Ausgabe 
16.7.1937
 
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es dabei fein

(Fortsetzung folgt.)

Von

Oie Laube.

Johann Heinrich Voß*.

den Weg zu einem verschlossenen gemauerten die Werkzeuge aufbewahrt wurden.

hatte Ich keine Zeit, mich um den Erfolg zu kümmern, denn aus dem Klumpen von Menschen, der an Siebold hing, loste sich einer der Keile ab uiid sprang mit erhobener Faust auf mich zu. Ob er ein Messer dann hielt weiß ich nicht, ich packte ihn mit der Linken am Arm und riß ihn mit einem plötzlich drehenden Ruck aus dem Schultergelenk und zu- gleich fuhr ich ihm mit dem Daumen der Rechten ins Auge. Mit raschem Vorstoß und Druck trieb ich ihm den Augapfel aus der Hohle. Ich tat es ungern, denn wer weih besser als ein Maler, welches Himmels qeschenk das Augenlicht ist; aber was blieb mir anders übrig, um mich eines Angriffs zu erwehren, der mir keine Zeit lieh, nach meinem Messer 3U Brüllend brach der Mann zusammen, und ich war eben im Begriff mich auf die Leute zu werfen, mit denen Siebold rang. Aber im selben Augenblick stieß er seine Bedränger mit einer Kraft, die ich nie in ihm vermutet hätte, von sich, und nun geschah etwas ganz Unerwartetes. Ich sah nicht, was das Ding war, das Siebold blitzschnell irgendwoher herausholte, er schleuderte es zu Boden, ich hörte das Zerklirren eines Glases, und gleich darauf stieg eine dicke fchwarze Rauchsäule vor unseren si-üßen auf. Eine Sekunde darauf war aus der Sau e eine Wolke geworden, die uns alle, Angreifer und Angegriffene, einhullte, so dicht, als sei die ewige Nacht hereingebrochen und alles Licht für immer aus der Welt genommen. , . ,,

Eine Hand erfaßte die meine.Rasch fort!" keuchte Siebold. ,

Mit einigen Schritten waren wir aus dem Bereich der Finsternis, die wie ein Klumpen hinter uns liegen blieb, ein Klumpen Schwarze, gemischt mit Schreien, Brüllen und Anrufungen der Gottesmutter. Wir liefen die Straße hinab, aber ehe wir noch ihr Ende erreicht hatten, sprang Siebold plötzlich auf ein Haustor zu.

In den Schatten der vorgerückten Halbfaulen gedruckt, stand ein Mensch. Siebold hatte ihn am Arm gepackt und zog ihn hervor,fiter haben wir den fierrn Kommandanten!" sagte er.Komm nur her, mein d^Der" Mann hatte keinen Widerstand geleistet. In Siebolds fiand blitzte ein Licht auf. Es kam aus einer kleinen viereckigen, flachen Laterne die ein einziges rundes Auge hatte, das die Strahlen zu einem Bündel 'sammelte und scharf heroorschoh. Sie beleuchteten ein gedunsenes, bla es Gesicht, dessen Augen sich zwinkernd des grellen Lichtes erwehrten, und dieses Gesicht war das des widerwärtigen Menschen, des Gil

rte Fühestampsen, Stöhnen und Fluchen. Ich zog zusammen und schnellte ihn aus, wohl überraschend für den W> mich besinnungslos glaubte. Ich wälzte mich zur Seite, so daß er neben mich zu liegen kam und gleichzeitig packte ich das Bein des Mannes über mir mit einem Griff, den ich vor Zeiten von einem mexikanischen Matrosen, einem Halbindianer, gelernt hatte. Wieder bewährte sich das Erinnerungsvermögen der Muskeln, der Mann fiel um wie ein fiolz und schlug mit dem Kopf gegen die Kante eines der Steine, die in den Straßen Madrids zum Aufsitzen auf die Pferde dienen.

