Ausgabe 
16.8.1937
 
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Antichrist hak seinen Boten gesendet und hat versucht, euch zu betören. Er hat euch Schmeicheleien in die Seelen geträufelt, er hat eure Tapferkeit gerühmt und die Ausdauer eures Widerstandes. Er hat euch ausgefordcrt, euch zu ergeben und hat euch zwölf Stunden Bedenkzeit gelassen. Aber seine Schmeicheleien sind Gift und seine Worte sind Lüge, denn Lüge ist das Wesen des Antichrist. Es ist Lüge, wenn er euch durch seinen Boten sagen läßt, daß die spanischen Armeen überall geschlagsn sind, es ist Lüge, daß die Engländer ins Meer geworfen sind, es ist Lüge, daß der Höllenfürst Napoleon auf dem heiligen Boden des Vaterlandes steht und mit einem unüberieh« baren Heer gegen Madrid zieht. Mit diesen Lügen will er euch kirre machen, daß ihr euch ihm unterwerft, und mit Lügen will er euch den Mut nehmen. Aber die Wahrheit ist bei uns, die Wahrheit ist bei der wundertätigen Ver- heißung der heiligen Jungfrau auf der Säule. Die zwölf Stunden, die er uns gegeben hat, sind bald um. Aber wie die Wahrheit die Lüge überwindet, so werdet auch ihr die Lüge überwinden. Er hat uns ehrenvolle Ergebung, Schonung der Stadt und Abzug der waffenfähigen Mannschaft vorgeschla­gen. Aber ich weiß, was eure Antwort sein wird

Was sagte dieser Mann da? Er und alle Führer mußten genau wissen, wie es draußen stand, ebenso wie Siebold und ich es wußten. Wie konnte er es wagen, Wahrheit und Lüge so gegeneinander zu vertauschen und das Volk für den einzigen Weg zur Rettung blind zu machen? Wer gab ihm den teuflischen Mut, eine solche Verantwortung auf sich zu nehmen? Und wenn er diesen Mut hatte, mußte ich nicht den Mut haben, ihm zu widerstehen und dem Volk die Äugen zu öffnen? Wer war sonst dazu berufen als ich, der ich selbst verblendet gewesen war und Schuld auf mich geladen hatte? Mit einem Satz war mir das Bewußtsein dieser Schuld in den Nacken gesprungen und trieb mich wie ein dunkler Reiter vorwärts. Was anderes war es gewesen, als die Angst um mich selbst, die Furcht vor der Inquisition, die mich bewogen hatte, mich zu den Kämpfern zu gesellen und die Ver­wirrung der Seelen zu vermehren. Mich, der ich die Greuel des Krieges zur Warnung hatte aufzeichnen wollen? Ich hatte so viel an mich gedacht, daß ich in diesem Augenblick an mich nicht denken durfte.

Ich weiß nicht, wie es mir gelungen ist, bis an das Gerüst vorzudringen, ich weiß nicht, ob es wirklich diese Gedanken waren, die mich zwangen zu handeln, oder eine andere unbekannte geheimnisvolle Macht, der dunkle Reiter aus meinem Nacken, die mich Martina und meine Liebe vergessen ließen. t .

Während die Menge noch brüllte:Tod den Franzosen!" undSeine Ergebung!" stand ich plötzlich oben auf dem Gerüst neben Saniago Sas.

Landsleute!" schrie ich in den Tumult.Die Wahrheit will niemand hören. Aber es ist manchmal an dem, daß sie sich Gehör erzwingt. Die Fran­zosen haben euch zur Ergebung ausgefordert, und es foll eine Ergebung sein, die euch, eure Frauen, eure Kinder, die ganze Stadt rettet. Wollt ihr es wirklich darauf ankommen lassen, daß eure Stadt gestürmt wird, daß eure Häuser in Brand geschossen, daß euer Hab und Gut in alle Winde zerstreut wird, daß eure Frauen und Töchter geschändet werden? Hier seht ihr die Ergebung, nicht in die Hände der Franzosen, sondern in den Willen Gottes, der Spanien erretten wird, auch wenn Zaragosfa fällt. Und hier seht ihr die ganzen Greuel des Krieges. Hört nicht auf diesen Mönch. Er sagt euch nicht die Wahrheit. Die Wahrheit ist, daß unsere Armeen geschlagen sind, daß Napoleon vordringt und daß uns der Feind an der Kehle hält. Rettet Zaragossa, rettet Zaragosfa, indem ihr euch unterwerft."

Das Schweigen, das meinen Morten folgte, brachte mich jäh zu mir. Es mochte vielleicht nur eine Sekunde gedauert haben, mir schien es endlos lang, lang genug, um mir darüber klar zu werden, welche Torheit ich be­gangen hatte. War ich das noch selbst gewesen, der sich da dem Volk entgegen­gestellt hatte? Es erhob sich eine höhnische Stimme in mir, die sagte: Du hast von der Rettung Zaragossas gesprochen und hast die Rettung Martinas gemeint, und indem du so gesprochen hast, hast du sie aufs Spiel gesetzt und verloren.

