Das Mädchen an den Mai.
Von Eduard Mörike.
Es ist doch im April fürwahr
Der Frühling weder halb noch gar; Komm, Rosenbringer, süßer Mai, Komm du herbei.
So weiß ich, was der Frühling sei!
Wie aber? Soll die erste Gartenpracht, Narzissen, Primeln, Hyazinthen, Die kaum die hellen Augen aufgemacht, Schon welken und verschwinden?
Und mit euch besonders, holde Veilchen, Wär' es dann fürs ganze Jahr vorbei? Lieber, lieber Mai,
Ach, so warte noch ein kleines Weilchen!
Die Pfahlhütte.
Eine Jugenderinnerung von Selma Lagerlöf.
Die Pfahlhütte hatte zwei Stockwerke, von denen das obere viel sorgfältiger eingerichtet war als das untere. Dort hatten die Bauern seinerzeit ihr kostbarstes Eigentum verwahrt.
Vermutlich sah die Pfahlhütte zu Leutnant Lagerlöfs Zett noch gbnz so aus, wie sie zu allererst gewesen war. Das äußere Dach war vielleicht erneuert worden, im übrigen aber war alles beim alten geblieben. Auch an der Treppe war nichts geändert worden, obwohl die Stufen so dicht auseinander lagen, daß man keinen Fuß dazwischen setzen konnte, auch kam nie eine einzige Glasscheibe in die Fensterluken.
Im Herbst sah das Innere sehr stattlich aus. Im unteren Stockwerk standen große Kasten voll frisch gemahlenen Mehls, daneben Mei werte Kufen, bis zum Rande gefüllt mit Rind- und Schweinefleischstücken, die in einer Salzlake lagen. Reben diefen standen beieinander Bottiche und Eimer mit Würsten aller Art und Gattung, so wie sie beim Herbstschlachtfest zubereitet worden waren. Ganz hinten in der Ecke befand sich eine Heringstonne, ein Fäßchen mit gesalzenen Felchen, ost sogar mit Lachsstücken, außerdem noch Fässer mit eingesalzenen Bohnen, eingesalzenem Spinat und Behälter mit grünen 'und gelben Erbsen.
Im oberen Stockwerk standen große Butterfässer, die im Sommer gefüllt und für den Winter verwahrt wurden. Auf Regalen über den Luken lagen lange Reihen Käse, an der Decke hingen geräucherte Schinken vom vorigen Jahre. Der selbstgebaute Hopfen wurde in Säcken, die dick wie ein Federbett strotzten, und wieder in andern das gemälzte Korn aufbewahrt. Ein^ ganzer Jahresvorrat war hier angehäuft.
Hier im Vorratshause herrschte die Haushälterin. Das Vorratshaus war ihre Domäne, und der Schlüssel dazu kam selten aus ihrer Hand. Mamsell Lovisa Lagerlöf konnte in der Speisekammer schatten und walten, aber in das Vorratshaus ging die Haushälterin am liebsten selber.
Ebenso herrschte die Haushälterin auch über die Zubereitung der eigentlichen Mahlzeiten in der Küche. Saft einkochen, Heringe einlegen und kleine Kuchen backen, das mochte ja Mamsell Lovisa tun; aber wenn es einen Braten zu schmoren, einen Käse anzufertigen oder Hartbrot zu backen gab, dann übernahm die Haushälterin die Oberleitung.
Die Kinder in Märbacka hegten eine große Liebe und ein unbegrenztes Vertrauen zu ihr. Es fehlte nicht viel, daß sie sie für die wichtigste Person auf dem ganzen Hose hielten.
Sie sahen ja auch immer, daß alle Verwandten, die auf Besuch kamen, sofort in die Küche gingen, um die Haushälterin zu begrüßen, und wenn irgendein wichtiges Familienereignis eintvaf, so rief Leutnant Lagerlöf sie herein und besprach es mit ihr. Und wenn Daniel und Johann nach Neujahr oder Ostern wieder in ihre Schule zurückreisten, bekamen sie strenge Anweisung, sich auch von der Haushälterin zu verabschieden.
Die Kinder hörten auch alle Gäste sagen, es sei für Frau Lagerlöf das größte Glück, eine so treue Dienerin in der Küche zu haben. Urner ihren Händen verkomme nicht das geringste.
