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________Ünterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 195! Montag, den
GOYA
UND DAS LÖWENGESICHT
ROMAN VON KARL HANS STROBL
18. Fortsetzung.
Ich war ratlos. War der Mann, der so sprach, noch mein Freund Miguel? Er war einer dämonischen Besessenheit verfallen, ein kleines, steinernes Ungeheuer hockte auf seiner Schulter, ein Scheusal, das mich angrinste und sich seines Sieges freute.
„Du vergißt, Miguel, daß mich Martina liebt. Mich, Miguel I Gibt dir deine Philosophie keinen Trost? Du hast dich mit dem Tod abgefunden wie ein Held, ein Märtyrer, wie Sokrates im Kerker. Nimm aus deiner Philosophie auch den Trost für deine unglückliche Liebe."
Aber Miguel war kein Philosoph mehr. Er war ein Besessener. Sein Gesicht zuckte in Krämpfen, Schaumbläschen sammelten sich in seinen Mundwinkeln. „Sprichst du von Philosophie", schrie er, „anstatt von Freundschaft zu sprechen? Was hast du nicht alles von deiner Freundschaft zu sagen gewußt, solange ich sie nicht gebraucht habe. Lug und Trug und Redensarten. Dem ganzes Leben gehört mir! Du bist zu allem bereit! Hast du das gesagt, Francesco? Und nun ... da sich deine Freundschaft zum erstenmal wirklich bewähren soll ... wie stehst du dürr und jämmerlich vor mir. Zum erstenmal verlange ich etwas Großes von deiner Freundschaft: gib mir Martina!"
Ich hatte es mit einem Verblendeten zu tun, mit einem Irrsinnigen. Mein Mitleid war fort, meine Geduld zu Ende, ich konnte Miguel nicht schonen. „Denkst du so von der Liebe? Glaubst du, daß sie sich abtreten läßt wie ein Pferd, ein Haus, ein Bild? Meine Freundschaft ist zu allem bereit. Du kannst mein Geld haben, meine Freiheit, mein Leben — aber wie kannst du Martina von mir verlangen? Komm zu dir, Miguel!"
Aus welchen Abgründen war der Haß in Miguel emporgestiegen, diese zähnefletschende Bestie, die mir an die Kehle wollte? Weiß Gott, sein Gesicht glich dieser bösartigen Fratze des steinernen Dämons über seiner Schulter. Sein Speichel sprühte, er zischte mich an: „Ich soll zu mir kommen? Oh, ich will zu mir kommen, ich bin schon zur Erkenntnis gelangt, die mich zu mir bringt, zu der Erkenntnis, daß du seit jeher mein Feind gewesen bist, ein feiger, hinterlistiger, gemeiner Schuft. Oh, wie recht hat die Pastrana gehabt, daß sie mich vor dir gewarnt hat." Er hinkte einen Schritt auf mich zu und hob den Stock: „Geh mir aus den Augen, du Schuft. Mach sort! Rasch fort, wenn ich dich nicht niederschlagen soll."
Es hatten sich Leute angesammelt, die Miguels wüstes Geschrei herbeigezogen hatte. Sie sahen einen Verwundeten, einen Mann, der sein Blut für die Freiheit vergossen hatte, sie sahen, daß er sich mit einem andern, einem Unverletzten, im Streit befand und daß er den Stock drohend gegen ihn erhob. Sogleich ergriffen sie Partei gegen mich; ohne viel zu fragen, waren sie bereit, dem Krüppel zu helfen.
Es blieb mir nichts übrig, als mich eilig davonzumachen, geschmäht und verjagt von meinem Freund, den eine Verwirrung seiner Sinne in meinen grimmigsten Feind verwandelt hatte.
Im Grunde war mein Bedauern weniger groß als mein Zorn und meine Beschämung. Eine prüfende Rückschau konnte kein Unrecht an mir finden. Ich hatte gehandelt wie ich hatte handeln müssen. Alle Schuld lag bei Miguel, sofern seine Besessenheit als Schuld anzusehen war.
Und als ich mich darüber beruhigt und mir gesagt hatte, daß eine Wandlung und Einsicht bei ihm doch wohl möglich sei, begann ich sogleich nachzudenken, was ich nun zu tun habe, um mir den Weg zu Martina zu bahnen. Ich wußte ja nicht, unter welchen Umständen sie im Kloster lebte und welche Vorsichtsmaßregeln Avila angeordnet hatte, um sie vor mir zu behüten. Seltsam genug, daß sie nach Avilas Tod nicht nach Madrid zurückgekehrt war. Aber vielleicht wußte man im Kloster Santa Engracia noch nichts davon, daß Martina Witwe war und niemand mehr über sie zu gebieten hatte? Vielleicht hatte Avila ausgemacht, daß sie nur auf seinen ausdrücklichen Befehl heimkommen dürfe, und man wartete vergebens auf diesen Befehl. Ach, wenn die Singdogmo wirklich noch immer nicht überwunden und auch der Mord Avilas ihr Werk war, so hatte sie es damit recht schlau angestellt.
Aber über Martina selbst hatte sie nicht Macht gewinnen können. Sie war behütet durch den Talisman, der seine Kraft behielt, so lange jenes unbekannte ewige Licht in einem Kloster Spaniens brannte. Deutlich genug hatte er seine Kraft bewährt, indem Martina nicht in einem der zahllosen anderen vom Feind verwüsteten Klöster untergebracht war, sondern gerade in Santa Engracia zil Zaragossa, der Stadt, über der die beiliae Jungfrau aus der Säule wachte.
