Friedrich Krupp und sein Erbe.
Vlm vr. Wolfgang M e j« r.
Anno Domini 1587 nahmen die ehrbaren Herren der Großen Kaus- , Ibe der in Handel und Gewerben blühenden Stadt Essen ein neues Mitglied in feierlicher Versammlung auf. Arndt Krupp hieß der zu- i-jogene Kaufmann. Er entstammte altangesehener Familie aus rheini- i-jen Landen. Die Akten des „Schmidtamptes", in das er ebenfalls ein- aat, bezeugen, ,chaß gedachter Krupp darauf mit Eisen und Stahl allhie ii Cszen gehandelt habe".
Seither treffen wir unter den führenden Köpfen in Wirtschaft und lrrwaltung der arbeitsamen Ruhrstadt immer wieder Träger des Hamens Krupp. Nicht nur Männer, sondern auch Frauen. Wie seltsam , rührt es, daß just in der empfindsamen Zeit des Rokoko eine junge [jjfener Bürgersfrau nach ihres Mannes Tode nicht allein die Sorge nn die Erziehung ihres erst vierjährigen Knaben auf sich nimmt, fon- I m die Last des hinterlassenen, bedeutenden Handelsgeschäftes und beachtlichen Grundbesitzes dazu! Amalie Krupp-Ascherfeld, selbst Frossin eines Altessener Kaufherrngeschlechtes, leitete auch nach des iohnes Peter Volljährigkeit über ein halbes Jahrhundert lang mit be- mndernswerter Klugheit und Tatkraft die Geschäfte der Familie Krupp. Sie erwarb die Walkmühle vor Essens Toren, auf deren Grundstück (iiter die ersten Bauten der Gußstahlfabrik erstanden, und die „Gute- i ssnungshütte" bei Sterkrade. Amalie Krupp lenkte auch im wesent- ifjen den Werdegang ihres vor nunmehr 150 Jahren, am 17. Juli 1787, iborenen Enkels Friedrich Krupp, der schon im achten Lebensjahr den hier verlor.
Wie seine Ahnen, sollte Friedrich Kaufmann werden. In der Gute- i ssnungshütte, deren geschäftliche Leitung ihm schon in jungen Jahren c oertraut wurde, erwachte seine Neigung zu technischen Dingen. Die sotzeit der Kriege Napoleons bereitete dem erst Einundzwanzigjährigen, ir eben mit der Kaufmannstochter Therese W i l h e l m i die Ehe gelt [offen hatte, die erste herbe Enttäuschung. Die Geschäftslage der Jn- i. strie wurde bedenklich. Amalie Krupp-Ascherfeld verkaufte darum die üutehofsnungshütte um 37 800 Rsichstaler an die Kaufleute Jacobi, fnyffen und Hantel. Friedrich zog mit feiner jungen Frau ins (aus der Großmutter und gründete mit ihrer Beihilfe ein Jmport- züchäft für Kolonialwaren, das anfangs gut gedieh.
Napoleon verschärfte die Kontinentalsperre gegen die britischen Waren, f iedrich Krupp entschloß sich, das schwer beeinträchtigte Einfuhrgeschäft Hutter aufzugeben. Als Erbe der inzwischen verstorbenen Großmutter sei er sich zudem in der Lage, sich ganz für die Aufgabe einzufetzen, ifc ihn innerlich längst erfüllte: Die Herstellung hochwertigen Guhstahles.
Gußstahl — das war für die Technik des europäischen Festlandes biinols ein Problem, fast wie der „Stein der Weißen" für die Alche- irfften des Mittelalters. England allein war in der Lage, vorzüglichen liißstahl zu erzeugen. Die Abschnürung Europas von Großbritannien durch Napoleon hatte der Industrie der Festlandstaaten bewiesen, welche & fahr in der völligen Abhängigkeit vom englischen Markt lag.