Ich sah über dem Rand des Gerüstes einen Kopf auftauchen, der Mi­guels haßerfüllte Züge trug. Er hinkte mühsam die Treppe hinaus. Hinter ihm kam die Pastrana. Sie warf sich mit dem Oberkörper aus die Bretter, zog die Beine nach und lag verkrümmt wie eine große Spinne da, ehe sie sich ausrichtete.

Dann standen sie nebeneinander, Miguel und die Pastrana, und Fuentes deutete aus mich.Habt ihr das gehört, Landsleute? Habt ihr die Worte gehört, die aus dem Gerüst zu euch gesprochen worden sind, aus dem die Feiglinge und Vaterlandsverräter gerichtet werden? Ein Feigling und Vaterlandsverräter hat zu euch gesprochen. Wollt ihr euch das gefallen lassen?"

Endlich antwortete das Volk mit hundertfachem Geschrei:Macht ihm den Prozeß!"

Die Pastrana zeterte:Es ist Goya. Francesco Goya, der Franzosen­freund Goya, der Ritter der Ehrenlegion." a

Mag er sein wer immer", schrie Miguel.Erwürgt ihn ohne Prozeß.

Er hat das Sakrament darauf genommen", heulte Saniago Sas, daß er mindestens einen Franzosen töten wird. Und ich habe es selbst gesehen, wie er über ihre Köpfe weg in die Luft geschossen hat."

Der Mönch wiederholte seine lächerliche und sinnlose Beschuldigung. Aber gerade sie brachte, so sinnlos sie war, die Menge noch mehr gegen mich auf. In meiner Heimatstadt kannte natürlich jeder Gassenjunge meinen Namen, ich war der große Sohn Zaragossas. Sie wären noch geneigt ge­wesen, mir meine Mahnung zur Vernunft zu verzeihen, aber daß ich die Franzosen im Kampf geschont haben sollte, diese Teufel, denen Schonung unbekannt war, das machte mich der Heimat unwürdig. Sie wandte sich von mir ab und verwarf mich.

Mit zornigem Gebrüll stürmten die Leute mit den Fackeln gegen mich los.

Ich zog mich vor ihnen bis an den Rand des Gerüstes zurück. Was ich beabsichtigte, vermag ich nicht zu sagen, vermutlich wollte ich einen Anlaus nehmen, um mich plötzlich vorzuschnellen und den Hausen durch einen Kopfstoß zu zersprengen. Aber da riß ein Zischen und Knattern am Nacht­himmel alle Blicke hoch, mitten über der Stadt stand, einen Schwanz von Funken hinter sich, ein sprühender, wirbelnder Stern.

(Fortsetzung folgt.)

zu, daß du sie wiederfindest, aber nun hat sie dir den Freund verblendet, und du muß ihn niedertreten, um Martina zu gewinnen. Ja, das smd die Züge ihrer Meisterschaft. Ich habe in Ataorid gesucht und gesucht und nicht gefunden. Aber nun weiß ich es sie ist hier. Ach, Francesco, ich glaube nun fast nicht mehr, daß ich es in erster Reihe bin, den ihr Haß verfolgt. Es ist mir beinahe gewiß, daß sie vor allem dir ans Glück und ans Leben will. Sie kämpft auch gegen mich, aber nur weil ich dein Freund bin."

Aber mir ging es um Wichtigeres als um die Singdogmo und ihre Künste:Wirst du mir Helsen, Martina von hier so.-tzubringen?" drängte ich in Siebold. , .

Seine Stimme war müde:Laß mich em wenig nachdenken! Du mußt mir Zeit lassen. Mein Weg durch die Abgründe war anstrengend. Sie mag nicht schlecht gelacht haben, wie ich in dem gelben Nebel herumgetappt bin. Aber nun muß ich mit ihr zu einem Ende kommen, es ist genug ... es ist genug! Ich muß ihrem Treiben ein Ziel setzen."

Verbissene Wut knirschte aus Siebolds Worten. Trotzdem ich von eigenen Sorgen und Aengsten gerade zur Genüge in Anspruch genommen war und alles ichsüchtig aus mein eigenes Selbst bezog, erschrak ich für den Freund. War die Gereiztheit dieser Jagd nach einem Schatten noch weit von den Grenzen des Wahnsinns entfernt?

Komm fort", sagte Siebold,wir wollen Zapater aufsuchen."

*

Wir hatten Glück und trafen Diego Zapster daheim.

Er war eben vom Dienst aus den Wallen gekommen, hatte die Waffen abgelegt und saß bei seiner Mahlzeit, einer Handvoll Oliven und einem Kännchen dünnen Weines. Zapater war noch schwächlicher geworden, als er in meiner Erinnerung stand, der Nahrungsmangel in der belagerten Stadt hatte ihn entkräftet und seinen niemals lebhaften Geist noch herab­gesetzt.

Es hatte sich indessen doch das Gerücht verbreitet, daß ich mich in Zara- gossa besinde. Obwohl sich Zapater offenbar sreute, daß ich gekommen war, um bei ihm zu wohnen, war sein Lächeln etwas mühsam und verlegen. Er sei leider außerstande, uns gebührende Gastfreundschaft zu bieten, er hätte keine Vorräte mehr, wir müßten uns selbst verpflegen.

