ganze Land, und sie hatte mehr und ungestümere Freier, als weiland Penelope. Ss heißt sogar, daß ein muhammedamscher Fürstensohn bereit gewesen fei, um ihretwillen seinen Glauben abzuschwören; da sie indessen vor den Tagen Muhammeds gelebt hat, wird man an der Wahrheit dieser Ueberlieferung zweifeln müssen. Boukor, ihr Vater, sprach oft davon, daß er sie einmal mit einem großen Herrn verheiraten werde, der ihm solcher Ehre würdig schien; und er zählte mit stolzem Behagen die vielen Anträge auf, die jedem andern glänzend schienen, und die er hatte ausschlagen können. Als indessen ein Freier nach dem andern mit einer Ablehnung davonzog, begann das Volk zu meinen, daß Boukor [eine Tochter überhaupt nicht zu verheiraten gedenke. Guzla jedoch beschloß eines Tages, darüber selbst zu entscheiden; und in einer Nacht, als die Winde sausten und die Hunde heulten, als wäre die Luft von Gespenstern voll, ging ste mit dem jungen Severin.davon, hinaus in den Sturm. ,,
Boukor grämte sich um seinen Verlust so schwer und bitter, wie alte Beute sich grämen; er wandte sich wider sich selbst und häufte Borwurfe *uf das eigene Haupt um seiner Selbstsucht willen. Warum, so fragte er sich, habe ich nicht eher entdeckt, was im Herzen meiner fünften und I örtlichen Tochter vorging? Warum habe ich nicht verstanden, weshalb ihre Wangen blaß wurden und ihre Augen nicht mehr zum Himmel lufblictten? Warum habe ich nicht geahnt, daß es Liebe war, was all S)r Denken ausfüllte — warum habe ich nicht mit gütigen Fragen ihr Vertrauen gewonnen? Zu spät für solche Reue, wird man sagen; Boufor aber vermeinte, es könne noch alles gut werden, wenn er den nächtigen Vogel wieder einfing und ins Nest zurückbrachte. Freilich wußte er nicht, wohin die Flucht gegangen war, und kein Nachbar verwachte es ihm zu sagen. , , ,, , .
Da saß nun der alte Mann und wartete — wartete wohl auf eine Erleuchtung: als aus dem Stall ein klagendes Wiehern zu ihm per« übertönte: Kebir, der junge Hengst, beklagte sich, weil seine Mutter, *ie Stute Zarah, fort war. Nun war alles am Tag: Guzla hatte ihres Baters Sieblingsftute entwendet, um auf ihr ins Abenteuer zu reiten. Sie war nun wohl schon weit; Boukors Trauer aber wandelte sich in Horn. „Bei St. Paeomo", so vermaß sich der alte Mann, „es war un- lug van ihr und ihrem Geliebten, einen Vater und eine Mutter von hren Kindern zu trennen. Das verlassene Kind soll dem verlassenen Safer zu feiner Rache verhelfen." Sagte er wirklich Rache? Er sagte es: nb er schwur sichs stumm mit furchtbaren Eiden zu und schwelgte im Sorgenuß blutiger Vergeltung. . o,
Älso übergab er alle seine Geschäfte seinem ältesten Angestellten, lnt Geld in seinen Beutel und bestieg ein gutes Pstrd, öas nicht
schlechter war als die gestohlene Zarah. Sodann gab er Befehl, das Hengstfüllen^ aus dem Stall zu treiben. Was er erwartete, geschah. Kebir tänzelte ein wenig umher; dann begann er witternd die Luft einzuziehen und mit den Hufen zu scharren: und plötzlich, mit flammenden Augen, die Ohren zurückgeworfen, galoppierte er nordwärts davon. Bukor war im gleichen Augenblick hinter ihm her; und wenn er auch zuerst weit zurückblieb, so holte er doch bald auf und war schließlich dicht hinter dem jungen Hengst, der unbeirrbar feiner Witterung folgte.
So waren sie fünf lange Tage unterwegs; bann und wann machten sie Halt, um im Schatten der Bäume auf grünem Rasen zu raffen und zu schlafen. Der junge Hengst bestimmte die Dauer dieser Ruhepausen; wenn fein müder Herr zu lange schlief, erinnerte er ihn durch angstvolles Wiehern an feine Pflicht. Endlich aber begannen die Kräfte des armen Geschöpfes nachzulassen. Es galoppierte nicht mehr, es trabte auch nicht mehr; mühsam schleppte es sich weiter, und immer häufiger blieb es stehen und wandte den traurigen Blick vom fernen blauen Horizont zum Antlitz des alten Boukor. Am sechsten Tage konnte es sich kaum noch bewegen, und am siebenten legte es sich zum Sterben nieder. Der alte Kaufmann war tief betrübt; er raufte Büschel frischen Grases aus und hielt sie dem Tier hin, aber Kebir nahm sie nicht. Als Boukor nun Wasser aus einer nahen Quelle holen wollte, gewahrte er einen Anblick, der sein Herz rührte. Ein Trupp wilder Pferde galoppierte durch die Wildnis daher und kam an dem entkräftet da- liegenben Hengstfüllen vorüber. Die Tiere schienen es sehr eilig zu haben; eine Stute indessen hielt inne, trennte sich von dem Trupp und bot Kebir die mütterliche Milch. Kebir nahm sie dankbar an: als er sich satt getrunken hatte, legte er feine Nüstern an die der Stute, als wolle er sie küssen ober ihr seinen Kummer anvertrauen. So verweilten sie einen Augenblick; bann aber schlug die fremde Stute den Boden mit den Hufen und tief zu ihren Gefährten, die in der Ferne schon ungeduldig hin und her galoppierten. Gleich daraus war der Trupp verschwunden.