Außerdem bekam man nirgends solches Winterbier, solches Hartbrot oder so vorzüglich zubereitete Speisen wie auf Märbacka, und das war . ganz ajlein das Verdienst der alten Haushälterin, das wußten alle miteinander.
So war es nicht zu verwundern, daß die Kinder sie für den Grundpfeiler hielten, auf dem alles ruhe. Sie glaubten steif und fest, ohne die Haushälterin würde auf Märbacka alles drunter und drüber gehen.
Aber eines Tages war die kleine Anna Lagerlöf hinter ein Geheimnis gekommen, das sie ganz entsetztes Sie konnte es auch nicht allein tragen, sondern mußte es gleich ihrer Schwester Selma anverttauen: sie hatte eines von den Mädchen sagen hören, die Haushälterin sei verheiratet und habe einen Mann.
Die beiden kleinen Mädchen befanden sich in unglaublicher Aufregung. Wenn die Haushälterin verheiratet war und einen Mann hatte, dann war es ja gar nicht sicher, ob man sie für immer auf Märbacka festhalten könnte.
Und was sollte dann aus ihrer Mama werden, die jetzt eine so gute Hilfe an ihr hatte? Wie würde es ihnen ftlber gehen, ihnen, den Kindern, denen sie einen Leckerbissen zusteckte, so oft sie in die Küche
kamen? Und wie sollte der ganze Hof weiterbestehen ohne die Haushälterin?
Die beiden kleinen Mädchen mußten unbedingt ergründen, wie die Sache sich eigentlich verhielt. So beschlossen sie, die Kinder-Maja, ihr neues Kindermädchen, zu fragen, ob es denn wirklich möglich fein könne, daß die Haushälterin verheiratet fei.
Ja, die Kinder-Maja wußte die ganze Geschichte. Sie hatte ihre Mutter davon erzählen hören, die gerade zu der Zeit, als sich die Sache abspielte, auf Märbacka diente.
Das ganze aber war so zugegangen: Als Leutnant Lagerlöf und ein Bruder nach Karlstadt zur Schule gingen, hatte die alte Frau Lagerlöf ihre treue Haushälterin Maja Perstochter mit ihnen geschickt. Sie sollte für die Jungen sorgen und kochen; aber dort hatte Ma,a Perstochter den Schreiner kennengelernt, und er hatte um sie geworben.
Und die Mutter der Kinder-Maja hatte gesagt, in dem Frühling, als die Haushälterin heimgekommen sei und berichtet habe, daß sie heiraten wolle, da sei die alte Herrin tief bekümmert und entsetzt gewesen, denn darüber habe sie sich nicht täuschen können, daß sie mit der Haushälterin ihren größten Schatz verliere. „Und was ist es denn für ein mann, den du heiraten willst, Maja?" hatte sie gefragt. „Weißt du auch, ob er ein braver Mensch ist?"
Ja, dessen sei sie sicher. Er sei Schreinermeister mit einer eigenen Werkstatt und eigenem Anwesen. Alles bei ihm sei in bester Ordnung, ie könnten jeden Augenblick heiraten, und einen besseren Mann könne ie gar nicht bekommen.
„Aber wie wirst du es aushalten, wenn du jahraus, jahrein in den kahlen Straßen einer Stadt sitzen sollst, du, die ihr Leben lang auf dem Lande gewohnt hast?" fragte Frau Lagerlöf.
O, davor war der Haushälterin gar nicht bange. Sie würde es ja wunderschön bekommen. Sie würde ein höchst bequemes Leben haben, brauchte nicht zu backen und nicht zu brauen, sondern nur auf den Markt zu gehen und alles einzukaufen, was sie für den Haushalt notig hatte. , , ,v .,
Als Frau Lagerlöf Maja Perstochter so reden horte, wurde chr eines vollkommen klar: ihre Haushälterin war von der Heiratsluft erfaßt worden, und es blieb ihr selbst nichts andres übrig, als die Hochzeit zuzurüsten. Die Hochzeit sand auch auf Märbacka statt, der Bräutigam traf ein und sah aus We ein verständiger, tüchtiger Mann, und am Tage nach der Hochzeit fuhr er mit seiner Frau nach Karlstadt. Aber vierzehn Tage später, ja, vielleicht war es noch nicht einmal ganz so lange, hatte Frau Lagerlöf eines Abends eben die Schlüssel zum Vorratshause in die Hand genommen und ging hinaus, um Schinken zum Abendbrot abzuschneiden. Aber niemals konnte sie den Schlüssel in die Hand nehmen, ohne an Maja Perstochter zu denken und sich zu fragen, wie es ihr wohl gehen mochte.
