•f»c-anttDort[icb Or. Aons Tbhriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Eteindruckerei. V. Lange, Giebel
Und selbst von auswärts kamen die Leute, sie ließen ihre benagelten Touristenstöcke an der Garderobe stehen und fragten die Aufseher laut und überlegen, wo und an welcher Wand denn die sensationellen Fälschungen aufgehängt seien. Und dann standen sie nicht ohne Lächeln vor den Bildern, nickten zustimmend und fragten beim Weggehen den greisen Portier, wie lange man denn noch diese belanglosen Klexereien hängen lassen wolle. Der aber meinte, das sei nicht seine Sache, sondern die des Herrn Direktors, und im übrigen dürfe man sie noch nicht wegnehmen, da noch so viele Besucher Interesse für die falschen Bilder hätten. .. .
Und damit hatte er recht, denn noch den ganzen Sommer über, bis weit in den Herbst hinein, strömten Einheimische und Fremde unablässig in das einst so verlassene Museum, die alten Aussetzer hatten längst neue blaue Röcke mit goldenen Knöpfen erhalten, das magere Fräulein an der Kasse schaute nicht mehr so ernst vor sich hin, und die Putzfrauen, die früher nur einmal im Monat die blanken Säle ausge- staubt hatten, mußten nun an jedem Abend die große Menge Schmutz zusammenkehren, den die vielen Stiesel tagsüber in die Räume getragen hatten.
Dann aber sah man eines Morgens wieder das auffallend große Auto mit den bärtigen Herren, wieder stiegen die beiden die Treppen hinauf und blieben lange Stunden vor den vier falschen Bildern stehen, während eine Gruppe von neugierigen Besuchern sich um sie und ihre Arbeit drängte. Endlich wandten die beiden sich aufatmend ab, sahen sich einander bedeutsam in die Augen, verließen kopfschüttelnd das Haus und fuhren davon, während die Blicke noch lange ihrem Wagen folgten.
Und als in der Frühe des nächsten Tages die Bürger halbangezogen ihre Zeitung von der Treppe hereinholten, da bemerkten sie auf der ersten Seite ihres Blattes einen langen, mit fchweroerftändlichen Fachausdrücken durchsetzten Aufsatz jener beiden Professoren, der in der beachtenswerten Behauptung gipfelte, daß die Fälschungen der Galerie so über alle Maßen geschickt gefälscht seien, daß man sie fälschlich als Fälschungen bezeichnet habe, und es sich — Gott sei Dank! — in Wirklichkeit doch um echte Arbeiten Albrecht Dürers handele.
„Gott sei Dank!" murmelten auch di« Bürger, und es tat ihnen wohl, daß ihr Galeriedirektor doch nicht solche Dummheiten gemacht hatte, wie sie es allerorts ihm zugetraut. Sie nannten ihn wieder einen klugen Mann und gingen von Stund an nicht mehr in sein Museum, um ihm — wie früher — durch ihr Fernbleiben zu versichern, daß er ihr volles Vertrauen habe und es daher niemandem von ihnen mehr einsallen werde, seine umsichtigen Anordnungen im Museum persönlich nachzuprüfen.
„Leider Gottes!" seufzten indessen die alten Aufseher, sahen betrübt auf ihre blanken Knöpfe, steckten die Köpfe zusammen und stellten mit Bedauern fest, daß nun wohl wieder die schlechte Zeit beginne. , „Leider Gottes!" sagte auch der Direktor, und die es hörten, wunderten sich, daß er mit diesem Ergebnis, das doch endlich den Verdacht gegen die ihm nachgesagte Untüchtigkeit zerstörte, so wenig zufrieden war; denn danach, ob er aus leidenschaftlicher Liebe zu seinen Bildern mit Hilfe von Freunden die Fälschung selbst erfunden und die Kunst, um sie zu erhalten, mit der Sensation verschwistert hatte (in welcher Vereinigung sie allein Aufsehen zu erregen vermag ...!) oder ob wirklich die beiden Forscher einem Irrtum zum Opfer gefallen waren — danach hat niemals ein Mensch gefragt ...
Besuch um Mitternacht.
Von C. G. v Maaßen.
Der englische Dichter Alexander Pope pflegte alljährlich zur Sommerszeit die Stadt zu verlassen, um ein paar Monate auf seinem Landhaufe zu verbringen. Dabei nahm er jedesmal seine gesamte Dienerschaft mit. Er war ihnen ein nachsichtiger, keineswegs gestrenger Herr und nur in einem einzigen Punkte etwas empfindlich. Er konnte es nämlich durchaus nicht leiden, wenn jemand irgendeine Anwandlung von Aberglauben zeigte oder gar, wie es auf dem einsam gelegenen Landhause manchmal vorkam, so etwas wie Gespensterfurcht äußerte. Dann nahm sich Pope die betreffende Person energisch vor, hielt ihr eine kleine Ständrede über die Unsinnigkeit derartiger Vorurteile, schalt ihr schlechtes Christentum, ja, er drohte sogar im Wiederholungsfälle mit Entlassung. Geduldig widerlegte er alle Einwände und hielt von Zeit zu Zett kleine Vorträge über Glauben und Aberglauben.
