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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1957
Zreitag, den 16. Juli
Nummer 5<
GOYA
UND DAS LÖWENGESICHT
ROMAN VON KARL HANS STROBL
9. Fortsetzung.
Rasend liefen mir die Gedanken durchs Hirn, wie ich es anstellen sollt«, aus diesem hinterhältigen Menschen herauszuholen, wo sich Martina befand. „Mein lieber Freund", sagte ich, „Sie sind im Irrtum, wenn Sie glauben, daß es anderswo sicherer ist als in Madrid. Wenn man irgendwo von den Greueln des Krieges verschont bleiben wird, so am besten noch in Madrid, das die Franzosen jetzt fest in der Hand halten."
Avila wiegte den Kopf hin und her. Er stand noch immer hinter seiner Verschanzung von Mappen und wich meinem Blick aus. „Ansichtssache, Exzellenz«! Ich glaube, daß Martina gerade in Madrid am wenigsten in Sicherheit ist. Meine persönliche Ansicht, meine ganz persönliche Ansicht, Exzellenza."
Gereizt durch die übertriebene Verneigung, die er mir wieder machte, beging ich die zweite Unvorsichtigkeit: „Sie trauen mir doch ein Urteil zu? Warum wollen Sie es mich nicht wissen lassen, Sennor, wohin Sie Martina gebracht haben?"
„Wäre sie sonst in Sicherheit?" fragte Avila zurück.
Plötzlich sah ich hinter seinem Lächeln den Haß, der mir galt. Es war mir klar, daß er alles wußte, daß sein Verdacht Gewißheit geworden war und daß er Martina aus dem Wege geräumt hatte, um unsere Liebe vernichtend zu treffen. Mein erster Gedanke war, die Verschanzung von Mappen über den Haufen zu rennen, diesen tückischen, pockennarbigen Kerl beim Kragen zu packen und ihm die Kehle zuzu- schnüren, bis er gestand, wo Martina war.
Ich riß mich selbst im letzten Augenblick zurück.
„Ich kann Ihnen nicht recht geben, Sennor, am sichersten ist die Frau ja doch in der Obhut des Gatten."
„Nicht immer, Exzellenza„ In so ungewöhnlichen Zeiten muß man auch auf ungewöhnliche Maßnahmen bedacht fein. Man hat Freunde, die einem Warnungen zukommen lassen. Ich habe es für geraten gehalten, Martina in einem Kloster unterzubringen. So viel kann ich Ihnen wohl sagen."
Welcher Teufel hatte es Avila eingegeben, Martina gerade in einem Kloster unterzubringen? Welcher Einflüsterung verdankte ich es, daß er ihr gerade einen Zufluchtsort ausgewählt hatte, vor dem ich Scheu trug, seitdem ich damals seine Heiligkeit durch einen noch ungesühnten Frevel entweiht hatte? Lag nun vielleicht die Sühne meiner Schuld darin, daß mir Martina an einem solchen Ort entrückt wurde, der mir unangreifbar erschien? Und selbst wenn ich meine Scheu überwunden hätte, — in welchem der zahllosen Klöster Spaniens befand sich Martina? Das ganze Land war mit Klöstern übersät, hinter den heiligen Festungsmauern war mein Glück vor mir verborgen?
Ich war augenblicklich machtlos, ich wußte mir keinen Rat. „Ja,, saqte ich, „Sie müssen selbst am besten wissen, was Sie zu tun haben.
' Avila kam hinter seiner Verschanzung hervor, wie ein Sieger beim Abzug des belagernden Feindes. Er begleitete mich unter beständigen Bücklingen bis zur Tür, und als er feine letzte Verneigung gemacht hatte, sagte er: „Wissen Sie, wer mich gewarnt hat — 5br «chwager Bayeu!"
Bayeu hatte also Avila gewarnt. Was konnte Bayeu von Martina und mir wissen? Wir hatten geglaubt, um unser Verhältnis alle nur erdenkliche Heimlichkeit gebreitet zu haben, und nun ging Bayeu hin und warnte Avila. Wie war er dahintergekommen? Wenn er aber, woran ich nicht zweifeln konnte, dahintergekomemn war, so wußte jetzt aua) Josepha alles. Nun gut, dann war es an der Zeit, jetzt wenigstens in diesem Punkt Ordnung zu machen.
Josepha war bei Tisch scheu und gedrückt, als beenge sie schlechtes Gewissen. Sie sah wohl, daß ich mich in einem Zustand gefährlicher Spannung befand. Sie sprach von der Ehrenlegion, die ich erhalten hatte, und von dem dummen Volk, das mir diese Auszeichnung verüble, llebrigens habe Gabriel schließlich doch die Schmiererei auf der Wand gegenüber mit Tünche bestrichen und sei dabei fast verhauen worben.
Ich gab gemessene Antworten. Die Abrechnung hatte ich verschoben bis Bayeu kommen würde. , , ,, „ , .
Am Nachmittag, als ich vor meinem Bild saß, steckte er seinen viereckigen Kopf zur Werkstattür herein: „Hallo, Francesco, schrie er,
Glückwunsch zur Ehrenlegion, unsterblicher Meister! Das Volk von Madrid hat dir ja auch schon seinen Glückwunsch vors Haus gemalt. Sie müssen eine kräftige Farbe dazu genommen haben. Sie bringt durch die Tünche wieder durch."
„Komm herein!" sagte ich und legte den Pinsel hin.
