Ausgabe 
16.4.1937
 
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Sehnsucht.

Von I. W. oon Goethe.

Was zieht mir das Herze so? Was zieht mich hinaus?

Und windet und schraubt mich Aus Zimmer und Haus? Wie dort sich die Wolken Um Felsen verziehnl Da möcht' ich hinüber, Da möcht' ich wohl hin!

Nun wiegt sich der Raben Geselliger Flug;

Ich mische mich drunter Und folge dem Zug.

Und Berg und Gemäuer Umsittichen wir;

Sie weilet da drunten, Ich spähe nach ihr.

Da kommt sie und wandelt: Ich eile so bald, Ein singender Vogel, gum buschichten Wald.

ie weilet und horchet

Und lächelt mit sich: Er singet so lieblich Und singt es an mich."

Die scheidende Sonne Vergüldet die Höh'n: Die sinnende Schöne, Sie läßt es geschehn. Sie wandelt am Bache Die Wiesen entlang. Und finster und finstrer Umschlingt sich der Gang.

Auf einmal erschein ich, Ein blinkender Stern. Was glänzet da droben. So nah und so fern?" Und hast du mit Staunen Das Leuchten erblickt: Ich lieg dir zu Füßen, Da bin ich beglückt!

Knut Hamsun.

Ein großer Dichter und ein Freund unseres Volkes.

Von Hanns Arens.

lieber Knut Hamsun schreiben, heißt von großer europäischer Dich­tung sprechen. Wer es unternimmt, muß voller Ehrfurcht und Kindhaf- tigkeit sein, lieber Knut Hamsun schreiben, heißt aber auch von einem Menschen sprechen, einem Manne von europäischer Bedeutung, dessen Name überall in Zuneigung und Verehrung genannt wird.

Berufene werden sein Werk würdigen, von seiner Stellung innerhalb der Weltliteratur aussagen. Wir, die Leser, wir wollen ihm zuerst und in erster Linie unseren Dank sagen, von der Freude sprechen, die er uns durch sein Werk bereitet hat.

Knut Hamsun, der eigentlich Knut Petersen heißt, ist am t 4. August 1889 zu Lom in Norwegen geboren. Den Namen Hamsun nahm der Dichter in späteren Jahren an, zur Zeit seiner ersten Veröffentlichungen. Sem Vater besaß einen kleinen Hof an der Bucht Hamsund; nach der er sich nannte. Hamsun erlebte eine wenig freundliche Jugend, wie wir aus Er­innerungen von ihm wissen. Bis zu seinem 16. Ledensiahr wuchs er bet einem Onkel, einem Pfarrer, auf, um dann in die Lehre zu einem kleinen Schuster nach dem Fischerdorf Bodö zu kommen, wo er aber nicht sehr lange blieb. Bezeichnend für Hamsun ist eine Stelle aus /'ner frühen Aufzeichnung aus der Kinderzeit:So streng wie mein Onkel mich melt, wurde es nach und nach meine einzige Freude, mich zu verstecken und allein zu sein; bekam ich ein seltenes Mal eine Freistunde, so begab ich mich in den tiefen Wald, oder ich ging aus den Kirchhof hinauf, träumte, dachte und redete laut mit mir selbst."

Unruhig und unstet, wie Hamsun von früher Jugend an mar, trieb er sich jahrelang in seiner Heimat umher; er war Wegearbeiter, Holz­fäller, Steinbrecher, wohl alle Berufe hat , er durchlaufen Und da er gesund war und kräftig, ging er bald als Heizer auf einen Ozeandampfer, um so nach Amerika zu kommen, wohin es ihn von^Sugenb an machte trieb. Nach einem Jahr kehrt er zurück und zwar nach Christ,ama so um 1886; aber schon ein Jahr später fährt er abermals über das große Wasser. Auch hier erprobt er sich in den verAiedenartigsten Berufen und Gelegenheitsarbeiten: er wird Feldarbeiter, Strahenbahnschaffner, Schlaf­wagenkontrolleur. Vier Jahre lang lebt er so em Leben voller Entbeh­rung und ewiger Unruhe. Reisen nach Rußland, Frankreich und Kaukasus schließen sich an.