Machen Sie sich keine Sorgen, Sennor", sagte Siebold,wir haben mitgebracht, was wir brauchen." Er holte ein rundes Büchschen aus Oliven­holz hervor und bot Zapater eine der grünlichweißen Kugeln an, die darin lagen.Nehmen Sie nur", forderte er auf,die Leute glauben, sie müßten sich den Magen vollschlagen, um satt zu werden und zu Kräften zu kommen. Und dann müssen sie den größten Teil wieder ausscheiden; was ihnen zurückbleibt, sind einige wenige Stoffe und Säfte. Nehmen Sie, eine jede solche Kugel enthält eine reichliche Mahlzeit, ohne daß der Umweg des Voll­stopsens nötig ist."

Wir hatten auch insofern Glück, daß Diego Witwer war und sein kleines Haus in einer Seitengasse der Calle del Sepulcro allein bewohnte. Es war niemand da, der uns hätte überwachen und ausspähen können, ein großer VorteU für mich, da ich entschlossen war, nicht zu meiner Truppe zurück­zukehren. Fuentes hatte wohl wieder den Befehl übernommen, ich wollte Zusammenstöße mit ihm vermeiden, und überdies mußte ich mich stündlich für die wichtigeren Aufgaben bereit halten, die mir jetzt noch hier oblagen.

Als wir aus dem Zimmer, das uns Diego angewiesen hatte, zu ihm zurückkamen, fanden wir ihn völlig verändert, heiter aufgeblüht und kraft­voll zuversichtlich.Ach, Sennor", sagte et,was für Wunderpillen haben Sie mir da gegeben. Mit diesen Dingern können Sie ganz Zaragossa aus die Beine bringen."

Ich werde es vielleicht tun", antwortete Siebold ruhig. Dann fügte er zögernd hinzu:Wenn sich Zaragosfa dessen würdig erweist."

Siebold hatte mir befohlen, Zapaters Haus nicht zu verlassen und, meine Unruhe und Ungeduld bemeisternd, fügte ich mich. Er mochte damit recht haben, daß es besser war, mich, da man nun von meiner Anwesenheit wußte, nicht sehen zu lassen, und Diego hatte uns das Wort geben müssen, keiner Menschenseele zu verraten, daß wir unter seinem Dach wohnten.

Drei lange Tage mußte ich mich in Geduld fassen. Ja, es war Siebolds Art, sich über seine Absichten nicht auszulassen und erst dann mit feinen Plänen hervorzutreten, wenn sie zur Ausführung reif waren.

Am Abend des dritten Tages brachte er mir die Erlösung aus der Pein des Wartens. So ruhig, als teile er mir nicht eine Schicksalsbotschaft, sondern eine alltägliche Nachricht mit, sagte er:Sie weiß jetzt, daß du hier bist. Und sie will dich heute Nacht sehen und sprechen."

Ich glaube, daß es mir vielleicht gelänge, den Rausch des Entzückens, der mich überkam, mit dem Stift oder dem Pinsel zu schildern, aber Worte, über die ich ja nur unvollkommen gebiete, sind ungeeignet dazu. Wir wären sogleich aufgebrochen, wenn es nach mir gegangen wäre, aber Siebold hielt mich immer wieder zurück. Endlich um die zehnte Stunde sagte er: Nun ist es Zeit."

Als wir auf die Plaza de la Seo einbogen, sahen wir eine Menschen­menge vor uns, die Kopf an Kopf zwischen die Häuser gestampft war, und ehe wir uns noch hatten zur Seite wenden können, wurden wir von einem Trupp Nachdrängender mit unwiderstehlicher Gewalt vorgeschoben.

Die ganzen Tage meines Verweilens in Diegos Haus über hatte in Zaragossa Ruhe geherrscht. Kein Kampslärm war zu uns gedrungen, unh Diego hatte berichtet, daß die Franzosen in unbegreislicher Untätigkeit verharrten. Nun aber schien wieder eine gewaltige Erregung über die Stadt gekommen zu sein, und aus der Menge stieg Murren und flogen Schreie, die den Worten des Mannes dort vorne auf dem Gerüst antworteten.

Ja, das Gerüst war noch immer aufgeschlagen, auf dem das Gericht über die Vaterlandsverräter und Feiglinge gehalten zu werden pflegte. Es war offenbar eine dauernde Einrichtung zur Drohung und Warnung, und der Mann, der dort oben, von Fackelträgern umringt und allen deutlich sichtbar, zu der Menge sprach, war Saniago Sas.

Zuerst konnte ich nicht deutlich vernehmen, was er sagte. Aber dann schie­nen wir nckhergekommen zu sein oder die leichte Umschleierung meines Gehörs, an der ich in den letzten Tagen wieder gelitten hatte, hob sich, und ich verstand ihn so klar als nur möglich: ...und darauf müßt ihr die Ant­wort geben, Brüder und Kämpser für Christus und die Jungfrau und unfern önig Ferdinand. Und ich weiß auch, was >mre Antwort (ein wird. Sehet, der