Im Jahre 1811 lernte Friedrich Krupp zwei Brüder namens K e ch e l b n Ke chlau kennen. Sie nannten sich „Stahlfabrikanten" und bc- fruipteten, das Geheimnis des Flußmittels zu besitzen, von dem man dtnals das Gelingen des Stahlgusses abhängig glaubte. Mit den ködern Kechlau schloß Friedrich am 20. November 1811 einen Ver- h;g zur Errichtung einer Gußstahlsabrik unter der Firma „Friedrich S*upp in Esse n". Das war der Geburstag des Werkes, das einst kmtschlands Waffenschmiede werden sollte I
Nach unerfreulichen Verhandlungen trennte sich Friedrich Krupp von Inen Teilhabern. Sie traten in niederländischen Heeresdienst und waren bi" Sorgen enthoben. Krupp aber hatte für Bauten und Versuche 32 000 Wchstaler verausgabt, hatte dafür bereits 20 000 Taler fremden Kapi- Ito geliehen
Unerschüttert war jedoch Krupps Glaube an das Gelingen feines B?rtes; jetzt, nachdem er durch die Versuche reiche Erfahrung gesammelt mb seine Kenntnis in ernstem Streben vertieft hatte, erst recht! Gerade timals las Friedrich Krupp in den Zeitungen eine Veröffentlichung des st ußischen Oberbergamtes, daß einem Stahlfabrikanten Friedrich N >. - it lai „das ausschließliche Recht in den Königlich preußischen Pro- linjen zwischen der Elbe und dem Rhein, Gußstahl vermittelst der von vn erfundenen Beschickung anzufertigen", genehmigt sei. Dieses Patent Mte Krupps Arbeitsmögllchkeit in Frage. So schloß er sich mit J"1C0‘a|, «i einen Fabrikanten zur Auswertung seiner Erfindung suchte, zu- BTimen. Wieder eine große Enttäuschung. Auch Nicolai, der vom ötarne taeits erhebliche" Zuschüsse bekommen hatte, gelang der Stahlguß nicht, ti konnte auch die vertraglich übernommene Kapitalanlage gar nicht Möringen. Krupp verlangte behördliche Untersuchung. Sie verlief Werschmetternd für Nicolais Eignung und Kenntnisse. Aber sie trug k»lh Krupp eine Fülle zermürbender Aufregungen, jahrelangen Prozeß, ioiubergehend sogar Stillegung des Betriebes ein. Zudem war Krupps »i^mögenslage sehr erschüttert, das Vertrauen der Kundschaft unter- ■|tiben.
[Dennoch läßt sich Friedrich Krupp nicht vom Schicksal niederzwingen, geht er wieder ans Werk, und jetzt allein, mit einem aus der inst jchen gewonnenen Erfahrung entwickelten eigenen Verfahren. Run ngt es. Noch im selben Jahre verlassen die ersten Gußstahlliefe- !>>-gen, bald auch fertige Werkzeuge, Krupps Fabrik Seme Munz- e-ipel werden von den Staatsstellen glänzend bewertet 1819 beschaf- äS er wieder neun Arbeiter und glaubt sich auf dem Wege zum yie*. .Die wachsende Zahl der Aufträge, die Ungunst der örtlichen Lage
Fabrikbauten veranlassen Friedrich Krupp zu Neubauten, zur Auf- ? me neuen Kredits. Die Schuldenlast wächst, und gerade jetzt beginnt l[pp kränklich zu werden. So gut wie sichere Staatsauftrage bleiben U:- Vergeblich opfert Friedrich Krupps Mutter ihren Besitz für den ff’ Sorge und Krankheit haben seine Widerstandskraft gebroche . «Ibittert zieht er sich mit den Seinen — vier Kmder lßtt ihm seine geschenkt — in ein ehemaliges Aufseherhauschen bei der Fabrik
zurück. Der Betrieb steht fast still. Das uns heute kaum Glaubliche geschieht: 1826 wird Krupp aus der Liste der steuerpflichtigen Gewerbetreibenden gestrichen.
Am 8. Oktober 1826 erlöst der Tod den kranken, von Fehlschlägen und Sorgen um die Seinen früh zermürbten Mann. Drei Tage vor seinem Tode macht Friedrich sein Testament. Er bestimmt darin, daß die Fabrik, die er Frau und Kindern hinterläßt, weitergesührt werde. Bis zum letzten Augenblick glaubt er an fein Werk, an die Zukunft des Namens Krupp.
Vierzehn Jahre war Alfred Krupp alt, als er die Nachfolge des Vaters gemeinsam mit seiner klugen, opferwilligen Mutter antrat. Verödet lagen die Werksräume. Mit vier Arbeitern, die den Vater im Unglück nicht verlassen hatten, beginnt der junge Krupp, fast ein Knabe noch. Ist, wie er selbst später schreibt, „Prokurist, Kassierer, Korrespondent, Schmied, Schmelzer, Koksklopfer, Nachtwächter am Koksofen und sonst noch mehr" Das heißt vor allem, sein eigener Reisevertreter. Weite Teile Deutschlands, Oesterreichs, die Schweiz, Belgien, die Niederlande, England, Frankreich, Rußland besucht er. Nachts schaukelt er in der Postkutsche, tagsüber besucht er Kunden, studiert fremdes Wirtschaftsleben. Krupp ist nicht sehr kräftig, bricht mehrmals zusammen. Immer wieder reißt er sich hoch. Mehr noch: Alfred Krupp hat die technische Begabung vom Vater ererbt und nutzt sie zu ständiger Verbesserung seiner Erzeugnisse. Mit Münzstempeln und Werkzeugen beginnt er, wie der Vater. Bald sind dank Alfreds Wirken Gerät« von Krupp weitgeschätzt.
Großtaten folgen: Im Sturmjahr 1848 liefert Krupp als erstes Werk der Welt Eisenbahnachsen aus hochwertigem Tiegelstahl 1851 gehen aus Krupps Fabrik die ersten nahtlosen Radreifen für Schienenfahrzeuge in die Welt. Sie geben dem jungen, modernen Verkehrswesen einen neuen Aufschwung und tragen den Namen Krupp über die Erde. Im gleichen Jahr zeigt Krupp auf der ersten Weltausstellung in London einen Tiegelstahlblock von dem damals unerreichten Gewicht von mehr als zwei Tonnen und daneben das erste je gebaute Gußstahlgeschütz. Es leitet einen neuen Abschnitt der Wasfentechnik ein. Als sich Preußen zur Einführung dieser Geschütze entschließt, als M o l t k e feine siegreichen Schlachten mit Kruppkanonen schlägt, ist Krupps Aufstieg zum „Kanonenkönig", zu der industriellen Großmacht gesichert.