Er trat zögernd ein, ging zu dem Bild hin, bückte sich und schob
die Hände unter die Rockschösse!, um die Untermalung zu betrachten,
die nahezu vollendet war, so daß der Aufbau der Gruppe hervortrat.
„Was soll das nun wieder werden?" fragte er wütend.
„Ich bin heute bei Avila gewesen", sagte ich, ohne seine Frage zu beachten, „was für eine Warnung ist das, die du ihm hast zukommen lassen?"
Bayeu richtete sich langsam auf. „Hat der Dummkopf nicht das Maul gehalten?" sagte er ärgerlich.
„Der Dummkopf hat mir wenigstens den Dienst erwiesen, mich davon zu überzeugen, daß du ein Schuft bist."
Bayeu fuhr mit dem Finger in den Kragen, als sei er ihm zu eng geworden. „Bin ich ein Schuft, so? Bin ich ein Schuft?"
„Ich will wissen, was für Geschichten du Avila erzählt hast."
„Was für Geschichten ich ihm erzählt habe? Nun, eine Geschichte, die den Vorzug hat, wahr zu sein. Eine saubere Geschichte. Ich hab« ihm geraten, auf seine Frau besser acht zu geben, damit sie ihm nicht abhanden kommt."
Am liebsten hätte ich den Pinsel genommen und Bayeu kreuz und quer damit übers Gesicht geschlagen. „Es ist eine niederträchtige Verleumdung."
„Es ist die Wahrheit!" knirschte Bayeu.
„Und wenn es die Wahrheit wäre, so bleibst du doch ein Schuft."
„So ... ich bin also ein Schuft. Ich bin ein Schuft, weil ich für meine Schwester eintrete, die du seit Jahrzehnten gemartert hast? Ihr hast du ein Kind nach dem andern angehängt, so daß sie niemals dazu gekommen ist, zu leben, wirklich zu leben. Und du hast daneben deine Weibergeschichten gehabt. Eine nach der andern. Ihr die Kinderstube, schmutzige Windeln und Ammendienst, und dir die Betten der Herzoginnen und Schauspielerinnen. Bin ich also ein Schuft, weil ich das nicht mehr mit ansehen kann? Bin ich ein Schuft, weil ich glaube, daß die Ehe ein Sakrament ist? Du bist ein Maler, das Gesetz gilt für dich nicht? Sieh mich an! Bin ich nicht auch ein Maler — freilich kein so großer, wie du! — und habe ich mich außerhalb des Gesetzes gestellt? Bin ich ein Schuft, weil ich meine Schwester nicht länger foltern lassen will? Mit der Geduld eines Engels hat sie jahrzehntelang deine Schweinereien ertragen. Immer hat sie gehofft, diese Liebschaft werde deine letzte sein. Und immer ist eine neue gekommen. Diesmal aber — alles andere hat man noch als Spielerei, als Eitelkeit, als Hochmut gelten lassen können ... diesmal aber willst du dein Weib verlassen, du willst von ihr gehen, um die andere zum Weid zu nehmen. Du willst die Ehe doppelt brechen. Dem andern sein Weib stehlen und dein eigenes verstoßen? Wer ist der Schuft? Bin ich der Schuft? Oder bist du der Schuft?"
Aus Bayeus überstürztem, zornmütigem Gefprudel war mir nur das mit Wucht in die Tiefe gedrungen, was er über Martina und meine Pläne gesagt hatte. „Wer jagt dir, daß ich das tun will?"
„Wer es mir sagt? Ein Vöglein hat's am Fenster gesungen." Bayeu spitzte die Lippen und flötete einen Vogeltriller. „Nein — ein Wind hat es mir zugeblasen! Nein, damit du nicht im Zweifel bist — da, lies!" Und er zerrte mit zitternden Fingern einen Brief aus der Rocktasche, den er mir reichte, und dem ein zweiter beilag.
Ich las: „Ihre Schwester tut mir leid. Daß sie von ihrem Mann betrogen wird, weiß sie und hat sich damit abgefunden. Aber sie weiß vielleicht nicht, daß er seit Jahren die Frau des Buchdruckers Avila liebt, anders als die andern, und gewiß weiß sie nicht, daß er sich entschlossen hat, seine Ehe mit ihr aufzulösen und die andere zu seiner Frau zu machen. Warnen Sie Ihre Schwester und warnen Sie den Gatten der Frau, damit Goyas Plan vereitelt werde. Sie retten Ihre Schwester und bringen zwei Pflichtvergessne zur Vernunft. Ich lege Ihnen einen Brief bei, der Sie überzeugen soll, daß ich die Wahrheit spreche. Ein teilnehmender Freund."
Nun, es war ein namenloses Schreiben, wie ihrer tausende geschrieben werden. Es war eine der niederträchtigen Einmischungen in fremde Angelegenheiten, wie sie bei gewöhnlichen Menschen beliebt waren. Aber gerade diese Gewöhnlichkeit der Sache schien mir nur eine Maske, hinter der sich anderes verbarg. Und der Brief, der dem Schreiben beilag, war einer meiner eigenen Briefe an Martina. Wie anders konnte der Absender in seinen Besitz gelangt sein, als durch gemeinen Diebstahl? Ich weiß nicht, was größer war, mein Ingrimm oder die Scham darüber, daß meine zärtlichen Liebesworte, für niemand andern bestimmt als für Martina, von fremden Augen gelesen und entweiht worden waren und als Beweis gegen uns benützt wurden.