Da war es denn wie eine Ironie des Schicksals, daß gerade ihm, dem fanatischen Aufklärer, der sich über die Torheit des Geisterglaubens nicht genug ereifern konnte, jenes Erlebnis mit dem rätselhaften Spanier, zustoßen mußte, das seinen sonst so klaren Kopf auf längere Zeit in Verwirrung fetzte.
Pope war zu Beginn der Sommerszeit einmal wieder auf sein Landhaus hinausgezogen. Von der Reise ermüdet, legte er sich des Abends schon sehr zeitig ins Bett, nachdem er vorher gewohnheitsmäßig alle Zugänge zu seinem Schlafzimmer, das ihm zugleich als Arbeitsraum diente, fest verschlossen hatte. Es mochte Mitternacht sein, als ihn ein leises Klopfen an seiner Stubentür weckte. Er fuhr empor und rief, ein wenig unwillig über die Störung, „herein", ohne im Augenblick des Erwachens daran zu denken, daß bei den verschlossenen Türen niemand eintreten konnte. Aber — siehe da! — die Türe öffnete sich und der Dichter erblickte im matten Scheine seiner kleinen Nachtlampe die stattliche Gestalt eines ernst dreinschauenden Mannes in spanischer Tracht, der wortlos, ohne sich um den im Bette Liegenden zu kümmern, durch das Zimmer auf einen Tisch zuschritt, ein darauf liegendes Buch ergriff, den Titel aufschlug und anscheinend in große Verwunderung darüber geriet. Pope, dem es auch nicht für einen Augenblick in den' Sinn kam, den ungenierten Besucher für eine Erscheinung überirdischer Natur zu halten, geriet in helles Erstaunen über den unbekannten Eindringling, der zu so ungewöhnlicher Stunde kam, und fragte etwas vorwurfsvoll, womit
er dienen könne. Der Spanier schaute den Fragenden eine Weile mit großen Augen an, schüttelte nachdrücklich mit dem Kopf, aber sprach kein Wort, sondern wandte sich zum Bücherschrank, dessen Glastür er öffnete, zog ein paar Bücher heraus, durchblätterte sie und stellte sie dann wieder an ihren Platz. Dabei bemerkte Pope, daß dieser ungebetene Bücherfreund alle Bücher verkehrt wieder in das Fach stellte, so daß die Rückentitel auf den Kopf zu stehen kamen. Pope überlegte, was der sonderbare Fremde damit wohl ausdrücken wollte. Endlich sprang er aus dem Bett, zog den Schlafrock über, zündete zwei Kerzen an der Nachtlampe an und klingelte seinem Diener. Dann ergriff er eine geladene Pistole und ging entschlossen auf den Spanier los.
„Herr", rief er, „ich möchte wissen, wer Sie sind. Aus welche Art sind Sie durch die verriegelte Tür gekommen, und was gedenken Sie hier zu tun?"
Der Spanier blickte spöttisch auf die vorgehaltene Pistole, dann mit großen Augen auf Pope, zuckte die Achseln und letzte zwei Finger über seinen Mund. Der Dichter, empört über dies gleichgültige Benehmen, rief: „Herr, keinen Spott, wenn ich bitten darf! Ich bin hier Herr im Hause und erwarte Antwort oder —" Hier richtete er wieder die Waffe gegen den Besucher. Ohne die Miene zu verändern, schlug der stumme Gast seinen Mantel auseinander und bot die entblößte Brust der zu erwartenden Kugel dar. Als jedoch kein Schuß erfolgte, wandte er sich wieder zu den Büchern und blätterte ruhig weiter.
Dies unbegreifliche Benehmen fetzte Pope nicht wenig in Verwirrung. Leere Drohungen fruchteten offensichtlich nichts, schießen mochte er nicht, wie sollte er nur hinter das Geheimnis des seltsamen Gastes kommen? In seiner grenzenlosen Verlegenheit nahm er eine Kerze und beleuchtete damit den Spanier von allen Seiten, faßte ihn scharf ins Auge und betastete dann dessen seidenen Talar, ja sogar dessen Hände. Der Fremde ließ alles ruhig mit sich geschehen, bis er plötzlich der ganzen Szene dadurch ein Ende bereitete, daß er den Bücherschrank wieder verschloß, den Schlüssel abzog und ihn mit einer leichten Verbeugung in Popes Hände legte. Dann wandte er sich kurz um und schritt in stolzer Haltung zur Stube hinaus.