Als Alfred Krupp vor nunmehr einem halben Jahrhundert, am 14. Juli 1887, verschied, zählten seine Werke 21000 Werksangehörige. Unter Alfred Krupps Nachfolgern ist das Unternehmen an wirtschaftlicher Bedeutung und Ausdehnung der Arbeitsgebiete noch erheblich gewachsen. Zu den entscheidenden Taten Alfred Krupps gehört aber auch sein Wirken auf sozialem Gebiete. Schon vor mehr als hundert Jahren hatte Krupps Fabrik eine Werkkrankenkasse. Bereits 1861 standen die ersten Arbeiterwohnhäuser des großartigen Siedlungswerkes Alfred Krupps, das bis in die Entwürfe der Bauten hinein feinen eigenen Gedanken entsprang, das bahnbrechend für das gesamte Siedlungswesen wurde. Vorbild für die ersten Kruppschen Siedlungshäufer war das heute noch in Ehren erhaltene Häuschen, in das sich einst Friedrich Krupp zurückgezogen hatte, das „Stammhaus" auch für Krupps soziales Werk.
Die Sensation.
Eine Geschichte von Karl Ude.
Als die Bildergalerie der kleinen Stadt, die eine Reihe wertvoller alter Meister enthielt, so sehr von den Bürgern und Fremden vergessen war, daß nur noch die müden, alten Aufseher gähnend durch die Hellen Flure schlichen, da fuhr eines Tages ein schwerer Sechssitzer vor dem Hause vor, zwei bärtige Herren mit goldenen Brillen fliegen kurzatmig die Treppe hinauf und blieben so ungewöhnlich lange Stunden in der kühlen Galerie, daß die Leute in der Stadt davon zu sprechen begannen.
Am nächsten Morgen, als der große Wagen mit den beiden Herren längst wieder verschwunden war, mußten die erstaunten Bürger in ihren Zeitungen lesen, daß zwei angesehene Kunstgelehrte ihr Museum besucht hatten und dabei zu der betrüblichen Feststellung gelangt waren, daß vier von den fünf Dürer-Bildern, die der Werbeprospekt des Verkehrsvereins stets als den Stolz eines jeden Bürgers bezeichnete, leider, leider nicht als echt und von des Meisters Hand gelten dursten, sondern als — zwar geschickte, aber immerhin überschätzte — Fälschungen eines Unbekannten. Die seltsame Behandlung der Falten in den Gewändern der dargestellten Figuren, aber auch der Pinselstrich wiesen eindeutig darauf hin, daß es sich nicht um Werke des Albrecht Dürer handeln konnte.
Am gleichen Nacbmittag noch drängten sich vor dem mageren Fräulein an der Kasse des Museums so viele Menschen, daß sie in einer langen Schlange anstehen muhten, bevor sie ihre Eintrittskarten erhielten. Dann stürmten erregte Scharen die Treppen hinauf, und wieder gab es ein bewegtes Gedränge in jenem Saal, in dem die Fälschungen geruhsam in einem guten Lichte aufgehängt waren. Manche der Besucher hatten Lupen mitgebracht und setzten ihren Nachbarn die Gründe für die Fälschung auseinander, die am Morgen in ihrer Zeitung aufgezählt worden waren. Und schließlich, als sie alle sich überzeugt hatten, zogen sie weiter, durch sämtliche Räume der Galerie, und blieben vor jedem Bilde stehen, wieder mit ihren Brillen und Vergrößerungsgläsern nachschauend, und dann schien es Urnen, als (ei auch unter den übrigen manches, das nicht von dem stammte, dessen Namen aus dem kleinen blanken Schildchen unter dem Rahmen angegeben war. Sie begannen auf den Leiter des Museums zu schelten, der die Bilder für hohe Summen, wie man sich erinnern konnte, seinerzeit gekauft und nun ihre Stadt vor oller Welt so kümmerlich blamiert hatte, und ihre Entrüstung dauerte noch fort, als sie längst wieder auf dem Heimweg sich befanden.
Auch die Lehrer erinnerten sich jetzt des Museums, das ihre Stadt besaß, und sie führten ihre Schulklassen geschlossen in den Vormittagen in die Galerie. Dabei nahmen sie eine Mappe mit Dürer-Kunstdrucken unter dem Arme mit und machten ihren Kindern an dem Vergleich mit den echten Bildern klar, wie einfach die plumpe Fälschung der Gemälde erkennbar war und daß sie selber vor Jahren schon, als sie die Bilder zum letzten Male ongeschaui hatten, den Eindruck gewannen, es handele sich bei den fraglichen Werken um Täuschungen.