Es waren nieVergnügungsfahrten". O, nein, alle diese Berufe und Reisen hat Hamsun gewählt, um das wahrhafte Geben von aller। Seiten kennenzulernen, um Menschen und Welt nicht aus der Bogelperspeltive zu schauen, sondern mitten im Getümmel wollte er stehen, ohne Sehnu Retusche der Welt ins Gesicht sehen. Da wollte er s-'n, wo sich das wechseloolle und grausame Leben abrollt, dunkles und Helles, trübes und

freundliches. In einem Brief Hamsuns aus dieser Zeit lesen wir dies« Zeilen, die uns einen Einblick geben, in seine damaligen Lebensoerhält- nisse, die nur selten von freundlichen Lichtern erhellt wurden:Ich habe bei den Dankee-Farmern gearbeitet; sie waren ungefähr ebenso reich wie ich, der eine von ihnen konnte mich nicht bezahlen, als ich fortging.

1885 veröffentlicht er einen Teil feines in Christiania begonnenen ersten RomansH u n g e r", der dann 1890 in Buchform erscheint.Es war in jener Zeit, als ich in Christiania umherging und hungerte, in dieser seltsamen Stadt, die keiner verläßt, ehe er von ihr nicht gezeichnet worden ist", schreibt er von sich. Mit diesem ersten Buch tritt Hamsun als vollkommen Unbekannter in die Literatur ein, um fortan zu den modernen nordischen Schriftstellern zu zählen. Seit diesem aufwühlenden und er­regenden Buch sind in rastloser Arbeit viele Romane entstanden, in denen Hamsun sich Schritt für Schritt den Weg zu seinem Heimatvolk bahnte, die aber darüber hinaus eine ungeheure Wirkung auf die ganze euro­päische Literatur ausstrahlten.

Wenn wir heute den Namen Hamsun nennen, so sagen wir zugleich, daß er der größte lebende Dichter der Gegenwart ist. Mitten im Welt­kriege, 1917, veröffentlicht Hamsun fein BuchSegen der E r d e", für das er den Nobelpreis erhielt. Wer kennt dieses herrliche Buch nicht? Wer las noch nicht seineViktor, a", feinenP a n", seineWeiber am Brunnen"? Es hat keinen Sinn, die Titel seiner Bücher hier auf­zuzählen Alle seine Bücher, auch das unscheinbarste, gehören zu uns, jetzt und für alle Zeit. Vor allem bei uns in Deutschland sanden seine Bucher begeisterte Aufnahme und große Verbreitung. Die uns Deutschen wesensverwandte nordische Lebenshaltung und Lebensführung sand in uns lebhaften Widerhall und Nachklang.

Wir fühlen uns Hamsun auch noch aus einem anderen Grunde dank­bar verbunden, durch seine eindeutige Haltung unserem politischen Wollen gegenüber. Hamsun steht als Freund zur deutschen Sache mit seinem klaren und mannhaften Bekenntnis, das er auch dann laut und un­mißverständlich der Welt sagt, wenn sein eigenes Volk gegen ihn stimmen zu müssen glaubt. Wir wollen hier einen Brief anführen, den Hamsun zu Anfang des Jahres 1933 schrieb:

Deutschland hat jetzt Gegenwind von der Welt, aber es kreuzt tapfer weiter und wird schon den Hafen erreichen. Ich schicke meine Kinder, eines nach dem anderen nach Deutschland. Sie haben dort jahrelang em Zuhause, sind dort in guter Obhut und kommen als gereifte Menschen zurück. Norwegische Kinder sollen in mehr als einem Sinne bei diesem redlichen und überlegen tüchtigen deutschen Volk in die Schule gehen. Es wird der Tag kommen, da große und kleine Nationen ihren Ton gegen­über diesem Reich in der Mitte ändern werden. Jeder Nacht folgt ein Tag."