Gleich darauf erschien Gustav, der sehnlichst erwartete Kammerdiener, und entschuldigte sich, daß er sich nicht so rasch habe ermuntern und ankleiden können.
„Hast du den Spanier gesehen?" fragte ihn fein Herr hastig.
„Er ist mir auf der Treppe begegnet, es schien mir, als ob er von Ihnen käme."
„Allerdings, aber was hatte der Mann um Mitternacht bei mir zu suchen? Wie kommst du dazu, fremde Menschen ins Haus und unangemeldet in mein Schlafzimmer zu lassen?"
Gustav versicherte seine Unschuld, er habe den Herrn nicht herein- gelassen, die Haustür sei verschlossen, und er habe bis zu dem Augenblick des Klingelns geschlafen. Dann leuchtete es in feinem Gesicht auf, und er rief:
„Endlich hat Sie dies gutmütige Gespenst auch besucht. Es wird Ihnen gewiß nichts Böses zugefügt haben. O, es ist mir lieb, daß Sie es kennenlernten. Wir, Ihre Dienerschaft, haben den Spanier schon feit Jahren recht häufig im Landhaus umherwandeln sehen. Nie hat er uns etwas zuleide getan, nur erschreckt hat er uns sehr. Jetzt achten wir seiner gar nicht mehr, da wir es von Ihnen, Herr, gelernt haben, daß die Gespenster keine Macht besitzen, uns zu schaden."
Pope stand staunend und fragte, warum man ihm denn nie etwas von diesem Geiste gesagt habe.
„Wir fürchteten unsere Entlassung, Herr, und dann glaubten wir, daß auch Ihnen das Gespenst wohlbekannt und sogar die Ursache sei, weshalb Sie uns so ernstlich ermahnt haben, an keine Geister zu glauben."
Der Dichter stand in Nachdenken versunken. Fast war er geneigt, an ein gegen ihn geschmiedetes Komplott seiner Leute zu glauben, die seinen Unglauben ein wenig korrigieren zu müssen vermeinten. Dann aber verwarf er wieder jedes Mißtrauen und hatte nur das Gefühl, hier gerade keine glänzende Nolle zu spielen. Der Diener Gustav empfand Mitleid mit seinem philosophischen Herrn und redete ihm zu, sich wieder schlafen zu legen, denn zweimal käme der Spanier niemals in einer Nacht. Da ihm der Vorschlag nicht ungelegen tarn, ging Pope, ein wenig beschämt, wieder zu Bett, besohl seinem Gustav, bei ihm zu bleiben, grübelte noch ein wenig über den wunderbaren Vorfall nach und schlief endlich ein.
Beim morgendlichen Erwachen vermißte er seinen Diener, dem er doch befohlen hatte, bei ihm zu bleiben. Er klingelte, Gustav kam und klopfte draußen an die Stubentür, damit ihm geöffnet würde. Pope stutzte, da er den Riegel vorgeschoben sand, wie er es am Abend norm Zubettgehen getan hatte. Kaum befand sich der Diener im Zimmer, als fein Herr mit einem Sturzbach von Fragen über ihn herfiel: warum er ohne Erlaubnis das Zimmer verlassen, wie er herausgekommen, da doch die Tür noch von innen verriegelt wäre, ob er etwa mit dem Spanier im Bündnisse stehe, vielleicht sogar mit ihm identisch sei, und anderes mehr.
Gustav begriff von all dem Gesagten kein Wort, sondern staunte seinen Gebieter mit offenem Mund an. Es dauerte eine geraume Zeil, bis beide sich verstanden. Pope besah den Bücherschrank und fand alle Bücher so ordentlich darin stehen wie sonst. Keines von ihnen stand auf dem Kopf. — Nun fragte sich der Dichter, ob nicht vielleicht das Abenteuer der vergangenen Nacht nur ein sehr lebhafter Traum gewesen sei, der an Farbigkeit der Wirklichkeit nichts nachgestanden. Und Gustavs Aussagen schienen das zu bestätigen. Er versicherte mit einem Eide, die ganze Nacht nicht van seinem Lager gekommen zu sein, feinen Herrn um Mitternacht weder gesehen noch gesprochen zu haben und von einem spukenden Spanier überhaupt nichts zu wissen. Pope war von feiner Ehrlichkeit überzeugt, entließ ihn und sann darüber nach, wie es möglich fei, daß ein so nüchterner Kops, wie ihn eben doch nur ein Philosoph auf seinen Schultern tragen konnte, sich so gründlich von einem Traumbiw habe narren lassen können.