Indessen machte der Mann, den ich abgeschüttelt hatte, Anstalten, sich zu erheben, da wandte ich mich um und trat ihn mit dem Absatz meines Schuhes ins Gesicht und ich sah noch so viel, daß es Martinchos Gesicht war, in das ich da mit aller Kraft hineintrat. Es muh ein guter Tritt gewesen sein, denn als ich ihn später wiedersah, konnte ich feststellen, daß er ihm einen Teil seiner Vorderzähne gekostet hatte. Für jetzt

Roch etwas fiel mir plötzlich ein.Wann und wie hast du diesen »u,rl. M.

mochte etwas in meinem Wesen sein, das es ihm geratener erscheinen lieh Antwort zu- geben.Er lag eines Morgens innerhalb meines fiaustores auf dem^Fiur. Am Morgen des Tages nach deiner Abreise "°^Am°Morgen nach meiner Abreise! Zu einer Zeit, da mein Ent­schluß mich nun für immer mit Martina zu vereinigen, in mir felbst noch nicht herangereift war. Was damals noch im Dunkel meines 2BiUen5 gelegen hatte, was ich noch nicht im Ernst erwogen hatte, war hier schon mit ^aller Bestimmtheit ausgesprochen. Der Schreiber hatte mehr gewußt als ich selber damals wußte.

Es war in der Tat ein seltsamer namenloser Brief.

Ich steckte ihn und mein eigenes Schreiben in die Tasche, und als Bayeu seine fiand danach ausstreckte, erschrak er vor mir und zog sie gleich wieder zurück. Er hatte wohl die Beweise gegen mich bei jtd) behalten wollen, aber es bedurfte keiner Beweise, ich dachte gar nicht daran irgend etwas abzuleugnen und mich reinzuwafchen.

Weiß es Jofepha?" fragte ich nur.

Sie weiß es. Aber sie hat durchaus nicht gewollt, daß Avila etwas davon erfährt. Ich habe, getan, was ich tun muhte. Ich nehme die Verantwortung auf mich." . .. ~

Josepha muhte es, nun gut, das erleichtert mir die Sache. Mochte es dabei sein »eroenöen haben, nun konnte ich ohne Umschweife aus mein Ziel losgehen, sobald .., ja, sobald nur Martina erst ge-

^Es ist also wahr, was in dem Brief steht?" lauerte Bayeu.

'Ja, es ist wahr", gab ich unumwunden zu

Baveu warf sich in die Brust, geschwellt von dem Bewußtsein seiner sittlichen Erhabenheit über mich und von dem Stolz, die verletzte fieuig« feit der Ehe rächen zu können.Dann ist es ja gut , sagte er,daß ich dir einen Strich durch die Rechnung gemacht habe ,

Und er verlieh meine Werkstatt erhobenen Hauptes, aufgebläht rote ein Truthahn. Er nahm die Genugtuung mit sich, ein Strafgericht über mich verhängt zu haben. *

Seine Genugtuung wäre noch größer geroefen, wenn er gewußt hätte, in welcher Bedrängnis er mich zurücklieh. Ich lief auf und ab wie em gefangenes Tier, ich war unfähig, einen Gedanken bis ans Ende zu verfolgen. Martina, Avila, Bayeu, Jofepha, der unbekannte Schreiber des Briefes, eine verhüllte dunkle Gestalt es war ein Hexentanz wechselnder Gestalten, der mich umringte. Und um meine Beklemmung zu vergrößern, fuhr immer die Mahnung an das Schicksal meines Freun­des Fuentes dazwischen, dessen Hinrichtung morgen bevorstand. Hinter dieser grausigen Gewißheit löste sich bisweilen alles andere tn ein Ge­rn oge von Dünsten auf. Ich war wie die Erde der Mancha tn einem langen, glühenden Sommer, völlig ausgetrocknet, von Sprüngen zer­rissen, während die Ferne vom Trug der Luftspiegelung zittertt

Es gab einen einzigen Menschen, bei dem ich mir jetzt Rat und Hilfe holen konnte. Aber ich sand Siebold nicht daheim. Ich traf ihn auch beim zweiten und drittenmal nicht an, nicht an diesem und nicht am folgenden Tag, ich lief in Endeslants Quartier, um ihn nach feinem Oheim zu fragen. Auch Endeslant war nicht zu finden. Schließlich suchte ich meine Unruhe damit zu befchwichtigen, daß ich mir sagte, ich dürfe in Siebold unbedingtes Verttauen fetzen, ein Vertrauen, das er noch tue getäuscht hatte. .....

Er täuschte es auch diesmal nicht. Er kam am Abend des nächsten Tages, als ich schon von meiner Angst fast aufgerieben war und in dem Augenblick, in dem er in meine Werkstatt trat, war auch meine Zuversicht auf einen glücklichen Ausgang wieder da.