„Hätte ich sie doch nicht nach Karlstadt geschickt!" dachte sie. „Dann hätte ich noch meine gute Stütze und brauchte nicht zwanzigmal am Tage ins Vorratshaus zu laufen, wie ich es jetzt tun muß."
Als sie eben in das Vorratshaus hineingehen wollte, warf sie noch einen Blick hinunter nach der Landstraße, denn die Aussicht dahin war damals noch frei. Und da blieb sie unbeweglich stehen, denn unter den Birken kam eine menschliche Gestalt dahergeschritten, die gerade so aussah wie Maja Perstochter, ihre treue Magd und Stütze von Kindesbeinen an, und der Dorratshausschlüssel fiel ihr aus der Hand.
Je näher die Fremde kam, desto mehr schwanden alle Zweifel. Und als diefe vor sie hintrot und: „Guten Abend, gnädige Frau", sagte, mußte sie ja schließlich ihren Augen trauen.
„Aber bist du es denn wirklich, Maja Perstochter?" fragte sie. „Was führt dich her? Haft du keinen guten Mann?"
„Er trinkt den ganzen Tag", versetzte die Haushälterin. „Solmme wir nun verheiratet sind, ist er jeden Tag betrunken gewesen. Er trinkt den reinen Spiritus, den er zu seinem Handwerk braucht. Mit solch einem Schweinekerl kann ich nicht leben."
„Aber du brauchtest ja nur auf den Markt zu gehen und emzu- Eaufen und keine Arbeit zu tun", sagte die alte Frau Lagerlöf.
„Ich will für Sie arbeiten, gnädige Frau, und Sie auf Händen tragen/ wenn ich nur wiederkommen darf", beteuerte die Haushälterin. „Tag und Nacht hab ich mich nach Märbacka zurückgefehnt."
„Komm herein, wir wollen mit dem Herrn Regimentsschreiber darüber reden", sagte die alte Herrin; sie freute sich so, daß ihr die hellen Tränen in den Augen standen. „Und wenn es Gottes Wille ist, so wollen wir uns in diesem Leben nie mehr trennen", fügte sie hinzu.
Und so kam es auch. Die Haushälterin blieb auf Märbacka. Ihr Mann schien zu verstehen, daß es sich nicht lohnte, seine Frau zurück- zusordern. Er kam nie, sie zu holen, so konnte sie bleiben, wo sie war. Sie nahm ihren Trauring vom Finger und legte ihn in ihre Kleidertruhe, und dann wurde nie mehr über die Angelegenheit gesprochen.
Die kleinen Töchter des Leutnants Lagerlöf hätten sich ja nun, nachdem sie dies gehört hatten, beruhigen können, aber sie ängstigten sich noch lange Zeit nachher. Solange der Schreiner noch lebte, könnte er doch eines schönen Tages aus den Gedanken kommen, seine Frau zurückzufordern. Und wenn sie am Vorratshaus standen, das die Aussicht auf die Landstraße hatte, erwarteten sie immer, ihn daherkommen zu sehen. Ja, und die Kinder-Maja hatte gesagt, wenn er käme und feine Frau zurückverlangte, müßte sie mit ihm gehen.
Sie wußten nicht genau, wie alt die Haushälterin war. Sie selbst hatte ihr Geburtsjahr vergessen, und was im Kirchenbuche stand, soll nicht richtig gewesen sein. Sie war wohl über siebzig, aber der Schreiner hätte sie, ein so ausgezeichnetes Wesen, wie sie nun einmal war, doch immer noch zurückverlangen können.
Und was sollte dann aus Märbacka werden?
verantwortlich. Dr. HanS Tbvriot. — Druck und Verlag: Vrühl'sche UniversitätS-'Luch. und Steindruckerei. 2L Lange, Gieße».