Kebir, erfrischt, trabte vergnügt dahin, immeY in der gleichen Richtung, bis er seinen Herrn ans Ufer der Donau geführt hatte. Dort legte er sich zum Schlafen nieder, nachdem er mit ausgestrecktem Halse übers Wasser geschnuppert hatte; und da der Abend dunkelte, war der Kaufmann froh, baß er im Schutze eines Baumes seine Müdigkeit vergessen konnte.
Als er am Morgen erwachte, fand er sein treues Reittier grasend zu feiner Seite; Kebir aber — treuloser Kebir! — war verschwunden. Boukor trauerte mit bitteren Klagen um den Verlust seines Führers und Gefährten. Er suchte überall am Ufer nach Hufspuren, fand aber keine. Offenbar hatte Kebir den Sprung in die Strömung gewagt und seine Untreue mit dem Tode gebüßt. Der Strom war so breit, daß man kaum das jenseitige Ufer sah. Wie konnte ein Füllen, noch dazu, wenn es durch Müdigkeit geschwächt war, eine Strömung durchqueren, mit der nicht einmal ein Streitroh es aufnehmen konnte?
Nun schien es freilich unmöglich, die Jagd mit irgendeiner Aussicht auf Erfolg fortzusetzen. Und doch — war es nicht auch möglich, alle Hoffnung auf ein Wiedersehen mit Guzla, der Herumtreiberin, aufzugeben? Solange es ihm sicher schien, daß er sie finden würde, hatte er sich selber in den Gedanken hineingeredet, daß er gänzlich außer sich vor Wut fei und die Verfolgung unternommen habe, um Guzla und ihren Entführer zu töten. Nun aber, da ihm bas Ziel entrissen schien, mußte er bekennen, baß alle seine blutigen Pläne zu Nichts zerstoben waren, unb daß er seinen rasenden Ritt nur unternommen hatte, um feine Guzla noch einmal auf die Schläfen zu küssen und sie unter Tränen ob ihres Ungehorsams zu schelten. Da saß er nun mit zitternden Sippen am düsteren Gestade der Donau.
Ein Fischer kam vorüber, und als er den betrübten alten Mann sah, fragte er ihn, woher er käme, und was für ein Kummer ihn brückte. Boukor war froh, einen Zuhörer für feine Geschichte zu haben. Der Fischer hörte ihm aufmerksam zu; bann riet er ihm, die Verfolgung fortzusetzen.
„Wie aber soll ich über diesen gewaltigen Strom kommen? Und wenn ich drüben bin: wer soll mich führen?"
„Ich habe ein Boot. Laß uns hinüberfahren; und dein Gefährte will i ch fein."
Sie fuhren wohlbehalten hinüber und wagten gemeinsam den Weg ins Unbekannte. Das Land war märchenhaft fruchtbar, die Luft köstlich rein; schöne Hügel und Täler umgaben und umfingen sie. Nirgends aber waren Menschen zu sehen. Es war, als hätten sie eine unerforschte Welt entdeckt. Boukor betrachtete alles voll Bewunderung, bis sie an bas Ufer eines Flusses tarnen, der eine paradiesische Landschaft aus Bergen, Tälern und Wäldern bewässerte.
„Wie heißt dieser Fluß?" fragte er.
„Wir nennen ihn die Dimbowitza", antwortete der Fischer.
Der Kaufmann betrachtete entzückt das schöne Bild und schlug vor, hier ein wenig zu rasten. Indessen er noch sprach, entdeckte er zwischen ben Bäumen eine Hütte; und die Beiden gingen daraus zu. Ein Getrappel und ein Rauschen im Gezweig erregten ihre Aufmerksamkeit; fie blickten um sich: da tarn Zarah, gefolgt von Kebir, ihrem Füllen, in munteren Sprüngen auf sie zu.
Da war es nun gewiß, daß auch Guzla unb Severin nicht weit fein konnten Boukor hieß feinen Gefährten zur Hütte gehen, während er selbst das Tal in der Richtung, aus der Zarah unb Kebir gekommen waren, durchforschte. Sein Suchen war vergeblich, und nach etlichen Stunden mußte er erkennen, daß er abermals allein und diesmal in der Wildnis verirrt war. Und diesmal überließ er sich der Verzweif- lung- diesmal warf er sich zu Boden und meinte. Indessen er so lag, vernahm er Schritte, unb ein Gespräch klang an sein Ohr:
„Komm in ben Schutz ber Zweige, Liebste. Der Fremde gibt ju, daß sein Gefährte aus dem Süden kommt. Wenn er es ist, so sind wir verloren." _ „
„Ich hoffe, er ist es nicht. Und wenn er es wäre —