Es hat unendliche Mühe gemacht", sagte er ruhig,aber nun dürfen wir hoffen, daß wir ihn retten."

Und wann ...?"

Er soll heute Abend hingerichtet werden. Gehängt, Francesco, nicht erschossen, sie gönnen ihm nicht einmal einen ehrlichen Tod. Es ist Zeit. Komm mit mir."

Wir schlugen den Weg nach dem Koster Monserrat em. Siebold vermied die großen, belebten Straßen und sührte durch das Gewirr alter enger Gäßchen. Er schwieg, und ich unterließ es, ihn nach seinem Plan' zu befragen, denn ich wußte, daß er nur bann sprach, wenn er

K Mit des Jubels Donnerfchlägen,

Gab die Wolke Gottes Segen;

Und der Fluren Opferduft Wallet lieblich durch die Luft.

Und die Wolke steht, umzogen Von des Friedens Hellem Bogen, Unter dem die Flamme spielt. Die des Tages Glut gekühlt.

Und die Sonn' am blauen Himmel, Rings umschwebt von Glanzgeroimmel! Und das grüne Weizenthal, Ueberftrömt vom mildern Stral!

Wie mit Brautgeschmeide, funkeln Mohne, Rosen und Ranunkeln;

Bienen suchen Honigseim, Sumsen goldgeflügelt heim!

Alle Kreaturen loben, Wachteln unten, Lerchen oben, Und die Heerd' am Bache springt, Und der frohe Bauer singt!

Und da wandelt Ernestine

Forschend durch des Gartens Grüne, Achtet nichts, erblickt mich hier In der Laub', und fliegt zu mir!

* Wir entnehmen dieses für feine Entstehungszeit charakteristische Gedicht des Idyllikers und Homer-Uebersetzers Voß (1751 bis 1826) der Poetischen Blumenlese für das Jahr 1778. Herausgegeben von Iah. Heinr. Voß, Hamburg, bey Carl Ernst Bohn". Das winzige Bändchen, einer der damals überaus beliebten Musenalmanache, hat uns im Ori­ginal Vorgelegen; es stammt aus Gießener Privatbesitz und wurde uns freundlichem eise jur Einsicht überlassen. DieBlumenlese" enthalt u. a. Beiträge von Klopstock, Stolberg, Bürger, Lenz, Hölty und Claudius und dars als eine literarische Kostbarkeit bezeichnet werden. Die alte Schreibweise des Originals ist beibehalten. Die in der letzten Strophe genannte Ernestine, geb. Boie, war 1777, also kurz vor dem Erscheinen des Almanachs, die Gatttn des Dichters geworden.

sprechen wollte.

Eben bogen wir in die schmale, dunkle und ganz einsame Calle de Silva ein, da erhielt ich plötzlich einen Hieb über den Kops, der mich für einen Augenblick betäubte. Es war mir, als stürze ich kopfüber in ein dunkles Loch, aber mein Bauernschädel hatte offenbar eine feste Knochenrinde um den Sitz des Bewußtseins, denn gleich darauf wußte ich wieder, wo ich mich befand. Ich lag auf der Straße, jemand wuchtete auf mir und versuchte mir den Hals zufammenzudrücken, während ein anderer über mich gebeugt dastand und mir einen Knebel in den Mund pressen wollte. Undeutlich sah ich noch ein. Gewirr von anderen Ge­stalten, hörte Fühestampsen, Stöhnen und Fluchen. Ich zog den Leib ......' ' " ---------- v Würger, der

achte ich es doch!" lachte Siebold.Vorwärts! Geh hinter uns, Francesco, und wenn er ausreißen will, (o mach keine Umstände mit ihm.

Wir gingen rasch durch einige kleine Gäßchen und tarnen dann m einen Engpaß, eine kaum einen Schritt breite Schlucht zwischen zwei Mauern. Es war eine Gegend, die ich selbst vorher nie betreten hatte, ein so gründlicher Kenner Madrids ich zu sein glaubte. An einer Stelle war eine winzige Mauerpforte. Sie öffnete sich einem Schlussel, den Siebold aus der Tasche zog, und wir bückten uns, um in einen Hof einzutreten. Er schien einem Steinmetzen zu gehören, denn es standen allerhand rohe oder zum Teil behauene Blöcke herum, und Siebolds Laternchen zeigte uns * »rf«.

Häuschen, in dem wohl