Wir Deutsche kennen und lieben das Werk Hamsuns. Es vergehen nicht viele Wochen eines Jahres, an denen wir nicht zu feinen Buchern greifen, und fei es nur, um eine einzige Seite darin zu lesen. Erst vor kurzem schenkte uns der greife Dichter, dessen Ruhm von Jahr zu Jahr größer wirds ein neues Buch,Der Ring schließt sich Eine merkwürdige Erregung bemächtigt sich dessen, der diesen Dichter vom Grund« her verehrt: er schiebt die Lektüre eines neuen Hamsun-Buches bewußt um ein paar Tage hinaus, um so die innere Spannung noch zu erhöhen. Nicht immer ist die rechte Zeit zum Beginnen; aber bann kommt die Stunde da lieft er die erste Zeile, den ersten Satz, um tn den dann folgenden Stunden das Buch nicht mehr aus der Hand zu legen, bis das letzte Wort gelesen ist.

So erging es uns jetzt mit dem neuen Buch, so war es auch bei Nach Jahr und Tag", und so wird es immer sein. Was soll man über Hamsuns Bücher kritisch schreiben? Nein, Freunde, es soll hier kein Werk analysiert werden, das nur genossen sein will! Hinter dem ties- finnigen Humor feiner Bücher steht der Mensch Knut Hamsun mit der ganzen Weite feines Gefühls und seines Geistes, der uns immer wieder ergreift und zutiefst gefangen nimmt.

Es ist wohl die große Naturverbundenheit Hamsuns, feine Giebejum Wald zur Erde, zu Halm und Strauch und zu den Tieren. Seine Kmd- haftigkeit und Reinheit und immer wieder die fast tierhafte Liebe zur Natur überhaupt. So wie er imPan" feinen Thomas Glahn sprechen

Während ich, tag ich auf dem trockenen Boden. Es war still über der Erde nur ein mildes Sausen des Windes und ab und zu ein Vogellaut. Ich lag und sah auf die Hefte, die sachte im Luftzug wehten, der kleine Wind 'schaffte das seine und trug Blütenstaub von Zweig zu Otoeig und füllte jede unschuldige Narbe; der ganze Wald stand ,n Ver­zückung. Eine grüne Raupe, ein Spanner, wandert auf ihren Enden einen Zweig entlang, wandert unaufhörlich, als könnte sie nicht verweilen. Sie siebt fast nichts, obwohl sie Augen hat, oft stellt sie sich senkrecht empor und fühlt in die Luft, um etwas zu treffen; sie sieht aus wie ein Stück grünen Fadens, der mit langsamen Stichen einen Saum den Ast entlangnäht. Bis zum Abend ist sie vielleicht dorthin gekommen, wo­hin sie will.

Immer still. Ich erhebe mich und gehe, setze mich und erhebe mich wieder. Es ist ungefähr vier Uhr; wenn es sechs Uhr wird, gehe ich heimzu und sehe, ob ich jemand treffe. Ich habe zwei Stunden, und ich bin schon etwas unruhig und bürste Heidekraut und Moos von meinen Kleidern. Ich kenne die Stellen, an denen ich vorbeikomme, Baume und Steine stehen dort wie vorher in der Einsamkeit, das Laub raschelt unter meinen Füßen Das eintönige Sausen und die bekannten Bäume und Steine find zuviel für mich, ich werde von einer seltsamen Dankbarkeit erfüllt, alles läßt sich mit mir ein, vermischt sich mit mir, ich hebe alles. Ich hebe einen dürren Zweig auf und halte ihn in der Hand und sehe ihn an, während ich dort sitze und an meine Dinge denke. Der Zweig ist fast verfault, feine armselige Rinde macht Eindruck auf mich, ein Mitleid wandert durch mein Herz. Und wie ich mich erhebe und gehe, werfe ich den Zweig nicht weit weg, sondern lege ihn nieder und stehe und finde Gefallen an ihm; zum Schluß sehe ich ihn ein letztesmal mit nassen Augen an, bevor ich ihn dort zurücklasse."