Wahrend ich dem Haus der Goicoechea zuschritt, legte ich mir zurecht, daß »ch mich nun zunächst um einen anderen Freund und Helfer umsehen mußte, der mir Miguel ersetzen könnte. Von dem vermorschten Martino hatte ich nichts zu erwarten, ich hatte mich im Gegenteil vor der Sippe der Goicoechea sorgfältig in acht zu nehmen. Meine anderen Jugendfreunde aus der Lehrzeit zu Zaragossa waren nicht mehr am Leben, vielleicht war noch Zapaters Bruder da, ein schwächlicher Menich, der sich damals dem Unfug, den wir stifteten, immer ferngehalten hatte. Aber er war treu, von begeisterter Verehrung für mich erfüllt, seine Ergebenheit konnte mir die Dienste leisten, deren ich bedurfte.
Als ich Martinos Haus betrat, war ich entschlossen, sogleich auszuziehen und Diego Zapater aufzusuchen. An dem großen Wohnzimmer vorbei, in dem schon wieder das Geschwätz der Weiber und das Klappern der Patronenhülsen angegangen war, schlich ich in meine dunkle Kammer.
Im Winkel auf meinem Mantelsack saß Siebold.
hatte mir willkommener fein können, als gerade er, und er merkte es auch wohl an der stummen Ergriffenheit, mit der ich seine Rechte zwischen meine beiden Hände nahm.
»Wie bist du durch den Feind gekommen?" fragte ich.
„Kem besonderes Kunststück, Francesco", lachte der Doktor, „ich habe mich nicht sehr anstrengen müssen. Ganz ohne schwarzen Nebel ober sonst was. Die Franzosen haben den Gürtel um Zaragossa sehr gelockert."
»Ihr großer Angriff ist abgeschlagen worden. Die heilige Jungfrau auf der Säule hat geholfen."
»Ach was, Jungfrau", meinte Siebold, „es ist ja ganz gut, wenn die Leute hier fest daran glauben. Aber wenn die Franzosen zurückgegangen sind, so haben sie ihre wohlerwogene Absicht dabei. Jeder kann jetzt ohne weiteres m bte Stadt, aber ich glaube nicht, daß irgend jemand hinaus kann. Die Franzosen wollen, daß die Nachrichten von draußen in die Stadt kommen. Die Leute, die sie bringen, sollen nur hierbleiben."
„Was für Nachrichten?"
„Weiß man hier also noch nichts davon? Schlimme Nachrichten, Francesco, schlimm für Spanien und seine Freiheit. Die spanischen Truppen und dw Engländer sind überall im Norden geschlagen, die Engländer sind ins Meer geworfen, Napoleon hat eine Viertelmillion Soldaten gesammelt und schickt sich an, nach Madrid zu marschieren. Diese Nachrichten wollen die Franzosen nach Zaragossa kommen lassen. Der Geist der Verteidiaer soll zermürbt werden."
„Er wird sich nicht zermürben lassen", sagte ich fest, „Zaragossa wird gerettet werden."
Siebold pfiff durch die Zähne. „Ich glaube nicht daran. Oh, es gibt einen, der die Stadt retten könnte. Was hältst du davon, wenn ich von neuen Waffen wüßte, furchtbaren Waffen, von denen niemand anderes weiß? Geschütze, bte Geschosse schleubern, Geschosse, bie zerplatzen und deren hohlem Bauch Gift entströmt, ein böses, giftiges Gas, das alles Lebende tn weitem Umkreis zerfrißt und vernichtet."
„Gib sie uns, gib sie uns!" forderte ich erregt.
»Ich denke nicht daran. Die Menschheit wird diesen Waffen nicht entgehen, sie wächst ihrem Unheil unaufhaltsam entgegen. Aber dieses jetzige Geschlecht ist noch nicht reif dazu. Und so wird Zaragossa fallen."
Ich wollte ihn noch einmal bestürmen, uns seine Waffen zu geben, aber da warf sich plötzlich eine Angst über mich, die mich beinahe erstickte. Er sprach mit so ruhiger Bestimmtheit vom Fall Zaragossas, daß ich ihm, der immer mehr wußte als andere, glauben mußte. All das Gräßliche, dessen Spuren ich auf meinem Weg gesehen hatte, würde sich hier wiederholen, hier, wo sich das holde Wunder meines Lebens befand. Jäh brandete ein grauenhaftes Bild durch mein Hirn: die Leichen der geschändeten Frauen in den Straßen von Calatayud.
Ich verlor die Besinnung. „Siebold, Zaragossa darf nicht fallen", stammelte ich, „Martina ist hier!"
„Martina ist hier?"
„Ja, Martina! Und Furchtbares ist geschehen. Miguel ist mein Feind geworden."
Abgerissen, unzusammenhängend, in Fetzen erzählte ich von Miguels verhängnisvoller Besesienheit und von der Wandlung seines gelaßenen, sicheren Wesens zu verblendetem Haß.
Siebold hatte sich wieder auf den Mantelsack niedergelassen, ein unförmiger Klumpen Düsternis kauerte er schweigend zu' meinen Füßen. Ich hörte das Poltern der Gußformen in der Küche und das flache und dreiste Lachen der arbeitenden Weiber.
Aus dem Schattenklumpen stieg ein blasser Fleck auf, Siebolds Gesicht wandte sich mir zu: „Also darum! Darum!" murmelte er, „und ich habe es nicht durchschaut. Aber nun sehe ich es. Deutlich sehe ich es."
„Was siehst du?"
„Wie du geführt worden bist. Du bist hierher geführt worden. Du und Fuentes. Geführt... gedrängt. Oh, mit aller Schlauheit, deren sie fähig ist. Und ich habe noch dazu geholfen, ich habe dir den Rat gegeben. Erkennst du nicht wieder ihre Hand? Sie hat dir die Geliebte entrückt; nun gibt sie es


